©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Telke Reeck hat sich bereits früh dem Film verschrieben. Bei einem Besuch im Lumière erzählt die Geschäftsführerin, warum Kino nie aussterben wird und wie sie nostalgische Erlebnisse im neuen Lichtspielhaus in der Baptistenkirche schaffen will.

Kurze Haare, selbstbewusstes Auftreten und eine gute Stimmung verbreitend – das ist Telke Reeck. Sie sitzt im Büro in der ersten Etage über dem Lumière hinter einem voll gepackten Schreibtisch. Es herrscht einiger Betrieb. Das Telefon klingelt, eine Mitarbeiterin betritt das Büro, jemand anderes sucht etwas zwischen den Papieren auf dem Schreibtisch. Es gibt viel zu organisieren und zu planen. Zumal das Projekt Baptistenkirche, in welcher im Herbst ein Kino und Bistro – ganz anders als das Lumière – aber unter derselben Leitung, seine Türen öffnen wird. Lange diskutiert und geplant, geht es mit dem Umbau der über Jahre leer stehenden Kirche nun in die letzten Runden der Baumaßnahmen. Am 4. Mai wurde Bergfest gefeiert. Und im Büro läuft bereits die Planung für die Bespielung der Spielstätten. „Kino machen, heißt Programm machen, aber eben nicht nur das“, sagt Reeck, die als Geschäftsführerin ihre Aufgabe auch darin sieht, eine gute Atmosphäre zu schaffen und neben Geschäftsberichten vor allem den Gestaltungspielraum ihrer neuen Position zu nutzen.

Für das Interview ziehen wir uns in den Kinosaal des Lumière zurück. Hier ist es ruhig. Die samtroten Sitze scheinen die Hektik des Alltags einfach in sich aufzunehmen und geben stattdessen eine wohltuende Ruhe ab. Hier setzen sich die Besucher nicht einfach hin und schauen sich bei überteuertem Bier und Popcorn einen Hollywood-Blockbuster an. Nein, das hier ist das Lumière. Hierher kommen Menschen, die eine andere Art von Filmen mögen, Arthouse-Filme, die auf süßes Popcorn verzichten können und die nach dem Filmeschauen miteinander reden. Über den Film. „Wir haben hier die Möglichkeit, auch Werke zu zeigen, die eben nicht kommer ziell erfolgreich sind, sondern von denen wir sagen: Die sind inhaltlich wichtig“, sagt Reeck mit einem gewissen Nachdruck, aber nicht dogmatisch. Es gilt, die Waage zwischen Kommerz- und Programmkino zu halten. Das Lumière ist zwar kein kommunales Kino, aber es kommt auch nicht ohne öffentliche Gelder aus. Der Gründungsverein, die Film- und Kinoinitiative Göttingen e. V., ist Träger des Kinos. Finanziert wird es zu etwa 35 Prozent durch öffentliche Zuschüsse von der Stadt Göttingen, dem Land (nordmedia), dem Bund (FFA) und Europa (Europa Cinemas). Der Löwenanteil der Kosten muss jedoch selbst erwirtschaftet werden.

Es ist ein Spagat, der jedes Jahr aufs Neue zu vollbringen ist. Telke Reeck hat sich dieser Aufgabe gestellt. Obwohl sie eine langjährige Verbundenheit zum Lumière empfindet, war es für sie dennoch eine Überraschung, dass man sich bei über 40 Bewerbungen letztlich für sie als Nachfolgerin von Willi Arnold entschieden hat. Arnold kann man ohne Zögern als ein Ur gestein des Lumière bezeichnen – seit sich 1986 zum ersten Mal der Vorhang öffnete, war das Kino unter seiner Regie. Nun wurde es im vergangenen Jahr in die Hände jener Frau übergeben, der es vor 32 Jahren als Studentin nicht ausreichte, den Einlass zu betreuen. „Ich hatte schon mit 18 Jahren an der Kasse eines Kinos in Hildesheim ge arbeitet und mich eigentlich immer geärgert, dass Frauen nicht in die Vorführkabinen gelassen wurden“, erinnert sich die heutige Geschäftsführerin. Es scheint, als sei sie nie jemand gewesen, der sich mit einem Das-geht-nicht zufrieden gibt. Eine Frau, die Veränderungen anstoßen kann und auch umsetzt.

1987 fing sie neben ihrem Studium der Kultur- und Medienwissenschaften an, im Lumière zu arbeiten, und musste dasselbe erleben wie im vorherigen Kino: Frauen als Vorführerin waren ein No-Go. Doch sie blieb hartnäckig und bewies schließlich, dass sie sowohl das technische Verständnis besaß als auch die 30 Kilo schweren Filmkisten hochheben und die nicht ganz so schweren Filmrollen einlegen konnte. Heute hat sie andere Dinge zu stemmen, solche, die mit Verantwortung zu tun haben, aber manches Mal ebenso schwer wiegen – zumindest im metaphorischen Sinn. Schwere Filmrollen hingegen sind durch die Digitalisierung zu einer Seltenheit geworden. Zum Stummfilmfestival oder anderen Vorführreihen von Klassikern wie von Werner Herzog oder Rainer Werner Fassbinder kommen wie eh und je Filmrollen vom Verleih – und das Flimmern auf der Leinwand wird wieder lebendig.

Reeck sitzt entspannt auf der Bühne des Vorführraums, die Beine im Schneidersitz übergeschlagen, und erzählt, wie sie letztlich doch als Filmvorführerin arbeitete, wie sie sich zwischen Männern auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen behauptete und dass einen Film abzuspielen eben nicht nur bedeutet, auf ‚play‘ zu drücken. „Gerade bei älteren Filmen dürfen die einzelnen Filmrollen nicht aneinandergeklebt werden – das heißt, beim Abspielen muss man das Ende der einen mit dem Anfang der nächsten Rolle überblenden. Und dieses Überblenden ist so eine kleine Kunst. Das braucht Feingefühl – und da braucht man ein Auge“, erklärt Reeck. Das Leuchten in ihren Augen macht klar, warum es sie damals dorthin getrieben hat. Es ist die Art, die einzelnen Sequenzen und Bilder eines Films zu betrachten, nein, genauestens zu beobachten und den richtigen Moment zu erkennen. Das heißt: viel aufmerksamer auf die Zwischentöne zu hören und zu spüren, wann man als Vorführer eingreifen muss. „Ein Gespür für Performance“ nennt es Reeck, wenn sie von den Festivals erzählt, wo Filmvorführung noch eine Kunst ist.

So ähnlich lässt sich im Übrigen auch das Leben von Telke Reeck lesen. Bild für Bild reiht sich aneinander, sodass sich die einzelnen Episoden zu einem Ganzen fügen. Nach ihrem Studium arbeitete sie am IWF, dem Institut für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen, und später für den medien pädagogischen Verein Blickwechsel. Dabei lag ihr die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit und ohne Förderbedarf besonders am Herzen. Im Rahmen dieser Kinder- und Jugendarbeit wurde zwei der von ihr konzipierten und geleiteten Projekten der Dieter-Baacke-Preis verliehen – ein medienpädagogischer Preis, der innovative und weitreichende Projekte, die zur Förderung einer pädagogisch orientierten Medienkompetenz beitragen, auszeichnet. „Mir war es wichtig, Berührungsängste abzubauen“, erzählt sie, „denn Förderschulen befinden sich meist am Stadtrand, und diese Kinder tauchen nie im Stadtbild auf. Ich wollte, dass Kinder aus verschiedenen Schulen miteinander in Kontakt kommen – und das hat funktioniert.“ Über das Ergebnis dieser Arbeit freut sie sich noch immer – und integrative Arbeit bleibt ihr ein Anliegen, auch weiterhin. Denn Kino, als Ort der Medienbildung, liegt Reeck sehr am Herzen. Daher wird es auch zukünftig die Zusammenarbeit mit Schulen geben, und ebenso möchte sie das Kinderkino weiter ausbauen. Die „Erklärung der Vielen“ gegen Rassismus zu unterstützen, ist eine weitere Initiative, die auch für die Positionierung des Lumière steht, für Offenheit und Toleranz.

Doch derzeit treiben die gebürtige Staderin andere Dinge um: das neue Kino in der Baptistenkirche. „Man hat mich ja auch für diese Stelle ausgewählt, um Dinge vielleicht anders oder neu zu machen. Wahrscheinlich hätte ich es weniger reizvoll gefunden, wenn nicht die Baptistenkirche im Raum gestanden hätte“, sagt die Norddeutsche. Der neue Spielort eröffnet ganz neue Möglichkeiten, sodass sich auch das bestehende Konzept wandeln wird. Schnell drängt sich die Frage auf, ob der Charme des Lumière unter Umständen verloren gehen wird? „Nein, das Lumière wird kein Hochglanzkino, es wird allein schon wegen des alternativen Umfelds des ‚Kabale‘ und des ‚Theaterkellers‘ sein Flair behalten“, Reeck lächelt, denn sie weiß nur zu gut, wie sensibel und nostalgisch die Göttinger bei dieser Frage reagieren. „Doch eine Sanierung der Toiletten zum Beispiel tut dem ja keinen Abbruch.“

Im neuen Spielhaus an der Bürgerstraße hingegen wird natürlich alles modern – es wird ein ganz anderes Kino als seine Schwester in der Geismarlandstraße. Vorfreude und die Lust auf Gestaltung beleben erneut das Gespräch. Das Kino der Zukunft wird, da ist sich Reeck sicher, immer stärker ein Eventkino sein. Die Bedürfnisse ändern sich, und das Kino muss sich neu erfinden. „Was ist denn Kino?“, fragt die Filmbegeisterte. Kino ist ein Raum, in dem Menschen etwas Visuelles und Auditives miteinander teilen. Auf das Miteinander kommt es an. Das Open-Air-Kino im Freibad ist bereits eine Eventisierung des Kinos, indem Menschen nebenbei Picknick machen oder schwimmen gehen. „Ich glaube, Kino wird es in der alten Form immer geben. Weil es toll ist. Weil es spannend ist. Weil es seinen Reiz auch nach über 100 Jahren noch nicht verloren hat. Aber ich glaube eben auch, es muss sich den neuen Sehgewohnheiten, den neuen Bedürfnissen anpassen.“ Vielleicht werden in naher Zukunft Serien ins Kino geholt und zu einem gemeinsamen Erlebnis, statt dass wir sie allein am heimischen Fernseher sehen.

Sie ist offen für das, was in den nächsten Jahren an Entwicklungen zu erwarten ist. Offen und begeistert, weil letztlich der Film als solches nie aussterben wird. Denn Filme schaffen Erinnerungen an besondere Momente. So wie es einst der kleinen Telke erging, als sie heimlich auf Knien in das Wohnzimmer der Eltern schlich, um einen Film zu sehen, den sie nicht schauen durfte. „Es war ‚Tanz der Vampire‘ und ich erinnere mich noch genau, wie sehr ich mich gefürchtet habe, aber ich durfte nichts sagen“, erzählt sie heute lachend. Trotz der folgenden Albträume blieb sie dem Film treu und kaufte sich mit 13 Jahren von ihrem Konfirmationsgeld einen ersten eigenen Fernseher. Von da ab sah sie sich alles an, was gut gemacht ist. Das ist bis heute so geblieben: „Ich habe keinen Lieblingsfilm oder Regisseur. Ich will nicht sagen, ich bin wahllos, vielmehr finde ich alle Genres spannend – ob Horrorfilm oder Action, ob Liebes- oder Tanzfilm“, resümiert sie. Eine gute Voraussetzung, um unvoreingenommen ein abwechslungsreiches Programm zu gestalten und zukünftig zwei Kinos in Göttingen zu bereichern.