Die Überflieger

© Christian Mühlhausen
Text von: Christian Mühlhausen

Wie die Luftfahrtindustrie nach Hedemünden kam und bei Hausmann ihre Erfolgsgeschichte schrieb.

Hedemünden – das Dorf bei Hann. Münden, das kürzlich durch ein entdecktes Versorgungslager der Römer bundesweite Bekanntheit erlangte, war bei Logistikern schon immer sehr beliebt: früher die Furt über die Werra, später die Eisenbahn, die Bundesstraße 80 und die Autobahn.

Seit kurzem wartet am Ortsrand ein neues Gewerbegebiet mit direktem Autobahnanschluss auf Investoren. Nur wenige hundert Meter entfernt ein Neubaugebiet, wie es viele in den Dörfern der Region gibt. Einfamilienhäuser mit gepflegten Rasen und Hecken, Solaranlagen auf dem Dach. An einem Haus steht ein kleines Schild „Hausmann Werkzeuge“.

Eher unscheinbar als auffallend. Eher, damit einen der Paketdienst besser findet, als dass man sagt, wer man ist. Doch hinter der familiären Fassade findet sich ein Unternehmen, das es so wohl nur einmal in Deutschland, vielleicht sogar in Europa gibt. Die „Edgar Hausmann GmbH“ ist führender Lieferant für Spezialwerkzeuge sowie Zubehör in der Luftfahrtindustrie, beschäftigt neun Mitarbeiter und beliefert weltweit Airlines, Flugzeugbauer sowie Reparatur- und Wartungsfirmen.

Über 34.000 Artikel gelistet, davon 5.000 lieferbereit auf Lager – das leisten nur wenige Unternehmen weltweit.

Doch was verschlägt ein derart spezialisiertes Unternehmen ausgerechnet in das 1.500-Seelen-Dorf, das weder eine Luftfahrttradition, geschweige denn in der näheren Umgebung einen Flughafen hat? – Wie bei so vielen Unternehmensgeschichten spielten hier der Zweite Weltkrieg und die Wirren der Nachkriegsjahre eine Rolle.

Denn Firmengründer Gerhard Hausmann war Flugzeugingenieur bei der Wiener Neustädter Flugzeugwerke GmbH, ein Zweigwerk der Augsburger Messerschmitt AG. Mit dem Ende des Krieges kam er, Anfang 30, zurück ins heimische Hedemünden, wo seine familiären Wurzeln lagen. Der junge Ingenieur gründete einen Metallbaubetrieb.

Eher zufällig gelang schließlich die Rückkehr in die Branche: Ein früherer Produzent von Werkzeugen für die Luftfahrt hatte seine Produktionsstätten, die nun in der sowjetischen Zone lagen, verloren. Die Suche nach einem neuen Lieferanten gestaltete sich schwierig, denn Produktionsmaschinen für derart spezialisiertes Equipment waren entweder zerstört oder aber demontiert und als Kriegsreparation abtransportiert worden.

„Mein Großvater muss wohl ein kleines Genie gewesen sein. Jedenfalls baute er aus Teilen vom Schrottplatz die Maschinen auf, mit denen er die gewünschten Teile produzieren konnte“, sagt Beatrice Hausmann, die im Januar die Geschäftsführung des Unternehmens von ihrem Vater Edgar übernommen hat.

Besonders die zunächst schlicht erscheinenden, im Detail jedoch ausgetüftelten Heftnadeln – auch heute noch ein Umsatzgarant bei Hausmanns – brachten das Unternehmen nach vorn. Heftnadeln – das klingt altmodisch und ein wenig nach Nähstube statt nach modernem Flugzeugbau.

Nötig sind die kleinen, schraubenähnlichen Fixiergeräte aber nach wie vor: Am Flugzeugrumpf fixieren die Heftnadeln, die in jedes zweite Nietloch gesteckt werden, die zu nietenden Teile. „Größere Flugzeugteile werden heute per Automaten gefertigt. Für die braucht man dann keine Heftnadeln mehr. Das rasante Wachstum der vergangenen Jahre im Flugzeugbau hat aber diese Lücke mehr als kompensiert.“

Zu den Kunden gehören neben Fluglinien auch Hersteller wie Airbus und EADS, Eurocopter, Saab, Elbe Flugzeugwerke sowie die Nachfolgegesellschaften von Fokker und Dornier. Sowohl bei Fracht- als auch bei Passagier- und Militärflugzeugen kommen Teile von Hausmann zum Einsatz. Der Markt ist die Welt – mit den Schwerpunkten Europa, Vorderer Orient und Asien.

Und das in Tianjin beheimatete Airbuswerk in China – dort wird die A 320-Familie gebaut – ließ beispielsweise einen Großteil seiner Werkzeug-Erstausstattung von Hausmann liefern.

Ein weißer Fleck auf der Landkarte ist dagegen die USA: „Da unsere Produkte größtenteils aus den USA kommen, kaufen die Amerikaner diese dann auch bei den Herstellern und Händlern im eigenen Land ein“, sagt die 34-jährige Chefin.

In den Staaten ist sie dennoch hin und wieder: Dort sitzt ein Großteil ihrer Lieferanten, mit deren Werkzeugen Hausmanns ihre Kunden in aller Welt beliefern.

Der wahrscheinlich aber wichtigste Lieferant sitzt nur einen Kilometer weit entfernt. Ihr Onkel Gerhard (junior) und ihr Cousin Thomas Hausmann produzieren dort neben anderen Werkzeugen auch die legendären Hausmann-Heftnadeln. Hintergrund: Das Unternehmen wurde 1979 unter den Hausmann-Söhnen aufgeteilt. Der Techniker Gerhard übernahm die Produktion, der Kaufmann Edgar den Vertrieb.

Jetzt ist mit Beatrice Hausmann sowie Thomas Hausmann bereits die dritte Generation am Start. Eine Heftnadel kostet – je nach Ausführung – um die 0,50 bis 1,50 Euro.

Kann man so etwas nicht günstiger in China produzieren lassen? „Heftnadeln von Hausmann stehen für Qualität und Tradition. Da stecken 50 Jahre Entwicklung drin“, sagt Senior-Chef Edgar Hausmann. Diese Qualität bekomme man bei Nachbauten aus Fernost nicht. Allein in einem neuen Jumbojet würden fünf Millionen Nieten verarbeitet. Qualitätsmängel seien in der Branche unverzeihlich.

Das sieht Beatrice Hausmann, die nach dem BWL-Studium in Göttingen unter anderem in einer Lehrwerkstatt von Airbus sowie bei der Bundeswehr während eines Praktikums den Flugzeugbau kennen lernte, ähnlich: „Die familiäre Zusammenarbeit hat sich bewährt und ist ein wichtiger faktor des Unternehmenserfolges.“

Einen weiteren Pluspunkt sieht sie in der breiten Aufstellung und in der Flexibilität des Unternehmens: „Alle Produkte aus einer Hand, von einem Unternehmen, von zugelassenen Herstellern. Außerdem schätzen uns unsere Kunden, weil wir gut sind im Organisieren und auch fast alles außerhalb unseres Standardprogramms beschaffen können.“ Kürzlich wurde etwa ein spezieller Tiefkühlschrank eines japanischen Herstellers besorgt und nach Thailand geliefert.

Von Krise ist bei Hausmann derzeit noch nichts zu spüren: „Wir haben gut zu tun. Natürlich haben die Fluglinien einige Aufträge storniert oder gestreckt. Aber die Hersteller sind noch für mindestens fünf Jahre mit Aufträgen ausgebucht.“