Die Stockmacher von Lindewerra

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Es gibt sie noch, die Stockmacher in Lindewerra. Für diese ist der 250-Seelen-Ort im Eichsfeld weltweit bekannt – dort, wo der Teufel mit einem gewaltigen Satz ins Tal gesprungen sein und seinen Pferdehuf tief eingegraben haben soll. Wie auch immer es wirklich war: Die Werra fliest noch heute in einem hufeisenförmigen Bogen im Tal des gegenüberliegenden Berges, der Teufelskanzel genannt wird. Noch vor 25 Jahren zerschnitt die innerdeutsche Grenze eben diese Landschaft mit ihrem schmalen Fluss und den steilen, bewaldeten Bergen.

Die Soldaten der Grenztruppen schlugen eine Schneise für den Kolonnenweg in den Wald, zogen Stacheldraht und Metallzäune entlang des Flusses. Lindewerra lag so im Sperrgebiet und war vom Hinterland abgeriegelt.

Heute sind diese ‚Wunden‘ kaum mehr zu erkennen: Junge Bäume haben die Lücken im Wald geschlossen. Die alte Werrabrücke, die Wehrmachtstruppen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerstört hatten, schlägt seit 15 Jahren wieder ihren Bogen über den Fluss. Der ehemalige Beobachtungsturm der Grenztruppen auf einem der Brückenpfeiler ist verschwunden. Niemand muss sich mehr schützend in eine Gasse stellen, um von Soldaten unbeobachtet, den Freunden und Verwandten auf der hessischen Uferseite zuzuwinken – das war nämlich verboten. Der Ort hat sich herausgeputzt: Die Häuser sind bunt gestrichen, in den Gärten gibt es große Blumen- und Gemüsebeete, neues Buntsteinpflaster ziert die schmalen Straßen. Touristen kommen wieder gerne nach Lindewerra.

Diese suchen oft die Stockmacher-Manufaktur auf, die in einer ruhigen Seitenstraße liegt. Vor fünf Jahren hat Michael Geyer den Betrieb von seinem Vater übernommen – das ist nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der viele meinen, mit einem Gehstock zeige sich nur ein alter, gebrechlicher Mensch. Doch der Stockmacher glaubt an die Zukunft seines Handwerks, das er von Kindesbeinen an kennt. In der fünften Generation stellt die Familie Geyer Kinder-, Damen- und Herrenstöcke her zum Pilgern, Wandern oder für den Krankheitsfall.

Die Stockmacherkunst kam einst nach Lindewerra, weil hier die Einwohner zum Gerben von Fellen Eichenrinde schälten. Das beobachtete 1836 Wilhelm Ludwig Wagner aus Eddigehausen bei Göttingen. Die übrigbleibenden Schösslinge beschloss der Stockmacher für seine Gehstöcke zu nutzen, und er lernte einige Dorfbewohner in seiner Kunst an, darunter auch Michael Geyers Ururgroßvater. Auf die Frage an dessen Ururenkel, warum er die Tradition fortsetze, antwortet dieser knapp: „Das war wohl vorbestimmt.“ Große Worte sind wohl eher nicht nach Geyers Geschmack.

Kälte scheint er ebenso nicht zu spüren, trägt er doch trotz 13 Grad eine kurze schwarze Hose und T-Shirt. Vielleicht friert der sportliche Mittvierziger nicht, weil er selten still steht in seiner Manufaktur, die an eine Tischlerei erinnert: Es gibt Werkbänke, auf dem Boden liegen Sägespäne, und es riecht nach Holz. Vor einem der Fenster hängen auf einer Schnur einige Muster, an denen sich die Mitarbeiter orientieren. Die Stöcke werden zunächst gewaschen, dann mit Wasserdampf biegsam gemacht, der Griff gebogen und wieder getrocknet. Anschließend beizen oder lackieren sie die Mitarbeiter, geben ihnen gar per Gasbrenner ein Muster. Zum Schluss erhalten die Geh- und Wanderhilfen ihre metallenen Spitzen.

So idyllisch die Werkstatt mit ihrem Ofen und dem Blick auf die Obstbäume aussieht, Stockmacher zu sein sei harte Arbeit, stellt Mitarbeiter Wilfried Brill fest. Die im Ofen erwärmten Stöcke bewegt er zwischen zwei hölzernen Stiften hin- und her, um jede unerwünschte Krümmung zu beseitigen. Vor allem das Biegen des Griffs sei sehr anstrengend, bemerkt Brill. Er hat sein Können wie sein Chef von seinem Vater gelernt und besitzt den Meistertitel. Ganz zukunftsfroh klingt er nicht: „Wir sind die letzten hier.“ Auf die Frage, ob seine Kinder in seine Fußstapfen treten wollen, antwortet er: „Vielleicht der Enkel.“

Schön sei die Arbeit, betonen die beiden anderen Mitarbeiter, die nur aushilfsweise in die Manufaktur kommen. Sie sitzen sich auf Hockern gegenüber und schlagen mit geübten Bewegungen Metallkappen an die zukünftigen Wanderstöcke. Vor Kurzem sei eine ältere Frau zu ihnen gekommen und habe gesagt, sie wolle zwei Stöcke – zwei gewachsene. Das mache sie hoffnungsvoll, wenn Kunden die Handwerkskunst zu schätzen wüssten. Der jüngere, Sven Hubert, hat Werkzeugmacher gelernt und führt normalerweise Pferdegespanne. Der ältere, Manfred Breitenbach, arbeitete zur DDR-Zeit in der Holzverarbeitung und ist im Ruhestand. Sie erzählen, wie ihr Leben nach der Wiedervereinigung mehrfach neue Wendungen nahm und sie schließlich in diese Werkstatt führte.

Natürlich sei der Einschnitt nach der Wende für die Stockmacher schwierig gewesen. Breitenbach stellt fest: „Viele haben kapituliert oder waren zu alt, um etwas Neues anzufangen.“ Während der DDR-Zeit hätten sie „auf einer Insel im Meer“ gelebt. In der Tat besaßen die Stockmacher eine Freiheit in der Unfreiheit: Ihre Betriebe wurden nicht Staatseigentum. 1951 schlossen sich die 21 Stockmacherbetriebe allerdings der Einkaufs- und Liefergenossenschaft des holzverarbeitenden Handwerks in Heiligenstadt an. Fast kein Stock kam in der DDR in den Handel. Der Staat erstand sie zum festgelegten Preis und verkaufte sie gegen Devisen in das nichtsowjetische Ausland.

Doch die ,Insel‘ war keineswegs beschaulich, weiß der heutige Bürgermeister Gerhard Propf. Er wohnt nur wenige hundert Meter von der Stockmachermanufaktur entfernt. Geboren 1967, wuchs Propf im Sperrgebiet auf. Zunächst sei die Grenze noch durchlässig gewesen, berichtet er: Die Stockmacher hätten bei Nacht ihre Ware über die Demarkationslinie nach Werleshausen geschmuggelt. Das habe fünf Mark eingebracht. Mancher sei zudem durch den Fluss bei Niedrigwasser mit dem Schwein im Kasten oder dem Schrank auf dem Rücken gen Westen geflohen.

Eine bleierne Zeit habe nämlich begonnen: 1952, erzählt Propf, holte das Ministerium für Staatssicherheit mit der Umsiedlungsaktion „Ungeziefer“ zwei Familien aus Lindewerra ab. „Evakuiert, wie das damals hieß.“ Weil der Staat sie angeblich für „politisch unzuverlässig“ hielt. Die Familien mussten ihre Habseligkeiten auf einen Lastwagen laden und mit unbestimmtem Ziel abreisen. Die zweite Aktion mit dem Titel ,Kornblume‘ nahm Lindewerra 1961 zwei weitere Familien. Abends, so Propf, habe die SEDKreisleitung alle Bewohner auf einem Saal versammelt und verkündet: „Wir haben die Familien zu ihrem Schutz weggebracht. Wenn Sie meinen, wir hätten nicht die richtigen ausgewählt, melden Sie sich, dann bringen wir diese auch noch weg.“ Das hätten alle als Warnung verstanden und fortan den Mund gehalten.

Die Zeit des Schwarzhandels ging 1961 zu Ende, dann machte die DDR die Grenze dicht, stellte den Fährverkehr ein, der die zerstörte Brücke ersetzt hatte. Nur auf Antrag und mit den nötigen Stempeln kamen Menschen überhaupt noch nach Lindewerra – ganz gleich, ob sie Einwohner waren oder Mitarbeiter von Firmen, die im Sperrgebiet arbeiten wollten. Damit der Kindergeburtstag von Propf nicht an Formalien scheiterte, fand er im nahegelegenen Kirchgandern statt – außerhalb des Sperrbezirks. Viele Gärten in Lindewerra verbinden Gartentore miteinander. Der Bürgermeister erklärt, warum: Nach Einbruch der Dunkelheit – als Ausgehsperre herrschte – hätten sich so die Einwohner unbemerkt vom Kartenspielen nach Hause schleichen können. Jeder in Lindewerra trug stets seinen Ausweis mit sich, um sich bei den zahllosen Kontrollen ausweisen zu können. Propf hatte bei einer Spritztour mit seinem Moped das Dokument vergessen und wurde festgenommen. Das brachte ihm ein unangenehmes Verhör ein. Für ihn steht fest: „Man wollte die Orte aussterben lassen.“ Niemand habe mehr ein neues Haus bauen dürfen, leer stehende seien abgerissen worden.

Nachdem am 9. November 1989 die Grenze sich öffnete, und die Zeit des Sperrgebiets zu Ende ging, war die Freude bei den Menschen in Lindewerra überwältigend. Michael Geyers Vater Wolfgang war zu der Zeit Obermeister der Stockmacher. Heute betreibt er gegenüber seinem ehemaligen Betrieb eine Gastwirtschaft. Er erinnert sich, wie die Welt innerhalb weniger Wochen eine andere war: Bei allem Jubel, so Geyer, gab es für die Stockmacher ein großes Problem. Die Kunden aus dem Westen hätten weiterhin dieselben Preise zahlen wollen, doch die seien ja subventioniert gewesen. Der volkseigene Betrieb Holzhandel, der das Material lieferte, habe bald seine Tore geschlossen. So fielen Geyers Lieferanten und die Kunden weg.

Um das wieder wettzumachen, begab sich der Stockmacher auf Reisen, stellte auf Messen in Berlin, Paris, Birmingham, Stockholm und Tokio seine Stöcke vor. Zudem suchte er in Spanien nach einem Lieferanten für sein Holz. Er fuhr auf gut Glück in die Pyrenäen, ohne eine Wort Spanisch zu können. „Wir mussten ja Holz haben“, bemerkt er. Als Geyer nach Tagen abgeschälte Rindenreste im Wald entdeckte, wusste er, dies war der richtige Weg. Bis heute bezieht die Manufaktur von dort das Holz der spanischen Maronenbäume. Der zweite Versuch, in Jugoslawien einen weiteren Vertragspartner zu finden, war hingegen gefährlich – herrschte dort doch ab 1991 Krieg. Bei der abendlichen Rückreise vom potenziellen Lieferanten stoppte plötzlich ein Panzer Geyers Auto. Der Vorfall ging gut aus. „Es war der helle Wahnsinn“, beschreibt der Stockmacher.

1990 schlossen sich sieben Betriebe in Lindewerra zur Stockmanufaktur Lindewerra GmbH & Co. KG zusammen. Es wurde keine strahlende Erfolgsgeschichte. Michael Geyer stellt heute 60.000 bis 70.000 Stöcke pro Jahr her, ein Bruchteil dessen, was die Stockmacher zu DDR-Zeiten in Lindewerra fertigten. Neben ihm gibt es noch ein paar Einwohner, die sich dem Stockmachen widmen, im Hauptberuf davon leben können sie nicht. Geyer setzt auf kleine Chargen und Sonderanfertigungen. Und darauf, dass sich die Menschen wieder auf die Tradition des Holzstocks besinnen. In den vergangenen zwei, drei Jahren gebe es mehr Nachfrage: Wandern sei wieder ,in‘, und Pilger schätzten die Stöcke. Ein Lichtblick.

Ohne das Internet kommt auch das traditionelle Handwerk nicht mehr aus: Jeden zehnten Stock verkaufe er über das Internet, erklärt Geyer. Den Online-Shop betreibt sein Bekannter aus dem Ort, Dirk Hartleib, nebenbei. Im Hauptberuf ist er Industrieschreiner. Im April 2011 ging der Laden online und bietet mittlerweile fast alle Modelle. Hartleib sieht eine gute Entwicklung: „Am Anfang habe ich ein, zwei oder drei Stöcke verkauft, es wurden aber immer mehr.“ Je nach Jahres-, genauer nach Wanderzeit, steige oder sinke die Nachfrage. Geordert werde oft aus Österreich oder der Schweiz. Einmal erreichte Hartleib eine Bestellung aus Kanada, wo ein deutscher Arzt sich einen Stock zulegen wollte. „So etwas gibt es aber ganz selten.“ Er geht nicht davon aus, dass er seinen Hauptberuf wegen des Online-Versandhandels bald an den Nagel hängen muss. „Dies ist ein Nischenprodukt und wird auch immer eines bleiben.“ Diese glaubt Geyer für seine Manufaktur gefunden zu haben. Und so kann die Geschichte weitergehen mit den Stockmachern von Lindewerra.

Kontakt

Wolfgang und Michael Geyer, Zur Alten Stockmacherei, Am Rasen 14, 37318 Lindewerra, www.stockmacherei.de

Dirk Hartleib, Hirtenrasen 52a , 37318 Lindewerra, Tel. 036087 974992 Fax 036087 974993, kontakt@stockladen.de, www.stockladen.de