Die Spirale der Angst

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Vogelbein, Marisa Müller

Als Leiter der Psychokardiologie in Göttingen sorgt Christoph Herrmann-Lingen für eine Balance zwischen Herz und Seele. Im Interview spricht er über Teufelskreise und interdisziplinäre Hilfe.

Herr Herrmann-Lingen, angenommen ein Patient hat einen Infarkt und kommt ins Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen. Dort wird er natürlich entsprechend versorgt. Sollte ausreichen, denken die meisten. Aber dann kommt noch ein Psychologe oder Psychokardiologe vorbei. Wieso?
Viele Patienten entwickeln nach einem so einschneidenden Erlebnis massive Ängste. Schließlich ist das ein lebensbedrohendes Ereignis. Andere tragen fortan einen Defibrillator oder sind auf ein Kunstherz angewiesen. Das sind alles Fremdkörper, die nun über das eigene Leben entscheiden. Als Folge kann sich das Gefühl entwickeln, im Alltag massiv eingeschränkt zu sein. Wer mehrmals einen Herzinfarkt hatte, wartet oft angespannt auf den nächsten. Das kann ein Herzchirurg allein nicht therapieren.

Psychologie, Psychiatrie, Psychokardiologie – wo liegt eigentlich der Unterschied?
Psychologen können unterschiedliche Schwerpunkte haben. Einige haben sich zu Psychotherapeuten weiterqualifiziert, behandeln verschiedenste seelische Störungsbilder, kennen sich aber mit körperlichen Krankheiten weniger gut aus. Psychiater behandeln ebenfalls ein breites Spektrum psychischer Störungen, dürfen aber auch mit Psychopharmaka therapieren. Psychokardiologen hingegen sind Herzexperten mit psychosomatischen Kompetenzen oder Psychologen, die sich hinsichtlich Herzkrankheiten und ihren Folgen fortgebildet haben. Sie arbeiten interdisziplinär, verstehen die medizinischen Hintergründe genau, kennen das Herz und seine Krankheiten ebenso wie die typischen psychischen Probleme von Herzpatienten. Eine ‚ganzheitliche‘ Behandlung für Herz und Seele ist nur so möglich.

Die Psychokardiologie

hat sich in den 1970er-Jahren zunächst als Teil der Humanmedizin aus der Frage heraus entwickelt, wie die Lebensprognose von Patienten nach einer Herzerkrankung verbessert werden kann. Schon früh haben die Forscher erkannt, dass neben den klassischen Risikofaktoren wie einer ungesunden Ernährung und mangelnder Bewegung auch der psychische Gesamtzustand der Patienten auf die Häufigkeit von Herz infarkten Einfluss nimmt. Zugleich hatte der Gemütszustand einen wesentlichen Einfluss auf die Heilungsprognose. In Göttingen sind Psychokardiologen fester Bestandteil des Herzzentrums.

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen (58) ist Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Facharzt für innere Medizin.

Kontakt

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Von-Siebold-Str. 5, 37075 Göttingen Tel. 0551 3966707 Patientenanmeldung: 0551 3966332 www.psychosomatik.uni-goettingen.de

Herr Herrmann-Lingen, angenommen ein Patient hat einen Infarkt und kommt ins Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen. Dort wird er natürlich entsprechend versorgt. Sollte ausreichen, denken die meisten. Aber dann kommt noch ein Psychologe oder Psychokardiologe vorbei. Wieso?
Viele Patienten entwickeln nach einem so einschneidenden Erlebnis massive Ängste. Schließlich ist das ein lebensbedrohendes Ereignis. Andere tragen fortan einen Defibrillator oder sind auf ein Kunstherz angewiesen. Das sind alles Fremdkörper, die nun über das eigene Leben entscheiden. Als Folge kann sich das Gefühl entwickeln, im Alltag massiv eingeschränkt zu sein. Wer mehrmals einen Herzinfarkt hatte, wartet oft angespannt auf den nächsten. Das kann ein Herzchirurg allein nicht therapieren.

Psychologie, Psychiatrie, Psychokardiologie – wo liegt eigentlich der Unterschied?
Psychologen können unterschiedliche Schwerpunkte haben. Einige haben sich zu Psychotherapeuten weiterqualifiziert, behandeln verschiedenste seelische Störungsbilder, kennen sich aber mit körperlichen Krankheiten weniger gut aus. Psychiater behandeln ebenfalls ein breites Spektrum psychischer Störungen, dürfen aber auch mit Psychopharmaka therapieren. Psychokardiologen hingegen sind Herzexperten mit psychosomatischen Kompetenzen oder Psychologen, die sich hinsichtlich Herzkrankheiten und ihren Folgen fortgebildet haben. Sie arbeiten interdisziplinär, verstehen die medizinischen Hintergründe genau, kennen das Herz und seine Krankheiten ebenso wie die typischen psychischen Probleme von Herzpatienten. Eine ‚ganzheitliche‘ Behandlung für Herz und Seele ist nur so möglich.

Also ist jeder, der eine schlimme Erkrankung hatte, auch automatisch auf psychologische Hilfe angewiesen?
Nein. Aber einschneidende Erlebnisse zu verarbeiten, mit neuen Lebensumständen umzugehen, erfordert viel Stärke. Einige meistern das wunderbar allein. Andere verlieren sich in einer Spirale aus Angst, Herzbeschwerden und noch mehr Angst.

Was für Ängste sind das?
Zum Beispiel die Angst vor einem neuen Infarkt. Aber manchmal ist es auch schon die Angst vor einem harmlosen Herzstolperer oder einfach die Angst, wieder Angst zu bekommen. Das ist eine schwierige Situation, denn wenn Menschen ein angeschlagenes Herz haben, kann eine Angstsituation in seltenen Fällen tatsächlich einen neuen Infarkt auslösen. Deshalb sind viele Betroffene vorsichtiger, trauen sich und ihrem Körper wenig zu und sorgen sich weiter. Ein hoher Leidensdruck entsteht, bis hin zu Herzbeschwerden, die dann als Bedrohung fehlgedeutet werden. Angst kann aber auch ein guter Ratgeber sein.

Wie meinen Sie das?
Manche Menschen denken, dass sie nach einem Herzinfarkt so weiterleben können wie bisher. Tatsächlich aber ist ein Lebenswandel notwendig. Wer keine Angst hat, hat keinen Antrieb, etwas zu tun.

Wenn die Zusammenhänge von Herz und Psyche bekannt sind, wieso ist das nicht auch gesellschaftlich ein Thema?
Seit den 1960erJahren gibt es den Ansatz, Infarktüberlebende psychologisch zu begleiten. In der Medizin ist das also ein noch ziemlich junges Gebiet, von dem noch nicht so viele Menschen wissen. Bereits seit den 1980erJahren arbeiten Psychologen und Kardiologen eng zusammen. In Göttingen gibt es an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie deutschlandweit die einzige psychokardiologische Station in einem Akutkrankenhaus. Jeder Medizinstudent muss – wie in ganz Deutschland – einen Kurs in Psychosomatik belegen. Das kommt letztlich den Patienten zugute. In anderen Ländern findet das Thema oft kaum Beachtung. Das kann nur besser werden.

Psychologen sind für die Hauptzielgruppe Ihrer Klienten, Männer ab 50 Jahren, nicht die erste Anlaufstelle. Sich Hilfe zu suchen, liegt vielen nicht. Wie gehen Sie damit um?
Wir betreiben einen sehr hohen Aufwand, u. a. um den Patienten zu verdeutlichen, dass sie nicht zum Psychologen ,abgeschoben‘ werden, sondern Hilfe erhalten. Das Pflege personal ist eng mit in den Prozess eingebunden, denn die sind nah am Patienten und bemerken Veränderungen sofort. Wichtig ist, dass der Patient die Hilfe annimmt. Jedem wird Hilfe angeboten, für die Zeit des Klinikaufenthalts, aber auch darüber hinaus. Einzelund Gruppentherapien, Kunstund Sport thera pien, Bewegungsund Verhaltungsschulungen – es gibt viele Optionen.

Ihr persönlicher Tipp, damit es gar nicht erst so weit kommt?
Für den Kopf ist es gut, einen Sinn für sich in dem zu finden, was man alltäglich tut. Ausgleiche schaffen – ich selbst fahre oft mit dem Fahrrad zur Arbeit, tanze oder musiziere. Und ausreichende Pausen sind wichtig für die Regeneration. Niemand muss ständig verfügbar sein. Keine Angst vor Ersetzbarkeit, sondern mehr innere Freiräume. Denn genau das schafft Lebensqualität und Entspannung.