Die Ruhe und der Sturm

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Text von: redaktion

Zwischen Entspannung und Action: Segeln entwickelt sich in Deutschland zum Sport der Stunde – auch im wasserarmen Südniedersachsen.

Zum ersten Mal segelt ein deutsches Team beim America’s Cup mit, der bekanntesten und renommiertesten Regatta der Welt. Auslöser für die Teilnahme war sicherlich die Sensation beim vorigen America’s Cup 2003, als die Schweizer Yacht „Alinghi“ im Finale die große Seglernation Neuseeland besiegte und zum ersten Mal den Cup nach Europa holte. Berichterstattungen in allen Medien und namhafte Sponsoren wie BMW und TSystems sind sich sicher: Segeln kann sich, wie Tennis, Golf oder Formel 1, zum neuen Sport der Stunde entwickeln. Denkt man ans Segeln, denkt man sicherlich am ehesten an große schnittige Yachten, die majestätisch über die Weltmeere schippern. Doch der Segelsport hat längst deutschlandweit seinen Platz erobert. So auch in eher „trockenen Gebieten“, wie in Südniedersachsen rund um Göttingen. Was viele in der Region vielleicht nicht wissen: Um den Segelsport zu erlernen oder auszuüben, bedarf es keiner weiten Anreise an die Nord- oder Ostsee. Schöne und beliebte Segelreviere liegen mit dem Göttinger Kiessee, dem Seeburger See, der Innersten Talsperre bei Langelsheim oder der Northeimer Seenplatte direkt vor der Haustür.

Kaum jemand vermutet jedoch, dass Göttingen seinen eigenen Segelclub, den Göttinger Segler Club e.V. (GSV), besitzt und sogar mit einem Hochseeseglerverein aufwarten kann. Thomas Lucas-Nülle, Geschäftsführer von Lucas-Nülle Consulting & Partner und begeisterter Katamaran-Segler, bringt es auf den Punkt: „Man muss sich schon gezielt informieren wollen, um überhaupt auf das Thema Segelrevier oder Segelclubs in Göttingen zu stoßen.“ Dieser geringe Bekanntheitsgrad war vor sechs Jahren auch Auslöser für die Gründung der „Vereinigung Südniedersächsischer Hochseesegler SHS e.V. Göttingen“. Olaf Bruns, Staatsanwalt in Göttingen, ist 1. Vorsitzender dieser Vereinigung. Er beschreibt selbst, dass es im Umkreis von Göttingen viele Segler gibt, „die bisher ein Dasein in der Diaspora fristeten“. Diese sollten durch eine Art „Seglerbörse“ in Austausch miteinander kommen, um beispielsweise gemeinsame Segeltörns planen zu können. Heute können die 122 Mitglieder in der segelfreien Zeit hier auch alle Scheine rund ums Segeln machen, weiterhin werden Seminare angeboten wie z. B. Sicherheit auf See oder Astroseminare.

Beim Göttinger Segler Club steht dagegen eindeutig der sportliche Aspekt des Segelns im Vordergrund, die Jugendabteilung ist das Aushängeschild des Vereins. Schon ab sechs Jahren können Kinder mit dem Segeln in einer kleinen Jolle beginnen, einzige Voraussetzung ist der Freischwimmer. Sportwart Jan Eric Nissen sieht jedoch einen großen Nachteil für seinen Verein: „Unser Sport wird immer noch als Randnotiz wahrgenommen, deshalb findet eine vernünftige Berichterstattung in den Medien über unsere Wettkämpfe nicht ausreichend statt.“

Anders sieht es da schon beim Yacht- und Fahrtensegeln aus. Über viele Jahrhunderte war das Yachtsegeln auf der Welt ein Privileg der Reichen und Adligen. In Deutschland gibt es seit 1850 Segelclubs. Auf der Kieler Förde fand 1882 die erste Regatta statt, aus der die Kieler Woche, das größte Segelsportfest der Welt, hervorgegangen ist. In den vergangenen Jahrzehnten hat das Yachtsegeln bei uns immer mehr Anhänger gefunden – der Markt boomt wie kaum ein anderer. Neben dem gemütlichen Freizeitsegeln auf komfortablen Yachten suchen immer mehr Segler die Herausforderung im Regattasegeln auf rasend schnellen Hightech- Yachten, wo es meist um sehr viel Geld geht. Ein Beispiel hierfür ist das Engagement der Gothaer Versicherung. Die Konstruktion und Produktion der Hightech-Yacht „sailOvation“ kostete allein rund 500.000 Euro. Sie ist ein Prototyp, wird aber aufgrund der hohen Kosten niemals in Serienbau gehen. Die Gothaer hat andere Ziele, unter anderem soll damit die Innovationsfähigkeit des Unternehmens dargestellt werden. Segeln ist eigentlich die unbequemste Art zu reisen. Die Kojen sind klein, oft sind bis zu acht Personen auf 12 Metern zu finden. Die Kochmöglichkeit ist eingeschränkt, von der Seekrankheit ganz zu schweigen. Was also macht den Segelsport so faszinierend? Fragt man die Segelenthusiasten, ist die Erklärung ganz einfach: Segeln ist mehr als eine Art zu reisen. Segeln ist ein Zustand, an den sich der Körper und die Sinne derart gewöhnen, dass man wieder an Land die Erde als hart empfindet, eckig, irgendwie unrhythmisch. Es ist die Faszination der Naturgewalten, wie Wind und Wellen. Es bedeutet Teamarbeit, ohne die es schwer ist, ein Boot zu steuern.

Hier können die Göttinger Segler nur zustimmen. Olaf Bruns reizen am Segeln vor allem drei Faktoren: „Erstens: Beim Segeln muss ich abschalten, ich lasse alles, was mich bedrückt oder beschäftigt, an Land. Zweitens: Die Fahrtrichtung Horizont, um mal zu schauen, was dahinter ist. Drittens: Segeln ist ein sportliches Ereignis, und es ist einfach eine tolle Sache, von See kommend auf Land zuzufahren – vor allem, wenn man das Land gar nicht kennt.“ Auch Göttingens Oberbürgermeister Jürgen Danielowski ist mit dem Segelbazillus infiziert und versucht die Faszination zu erklären: „Man bewegt sich in der Natur, man muss die Natur beobachten und sein Verhalten der Natur anpassen. Man erlebt Wetter ganz anders als in der Stadt. Man lebt mit dem Wetter und der Wettervorhersage. Man lebt viel intensiver mit der Natur, und das ist ungemein reizvoll. Und wenn man dann von A nach B kommt, eine schöne Ankerbucht hat, einen schönen Sonnenuntergang erlebt, das ist so traumhaft, so reizvoll. Das kann einen schon begeistert zum Segeln führen.“ Klaus Hoffmann, Geschäftsführer der städtischen Wirtschaftsförderung GWG in Göttingen, sieht noch einen anderen wichtigen Punkt: „Beim Fahrtensegeln herrscht eine total angenehme Reiseatmosphäre. Durch die Kameradschaft auf einem Boot entwickeln sich oftmals langfristige Freundschaften.“

Wer verbirgt sich nun hinter dieser, wie es scheint, eingeschworenen Gemeinschaft der elitäreren Schichten? Für Oberbürgermeister Danielowski steht fest, dass das Segeln schon lange den Status des Elitären verloren hat. Er selbst habe auf einer kleinen Jolle angefangen, die nicht teuer war. Auch Thomas Lucas-Nülle sieht im Segelsport nicht mehr den Geldaspekt im Vordergrund. „Da man ja immer auch mit einer Mannschaft auf einem Boot segeln kann, kostet eine Woche ca. 400 Euro, also auch nicht teurer als ein ganz normaler Urlaub.“ Hans-Joachim Perk, Amtsleiter des Sportamtes der Stadt Göttingen, hat beim Bau seiner Segelyacht „Aquamarin“ viel Unterstützung aus allen Bereichen erfahren und ist sich sicher, dass Segeln, wie Tennis und Golf, zum Breitensport werden kann. Außerhalb Südniedersachsens sind die Nord- und Ostsee und das Mittelmeer beliebte Segelreviere. Nach Einschätzung von Olaf Bruns ist die Ostsee durch den stärkeren Wind gut für sportlichere Segelambitionen geeignet. Dies sieht auch Klaus Hoffmann so, dessen schönster Törn ihn rund um Rügen bis nach Schweden geführt hat. Das Mittelmeer zeigt sich im Sommer eher schwachwindig und ist daher familiengeeignet. Hier hatte Göttingens OB Danielowski bisher seine schönste Tour, ein 2-Wochen-Törn – ausgehend von Elba – rund um ganz Korsika.

Obwohl die Segler Südniedersachsens schon viel unterwegs waren, gibt es doch noch einige offene Segelträume. Den spektakulärsten Törn bereitet Hans-Joachim Perk vor: „Jetzt bin ich 61, im nächsten Jahr werde ich aus meinem Beruf ausscheiden und dann habe ich einen 4-Monats-Törn über Polen und die baltischen Staaten nach St. Petersburg vor. Im Jahr darauf wollen wir das Boot in die Karibik bringen und dort entscheiden, ob wir aus der Karibik im Folgejahr zurückgehen ins Mittelmeer oder ob wir eine Weltumseglung starten.“ Etwas weniger spektakulär braucht es Klaus Hoffmann, der mit einer Yacht eine Atlantiküberquerung plant, und noch einfacher sieht es Thomas Lucas-Nülle: „Mein Ziel oder meine Motivation für den Segelschein ist, mich für den Familienurlaub von den Ferienzeiten und klassischen Urlaubshochburgen unabhängig zu machen.“ Ob Segeln nun endgültig zum Breitensport avanciert oder die Teilnahme des deutschen Teams beim America’s Cup für den nötigen Aufwind sorgt, eins ist sicher: Schaut man einmal hinter die Kulissen, wird schnell klar, dass mehr Menschen segeln als zunächst vermutet. Es beginnt mit dem ersten Chartertörn, es folgt der Kurs in einer Segelschule, und es endet noch lange nicht beim Kauf des ersten Gebrauchtbootes. Denn immer lockt der berühmte Meter mehr an Bootslänge. Ist es doch der faszinierende „Umgang mit Wind und Wetter“ (Danielowski), der sportliche Aspekt beim Katamaransegeln (Lucas-Nülle) oder der große Traum einer Weltumseglung, wie Hans-Joachim Perk es plant? Perk weiß, dass er „noch keinen Sport entdeckt hat, der so eine Palette von Herausforderungen abdeckt, bis hin zum Naturerlebnis, in einer Form, die ich vorher nicht gekannt habe“. Doch alle Worte helfen nicht, die Faszination des Segelns zu beschreiben: „Man muss es erlebt haben.“

Text: Carsten Dörges

Fotografie: Alciro Theodoro da Silva;

(Foto 3: privat, Foto 4: SHS)

Sommer 2006

Segel-Vereine in Südniedersachsen

Mündener Kanu-Club: Werner Imke

Göttinger Segler Club: Friedrich Nissen

Segler-Vereinigung Seeburger See:

Erhard Saring

Einbecker Segelclub: Gerhard Niehoff

Northeimer Segelclub: Heiner Falkenhein

Northeimer Windsurfing Club: Klaus Mering