Die persönliche Note

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Text von: Belinda Helm

faktor hat der neuen Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel einen Tag lang über die Schulter geschaut.

Ein kurzer Blick auf die Uhr. 16.33 Uhr. Jetzt wäre eigentlich ihre Zeit. Aber die Ministerin spricht noch. Ulrike Beisiegel senkt den Kopf. In der Hand hält sie ein Blatt Papier, darauf ihr Grußwort anlässlich der Eröffnung des neuen Krebszentrums an der Universitätsklinik in Göttingen im Hörsaal 542. Verfasst von der Präsidentin selbst, in der Mittagspause. „In der Pause Zeit zum Essen zu finden, klappt noch nicht so gut“, hatte sie auf Nachfrage kurz zuvor während der Fahrt in die Uni-Klinik erklärt. Reden schreibe sie aber trotzdem am liebsten selbst, wegen der persönlichen Note.

Seit Anfang Januar ist Ulrike Beisiegel nun im Amt und steht damit als erste Frau an der Spitze der traditionsreichen Georg-August-Universität in Göttingen. Von Routine kann da noch keine Rede sein. „Ich fühle mich im Moment wie ein Schwamm, ich lerne jeden Tag und nehme auf diese Weise viel Neues auf.“ Die Eröffnungsfeier ist an diesem Tag ihr letzter Termin in Göttingen. Nicht aber der letzte überhaupt. In Bonn soll die 58-Jährige am selben Abend noch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, als deren Ombudsfrau sie unter anderem zuletzt tätig war, offiziell verabschiedet werden. Termin Nummer elf an diesem Tag.

Eine knappe halbe Stunde vorher: Der Fahrer der Präsidentin packt eine bierkistengroße, schwarze Tasche mit kleinen Rollen in den Kofferraum einer dunklen Limousine. „Da müsste ich aber auf der Fahrt nach Bonn noch mal ran“, sagt Beisiegel beim Einsteigen. Ein Hauch CKone bleibt in der Luft zurück.

„Ich übe gerade, auf längeren Fahrten zu lesen“, erzählt sie kurz zuvor in ihrem großzügigen, noch etwas kahlen Büro am Wilhelmsplatz während sie einen Stapel Dokumente in die kleine Ziehtasche packt. „Meine Tage sind immer extrem voll, das war auch vor Göttingen so“, erklärt sie. „Aber wenn ich konzentriert für eine Sache arbeite, wie jetzt für die Universität, empfinde ich das nicht als Stress.“

Die anspruchsvolle neue Aufgabe merkt man der Präsidentin tatsächlich kaum an. Mit ruhiger Stimme und klaren Worten bespricht sie mit ihrer persönlichen Referentin, „für mich eine wichtige Stütze und auch eine Art zweites Gedächtnis“, am frühen Nachmittag die aktuellen Aufgaben, als hätte sie nie etwas anderes getan. Nur hin und wieder dreht die Uni-Chefin den breiten goldenen Ring an ihrer rechten Hand hin und her, die hellbraunen Augen aber durch die randlose Brille sind weiterhin aufmerksam auf den Gesprächspartner gerichtet. Besiegel ist eine zierliche Frau, auch wenn man das erst auf den zweiten Blick bemerkt.

„Wir sind beide neu, und müssen in der Präsidiumsarbeit noch besser werden“, sagt die Präsidentin später über das Treffen. Aber das wichtigste sei bei einer so engen Zusammenarbeit eigentlich, dass man sich mag.

Sowieso gibt es vermutlich nur wenige Menschen, die Ulrike Beisiegel nicht mag. Bereits vor ihrer Zeit in Göttingen engagierte sich die Biochemikerin unter anderem für Friedensforschung an der Universität Hamburg und seit langem für die Gleichstellung von Frauen in der Spitzenforschung. „Wir haben in der Wissenschaft durchaus exzellente Frauen. Aber eben an ganz anderen Positionen als Männer.“

„Es ist wichtig, Vorbild zu sein, und das auch offen zu leben.“

Junge Wissenschaftlerinnen werden nach Ansicht der Präsidentin nicht genug darin unterstützt, auch Leitungsfunktionen zu übernehmen. „Das muss anders werden.“ Auch deshalb ist die gebürtige Mülheimerin Präsidentin in Göttingen geworden. „Als Wissenschaftlerin bin ich ersetzbar, aber ich glaube, in wissenschaftspolitischer Funktion kann ich unter anderem auf diesem Gebiet noch mehr erreichen“, sagt sie, und streicht entschlossen die Hose ihres grau-braun melierten Anzugs zurecht. „Es ist wichtig, Vorbild zu sein, und das auch offen zu leben.“ Denn nur so könne man Dinge nachhaltig ändern.

„Während meines Studiums habe ich keine einzige Professorin zu Gesicht bekommen“, erzählt sie, die sich in der Vergangenheit immer wieder mit der Frage konfrontiert sah, warum sie keine eigene Familie gegründet habe. „Aber das hat sich eben für mich einfach nicht ergeben“, sagt die Präsidentin. „Als ich damals das Angebot bekam, in den USA zu forschen, hat sich mein damaliger Freund, ein Steuerberater, dagegen entschieden, mitzukommen. Es war damals einfach unüblich, dass der Mann der Frau folgt, insbesondere wenn er dann dort nicht in seinem Beruf arbeiten kann.“ Und dann hätten sich die Dinge eben einfach anders entwickelt.

„Gehadert habe ich damit aber nie. Ich habe schon immer nach dem Motto gelebt, das Leben so anzunehmen, wie es eben kommt.“ Genauso hält es Ulrike Beisiegel auch mit ihrem neuen Amt. „Was ich mir für mich persönlich wünsche, ist, dass man nach den sechs Jahren der Amtszeit über mich sagen wird: Das hat sie ganz gut gemacht.“ Bis dahin aber gebe es genug neue Aufgaben zu bewältigen, den meisten blickt sie gelassen entgegen. „Ich freue mich, dass ich in so viele unterschiedliche Bereiche Einblick gewinnen kann. Den gestrigen Abend zum Beispiel habe ich mit Linguistik verbracht, und das hat mir sehr viel Spaß gemacht.“ Nach dem primären Ziel, mit der Universität in der neuen Runde der Exzellenzinitiative erfolgreich zu sein, sagt sie, könne es also durchaus ihr neues Hobby werden, auch andere wissenschaftliche Gebiete zu entdecken. „Insbesondere die Geisteswissenschaften finde ich sehr spannend.“

Das Interesse an unterschiedlichen Themen ist eine durchaus nützliche Eigenschaft, wenn man bedenkt, welch Bandbreite das Amt ihr an einem einzigen Tag abverlangt: Besprechung mit dem Leiter des Studentenwerkes (13.30 Uhr), die Ernennung zweier Professoren (11 und 13 Uhr), eine davon in fließendem Englisch, die wöchentlichen Treffen mit dem Leiter der Abteilung Wissenschaftsrecht (11.30 Uhr), die regelmäßige Abstimmung mit dem Leiter der Pressestelle (10 Uhr) und der Termin mit der Vize-Präsidentin (9 Uhr), sowie ein Interview für die Presse (8.30 Uhr). Die meisten Gespräche finden im Präsidium statt, aus praktischen Gründen vor allem. Und praktisch scheint die Präsidentin sowieso zu sein. Bequeme Schuhe, Kurzhaarschnitt, Reden schreiben in Mittagspausen, der gepackte schwarze Koffer neben dem Schreibtisch. Und dabei immer klare Worte: „Sagen Sie mir, was Sie vorhaben, und ich sage Ihnen, ob sich das machen lässt.“ (Termin Nummer eins an diesem Tag, 8.30 Uhr).