Die Oase mitten in der Stadt

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Heidi Niemann

Wer in Göttingen eine Atempause braucht, muss nicht weit gehen. Nur wenige Schritte von der Fußgängerzone entfernt befindet sich der Alte Botanische Garten der Universität – ein Ort der Ruhe und naturkundliche Weltreise zugleich.

Die meisten Besucher betreten den Alten Botanischen Garten durch den Haupteingang an der Unteren Karspüle. Hier fällt der Blick sofort auf die schönen Sommerblumen, die sowohl aus heimischen als auch aus exotischen Regionen stammen. Zwei weitere Eingänge befinden sich an der Wilhelm-Weber-Straße und an der Weender Straße rechts neben dem Auditorium. Hier ist der Kontrast zur übrigen Stadt besonders groß: War man eben noch am Weender Tor von Hektik und Verkehrslärm umgeben, stellt sich schon kurz nach Betreten des Gartens ein Gefühl der Entschleunigung ein. Statt Autos und Handy-Geplapper hört man plötzlich Vögel zwitschern und Frösche quaken.

Das laute Gequake kommt aus einem kleinen Teich, der mit zahlreichen Sumpf und Wasserpflanzen bewachsen ist. Heute hat sich hier eine Gruppe von Kindern eingefunden. Sie beobachten die Frösche und Molche im Wasser und verfolgen die Flüge der prächtigen Libellen. Einige Meter weiter sitzt ein Mann auf einer Bank in der Sonne und liest. Ein Spaziergänger bleibt bei dem Insektenhotel stehen, das an der Mauer zum Nikolausberger Weg installiert ist. Hier nisten unter anderem zahlreiche Wildbienen. Sie fühlen sich besonders wohl: Ende der neunziger Jahre ergab eine Studie, dass mehr als 100 Wildbienenarten im Botanischen Garten leben. Das Insektenhotel befindet sich in der sogenannten Systematischen Abteilung. Dieser ist seit einigen Jahren als ,Evolutionsgarten‘ gestaltet.

Die Anordnung der Pflanzenfamilien in den Beeten spiegelt den Verlauf der Evolution wieder. Beginnend bei der Pergola kann man von West nach Ost die Entwicklung der Pflanzen nachvollziehen, von den frühen Blütengewächsen wie Magnolien, Seerosen und Gewürzsträuchern bis hin zu den erdgeschichtlich jungen Lippenblütlern und Korbblütlern. Sowohl die Studierenden als auch die Besucher können sich so mit den Merkmalen der einzelnen Pflanzenfamilien vertraut machen. Das ist das Schöne an diesem Ort: Hier kann jeder etwas lernen, so ganz nebenbei im Vorbeigehen.

Keine andere Einrichtung der Universität ist so populär wie der Botanische Garten. 100.000 Besucher kommen jährlich in die vier Hektar große Anlage am nördlichen Rand der Innenstadt. Auch Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel liebt den Garten. „Leider komme ich viel zu selten hierher“, sagt sie. Während ihres Biologiestudiums hat sie sich selbst intensiv mit der Welt der Pflanzen beschäftigt: „Damals habe ich auch ein Herbarium angelegt.“ Später hat sie sich dann auf die Biochemie konzentriert, doch die Verbundenheit mit der Natur ist geblieben. Den Trend zur ,Molekularisierung‘ der Biologie sieht sie kritisch: „Man muss auch die Natur kennen.“

Für meisten Göttinger ist der Botanische Garten vor allem ein Ort der Erholung, eine grüne Oase inmitten der Stadt. Seine ureigenste Funktion ist aber eine andere: Er ist eine akademische Sammlung, die der Lehre und Forschung dient. Ihre Anfänge reichen in die Gründerzeit der Georgia Augusta zurück. 1736 begann der frisch nach Göttingen berufene Mediziner Albrecht Haller mit der Anlage eines ‚hortus medicus‘. Der Garten gehörte gewissermaßen zur Grundausstattung der neuen Universität. Damals war die Botanik noch Teil der medizinischen Fakultät. Alle angehenden Mediziner und Apotheker mussten auch ein Pflichtprogramm in ‚Heilkräuterkunde‘ absolvieren. Albrecht von Haller beschränkte sich allerdings nicht auf die Arzneipflanzen. In Göttingen sollte vielmehr der ‚beste Garten Deutschlands‘ entstehen, eine umfassende Sammlung mit Pflanzen aus unterschiedlichsten Gegenden der Welt. Bereits sieben Jahre nach dem ersten Spatenstich veröffentlichte der umtriebige Wissenschaftsorganisator einen Pflanzenkatalog mit 1.500 Arten. Damit schuf er die Grundlagen für einen einzigartigen Hort der Biodiversität, und das zu einer Zeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gab.

Beim Flanieren durch die einzelnen Abteilungen bekommen die Besucher einen modellhaften Eindruck von der Vielfalt des Lebens und der Lebensräume. „Der Erhalt der Biodiversität ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit“, sagt Beisiegel. Der Botanische Garten biete eine Fülle an Material, um diesen aktuellen Fragestellungen nachzugehen. Damit sei er auch ein Musterbeispiel für das, was die Universität Göttingen ausmache: „Er verbindet Tradition und Innovation.“ Die Tradition mache den besonderen Wert der Sammlung aus, sagt Gartenkustos Michael Schwertfeger. Während andere botanische Gärten zum Teil mehrfach den Standort gewechselt haben, befindet sich die Göttinger Anlage noch am gleichen Ort wie vor fast 280 Jahren. „Diese Kontinuität gibt es sonst fast nirgendwo.“

Ein Beispiel hierfür ist das Mammutblatt (Gunnera manicata). Seit mehr als 100 Jahren steht die mächtige südamerikanische Krautpflanze am Ufer des großen Teiches. Bis zum Sommer wachsen die Stiele mit den riesigen Blättern am Ende so hoch, dass sich zwei Menschen bei Regen drunterstellen können. „In Paraguay nennt man diese Pflanze den Regenschirm der Armen“, erläutert der Leiter des Botanischen Gartens, Erwin Bergmeier. Vom Teich aus geht es weiter den Hang hinauf zum Alpinum. Dass es diesen Bereich überhaupt noch gibt, ist dem Einsatz der ehrenamtlichen Helfer zu verdanken, die sich regelmäßig um die Pflege der Anlagen kümmern.

Da die Universität seit einigen Jahren für diesen Bereich keinen Gärtner mehr beschäftigen konnte, sei man für dieses Engagement außerordentlich dankbar, sagt Kustos Michael Schwertfeger. „Wir können auf ein Netzwerk von etwa 30 Helfern zurückgreifen, das ist wirklich toll.“ Der Botanische Garten ist eine Schatztruhe. Er beherbergt viele Raritäten aus aller Welt, darunter auch Pflanzen, die in freier Natur gar nicht mehr vorkommen. „Wir bekommen deshalb viele Anfragen von anderen Gärten und Instituten“, sagt Gartenleiter Bergmeier. Hierzu gehören auch Pflanzen, die einst heimisch waren, bevor ihnen der Wandel in der Landwirtschaft den Garaus machte. Hier im Botanischen Garten gibt es sie noch, zum Beispiel den Acker-Meier oder die Flachs-Seide, die einst als ‚Fluch des Leinanbaus‘ galt, weil sie die Leinpflanzen zum Absterben brachte.

Wer am Ende des Rundgangs noch Zeit hat, sollte unbedingt auch die Gewächshäuser auf der anderen Seite des Innenstadtwalls besuchen. Zum Beispiel das Farnhaus oder das Regenwaldhaus, wo bei hoher Luftfeuchtigkeit jede Menge Orchideen, Farne, Bromelien und andere tropische Pflanzen wachsen. Die Göttinger Bromeliensammlung ist eine der bedeutendsten Sammlungen in Deutschland. Eine besondere Attraktion kann man im Sommer bestaunen, wenn die Riesenseerose ‚Victoria cruziana‘ aufblüht. Weil sich die Blüten erst in der Dämmerung öffnen, sind die Gewächshäuser in den ‚Victoria Nächten‘ länger geöffnet. An den übrigen Tagen ist bis 18.30 Uhr geöffnet. „Auch wenn viele Besucher dies bedauern, können wir keine längeren Öffnungszeiten anbieten“, sagt Schwertfeger. Das liegt gewissermaßen in der Natur der Sache: Der Botanische Garten ist kein öffentlicher Park, sondern eine akademische Sammlung. Eine Sammlung, deren Besuch sich zu jeder Jahreszeit lohnt. Auch Ulrike Beisiegel hat schon ihren nächsten Besuch geplant. Der diesjährige Betriebsausflug des Universitätspräsidiums geht in die drei Botanischen Gärten der Universität – die Oase mitten in der Stadt.