“Die Menschen sind unser Kapital“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian Günther

faktor sprach mit Landrat Werner Henning über den Wirtschaftsraum Eichsfeld und das Verhältnis zu den benachbarten Oberzentren.

Die Wirtschaftskrise bestimmt die Themen in Medien und Politik. Wie ist der Landkreis Eichsfeld gegen die Krise gerüstet?

Im Landkreis ist die Krise noch nicht besonders zu verspüren. Unsere regionale Wirtschaft ist breit gefächert und kleingliedrig strukturiert. Dies ist das Ergebnis der Entwicklung nach dem Zusammenbruch der DDR-Strukturen, in der zunächst das Handwerk führend war. Als dieses wegen der Krise in der Bauwirtschaft einen Rückgang verzeichnete, entwickelte sich dazu eine starke gewerbliche Wirtschaft. Diese hat zusammen mit einigen Automobilzulieferern viele Menschen aus der Bauwirtschaft aufgenommen. Heute ist eine umgekehrte Entwicklung zu sehen. In der aktuellen Krise finden viele Menschen wieder eine Pers pektive in der Baubranche. Es scheint, als könnte einiges durch die Bewegungen zwischen Industrie und Handwerk kompensiert werden.

Der Stellenwert des Handwerks ist im Eichsfeld also nach wie vor hoch. Kommen dabei nicht die überall geforderten „innovativen“ Wirtschaftszweige zu kurz?

Wir sollten stolz darauf sein, dass wir ein stabiles und breit gefächertes Handwerk haben. Aus dieser Ecke kommen wir. Das ist unser Kapital. Parallel dazu beginnt sich innovative, gewerbliche Wirtschaft zu entwickeln, vor allem in den Bereichen Automobilindustrie, Metallverarbeitung, Textilindustrie und Werkzeugbau. Aber wir dürfen nicht so eitel sein, dass wir diese innovativen Felder als wichtiger erachten. Die traditionellen Wirtschaftsbereiche haben auch ihren Stellenwert.

In den vergangenen Jahren ist eine enge Verzahnung mit den angrenzenden Wirtschaftsräumen Südniedersachsen, Nordthüringen und Nordhessen entstanden. Wie sehen Sie das Eichsfeld dort eingebettet?

Wir haben uns immer als Übergangsregion verstanden. Wir gehören heute politisch zu Thüringen, wenngleich wir uns nicht als Thüringer sehen. Wir sind Eichsfelder! Für uns ergibt sich zwischen nieder- und oberdeutschem Siedlungsraum sowie durch die konfessionelle Prägung eine Inselstellung. Dennoch ist der Landkreis sehr gut angebunden. In Südniedersachsen sind wir beispielsweise Stiftungsmitglied der SüdniedersachsenStiftung und somit in Göttingen in viele Gespräche eingebunden. Ebenso pflegen wir intensive Kontakte nach Kassel und – wenn auch im Moment noch weniger ausgeprägt – in Richtung Thüringen.

Mit Blick in die Zukunft: Wie muss sich das Eichsfeld gegenüber den Oberzentren wie Göttingen oder Kassel positionieren, um zukünftige Herausforderungen bestehen zu können?

Wir müssen uns mit den Oberzentren entwickeln, denn wir sind ein Teil von ihnen. Dies gilt vor allem für Göttingen und Kassel. Für eine erfolgreiche Zukunft muss das Eichsfeld seine regionale Prägung behalten und darf sich zugleich nicht gegen die Oberzentren definieren. Wir müssen unsere Leistungen weiterhin in die Oberzentren transferieren. Diese Transferleistung hängt vor allem von der weiteren Profilierung von Fachkräften ab. Deswegen ist für uns Bildung und Erziehung ganz entscheidend. Was wir den jungen Menschen mitgeben müssen, ist vor allem eine gute, humanistische Erziehung. Diese muss die Gesellschaft leisten, zum Beispiel in Schulen und Kirchen. Das Eichsfeld und seine Menschen gelten als Synonym für Verlässlichkeit. Dabei geht es um die Verlässlichkeit im Sinne von Klarheit: Ein „Ja“ ist ein „Ja“, und ein „Nein“ ist ein „Nein“. Zudem sind die Eichsfelder nach wie vor authentisch. Das mag manchmal etwas urwüchsig erscheinen. Denn die Menschen hier sind nicht so abgeschliffen oder so mondän glatt gebügelt. Diese Werte gilt es auch in den jungen Generationen zu erhalten. Denn über die Qualität unserer jungen Menschen wird unsere Leistungsfähigkeit in einem Bedienen der Oberzentren stark mitgeprägt.

Die Jugend ist also besonders wichtig. Aber verfügt denn das Eichsfeld über genügend Nachwuchs?

Im Ganzen zu wenig – früher hatte das Eichsfeld immer einen Geburtenüberschuss und konnte an die großen Zentren abgeben. Mittlerweile hat sich das auch bei uns verkehrt. Ich setze darauf, dass jüngere Leute aus der Region, die im Moment anderswo Arbeit gefunden haben, wieder zurückkommen. Deswegen sind die Faktoren Heimatbindung und Familienbeziehung für uns auch im Sinne der Regionalentwicklung enorm wichtig. Viele sagen, dass die jüngeren Generationen kaum noch Heimatbindung haben. Aber wer tiefer schaut, stellt fest: Die Bindung ist immer noch da, sie präsentiert sich nur anders. Und aus diesem Grund ist mir vor der wirtschaftlichen Zukunft des Eichsfeldes nicht Bange. Denn die Menschen sind unser Kapital.

Vielen Dank für das Gespräch!