“Die Leistung muss stimmen“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Yannick Lowin, redaktion

Riem Hussein hat in der ,Männer-Welt Fußball‘ eine Blitz-Karriere als Schiedsrichterin hingelegt. Und auch beruflich geht die 32-Jährige ihren Weg: In Bad Harzburg leitet die promovierte Pharmazeutin zusammen mit ihren Geschwistern eine Apotheke.

Mit 25 Jahren war Riem Hussein eigentlich fast schon zu alt, um sich eine Karriere als Schiedsrichterin ausrechnen zu können. Doch genau in diesem Alter begann ihr Aufstieg zu einer der besten Unparteiischen dieses Landes.

Bisheriger Höhepunkt: 2010 leitete die Bad Harzburgerin das DFB-Pokalfinale der Frauen in Köln vor über 26.000 Zuschauern.

Sie steht außerdem auf der FIFA-Liste und ist somit berechtigt, Champions-League- sowie EMund WM-Qualifikationsspiele der Frauen zu pfeifen. Angesichts der Debatten um Frauenquoten in Wirtschaft und Politik und das gesellschaftliche Ansehen von Frauen im Allgemeinen überrascht ihre Aussage, dass sie wahrscheinlich nie soweit gekommen wäre, wenn sie keine Frau wäre.

Doch im Sport zählt immer nur die reine Leistung, und die hat die 32-Jährige immer gebracht.

So auch 2005 bei einer Leistungsprüfung des niedersächsischen Fußball-Verbandes. Es ging um den Aufstieg in die Herren- Landesliga (6.Liga). Beim sogenannten ‚Cooper-Test’ rannte die ehemalige Leichtathletin 3.000 Meter in zwölf Minuten und gleichzeitig ihren männlichen Kollegen davon.

Zudem lieferte Riem Hussein hervorragende Resultate beim Regeltest ab.

Vier Jahre nachdem sie den ‚Anwärter- Lehrgang‘ – quasi die Grundausbildung eines Schiedsrichters – hinter sich gebracht hatte, begann sie die Karriereleiter steil hinaufzusteigen. Profitiert hat die Bad Harzburgerin davon, dass es mittlerweile in allen Bereichen des Fußball-Schiedsrichterwesens eine sogenannte ‚Talentförderung‘ gibt.

Wird man als Talent erkannt, bekommt man die Gelegenheit, statt der ‚Ochsentour‘, von der untersten bis in die oberen Klassen, entsprechend der Leistung in deutlich kürzerer Zeit den Weg nach oben schaffen zu können.

Inzwischen ist Hussein bei den Herren in der vierthöchsten Spielklasse, der Regionalliga Nord, angekommen. Um hier pfeifen zu dürfen, muss sie über dieselbe Fitness verfügen wie die Männer.

Und die prüft der DFB mit einem anspruchsvollen Test: So lässt der Verband seine Regelhüter zehn Runden auf der Tartanbahn drehen, während sie je zweimal 150 Meter in mindestens 30 Sekunden zurücklegen müssen.

Zwischen den Sprints wird ihnen lediglich eine 50-Meter-Gehpause in 35 Sekunden gewährt. Darüber hinaus stehen sechs 40-Meter-Läufe in 6,2 Sekunden bei 90 Sekunden Regeneration auf dem Programm.

„Den Trainingsaufwand, den man betreiben muss, um sich dafür in Form zu bringen, ist enorm und nur schwer mit der Arbeit vereinbar“, sagt Riem Hussein, die zusammen mit ihrer Schwester und einem Bruder eine Apotheke in Bad Harzburg leitet.

Als Frau ist man mehr gefordert

Als Frau sei man noch mehr gefordert, da man nicht die gleichen körperlichen Voraussetzungen wie ein Mann habe. „Für Frauen ist das Hindernis der Leistungsprüfung daher schwerer zu überspringen“, sagt Hussein.

Gleichzeitig werde man als Frau in der Region aber auch sehr gefördert. So habe die FIFA-Schiedsrichterin in ihrer Laufbahn viel Unterstützung erhalten – und vor allem viele Fürsprecher gehabt.

Ein glücklicher Umstand war dabei, dass sie sportlich in einer Region verwurzelt ist, in der es bereits herausragende Schiedsrichterinnen gab. So pfiff Antje Witteweg aus Scharzfeld im Landkreis Osterode bereits in der Frauen-Bundesliga und der Herren-Regionalliga – damals die dritthöchste Spielklasse.

Doch ab einer bestimmten Liga könne man sich nicht allein auf die Förderung verlassen, da müsse man mit Leistung überzeugen.

Dass Riem Hussein es soweit gebracht hat, liegt schlicht und ergreifend an ihren Fähigkeiten: „Eine meiner Stärken ist die Zweikampfbeurteilung“, sagt sie.

Dabei hilft es der Tochter palästinensischer Einwanderer, dass sie vor ihrer Schiedsrichterkarriere hochklassig Fußball gespielt hat und zuletzt für den MTV Wolfenbüttel in der 2. Liga aktiv war.

Und weil die Männer merkten, dass sie Ahnung von dem habe, was sie mache, werde sie auf dem Platz akzeptiert. Für Akzeptanz sorgt Hussein aber auch durch ihr Auftreten: „Ich bin freundlich, bestimmt und dennoch distanziert.“

Außerdem dürfe man sich auf gar keinen Fall einschüchtern lassen.

„Da ist sicherlich nicht jeder für gemacht, ich komme allerdings gut mit der Aufgabe zurecht“, sagt sie selbstbewusst. Und noch immer habe man als Frau einen schwierigeren Stand auf dem Platz, weshalb man sich möglichst keine Fehler erlauben dürfe. Denn die würden schnell auf das Geschlecht zurückgeführt.

Zwar sei es durch den Bekanntheitsgrad von der in Bad Lauterberg am Harz aufgewachsenen Bibiana Steinhaus alltäglicher geworden, dass Frauen bei den Männern pfeifen, und auch Riem Hussein habe sich in der Regionalliga einen Namen gemacht. Dennoch merke man schon die Blicke von Zuschauern und Spielern, die nicht so häufig eine Schiedsrichterin in Aktion sehen.

„Da muss der erste Pfiff sitzen.“

Dabei steht ihr auch ein Assistenz-Team zur Seite. Und damit das funktioniert, ist eine ausführliche Absprache das A und O.

„Jeder müsse wissen, was er oder sie zu tun hat“, sagt Riem Hussein. Es müsse vor allem klar sein, in welcher Situation bzw. auf welchem Teil des Spielfeldes wer, wann zuerst gefragt sei.

Erfahrungen in Sachen Team-Führung konnte die Schiedsrichterin bereits in ihrem beruflichen Alltag sammeln. So hat die promovierte Pharmazeutin ein Jahr in der Industrie gearbeitet und in dieser Zeit zwanzig Mitarbeiter im Team geführt.

„Man muss Aufgaben verteilen und sich auf seine Mitarbeiter verlassen können. Dennoch muss klar sein, wer die Entscheidungen auf dem Platz trifft.“

Und wenn dann die Leistung des Schiedsrichtergespanns stimmt, interessierten sich auch viele der Mannschaften nicht mehr dafür, ob eine Frau oder ein Mann die Pfeife in den Mund nehme beziehungsweise an der Seitenlinie assistiere.

Die vermeintlich verstaubte ,Männer-Welt Fußball‘ hat also in Sachen ‚Gleichberechtigung‘ anderen gesellschaftlichen Bereichen bereits einiges voraus.