Die Kunst eines Lebens

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marisa Müller

Ihre Bilder sind ihre Sprache. Ihre Beobachtungsgabe verrät ihr die tief verborgenen Geheimnisse ihrer Gegenüber. Evdokia Kulikova hat den Kampf aufgenommen, den Kampf mit ihrer Vergangenheit, den Kampf um die Zukunft und auch den Kampf mit den kleinen Unwägbarkeiten des Lebens. 

„Verstehen Sie mich“, fragt Evdokia Kulikova immer wieder mit unverkennbar russischem Akzent und schaut dabei aus ihren durchdringenden hellgrünen Augen. Bei ihren Bildern – völlig akzentfrei –, da stimmt für sie die Verständigung. Aber ihr Akzent hindert die Künstlerin nicht daran, ausschweifend aus ihrem Leben zu erzählen.

Vom Wintergarten aus ist der Blick über Northeim atemberaubend schön. In ihrem Garten grünt und blüht es. Rucola und Spinat sind schon erntereif. Dazwischen einige abstrakte Skulpturen aus Metall. „Die mache ich manchmal nur so zum Spaß“, erzählt Kulikova, die als junge Frau in Moskau Kunst studierte. Ihr Vater riet ihr, einen ‚richtigen‘ Beruf zu ergreifen und lehrte seine Tochter die Goldschmiedekunst. Denn die junge Evdokia hatte bereits für ihre eigene kleine Familie zu sorgen. Ihr Sohn Nikita Kulikov, heute ein bekannter Fotograf in Frankfurt am Main, tritt in die kreativen Fußstapfen seiner Familie.

Kulikova macht eine große Geste, deutet mit pink lackierten Nägeln auf ihr Grundstück. „Ich mag es, dass ich hier viel Ruhe genießen kann“, sagt sie. „Auch, dass die Nachbarn nicht so nahe dran sind. So fühle ich mich frei.“ Aber für dieses Gefühl, für Freiheit und Unabhängigkeit hat sie viel gekämpft. Zuerst gegen die eigenen Eltern, dann gegen die ganze UdSSR. Das Regime war übermächtig, Kulikova ein Spielball in den Händen der Funktionäre. Auf Geheiß ihres Professors an der Stroganov Moscow State University of Art überarbeitete Kulikova in den 1980er-Jahren über Nacht eine komplette Serie. Nicht nur, dass die Werke an Linientreue vermissen ließen und Ärger von der Obrigkeit zu befürchten war, nein, auch die Hochschule drohte mit Rausschmiss. Kritik am Sozialismus – undenkbar. Dennoch durfte die junge Russin für Ausstellungen hin und wieder das Land verlassen.

„Italien, die Menschen, die Möglichkeiten, die Freiheit“, erinnert sie sich und seufzt. „Da konnte ich genau sehen, wo die Unterschiede lagen. Und ich wusste, wo ich eines Tages nicht mehr sein wollte.“

Schon als kleines Mädchen wollte sie immer weit weg. In ihrer kindlichen Weltanschauung empfahl sich eine Karriere als Flugbegleiterin. Daraus wurde zum Glück nichts. Mit nur wenigen Koffern und bereit für eine ungewisse Zukunft landete Kulikova 1996 am Frankfurter Flughafen. Sohn Nikita wäre sonst später zum Militär eingezogen worden. Kanonenfutter für die Front, davor wollte ihn seine Mutter bewahren. Noch heute erinnert sie sich an einen steinigen Weg.

„Beruf Künstlerin? Sowas gibt’s hier bei uns in Deutschland nicht!“, erklärte ihr ein reizendes, hessisches Urgestein bei der Meldebehörde. „Und da stand ich dann. Keine Heimat, keine Freunde, keine Wohnung, schlechtes Wetter und auch kein Beruf!“

Heute lacht die 58-Jährige darüber. Sie hat es geschafft. Mit Talent und Willenskraft  hat sie es mit ihren Schmuck-Konzepten weit gebracht. Dann veränderte ein Urlaub alles bisher Dagewesene. Ein norwegischer Fjord, tiefblaues Wasser, Eleganz, braune Augen, ein Blick, ein Augenblick. Die erste Liebe. Seither malt Evdokia Kulikova. Mal abstrakt, mal romantisch, mal expressionistisch angehaucht. Alles darf sein. Denn die Künstlerin hat sich keiner speziellen Richtung verpflichtet. Ebenso, wie sie auch mit Materialien experimentiert. Im Studio ihres Hauses liegen unzählige Ziegel-Muster. Ihre Geschichte: die Menschwerdung. Das Leben stamme aus der Erde, Ton also, darauf eine Figur, religiös anmutend in Kreuzigungspose drapiert.

Und so hat jedes Stück im Haus seine eigene Geschichte, die stets Teile von Kulikovas Vita enthält. Kindheitserinnerungen, Umgang mit Neidern, Ablehnung von Kuratoren – die Bandbreite dessen, womit sich die zierliche Blondine herumschlägt, ist umfangreich. In jedem Bild steckt die Idee, Menschen zu erreichen und sie emotional zu berühren.

„Wenn das gelingt, kann ich mit meiner Kunst die Welt ein bisschen besser machen“, glaubt Kulikova. „Ich habe jahrzehntelang nicht gemalt. Heute will alles aus mir herausfließen“, erklärt sie und rollt dabei das ‚r‘ so herrlich, wie es nur eine echte russische Seele vermag.

Doch erst, wenn alles hundertprozentig durchdacht ist, die Idee in ihrem Kopf aussieht wie das fertige Bild, greift sie zum Pinsel. Blumen sind ihr unbeliebtestes Motiv: schlecht in Szene zu setzen, und es sei schwierig am Gegenstand von Vergissmeinnicht oder Ranunkeln eine tief greifende Story zu erzählen. Dennoch heißt ihr neues Werk ‚Frühling in Syrien‘. Hubschrauber am Himmel, dazu die blühende Farbenpracht des weichenden Winters. „Kriege wird es immer geben, gleichzeitig gibt es aber auch freudige Ereignisse“, sagt sie. Hoffnung gäbe es immer. Kontrolliert und streng mit sich selbst sei sie, erzählt Kulikova weiter. Notwendig, denn so spät in der deutschen Kunstszene Fuß zu fassen, stößt nicht allerorten auf Akzeptanz. Vielen sei sie schlichtweg zu alt, eine Wertsteigerung ihres Werks werde als zu gering eingeschätzt.  Aber gerade das macht für die Künstlerin den Stoff, aus dem gute Geschichten sind. Hübsch, schön, freundlich und nett, das könne schließlich jeder.

Und so landen alle, die bei Evdokia Kulikova bleibenden Eindruck hinterlassen, in irgendeiner Gestalt auf ihrer Leinwand. „Ich habe ja nichts zu verlieren“, sagt sie und ergänzt:

„Als junger Mensch muss man sich anpassen, an Regeln halten, darf nicht immer zu ehrlich sein. Vor allem nicht, wenn man mit der Kunst Geld verdienen will.“

Tiefgründige Gespräche über Kunst, Religion und Literatur, Menschen mit all ihren Facetten, Herausforderungen – dafür brennt die russische Künstlerin. Small Talk könne sie überhaupt nicht leiden, Heucheleien, Unehrlichkeit ebenso wenig. „Ich male nur, was echt und ehrlich ist“, sagt sie freundlich, aber bestimmt. Positives Denken hat Kulikova hart erlernen müssen. Und oftmals ist es auch heute noch ihr Mann, der für sie die Perspektive verschiebt. Tatsächlich gab es bereits Nachahmungen ihrer Werke. Diese wurden der Künstlerin stolz präsentiert. Sehr zu deren Unverständnis, denn letztendlich sind alle ‚Kulikovas‘ zum Verkauf bestimmt. Das sei doch alles nicht so dramatisch, habe ihr Mann gesagt. Schließlich sei das ein Beweis für echtes ,Fantum‘. Ihre erste Liebe ist übrigens – so können die meisten ahnen – zur dauerhaften Institution geworden. Fünf Tage auf dem Kreuzfahrtschiff, da kam bereits der Heiratsantrag. Alles wie in einem Hollywoodstreifen. Russland ist für Evdokia Kulikova heute meilenweit weg, auch gedanklich. In ihren Bildern, ihrer Kunst spielt das Land allerdings in einer vergangenen Version seiner selbst nach wie vor eine entscheidende Rolle. Doch das will nur noch verarbeitet werden. Kunst ist ein Mittel, um Menschen zu erziehen. Aber es erzieht, verändert, prägt und entfaltet auch Evdokia Kulikova. Und wenn das mithilfe der Vergangenheit geschieht, ist ihr das recht – doch an der Zukunft ist sie weitaus mehr interessiert.

Kunst trifft Business

,Bilder malen ist Beruf, Bilder zu verkaufen ist die Kunst‘: Zu diesem Motto hielt Evdokia Kulikova im Februar einen Vortrag beim zehnten Business Breakfast der PFH. Spannend: die Verknüpfung ihres kreativen Schaffens mit dem knallharten Business- Thema. Anschaulich erzählte die russische Malerin von den Schwierigkeiten des Geldverdienens. Bilder von schönen Blumen – sehr beliebt in deutschen Wohnzimmern. Doch diese zu malen sei kaum die Passion der meisten Künstler. Kaufinteressenten mit den eigenen Motiven zu gewinnen, darin bestehe die Herausforderung. Dazu passe auch ein Zitat Picassos: „Ein Maler ist ein Mann, der das malt, was er verkauft. Ein Künstler ist dagegen ein Mann, der das verkauft, was er malt.“


 

Kontakt

Kulikova Art, Weinbergsweg 14 a, 37154 Northeim, Tel. 05551 9199102, kunst@kulikova-art.de