Die Kunst den richtigen Beruf zu finden

© IStockPhoto/Mario Alberto Magallanes Trejo
Text von: Stefan Liebig

„Den Auszubildenden wird in Zukunft der rote Teppich ausgerollt“, prognostizierte Martin Rudolph bereits vot einigen jahren. Der Geschäftsstellenleiter der IHK Göttingen hatte erkannt, dass die rückläufige Zahl von Schulabgängern zu großen Nachwuchssorgen bei den Unternehmen führen würde.

Kürzlich wurde er von den Medien bestätigt, als diese bundesweit verkündeten: „Noch nie seit der Wiedervereinigung haben so wenig junge Menschen eine Lehre begonnen wie 2013.“

Ein Beleg für diese Meldung und Rudolphs Weissagung ist der ‚Azuboni‘ der Bäckerei Ruch. Händeringend sucht die Bäckerei mit inzwischen 60 Filialen nach Nachwuchs. 4 Bäcker und 15 bis 20 Bäckereifachverkäuferauszubildende könnten zum kommenden Ausbildungsstart anfangen.

„Wir finden einfach keine geeigneten Kandidaten“, stöhnt Geschäftsführer Holger Ruch. Daher startete die Bäckerei eine Flyeraktion. Handyvertrag, betriebliche Altersvorsorge und die Finanzierung des Führerscheins winken nach überstandener Probezeit. Ruch hofft, so die Jugendlichen motivieren zu können, „eine Karriere in einer absolut krisensicheren Branche zu starten“.

Die ersten Erfolge liessen nicht lange auf sich warten. Bereits kurz nach der Aktion fanden Vorstellungsgespräche statt. Dabei verweist Ruch auf die positiven Seiten der frühen Arbeitszeiten von Bäckern: „Wenn andere morgens zur Arbeit gehen, kann ein Bäcker sich tagsüber um die Familie kümmern oder den Feierabend am Baggersee verbringen.“ Ähnliche Probleme, Auszubildende zu finden, haben branchenübergreifend inzwischen auch viele andere Unternehmen. Gemeinsam mit diesen entwickelte Ruch in vielen Gesprächen seine Ideen zum ‚Azuboni‘.

Armin Asselmeyer, Geschäftsführer vom Sanitätshaus o.r.t., setzt ebenfalls auf die Zukunftsaussichten seiner Branche und auf die intensive Betreuung seines Fachkräftenachwuchses, die bis zur Entsendung zu Fortbildungen nach Hamburg reicht. Er ist überzeugt von den guten Karrierechancen, die das Handwerk auch ohne Studium bietet (siehe auch Seite 42).

Bei industriellen Betrieben wie etwa dem Moringer Industrieventilatorenhersteller Piller können Dienst- oder Fortbildungsreisen auch über die Landesgrenzen hinausgehen. Zudem verfügen solche Betriebe wie etwa die Göttinger Sartorius AG über hauptberufliche Ausbilder und eine Übernahmequote von über 80 Prozent im Anschluss an die Ausbildung.

Für alle, die sich jetzt für den Weg in eine Ausbildung entscheiden, ist die Gelegenheit günstig wie nie zuvor. Laut der Göttinger Agentur für Arbeit waren Anfang Juni noch 50 Prozent der Ausbildungsplätze unbesetzt. Theoretisch hört sich die Situation für die drei Landkreise Göttingen, Northeim und Osterode gar nicht schlecht an: Auf 2.200 gemeldete Ausbildungsstellen kommen 2.492 Bewerber. Es besteht also eine große Auswahl für alle, die eine Stelle suchen. Gerade im Gesundheitsbereich, in der Hotellerie oder auch in der Finanz- und Versicherungsbranche sind gute und motivierte Bewerber gesucht. Allerdings heißt dies leider längst nicht, dass die Bewerber auch immer zu den offenen Stellen passen.

Um sich gezielt und erfolgreich zu bewerben, muss man sich erstmal klar darüber sein, welcher Beruf angestrebt wird. Gespräche mit Erwachsenen aus dem Bekanntenkreis können da schon deutlich weiterhelfen. Und neutrale Informationen und Hilfestellungen gibt es bei der Agentur für Arbeit und vielen weiteren Institutionen und Internetseiten (siehe Infobox und Seite 63).

Am besten aber ist der gezielte Sprung in die Praxis: Ferien sollten – so oft es geht – für Praktika und Hospitationen in interessanten Unternehmen genutzt werden.

Dafür reicht häufig schon ein bisschen surfen auf der Firmenhomepage oder der zugehörigen Facebook-Seite und ein Telefonat oder eine E-Mail. Wenn die Verantwortlichen Motivation und Kommunikationsfähigkeit erkennen, ist der Weg zum Praxissammeln meistens nicht mehr weit.

Denn in der Realität zeigt sich immer am besten, ob der Beruf den eigenen Vorstellungen und Talenten entspricht oder ob er doch ganz anders ist, als man sich das vorgestellt hat. Außerdem können so auch erste wichtige Kontakte zu möglichen Firmen und späteren Kollegen geknüpft werden.

Erste Kontakte zu den entscheidenden Personen in den Unternehmen lassen sich auch hervorragend auf Ausbildungsmessen herstellen. Bei den inzwischen über 15 Veranstaltungen dieser Art in der Region Südniedersachsen – wie etwa der regelmäßig im Frühjahr stattfindende Göttinger Berufsinformationstag (Göbit) – stellen sich Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen auf eigenen Informationsständen vor. Auch hier hilft es, sich vorher im Internet schon mal schlau zu machen und sich auf die für einen selbst interessantesten Gesprächspartner vorzubereiten. Hinterlässt man bei diesem Erstkontakt einen guten Eindruck, so ist der erste große Schritt in Richtung Ausbildungsplatz bereits getan.

Ab Seite 28 werden einige wahrscheinlich nicht jedem bekannte Ausbildungsberufe vorgestellt. Hier zeigen die Auszubildenden selbst, wie spannend eine gut organisierte Ausbildung in einem Unternehmen sein kann. Viele finden auch gerade abseits von ihrem eigentlichen Traumberuf genau die richtige Aufgabe.

Wie gut eine Arbeit zu einem passt, erkennen die meisten ohnehin erst, wenn sie im Berufsleben stehen und wenn auch das ganze Umfeld mit den Vorgesetzten und Kollegen stimmt. Der erste Schritt in Richtung Traumjob ist nicht einfach. Aber auch, wenn es nicht auf Anhieb mit der Stelle fürs Leben klappt – die Erfahrungen, die man sammelt, helfen mit Sicherheit auch nach einem Wechsel weiter und waren somit nicht vergebens.