Die Kämpferin

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Text von: redaktion

Die Unternehmerin Angelika Hesse bringt das insolvente Göttinger Traditionsunternehmen Carl Giesecke & Sohn wieder auf Vordermann.

Fast 40 000 Firmen trifft es jedes Jahr in Deutschland: Sie müssen den Gang zum Amtsgericht antreten und Insolvenz anmelden. Dass nicht jede Insolvenz das Aus bedeutet, sondern auch ein Neuanfang sein kann, beweist das Göttinger Traditionsunternehmen Carl Giesecke & Sohn. Nachdem es dort bereits seit geraumer Zeit kriselte, war es im Oktober 2005 auch für die 1844 als Orgelbauwerkstatt gegründete Firma soweit: 40 Mitarbeiter standen plötzlich vor dem Nichts. Auch Angelika Hesse, die vor 28 Jahren in dem Unternehmen als Bürokauffrau anfing und sich als Autodidaktin bis zur Technischen Leiterin hocharbeitete.

Das Unternehmen baut hochwertige Zungenstimmen und Labialpfeifen für Orgeln in einem sehr speziellen Markt, der seine eigenen Gesetze hat: Durchkalkuliert wurden Preise für die Ausstattung von Orgeln bislang meist nicht. Denn wer von Giesecke eine Orgel ausstatten lassen wollte, fragte nicht nach dem Preis – er klärte allenfalls die Details, wartete auf die Lieferung und zahlte.

Doch hier bewies sich, dass Routine mitunter tödlich sein kann. „Der Markt hat sich schleichend gewandelt, auch Kirchen und Konzertsäle mussten ja in den vergangenen Jahren sparen. Aber wir haben weiter einfach unsere Arbeit gemacht und nicht gemerkt, dass wir keine Insel sind“, erinnert sich Angelika Hesse. Denn diese Marktentwicklung hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren offenbar verschlafen. Durchkalkuliert wurden die Preise nicht – auch wenn beispielsweise bei der Preisgestaltung nicht berücksichtigt wurde, dass ein Kilogramm eines Spezialdrahtes stolze 95 Euro kostete. Die Folge: Einige Aufträge blieben aus, und andere Aufträge, die das Unternehmen bekam, deckten nicht einmal die Kosten.

Auch ein Nachfahre des Firmengründers, der für eineinhalb Jahre mit großem persönlichen Einsatz das Zepter übernahm und den Betrieb zu retten versuchte, konnte an der Entwicklung nichts ändern. Obwohl die Beschäftigten große Hoffnungen in den jungen Mann setzten, kam es zu Differenzen zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern.

Zudem ging dem Unternehmen das Geld aufgrund zu großer Altlasten aus, Löhne wurden verspätet gezahlt, die Mitarbeiter waren unmotiviert, was zu mangelhaften Produkten und verärgerten Kunden führte. Es folgte der Ausstand der Mitarbeiter, die Insolvenz war nicht aufzuhalten.

Während die Beschäftigten im Oktober 2005 vorm Werkstor standen, weil sie seit drei Monaten keinen Lohn mehr erhalten hatten, warf die Geschäftsführung schließlich das Handtuch und meldete Insolvenz an.

„Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich das nicht gemacht.“

Unterdessen hielt Angelika Hesse im Büro die Stellung: „Einer musste ja die Telefonate annehmen und die Kunden vertrösten.“

Einige Aufträge wurden storniert, andere hatte das Unternehmen noch, sodass vorerst unter der Leitung des Göttinger Insolvenzverwalters Burghard Wegener weitergearbeitet wurde. Als dieser keine Interessenten für das Unternehmen fand, schien es für alle Beteiligten nur eine Frage der Zeit, bis das Unternehmen endgültig schließen würde.

Doch es kam anders. Für Hesse zumindest kam es nicht in Frage, den Kopf in den Sand zu stecken, obwohl sie gute Job-Chancen im Ausland gehabt hätte: „Ich hänge an diesem Betrieb und stehe wie viele Mitarbeiter voll dahinter.“

Nachdem sowohl sie als auch Insolvenzverwalter Wegener von vielen Kunden ermutigt wurden, das traditionsreiche Geschäft weiterzuführen und sich zudem weitere Aufträge ankündigten, berieten Wegener und Hesse im November 2005, ob und wie das Traditionsunternehmen unter der Leitung von Hesse weitergeführt werden könne.

Von Anfang an war allerdings allen Beteiligten klar, dass es ein „weiter so“ mit Schulden und 40 Mitarbeitern bei einer Lohnintensität von 70 Prozent nicht geben könne. Wegener sowie externe Berater zeigten Hesse auf, wie der Firma ein Neuanfang gelingen könnte.

Gute Noten stellt Hesse heute der Sparkasse als ihrer Hausbank aus. Als Stolperstein erwies sich hingegen die Gewerkschaft, mit der nur unter größten Anstrengungen ein Sanierungstarifvertrag zustande gebracht werden konnte. „Es ging um wenige Stunden, das ganze Projekt hing am seidenen Faden. Ich war mehrmals kurz davor, alles hinzuschmeißen.“

Tag und Nacht arbeitete sie an einem Businessplan, zur Hilfe kam ihr dabei ein Abendstudium, das sie erst kurz zuvor abgeschlossen hatte. Ende Januar 2006 gründete sie schließlich die Giesecke GmbH, übernahm im Mai dann 19 der einst 40 Mitarbeiter, mietete die Büros und Werkstatträume und erwarb neben den Maschinen auch die Kundenkartei.

Was so einfach klingt, war nicht ohne: „Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich das nicht gemacht.“ Ausgleich suchte sie beim Sport, Unterstützung erfuhr sie in dieser Zeit von ihrem Lebensgefährten, ihrem Sohn und vielen Freunden.

Mit 55 Jahren arbeiten andere Menschen auf ihre Rente hin – Angelika Hesse hat hingegen einen Neuanfang gewagt. Bereut hat sie diese Entscheidung nicht – „auch wenn es 1 000 Dinge gibt, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber das Konzept geht bislang so auf, wie ich es ausgerechnet habe.“ Es gäbe eine breite Unterstützung der Kunden: Bereits im August gab es schon so viele Aufträge, die das Unternehmen für die Auslastung in diesem Jahr braucht. Aber vor allem: „Die Mitarbeiter tragen das mit und stehen hinter der Sache.“ Sogar eine kleine Übernahmefeier richteten sie für ihre neue Chefin aus.

Weil Hesse schon früh große Verantwortung im Unternehmen unternahm, kommt sie auch mit ihrer neuen Rolle gut zurecht – mit einem Unterschied: Jetzt hat sie Einblick in die Bücher und muss diese verantworten. Ihr Ziel für 2006 ist eine schwarze Null bei einem Jahresumsatz von 1,2 Millionen Euro und 19 Mitarbeitern. Die künftige Ausrichtung der Firma ist für Angelika Hesse klar: „Wir bauen individuelle und sehr hochwertige Produkte. Und das ist unsere einzige Chance.“

Auch Insolvenzverwalter Burkhard Wegener ist zufrieden: „Hochachtung vor Frau Hesse. Das ist vom Ergebnis her optimal gelaufen.“ Bei der Giesecke- Insolvenz habe sich gezeigt, dass es von Mitarbeiter- und Kundenseite ein Interesse am Fortbestand der Firma gebe. Hinzu komme, dass der Betrieb am Markt einen großen Namen habe: „Da ist ein Knowhow vorhanden, dass es wert ist, erhalten zu bleiben“, sagt Wegener. Auch für die Gesellschafter der bisherigen Firma sei die „übertragende Sanierung“ besser gewesen als eine Zerschlagung des Unternehmens. In vielen insolventen Firmen gebe es allerdings keine Werte mehr, die man erhalten könne. Wegener schätzt für die Region Göttingen, dass sich etwa bei der Hälfte der insolventen Firmen ein Rettungsversuch lohne – aber lediglich ein Fünftel so erfolgreich laufe wie im Fall Giesecke.

Das Orgelbauunternehmen wurde 1844 vom Orgelbauer Carl Giesecke gegründet. Von ihm stammen rund 60 Orgeln in der Region Göttingen, etwa die in Rosdorf und Moringen. Die handwerklichen Fähigkeiten des Firmengründers blieben auch anderen Orgelbauern nicht verborgen, die Zungenstimmen und Labialpfeifen bei Giesecke orderten – und der sich schließlich ganz auf die Produktion konzentrierte. Heute ist das Unternehmen einer der weltweit größten Hersteller von individuellen Zungenstimmen und Labialpfeifen.

Die zwischen wenigen Zentimetern und 14 Meter großen Göttinger Handwerkskünste sind im Passauer Dom ebenso zu finden wie in der Münchener Liebfrauenkirche und der vor vier Jahren eingeweihten Kathedrale von Los Angeles.