Die Jobmaschine Wissenschaft

Text von: Christian Mühlhausen

Die wissenschaftlichen Einrichtungen sind ein wichtiger Standortfaktor – sie sind Impulsgeber und bringen Geld in die Region.

Georg August von Hannover würde seinen Augen nicht trauen, wenn er in diesen Tagen mal wieder in Göttingen vorbeischauen würde: Nicht nur, dass aus dem kleinen Städtchen ein ansehnliches Oberzentrum mit guter Infrastruktur geworden ist.

Nein, auch aus der kleinen Universität, die 1737 in seinem Namen als König von Großbritannien und zugleich Kurfürst von Hannover gegründet wurde, hat sich ein prosperierendes Unternehmen entwickelt, das den Takt der regionalen Wirtschaft entscheidend beeinflusst und an unzähligen Schnittstellen mit Betrieben aus der Region auf unterschiedlichste Weise verknüpft ist.

Rund um die Uni als Keimzelle ist im Laufe der Zeit zudem ein ganzes Konglomerat an weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen entstanden. Die altehrwürdige Georgia Augusta, heute international bedeutende Universität mit enormer Fächervielfalt, 24.000 Studierenden und eine der größten Hochschulen Deutschlands, ist allgegenwärtig.

Die Wissenschaft als Standortfaktor strahlt weit über die Stadtgrenzen hinaus: Sie ist für viele Wirtschaftsbereiche der Region ein kontinuierlicher, ein verlässlicher Motor – gerade in einem derzeit weniger positiven konjunkturellen Umfeld. Der Fachdienst Statistik der Stadt Göttingen stellte jüngst in seiner neuesten Erhebung fest: „Der Wissenschaftssektor ist in Göttingen nach wie vor die größte Jobmaschine.“

Was heißt das konkret? Zum einen, dass 2006 fast 17.000 Menschen in Göttingen im Wissenschaftssektor Arbeit fanden – über 13.000 waren es allein bei der Uni Göttingen inklusive der Humanmedizin. Auch wenn sich etliche einfache Arbeitsverhältnisse darunter befinden, ist doch davon auszugehen, dass ein Großteil der Jobs eine höhere Qualifikation erfordert.

Dies bringt entsprechend hohe Einkommen mit sich und dadurch auch eine größere Kaufkraft der Uni-Bediensteten. Im Jahr 2000 – aus diesem Jahr stammt die letzte Erhebung der Stadt – lag die Zahl der Beschäftigten noch um 3,6 Prozent niedriger. Anhaltspunkte für die daraus resultierende Kaufkraft liefern die Ausgaben der Wissenschaft für Personal: Über 635 Millionen Euro gab der Wissenschaftssektor in Göttingen für seine Mitarbeiter aus.

Nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung bleibt die Hälfte davon den Beschäftigten als Kaufkraft – dieses Geld wird wiederum zu 80 Prozent regional und lokal ausgegeben. Doch die Wissenschaft hat für Stadt und Region weit mehr Bedeutung als nur die Arbeitsplätze: Der gesamte Wissenschaftssektor im Bereich Göttingen, so haben die Statistiker im Göttinger Rathaus herausgefunden, gab allein 2006 rund 1,1 Milliarden Euro (inklusive Personalausgaben) aus (davon 100 Millionen Euro Bau- und laufende Investitionen) – eine stolze Summe und gegenüber dem Jahr 2000 ein Plus von satten 25 Prozent.

„Erfahrungen der Stadt Göttingen zeigen, dass Bauaufträge häufig in der Region vergeben werden. Auch bei größeren Aufträgen kommen überwiegend in der Region ansässige Subunternehmer zum Zuge“, sagen dazu die Göttinger Statistiker. Zahlen, auf die auch Göttingens Oberbürgermeister Wolfgang Meyer mit Zufriedenheit blickt.

„Die Ergebnisse der Erhebung machen die zentrale Bedeutung der Wissenschaftseinrichtungen für das Wirtschaftsleben und den Beschäftigungsmarkt in der Stadt, aber auch in der Region deutlich“, so Meyer. Die Georg-August-Universität habe dabei einen besonderen Stellenwert. „Dieser werde wegen der Umsetzung des im Rahmen der Exzellenzinitiative ausgezeichneten Zukunftsprogramms der Universität noch weiter wachsen.“

Stichwort Exzellenz: Dass die Uni Göttingen auch künftig führend sein wird und dabei die gesamte Region mitzieht und dass Studenten aus aller Welt die Gänselieselstadt als Studienort weiterhin schätzen, dafür soll auch das Zukunftskonzept „Göttingen. Tradition – Innovation – Autonomie“ sorgen. Hiermit gelang es der Georgia Augusta im vergangenen Jahr, den begehrten Titel der „Exzellenz-Universität“ zu erhalten (siehe faktor 02/08 sowie Hintergrund).

Doch zum Wirtschaftsfaktor Wissenschaft gehört weit mehr als das, was von außen das Signet „Georg-August-Universität“ trägt. Vielmehr wird die Georgia Augusta umgeben von einer außeruniversitären, forschungsgeprägten Dunstglocke, mit der sie eng verwoben ist: Gleich fünf Max-Planck-Institute, die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, das Deutsche Primatenzentrum und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt sind in Göttingen beheimatet und bilden zusammen mit der Uni einen in Deutschland wohl einmaligen Kooperationsverbund in Forschung und Lehre.

Gemeinsam wird in speziellen Sonderforschungsbereichen gearbeitet, werden Graduiertenkollegs und Infrastruktureinrichtungen unterhalten sowie institutionenübergreifend Professuren berufen. Und als sei das nicht genug, haben mit der Privaten Fachhochschule Göttingen (PFH) sowie der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, FH Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK) mit ihren beiden Standorten am Uni-Nordbereich sowie den Zietenterrassen gleich zwei Fachhochschulen Standorte in der Stadt, die Wissen schafft.

Die Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Unternehmen sind vielfältig. Eine Win-Win-Situation, denn für Wissenschaftseinrichtungen wie auch für die Wirtschaft bringt die Symbiose Vorteile. Das bestätigt auch Sven Raguse, Geschäftsführer der BAT Betonabbautechnik GmbH aus Göttingen-Grone: „Es ist gut, dass hier auch örtliche Unternehmen zum Zuge kommen. Wir kennen alle Gebäude in- und auswendig.

Es gibt fast kein Gebäude, in dem wir noch nicht gebohrt oder gesägt haben. Und wir sind auch kurzfristig einsatzbereit.“ Das Unternehmen, das zwölf Mitarbeiter beschäftigt, ist regelmäßig in den Gebäuden der Uni und anderen Wissenschaftseinrichtungen unterwegs: „Es müssen immer irgendwo Versorgungsleitungen verlegt, neue Türen eingebaut oder Decken verändert werden“, so Raguse. Beim kompletten Umbau der Heizzentrale sei man ebenso beteiligt gewesen wie bei der Sanierung des ausgebrannten Oeconomicums.

Ein besonders starker Wirtschaftsfaktor ist das Studentenwerk Göttingen, das sich binnen der 85 Jahre seines Bestehens von einer Selbsthilfeorganisation zu einem Gastronomiegiganten und einer Wohnungsgesellschaft mit 400 Mitarbeitern gemausert hat: In sechs Mensen werden täglich bis zu 14.000 Portionen Essen für Studierende und Mitarbeiter zubereitet, außerdem müssen 50 Wohnobjekte mit 4.800 Wohnplätzen verwaltet und immer wieder einmal instand gesetzt werden.

Was bis zu 14.000 Essen pro Tag bedeuten, weiß Erika Fandrey-Rannenberg vom Fruchthandel Fandrey GmbH aus Göttingen-Weende nur allzu gut.Seit 55 Jahren macht sie den Job. Das Unternehmen beliefert nicht nur Gastronomie und Kantinen im Umkreis von 50 Kilometern, sondern seit über 30 Jahren auch das Studentenwerk Göttingen. 500 Kilogramm Bananen, 100 Kisten Tomaten, 600 Kilo-gramm Äpfel – wöchentlich bekommt sie eine Liste mit dem benötigten Bedarf und erstellt daraufhin ein Angebot.

Mal erhält sie den Zuschlag, mal einer der drei Wettbewerber. „Für mich als alteingesessene Göttingerin ist das ein schönes Gefühl, die Mensa zu beliefern.“ Das sei auch ein Aushängeschild für den Fruchthandel: „Wer die Mensa seit so vielen Jahren beliefert, der ist selbstverständlich verlässlich.“

Auch das Studentenwerk profitiere: Wenn Ware fehle oder mehr benötigt werde, liefere man natürlich auch kurzfristig. Ebenso sind Handwerker und Dienstleister aus der Region regelmäßig in den Immobilien des Studentenwerkes unterwegs: „Wir geben in diesem Jahr zwei Millionen Euro für die Instandhaltung in Mensen, Cafeterien und Wohnheimen aus“, sagt Britta Marquardt, Leiterin der bau- und betriebstechnischen Abteilung des Studentenwerkes.

Ein Großteil der Arbeiten gehe – natürlich unter Berücksichtigung des Vergaberechtes – an regionale Firmen, erklärt Marquardt. Die seien schnell und kurzfristig verfügbar, gut organisiert und lieferten eine hochwertige Arbeit: „Wir haben mit den regionalen Unternehmen gute Erfahrungen gemacht. „Obwohl der Großumbau der Zentralmensa europaweit ausgeschrieben wurde, sind auch bei diesem Projekt, das über die Uni unter Mitwirkung des Studentenwerkes abgewickelt wird, etliche Firmen aus der Region beteiligt: Innerhalb von zweieinhalb Jahren werden hier 16,5 Millionen Euro investiert, im Herbst 2009 soll alles fertig sein.

Größter Arbeitgeber mit immer noch 6.800 Arbeitsplätzen trotz Stellenabbaus ist das Uniklinikum. Der gewaltige Haushalt von 440 Millionen Euro wird mit 120 Millionen Euro aus Landeszuschüssen, 31 Millionen Euro aus Drittmitteln, drei Millionen Euro aus Studiengebühren, aber zum größten Teil aus eigenständig erwirtschafteten Mitteln (Krankenkassen etc.) gestemmt. Überwiegend regionale Handwerker und Dienstleister, so Pressesprecher Stefan Weller, halten das Klinikum in Schuss.

Mit etlichen habe man auch Rahmenverträge über regelmäßige und laufende Arbeiten abgeschlossen. Das gelte auch bei Nahrungsmitteln – etwa Backwaren –, wo man die kurzen Wege besonders schätze. Die Wissenschaft als Brötchen- und Impulsgeber der regionalen Wirtschaft: Immer wieder ist aber auch die Wissenschaft selbst die Wiege für ein neues Unternehmen. Und das nicht erst, seit es so tolle Worte wie „Spin-Off“, „Seed-Finanzierungen“ und „Start-Up“ gibt und sich die Hochschulen mit Existenzgründerberatungsstellen, Venture-Capital und Gründerwettbewerben die Geburt neuer Unternehmen einiges kosten lassen.

Prominentestes lokales Beispiel ist der Göttinger Florenz Sartorius, der beim Universitätsmechaniker Apel sein Handwerk gelernt hatte, 24-jährig in der Groner Straße eine feinmechanische Werkstatt eröffnete und mit Analysewaagen aus Aluminium schnell erfolgreich wurde. Aus der kleinen Werkstatt ist heute mit der Sartorius AG ein international agierender Konzern mit über 4.500 Mitarbeitern weltweit und über einer halben Milliarde Euro Umsatz geworden.

Die Liste der Unternehmen, die aus dem universitären Umfeld in Göttingen und der Region entstanden sind, ist lang. Jährlich werden etwa zehn Unternehmen gegründet, die auf neuartigem Wissen oder Technologien aus dem Universitätsumfeld beruhen – wobei es auch schon einmal doppelt so viele waren. Etliche von ihnen listet die Internetseite der Existenzgründungsberatung der Uni auf: Von A wie advertimes/advertools bis Z wie Zelt e.V.

„Die Beratungen sind sehr speziell, da universitäre Gründer – besonders Professoren – oftmals sehr weit weg sind von der Wirtschaft“, sagt Gründungsberater Kai Blanck, der seit 2001 an der Uni Studierende, Mitarbeiter und Professoren bei ihren Vorhaben unterstützt. Deshalb steht er nicht nur beratend zur Seite nicht, sondern führt auch Gründungswillige aus unterschiedlichen Bereichen zu Teams zusammen. Ein nicht immer leichtes Geschäft: Göttingens Gründerkultur leide vor allem an der Einstellung vieler Professoren.

Blanck beschreibt das als Gauss-Phänomen: „Carl Friedrich Gauss hat in Göttingen die elektronische Kommunikation erfunden, die Verwertung lag ihm aber nicht am Herzen. Die Geschäfte wurden damit woanders gemacht.“ So sei es auch vielfach noch heute bei Professoren und Hochschulleitung.

Im Januar wechselt Blanck als Gründungsberater an die Uni Heidelberg. Ob seine Stelle in Göttingen, die vor zwei Jahren um 50 Prozent reduziert wurde, wieder besetzt wird, ist ungewiss. Zu den erfolgreichsten Gründungen zählen unter anderem die Trinos GmbH, die 1996 vom Physiker Marcus Weinhagen und dem Betriebswirtschaftler Peter Spreitz gegründet wurde (siehe faktor 2/2006) und heute 150 Mitarbeiter beschäftigt sowie 17 Millionen Euro Umsatz erzielt.

Auch die Spiller, Zühlsdorf + Voss Agrifood Consulting GmbH ist mit der Uni eng verbunden. Als Spinn-Off des renommierten Lehrstuhls „Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte“ berät das Unternehmen Kunden aus der Agrar- und Ernährungsindustrie. „Bei unseren Forschungsprojekten sind wir immer wieder auf das fehlende Angebot an qualifizierter Beratung für die Branche angesprochen worden“, sagt Lehrstuhlinhaber Achim Spiller.

„Mit Agrifood Consulting stehen uns nun professionelle Strukturen zur Verfügung, die dem Beratungsbedarf der Branche Rechnung tragen und einen Praxistransfer aktueller Forschungsergebnisse leisten können.“ Gesellschafter des Unternehmens ist neben Spiller auch das Geschäftsführerduo Anke Zühlsdorf sowie Julian Voss. „Wir haben in den ersten Monaten unserer Geschäftstätigkeit intensiv Marktnischen aufgespürt und für diese – in Kooperation mit anderen Unternehmen – interessante Produkte entwickelt“, erklärt Zühlsdorf.

Das Konzept der Unternehmensberatung sowie der Know-How-Transfer am Beispiel der Dissertation von Julian Voss wurde jüngst mit dem AgriFoodBusiness-Preis der Verbindungsstelle Landwirtschaft-Industrie – einem der wichtigsten Branchenoskars – ausgezeichnet. „Mit dem Konzept der Agrifood Consulting haben wir uns schnell Beratungsbudgets bei namhaften Unternehmen sichern können“, so Voss.

Therapeutisch aktive Wirkstoffe zielgerichtet in menschliche Zellen einzuschleusen und so neuartigen biologischen Wirkstoffen, denen der Zugang zur Zelle bislang wegen ihrer Größe verwehrt ist, mit dem Prinzip eines „Trojanischen Pferdes“ überhaupt erst in die Zellen zu bekommen – das hat sich die junge Biotech-Firma „VD2Tec“ zum Ziel gesetzt. Durch diese neuartige Methode könnten auch bestehende Medikamente besser und mit weniger Nebenwirkungen eingesetzt werden. „Erste Versuche sind sehr viel versprechend“, sagt Chemiker Heiko Manninga, der bislang am MPI für biophysikalische Chemie beschäftigt war und derzeit an der Finanzierung des Unternehmens arbeitet.

Für eine solide Finanzierung benötigt das Start-Up bis zu drei Millionen Euro. „Das ist derzeit leider nicht einfach“, so Manninga, die geplatzte BioTech-Blase 2001 habe „viel Geld verbrannt“. Gemeinsam mit den Naturwissenschaftlern Ingo Wilke, Wolfgang Lüke und Jens Gruber beschreitet er dennoch diesen Weg. Göttingen als Firmensitz sei bewusst gewählt: „Hier haben wir unsere Netzwerke – und Göttingen ist ein guter Biotech-Standort.“

Er wundere sich aber, dass es bei der großen Anzahl an Wissenschaftlern und Wissens-Output nicht zu mehr Gründungen in diesem Bereich komme. Auch aufgrund der fehlenden Ingenieurswissenschaften an der Uni Göttingen haben die Ausgründungen hier tendenziell weniger als anderswo einen technologischen Hintergrund. Die adiungi GmbH etwa, die im Februar 2008 entstand, ist aus der akademischen Selbstverwaltung entstanden: Die Physiker Andrea Fiege und Andreas Sorge sowie der Volkswirt Andreas Lompe engagierten sich lange Zeit als Studierendenvertreter in den universitären Gremien wie Fakultätsrat, Arbeitsgruppen und Kommissionen. „Im Laufe der Zeit eignet man sich da einiges an Wissen an“, sagt Andreas Lompe.

Wissen über die Organisation von Lehre und Forschung, von Prüfungsgestaltungen und Umstellung von Studiengängen. Gemeinsam mit Mitgesellschafter Reiner Kree, Professor an der Fakultät für Physik, wird dieses Wissen jetzt auch anderen Hochschulen zur Verfügung gestellt. Demnächst sogar bundesweit. Bislang werden Kunden aus dem Umfeld der Uni und der PFH beraten und betreut – etwa bei der Evaluation, dem Marketing und der Alumnibetreuung. In der Stadt, die Wissen schafft, entsteht kontinuierlich Substanz, die Potenziale für wirtschaftliche Betätigungen bietet.

Nutzt Göttingen diese Möglichkeiten? „Für eine eher grundlagenorientierte Universität sind wir auf einem guten Weg“, sagt Markus Hoppe, Vizepräsident der Universität, und verweist auf die Existenzgründerberatungsstelle sowie die Technologietransferstelle der Uni. Man könne Göttingen jedoch nicht mit Hochschulen vergleichen, die die Ingenieurswissenschaften mit im Programm hätten.

Insgesamt, so Hoppe, sei das Miteinander von Wirtschaft und Wissenschaft sehr positiv. So bringe man derzeit unter der Federführung von Oberbürgermeister Wolfgang Meyer und zusammen mit weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen sowie vielen „namhaften Unternehmen“ der regionalen Wirtschaft eine gemeinsame Spitzenclusterinitiative auf den Weg, bei der auch der Wissenstransfer eine große Rolle spiele. Näheres will Hoppe im Hinblick auf die laufenden Gespräche noch nicht sagen. „Es ist aber vorbildlich, wie hier Wirtschaft und Wissenschaft an einem Strang ziehen.“

Um das aus der Uni entstandene Technologiepotenzial noch besser zu nutzen, sei 2004 die „MBM Science Bridge“ – eine 100-prozentige Tochter der Uni – gegründet worden, die sich einerseits um die Patentvermarktung kümmert, andererseits aber auch bei den Wissenschaftlern das Bewusstsein für Patente schärfen soll. Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gibt es etliche. An einer dockt das Göttinger Unternehmen Sycor an, das derzeit mit 10.000 Euro pro Jahr die Ausbildung von Informatiklehrern an der Uni Göttingen unterstützt.

Freilich nicht ganz uneigennützlich: „Als IT-Dienstleister sind wir ständig auf der Suche nach qualifizierten Bewerbern, um kontinuierlich wachsen zu können“, sagt Geschäftsführer Marko Weinrich. Gemeinsam mit dem Institut für Informatik der Universität Göttingen wolle man dazu beitragen, schon früh die Begeisterung für die Informatik zu wecken und das Niveau der Ausbildung zu verbessern.

„Davon werden wir langfristig profitieren.“ Für Sycor nicht das erste Engagement an der Uni: Von 2000 an sicherte das Unternehmen mit einer Million Mark die Anfinanzierung einer Stiftungsprofessur im Studiengang „Angewandte Informatik“ – letztendlich auch, um darüber vor Ort qualifizierte Nachwuchskräfte zu gewinnen. Aus dem Hörsaal in die Praxis – traditionell nah an der Wirtschaft ist die Private Fachhochschule Göttingen. Die Hochschule mit derzeit 220 Management-Studierenden kann neben Kooperationen mit international renommierten Unternehmen auch auf Dutzende gemeinsame regionale Projekte verweisen – aktuell etwa mit der Northeimer ContiTech, Otto Bock Health Care aus Duderstadt, der Bäckerei Thiele aus Göttingen oder dem Möbelhaus Bäucke aus Northeim.

„Wir freuen uns über jedes Unternehmen, das eine betriebswirtschaftliche Fragestellung mit uns lösen will“, sagt Hochschulpräsident Bernt Sierke. Die Unternehmen erwartet neben aktuellem wissenschaftlichem Know-how eine „studentische, frische Sichtweise“ auf die Situation. Neben Otto-Bock-Chef Hans Georg Näder, seit 2005 Honorarprofessor an der PFH, werden Vorlesungen und Seminare auch von anderen Praktikern gehalten oder mit gestaltet.

Neben Projekten, Praktika und Abschlussarbeiten gebe es noch weitere Schnittstellen zur Wirtschaft, so Sierke. Mit der Gründung des „Instituts zur Synchronisation technologiebasierter Kooperations-, Innovations- und Bildungsprozesse“ (SKIB) schaffe die PFH gemeinsam mit der Sperlich GmbH eine Plattform, die Technologie-Transfer aus der Wissenschaft in die Praxis wirksam beschleunige.

Keine Hochschulen ohne die Studierenden: Sie stellen für die Unternehmen der Region nicht nur potenzielle Arbeitnehmer dar, sie tragen auch ein gehöriges Stück zur regionalen Kaufkraft bei. Bei monatlich durchschnittlich 730 Euro Einnahmen pro Studierendem, von denen 70 Prozent für Güter und Leistungen in der Region ausgegeben werden, kommen die Statistiker im Göttinger Rathaus auf jährliche regionale Ausgaben durch Studierende von 158 Millionen Euro – mehr als sämtliche außeruniversitäre Forschungseinrichtungen in Göttingen jährlich überhaupt ausgeben.