Die Idee lebt weiter

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig, redaktion

Schätzing, Willemsen, Villazón, von Schirach in diesem Jahr, Grass, Rowohlt, Harris in früheren Auflagen – das größte norddeutsche Literaturfestival, der Göttinger Literaturherbst, findet vom 10. bis 19. Oktober bereits zum 23. Mal statt und beeindruckt einmal mehr mit einem namhaften Programm.

Jedoch gilt es einen schweren Schicksalsschlag zu überwinden: Der Tod Christoph Reisners, Erfinder der Veranstaltungsreihe, im März dieses Jahres hinterlässt eine große Lücke. Mit seinem Namen waren die bisherigen Festivals untrennbar verbunden. Wie es mit der bundesweit bekannten Veranstaltung weitergeht, berichten Geschäftsführer Johannes-Peter Herberhold und die Leiterin der Festivalorganisation, Yatiker Yildiz.

Herr Herberhold, vor einem halben Jahr erhielten Sie die Nachricht von Christoph Reisners Tod. Waren Sie durch seine lange Krankheit und seine Zeit im Koma darauf vorbereitet?

Herberhold: Ich habe mit ihm im Herbst 2013 vor seiner letzten Operation gesprochen. Bei allem Risiko, das eine Gehirnoperation mit sich bringt, hatte ich aber doch nicht mit dem Schlimmsten gerechnet. Selbst in der mehrmonatigen Komaphase glaubte ich an seine Genesung. Aber die Hoffnung erfüllte sich leider nicht. Der Tod war ein Schock für mich. Mein Trost ist, dass ich seine Arbeit weiterführe.

Frau Yildiz, wie hat sich die Arbeit geändert nach dem Tod von Christoph Reisner?

Yildiz: Durch die Verschlimmerung seiner Krankheit waren alle gefordert, das von ihm geplante Programm umzusetzen. Wir sind froh, dies in seinem Sinne geschafft zu haben. Das wäre ohne die vorherige, jahrelange und vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht möglich gewesen. Das größte Lob war es, dass mehrere Leute sagten, man habe die Probleme gar nicht bemerkt. Nach seinem Tod war es überwältigend, wie viel Anteilnahme wir erfahren haben.

Inwiefern halten Sie an den Strukturen des Literaturherbstes fest, welche Änderungen gibt es?

Herberhold: Christoph Reisner und der Literaturherbst waren eigentlich nicht zu trennen. Wir führen das Projekt in seinem Sinne fort. Yildiz: Die GmbH gibt uns Planungssicherheit, und dazu werden wir auch die Arbeit des Fördervereins forcieren, um durch den Zugewinn von Sponsoren eine noch größere finanzielle Sicherheit herzustellen.

Sie möchten das Projekt im Sinne von Reisner fortführen. Was heißt das im Detail?

Yildiz: Wir möchten die Qualität, für die wir weit über Göttingen hinaus bekannt sind, noch weiter erhöhen. Auch die Veranstaltungszahl soll weiter steigen. 2013 organisierten wir 30 Veranstaltungen, in diesem Jahr sind es bereits 50. Herberhold: Ein zentrales Projekt ist unsere Expansion in die Nachbarstädte und -landkreise. Wir sind positiv überrascht von dem großen Interesse an dieser Idee. In Zukunft sollen etwa 20 Prozent der Veranstaltungen außerhalb Göttingens stattfinden und die Besucherzahl in den fünfstelligen Bereich wachsen. Dies ist eines der Ziele, die wegen Christophs langer Krankheit nicht angegangen werden konnten.

Eine Neuerung ist die Kooperation mit dem Literarischen Zentrum. Wie kommt es dazu?

Herberhold: Das Verhältnis war historisch bedingt gespannt. Wir haben die Chance zu einer Bündelung der Interessen ergriffen und sind begeistert, was in so kurzer Zeit schon entstanden ist. Zusammen profitieren wir von unseren guten Netzwerken.

Auch mit der Wissenschaft gibt es interessante Projekte, beispielsweise erklärt ‚Wunderwelt Bernstein‘ die faszinierenden Fossilien, und es werden mathematische Rätsel vorgestellt. Wie kam diese Programmreihe mit immerhin acht Veranstaltungen zustande?

Yildiz: Wissenschaftliche Themen erleben in den vergangenen Jahren großen Zuspruch. Fernsehsendungen und Bücher haben neue Wege gefunden, den oft trockenen Stoff lebhaft zu präsentieren. Der gut eingebundene Wissenschaftsstandort soll ein Alleinstellungsmerkmal für unser Literaturfestival sein.

Was tun Sie, um das Festival in die Stadt einzubinden?

Yildiz: Bislang fehlte uns ein Festivalzentrum. Diesen Mittelpunkt bieten wir mit dem Festivalcafé im Apex. Hier kann diskutiert werden, hier trifft man die Autoren, und hier gibt es am letzten Tag eine Abschlussparty. Wir werden das mit Beflaggung in der Stadt auch noch weiter unterstreichen und so die Bevölkerung mehr einbinden.

Wie ordnen Sie den Stellenwert des Göttinger Literaturherbstes ein?

Herberhold: Wir sind einer der großen deutschen Literaturveranstaltungen. Für Göttingen und die Region ist es eine der herausragenden kulturellen Veranstaltungen des Jahres. Durch die ideenreichen Präsentationsformen sprechen wir nicht mehr nur die Bücherwürmer an. Jede Veranstaltung hat etwas Einzigartiges, wie Diskussionen mit Stimmen aus dem Off oder musicalartige Darstellungen der Buchinhalte. Ein Beleg für unsere überregionale Bedeutung ist die Zusage von Star-Tenor Rolando Villazón, der nur zwei Buchpräsentationen in Deutschland plant – eine davon in der Göttinger Lokhalle. Diesen besonderen Stellenwert möchten wir etablieren und weiter ausbauen. Das diesjährige Programm ist ein guter Schritt in diese Richtung.

Zu den Personen

Johannes-Peter Herberhold Der 51-jährige Geschäftsführer kam vor 30 Jahren zum Studium nach Göttingen. Der Werbekaufmann ist seit 21 Jahren technischer Leiter des Göttinger Literaturherbstes und war eng befreundet mit Christoph Reisner. Yatiker Yildiz Die Leiterin der Festivalorganisation lernte den Literaturherbst von der Pike auf kennen. Die examinierte Literaturwissenschaftlerin startete vor zehn Jahren als Praktikantin und arbeitete später an der Abendkasse, bevor sie die Öffentlichkeitsarbeit übernahm.

Kontakt

Karten und Programminfos: Göttinger Literaturherbst GmbH, Hospitalstraße 12, 37073 Göttingen, Tel. 0551 50766972, www.literaturherbst.com