Die Hexe muss weg!

©Harzkind
Text von: Stefan Liebig

,Harzkinder‘ lehnen sich gegen das ,Beige-Hosen-Image‘ auf.

Interessant, was Journalisten zuweilen auslösen können: Ein dpa-Redakteur brachte das Fass für drei Harzer zum Überlaufen, als er unter der Überschrift ,Diese deutsche Stadt stirbt am schnellsten‘ über Osterode schrieb. Seine Reportage nannte er wenig charmant ,Besuch in der Stadt der beigen Hosen‘ und berichtete von der niedrigsten Geburtenquote Deutschlands und von der ,Landflucht der Jugend‘, ohne auf die Vorzüge der Region entsprechend einzugehen.

Für Melanie Funke, Elke Roch und Dietrich Kühne war sofort klar: „Wir lassen uns den Harz nicht kaputtschreiben!“ Im Rahmenprogramm des Harzer Hexentrails, bei dem die Wanderer 60 Kilometer in 15 Stunden zurücklegen, riefen die Medienprofis im vergangenen September dazu auf, sich mit beigen Hosen fotografieren zu lassen und diese Fotos in den Sozialen Medien zu posten. „Der Erfolg war überw.ltigend: Rund 1.000_Menschen beteiligten sich an der Aktion“, beschreibt Kühne den Moment, in dem klar wurde, dass die Harzer den Kampf um das Image ihrer Region aufnehmen.

Mit ,Harzkind‘ gaben die drei Inhaber von Osteroder Medienagenturen – die sich alle unter einem Dach befinden – ihrer Idee einen Namen, der neugierig macht. Innerhalb von nur vier Wochen entstand ein kompletter Markenauftritt: Homepage, ein Onlineshop mit stylischen ,Harzer‘ Merchandisingprodukten wie T-Shirts, Mützen, iPhone-Cases und Harzkrimis sowie ein Aktionsprogramm. „Wir wollten endlich mal ein Image ohne Hexe“, erklärt Kühne. Etwa 25.000 Euro investierten sie seither in ihr Projekt.
Eine zukunftsorientierte Marketingidee – von der sowohl die Region, aber natürlich auch ihre eigenen Agenturen profitieren sollen. Und warum auch nicht? Eine clevere Möglichkeit für sich zu werben und gleichzeitig Gutes zu tun, könnte Vorbild für viele Unternehmer sein. Bei den zahlreichen Aktivitäten geht es den drei gebürtigen Harzern nicht etwa darum, Probleme ihrer Heimat zu verheimlichen und mit der rosaroten Brille zu verkünden, wie schön die Region um den Brocken ist, sondern die Menschen zum aktiven Handeln zu animieren. „Wir sind uns der Probleme, die mit dem demografischen Wandel verbunden sind, durchaus bewusst“, sagt Funke. Aber sie kenne auch die Stärken des Harzes: „Hier gibt es Natur, gute Luft, sauberes Wasser und ein Paradies für Outdooraktivitäten vor der Tür. Wir haben moderne und weltweit agierende Firmen mit interessanten Jobs und günstigen Wohnraum.“ Damit fasst sie die Pluspunkte zusammen, die vor Ort für eine bessere Work-Life-Balance als in den großen Städten sprechen. Das Ziel, betont Funke, sei die Entwicklung eines „neuen positiven Harzer Selbstbewusstseins“ – das mit einer neuen anziehenden Ausstrahlung sowohl nach außen wie nach innen wirke. Damit könnten alle Harzer gemeinsam eine Magnetwirkung für die Region erreichen. Die Erschließung touristischer Märkte folge erst im Anschluss.

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