Die Geheimnisse der Mönche

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

Wer in die Zeit des Mittelalters in Corvey eintauchen will, braucht Phantasie. Wie lebten die Mönche im Kloster an der Weser? Zahlreiche mittelalterliche Spuren sind längst verschwunden. Sie hat der Dreißigjährige Krieg getilgt, die bedeutsame Klosterbibliothek in alle Winde zerstreut und die heiligen Reliquien der Abteikirche auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen.

Das Gesicht Corveys wandelte sich zum heutigen Antlitz: Von der karolingischen Abteikirche, der dreischiffigen Basilika mit quadratischem Chor und einem Kapellenanbau blieb nur das Westwerk stehen. Die Fürstäbte bauten eine neue Kirche an, eine große Abtei mit Toranlage, Remise und Teehaus. So sieht Corvey im Wesentlichen noch heute aus.

Die Besucher interessiert seit Mitte des Jahres besonders das Westwerk. Das nämlich zeichnete am 14. Juni 2014 die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) als Weltkulturerbe aus. Den Titel erhalten Stätten, die besonders einzigartig, historisch echt, unversehrt und weltbedeutend sind. Corvey steht nun in einer Reihe mit über 1.000 von der UNESCO ausgezeichneten Orten.

Sveva Gai, wissenschaftliche Referentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, und Andreas König, Archäologe der Stadt Höxter, können dank ihres Wissens das längst vergangene Mittelalter begreifbarer machen. Gai forscht seit einigen Jahren und hat dazu schon mehrere Bücher veröffentlicht, König forscht seit 1986.

Beide arbeiteten auch mit an der Dokumentation für den Antrag des Weltkulturerbes. Sie stehen in einer Reihe von Forschern, die seit über hundert Jahren versuchen, dem Westwerk seine Geheimnisse zu entlocken. Noch immer gibt die Kirche ihnen Rätsel auf, werden Gai und König bei ihrem Weg durch die historische Stätte berichten.

Vor dem Bauwerk mit den zwei hohen Türmen befindet sich ein abgesenkter Hof. Hier erklärt Archäologe König, befand sich zur Zeit der Karolinger einst ein langgezogenes Atrium, in dem sich Mönche und Pilger vorbereiten und sich an den beiden Brunnen rituell reinigen konnten. Heute sind die Wasserquellen an zwei Kreisen im Pflaster erkennbar. Nicht alle Ankömmlinge erreichten Corvey aus freudigen Gründen, manche suchten hier Asyl. Der bekannteste Exilant der damaligen Zeit war Hilduin, Abt von Saint-Denis nahe Paris, der 831 in Corvey Zuflucht fand. Bereits nach einem Jahr konnte er in seine Heimat zurückkehren und schenkte dem Kloster an der Weser die Reliquien des Heiligen Vitus. Die Abtei besaß zudem die Reliquien des Heiligen Stephanus und wurde zum Anziehungspunkt für zahllose Pilger. Claudia Konrad, Geschäftsführerin des Kulturkreises Höxter-Corvey und Museumsleiterin, sieht hier einen weiteren Grund für die Wahl zum Weltkulturerbe: „Neben den sichtbaren spielen die ideellen Gründe eine große Rolle, vor allem Corveys Einfluss auf die Christianisierung“, betont sie. So wechselte der Schulleiter des Mutterklosters in Corbie, Mönch Ansgar, 823 zur kirchlichen Ausbildungsstätte in Corvey. Ihm gelang es, in der Nähe von Stockholm die erste christliche Kirche Skandinaviens zu gründen.

Die sakrale Bedeutung hat die Abteikirche bis heute nicht verloren. Sie gehört der Gemeinde Sankt Stephanus und Vitus, die hier regelmäßig ihre Gottesdienste feiert. Zur Zeit des Biedermeier vollzog sich jedoch der Wandel vom Fürstbistum Corvey zum Sitz des herzoglichen Hauses Ratibor und Corvey. Die Linie besteht bis heute. Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey ist Hausherr des Schlosses.

Wer die schwere Tür des Kirchenportals hinter sich geschlossen hat, den empfängt die barocke Pracht des Kirchenschiffs: goldverzierte Säulen, eine reichgeschmückte Orgel, geschnitzte Engel. Ein kleines Schild an der Wand weist auf den größten Schatz der Kirche im Obergeschoss: Johannischor steht darauf geschrieben. Nach dem Aufstieg über eine enge Treppe öffnet sich ein großer, fast quadratischer Raum mit schwindelerregender Höhe. Er ist so schlicht, dass der Kontrast zum Kirchenschiff kaum größer sein könnte. Massive rotbraune Pfeiler tragen umlaufend Arkaden und schaffen eine zweite Ebene. Die Fenster wiederholen die Form der cremefarbenen Bögen und lassen viel Licht hinein. Den Boden bedecken rotbraune Sandstein-Platten, die Farbe nehmen die Pfeiler wieder auf.

Was genau in diesem Raum zur Zeit der Karolinger geschah, ob er mehr einen weltlichen oder mehr einen religiösen Charakter hatte, konnten die Archäologen bisher nicht restlos klären. Schriften aus der Blütezeit des Klosters, also zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert, bezeugen zahlreiche Königsbesuche. Sie blieben sogar Monate, berichtet Archäologin Gai, erledigten ihre Amtsgeschäfte oder nahmen an den wichtigen Kirchenfesten des Jahres teil. Ob je der Kaiser zu Gast war, bleibt Spekulation, meint König: „Das ist durch nichts belegt.“

Ungewöhnlich sind vor allem die Wandmalereien des Johannischores. Ihre Farben wie Rot, Ocker und Gelb sind zwar verblasst und nur Teile der Pflanzenmotive erhalten, dennoch zeigen sie eindeutig Figuren aus der griechischen Mythologie: Odysseus kämpft gegen das Meerungeheuer Skylla. Oben trägt die Skylla das Antlitz eines Menschen, aus dem Unterleib schauen Hundeköpfe heraus, und ihr Körper endet in einem Schwanz wie der von einer Schlange. Odysseus sticht mit einer Lanze einem Hund ins aufgerissene Maul. „Das Meer gleicht der irdischen Welt. Durch den Glauben soll die böse Welt besiegt werden“, deutet Gai das Gemälde. Möge es sich um eine griechische Sage handeln, so werde sie doch auf christliche Weise interpretiert. „Das ist wirklich einzigartig“, betont König. Die Maler seien mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Mutterkloster in Corbie an die Weser gekommen.

Und noch mehr Zeugen der kulturellen Blütezeit beherbergt der Johannischor: Archäologen entdeckten, dass einst Figuren aus Gips die Wände geschmückt haben müssen. Die Vorzeichnungen waren unter dem Putz erhalten geblieben. Es muss sich um sechs Figuren, darunter vier Männer und zwei Frauen, gehandelt haben. Wen sie darstellten, ist bis heute ein Geheimnis. Das größte noch zu lüftende Mysterium befindet sich außerhalb der Kirche: Über eine Nebentür der Kirche gelangt der Besucher zu einem kleinen Friedhof. Unter der Erde der angrenzenden Wiese liegt die karolingische Klosterwelt verborgen, erzählen die Archäologen – vom Abtpalast über das Laienhospital bis zur mittelalterlichen Siedlung Corvey. Die konkurrierenden Bürger vom nahegelegenen Höxter zerstörten 1265 die Siedlung, und schließlich fiel diese wüst.

All dies schlummert im Boden und ist laut Archäologen weder zerstört noch überbaut. Die Umrisse können die Forscher mit moderner Technik wie einem Bodenradar erkennen. König ist sich sicher: „Da sind noch große Entdeckungen zu machen.“ Das Westwerk ragt somit bisher allein aus der vergangenen Welt des Ursprungsklosters hervor. Die versunkene Klosterstadt gehört mit zum Welterbe. „Es ist ganz selten, dass ein Bodendenkmal ausgezeichnet wird“, bekräftigt Museumsleiterin Konrad. Vergleichbar sei dies allenfalls mit dem Limes. Sie planen, kleine Sichtfenster an ausgewählten Stellen zu schaffen, damit die Zeitreise in die Vergangenheit für die Besucher etwas einfacher wird. Und die Archäologen noch ein paar Geheimnisse lüften können.

Welterbe-Chronik

Corvey besitzt das älteste und einzige fast vollständig erhaltene karolingische Westwerk. Der zentrale, dreiseitig von Emporen umgebene Hauptraum im Obergeschoss greift in seiner Form und seiner ursprünglichen künstlerischen Ausstattung auf antike Vorbilder für weltliche Repräsentationsräume zurück. Im Jahr 1999 wurde Corvey in die Tentativliste aufgenommen. Im Februar 2013 folgte der offizielle Antrag bei der UNESCO. Daraufhin besuchte die UNESCO-Kommission bereits im September desselben Jahres das Kloster. Seit dem 21. Juni 2014 ist Corvey nun unter dem Titel ‚Karolingisches Westwerk und Civitas Corvey‘ in die UNESCO-Weltkulturerbeliste eingetragen.