Die Früchte ernten

© Christian Mühlhausen
Text von: Christian Mühlhausen

Von der Old Economy zur Zukunftsbranche – das Bild der Landwirtschaft hat sich gewandelt. Landwirte sind heute unternehmerisch agierende Allround-Talente. faktor hat hinter die Hoftore der Region geschaut.

Schon von weitem ist der dunkelrote Geländewagen, der über die Feldwege im südlichen Teil des Landkreises Northeim fährt, zu sehen. Am Rande eines Weizenfeldes stoppt der Wagen, Christoph von Breitenbuch steigt aus. Der hochgewachsene 33-Jährige geht über eine Treckerspur durch das Feld. Immer wieder bleibt der junge Betriebsleiter stehen, greift links und rechts eine Weizenpflanze heraus, begutachtet die Blätter.

Ist die Pflanze gesund? Sind Fraßschäden von Insekten festzustellen? Ist der Weizen auch ausreichend mit Nährstoffen versorgt? Von Breitenbuch ist zufrieden. Produktionstechnisch hat er alles richtig gemacht, alles andere liegt nun nicht mehr in seinen Händen: „Die Witterung in den nächsten Wochen ist entscheidend. Aber bis jetzt sieht es gut aus. Es könnte eine gute Ernte geben.“

Gut heißt, dass es vielleicht auch mehr als die rund 8,5 Tonnen Weizen sind, die er sonst im Durchschnitt der vergangenen Jahre pro Hektar geerntet hat.

Zurück im Büro auf dem Gutshof in Parensen setzt sich der Landwirt an den Computer. Was machen die Weizenkurse an den Warenterminbörsen in Chicago und Paris? Wie entwickeln sich die in den vergangenen Jahren stark verteuerten Düngemittel? Jetzt schon zu niedrigen Preisen Diesel für die Herbstaussaat einkaufen? Wie viel Weizen der bevorstehenden Ernte über Vorkontrakte verkaufen, um das Vermarktungsrisiko aufzuteilen? – Beobachtet wird er dabei gleich von einer Galerie an Vorfahren in Öl, die von der Wand blicken.

„Alle Eigentümer des Rittergutes Parensen sind hier versammelt. So werde ich während meiner Bürotätigkeit immer wieder daran erinnert, dass ich nicht für mich wirtschafte, sondern in Verantwortung gegenüber der Vergangenheit und der Zukunft für den landwirtschaftlichen Betrieb und allen damit verbundenen Familien.“

Landwirte wurden lange Zeit belächelt. Landwirt, das klang irgendwie nach Bauer, nach Old Economy und Urproduktion, nach Subventionsempfänger und sterbender Branche. Doch das war einmal.

Nicht erst seit dem Beginn der Wirtschaftskrise ist die Agrarbranche in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Schon im vorletzten Jahr, als aufgrund weltweiter Knappheit, sinkender Weltgetreidelagervorräte und des politisch gewollten Bioenergiebooms die Preise für Agrarprodukte und Nahrungsmittel kräftig stiegen, machten die Landwirte Schlagzeilen.

„Wir werden wieder gebraucht, wir sind wieder wer!“, stellte damals der Vorsitzende des Bauernverbandes „Landvolk Göttingen“ und heutige Kreislandwirt, Hubert Kellner, beim Landvolktag erleichtert fest.

Die Finanzkrise hat ihr übriges getan. „Banken suchen Landwirte“, titelte im April das Branchenblatt „DLG-Mitteilungen“. Die Fachzeitschrift, die über Märkte, betriebswirtschaftliche Trends und Managementfragen berichtet und als das „manager magazin“ der Landwirte gilt, konstatierte: Die Landwirtschaft ist im deutlich geringeren Maße von der Krise betroffen als die Industrie oder der gewerbliche Mittelstand. Schon vor der Krise hätten Banken wegen der gestiegenen Preise ein großes Interesse an landwirtschaftlichen Kreditengagements gehabt, heute würden sie bei der Suche nach „realen“ Kreditgeschäften – also mit tatsächlich entstehenden Werten – erneut in der Landwirtschaft fündig.

Und die Landwirte selber? Natürlich, es gibt sie noch, die so genannten auslaufenden Betriebe, die mit veralteter Technik und veraltetem Wissen, viele davon ohne einen Betriebsnachfolger, vor sich hin wirtschaften. Doch ihnen macht nicht nur die EU-Agrarbürokratie zu schaffen, die immer komplexere und höhere Anforderungen stellt, sondern auch die nackten Zahlen.

Reichte es früher aus, ein Landwirt mit gutem Fachwissen zu sein und die produzierte Ware beim nächsten Händler abzuliefern, kommt man heute mit dieser Wirtschaftsweise nicht mehr weit. „Mindestens ebenso wichtig, wie ein guter Ackerbauer zu sein, ist es, den Betriebsmitteleinkauf, die Liquidität, die Vermarktung und die Betriebsorganisation im Griff zu haben“, erklärt von Breitenbuch, der sich als „landwirtschaftlicher Unternehmer“ sieht.

Zwischen bestem und schlechtestem Preis einer Ernte können – je nach Vermarktungszeitpunkt und Käufer – schon mal mehrere zehn Prozent liegen. Auch aus diesem Grund kann der Betrieb in Parensen 1.300 Tonnen Getreide lagern. Und für weitere 2.500 Tonnen wurde in Hoppensen für knapp eine halbe Million Euro ein Lagersilo auf dem Gut der Mitgesellschafterfamilie von Dassel gebaut. Eine Investition in die Zukunft: „Dadurch bin ich unabhängig gegenüber meinen Handelspartnern. Außerdem optimiert ein eigenes Lager den Ernteablauf, weil Standzeiten minimiert werden. Der Ernteablauf ist so berechenbarer geworden, was bei immer größer werdenden Betrieben entscheidend ist.“

Auch wenn der Fortschritt in der Technik rasant fortschreitet und der Landwirt fast schon gezwungen ist, in moderne und teure Maschinen zu investieren, ist diese Entwicklung für von Breitenbuch eher Segen als Fluch: „Wir können dadurch umweltgerechter, sicherer und kostengünstiger produzieren.“

Auf Traktoren installierte Stickstoffsensoren etwa beurteilen den Pflanzenbestand, und der mit dem Sensor kommunizierende Düngerstreuer dosiert die Düngergabe nach dem Bedarf der Pflanze. Parallelfahrsysteme, die über Satelliten GPS-gesteuert werden und den Traktor lenken, sind aus dem Feldarbeitsprozess nicht mehr wegzudenken: Mitarbeiter und Maschine werden dadurch leistungsfähiger.

„Das von der Natur vorgegebene Arbeitszeitfenster kann so für eine termingerechte Feldarbeit eingehalten werden.“ Das klare Bekenntnis zum Fortschritt in der Landwirtschaft motivierte von Breitenbuch auch, sich ehrenamtlich bei der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft e.V. (DLG) zu engagieren. So ist er stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses „Technik in der Pflanzenproduktion“ und Mitglied der Neuheitenkommission für die Fachmesse Agritechnica in Hannover.

Die Arbeit in der Landwirtschaft hat sich durch die Mechanisierung sowie Rationalisierung massiv verändert und wurde in den vergangenen Jahrzehnten körperlich immer leichter – eine besondere Belastung ist sie aber immer noch. „Wir kennen keine Acht-Stunden-Tage“, sagt von Breitenbuch.

Der Tag beginnt in der Regel morgens um sieben Uhr auf dem Hof mit einer kleinen Dienstbesprechung, bei der neben den beiden Mitarbeitern auch ein Praktikant oder in der Saison ein Erntehelfer dabei sind. Was muss heute auf dem Acker erledigt werden, stehen Reparaturen an? – Planbar ist dabei nur wenig.

Ein Regenschauer, und „Plan B“ muss aus der Tasche geholt werden. Landwirtschaft beinhaltet wegen der Unsicherheiten beim Wetter daher auch ein gehöriges Maß an Flexibilität, an Improvisationsvermögen, an Spontaneität. In der Saison, wenn beispielsweise in der Ernte der Weizen gedroschen werden muss, geht so ein Arbeitstag schon mal bis tief in die Nacht hinein: „Aber die Genugtuung, die Ernte der Arbeit fast eines Jahres einzufahren, entschädigt für den Schlafentzug“, so von Breitenbuch.

Sein Betrieb ist typisch für die Region, weil reine Ackerbaubetriebe wie seiner – also ohne Viehhaltung, Sonderkulturenanbau oder Direktvermarktung – Südniedersachsen prägen. Angebaut werden neben Weizen und Gerste auch Raps, Zuckerrüben und Hafer. Typisch auch, weil von Breitenbuch in einer so genannten Betriebsgemeinschaft, also gemeinsam mit anderen landwirtschaftlichen Betrieben, arbeitet.

Zu Betriebsgemeinschaften haben sich in den vergangenen Jahren etliche Höfe zusammengefunden, um durch größere zu beackernde Flächen die Maschinen besser auszulasten sowie beim Ein- und Verkauf günstigere Konditionen durch eine größere Masse zu erhalten. „Das bringt für alle Seiten Vorteile“, sagt von Breitenbuch, der seit sechs Jahren Geschäftsführer der Gesellschaft und als einziger Partner aktiv im Tagesgeschäft ist. Knapp 100 Hektar der fast 500 Hektar bewirtschafteten Fläche nennt er sein Eigen, die anderen Flächen rund um Einbeck und Dassel stammen von den Gutsbetrieben von Minnigerode in Dörrigsen, von Garmissen in Friedrichshausen und von Dassel in Hoppensen.

Die Familien haben die Geschicke ihrer Betriebe in die Hände von Christoph von Breitenbuch gelegt, reden aber bei den Gesellschafterversammlungen mit. Investitionen, Vermarktungsstrategien und allgemeine Betriebsentwicklungen werden gemeinsam besprochen und entschieden. Die „Agrar-Betriebsgemeinschaft Leine-Solling GbR“, so der Name, bewirtschaftet zudem in Dienstleistung noch weitere 160 Hektar für Landwirte, die nicht der Betriebsgemeinschaft angehören.

Die Tatsache, dass von Breitenbuch für mehrere Eigentümer wirtschaftet, erfordert mit noch spitzerer Feder zu rechnen als ohnehin. Sämtliche Betriebsdaten, sämtliche geleisteten Stunden, jede Ausgabe wird penibel in speziellen Agrar-Computerprogrammen erfasst. Per Knopfdruck kann der Agraringenieur, der nach seiner Landwirtslehre studiert hat, sagen, welche Kosten bislang auf einem Feld durch die Aussaat, die Düngung und den Pflanzenschutz entstanden sind. Und ein weiterer Knopfdruck genügt, um Aussagen über die Auslastung der Maschinen zu nennen: „Durch die vier Schlepper setzen wir 137 PS pro 100 Hektar ein, die Schlepper arbeiten jährlich durchschnittlich fünf Stunden pro Hektar.“

Sich mit anderen zu vergleichen, erfüllt dabei keinen Selbstzweck, sondern gehorcht vielmehr einem alten Prinzip: Nur wer in der Liga der Besten mitmischt, wer niedrige Stückkosten hat, wird langfristig bestehen. Seit nun schon über 50 Jahren lässt sich der Betrieb durch das „Betriebswirtschaftliche Büro Göttingen“ beraten. Bundesweit kann von Breitenbuch so vergleichen, wie sein Betrieb zu ähnlichen Betrieben (natürlich anonymisiert) steht – Benchmarking par excellence.

„Was können andere günstiger, an welchen Stellschrauben kann ich noch drehen? – Die betriebswirtschaftliche Beratung ist ein wichtiges Element und hilft mir, mich besser einordnen zu können“, sagt von Breitenbuch. Wichtig auch deshalb, weil sein Berater Rüdiger Warnecke zugleich als neutraler Vermittler zwischen Geschäftsführer und Mitgesellschaftern wirkt.

Die Beratung spielt heute in einer auch für die Landwirte immer komplexeren Welt eine viel wichtigere Rolle als früher. Das betrifft auch die reine Produktion auf dem Acker: „Wir lassen uns zu Themen des Pflanzenschutzes durch die Bezirksstelle Northeim der Landwirtschaftskammer Niedersachsen beraten“, sagt von Breitenbuch.

Weil es ihm wichtig sei, parallel auch immer eine zweite Meinung einzuholen, bekommt er außerdem Expertenrat vom Beratungsteam der „Hanse Agro“. Und schließlich gehöre er noch einem Arbeitskreis von zukunftsgerichteten Landwirten an, mit denen er den intensiven fachlichen Austausch pflege.

Ein guter Landwirt zu sein heißt auch, kommunikationsfähig zu sein: „Ob Mitgesellschafter, Mitarbeiter, Käufer, Verkäufer, Verpächter oder Landwirte, deren Flächen wir im Auftrag bewirtschaften – man muss mit den Menschen reden können.“

Der Umgang mit Menschen sei daher auch eine weitere Schlüsselqualifikation, die ein Landwirt in seiner Position mitbringen müsse. Von Breitenbuch hat viel mit Menschen zu tun. Auch mit den Versuchsleitern des Saatgutherstellers KWS in Einbeck und der KWS Lochow GmbH in Wetze, die 30 Hektar der Betriebsgemeinschaftsflächen für Versuche im Bereich Zuckerrüben und Getreide nutzen.

„Ob Einkauf von Betriebsmitteln oder Verkauf von Getreide – ich vertraue und setze auf unsere Händler hier vor Ort“, sagt Christoph von Breitenbuch. Das sei ein ständiges Geben und Nehmen, immer wieder auch ein gegenseitiges Stützen: „Das Geschäft sollte möglichst vor Ort gemacht werden.“

Schlepper und Mähdrescher etwa kauft er beim Landtechnikhändler Agrarmarkt Deppe, Getreide verkauft er unter anderem an die Volksbank Dransfeld und den örtlichen Landhandel Weiterer. Zu der Verlässlichkeit im Geschäftsalltag gehöre für ihn auch, dass man beispielsweise Lieferanten nicht gegeneinander ausspiele – und dafür idealerweise mit immer fairen Preisen belohnt werde. Verlässlichkeit erwarte und bekomme er auch von den Banken – Kunde ist er bei der Volksbank Göttingen.

Immer wieder taucht der Slogan „Der Landwirt als Energiewirt“ in den Medien auf. Christoph von Breitenbuch sieht das skeptisch, die starke politische Förderung der Bioenergie stellt er in Frage: „Es ist einerseits gut, dass wir auch Energie produzieren, die benötigt wird.“ Wenn Landwirte jedoch nur Rohstofflieferanten seien für Biogasanlagen der Energieversorger, könne man das aus Unternehmersicht nicht gutheißen.“

Das treibt uns nur in neue Abhängigkeiten, aus denen wir uns gerade befreien wollen. Die politische Kehrtwende hinsichtlich der Förderung des Einsatzes von Rapsöl als Treibstoffersatz zeigt uns, wie kurzlebig und damit unkalkulierbar politisch motivierte Entscheidungen sind“, so von Breitenbuch.

Auch wenn die Versuchsflächen auf seinen Äckern ausschließlich für die konventionelle Pflanzenzüchtung genutzt werden, steht von Breitenbuch hinter der Forschung im Bereich der „Grünen Gentechnik“: „Wir müssen alles dafür tun, um die Forschung voranzubringen und vor allem endlich Klarheit über die angebliche Gefährlichkeit zu bekommen.“

Von Breitenbuch ist davon überzeugt, dass die Gentechnik als ein Element von vielen dazu beitragen könne, die Ernährung der Welt und damit sozialen Frieden sicher zu stellen: „Da haben wir als Industrieland auch eine gesellschaftliche Verantwortung.“ Mit Blick auf den nur wenige Kilometer benachbarten Sitz der KWS in Einbeck und deren Rolle als Arbeitgeber ergänzt er: „Das Aus für die Genforschung hätte katastrophale Folgen für unsere Region.“

Knapp die Hälfte seiner Zeit verbringt von Breitenbuch im Auto, auf dem Trecker und dem Mähdrescher, die andere Hälfte im Büro und mit anderen Betriebsleiteraufgaben. „Mir macht beides Spaß: Ich halte es für extrem wichtig, dass ein Betriebsleiter auch alle praktischen Arbeiten selber erledigen kann und auch immer wieder vor Ort mitbekommt, was auf dem Acker vor sich geht. Ich muss nicht alles machen – aber ich muss alles machen können.“

Was treibt von Breitenbuch an? „Das Arbeiten nicht nur in der Natur, sondern auch mit der Natur. Der tägliche Umgang mit der Schöpfung Gottes“, schießt es aus ihm heraus. Denn auch diese „Machtlosigkeit“, wenn man auf dem Acker alles richtig gemacht habe und einem die Natur mit einem Hagelschauer einen Strich durch die Rechnung mache, gehöre zur Arbeit eines Landwirtes. „Da wird einem ganz schnell bewusst, dass wir alle abhängig sind von Gottes Willen.“

Das Erntedankfest spiele deshalb auch für ihn als gläubigen Menschen eine große Rolle. Bei dem jährlichen Erntefest würden zudem alle dem Betrieb verbundenen Menschen eingeladen.

Mit verhagelten Ernten und schwankenden Weizenpreisen könne man leben, mit einer unberechenbaren Bundes- und EU-Agrarpolitik dagegen nicht, stellt von Breitenbuch klar. Trotz aller politischen Unsicherheiten – etwa der Besteuerung von Agrardiesel (Deutschland zahlt 25 Cent, Frankreich nur 0,6 Cent), dem Fortbestand der Beihilfen nach 2013 und den anstehenden Änderungen im Pflanzenschutzrecht – müsse er den Betrieb so ausrichten, dass neben den Familien der Mitgesellschafter auch seine Familie von der Landwirtschaftleben kann. Dazu gehören neben seiner Frau und seinen beiden Söhnen auch die zu unterstützenden Altenteiler – also seine Mutter und sein Vater –, die auf den Höfen traditionell von den Hofnachfolgern versorgt werden: „Das ist eine Verantwortung für Generationen.“