Die Firma als Heimat

Text von: redaktion

Coach und Organisationsberater Bernd Fritz-Kolle über bewusstes ‚Beheimaten‘ im Unternehmen – Widerspruch oder Chance zur Mitarbeiterbindung?

Fühlen Sie sich in Ihrer Firma zuhause?“ – diese Frage stellen wir immer wieder Mitarbeitern und Führungskräften in Interviews. Die Antworten reichen von einem überzeugten „Ja klar, sonst wäre ich doch längst nicht mehr hier“ über „Bin doch schon mein halbes Leben dabei“ bis hin zum eher gequälten „Hier weiß ich wenigstens, woran ich bin“.

Kann eine Firma überhaupt ‚Heimat‘ sein? Wäre dies nicht sogar eher eine Gefahr, ein Ort für Workaholics oder für Menschen, die kein Privatleben mehr kennen/können und sich wie im asiatischen Raum für die Firma totarbeiten? Aus wirtschaftspsychologischer Sicht spricht Vieles eher dafür, dass Chefs und Führungskräfte ihren Mitarbeitern – und sich selbst – im Betrieb ‚Heimat‘ bieten sollten. Langfristiger orientierte kleine und mittelgroße Unternehmen, vor allem Familienunternehmen, beweisen mit ihren Erfolgen, dass es sich lohnt, bewusst im Rahmen der Unternehmens- und Personalstrategie eine Firmenkultur zu entwickeln, die Heimat- Bedürfnisse erfüllt.

„Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde“, hat der Philosoph Karl Jaspers es treffend auf den Punkt gebracht. Wenn eine Firma es sich auf die Fahne schreibt, den Menschen, die acht bis zehn Stunden täglich für sie arbeiten, nicht nur ein attraktives Arbeitsumfeld, gut ausgestattete Arbeitsplätze und Werkzeuge bereitzustellen, sondern zentrale emotionale Bedürfnisse zu erfüllen, dann wird es ihr leichter gelingen, einen guten Ruf als attraktiver Arbeitgeber aufzubauen.

Dort, wo Mitarbeiter auf Chefs und Führungskräfte treffen, die sie als Menschen anerkennen und wertschätzen, die sie transparent und nachvollziehbar informieren, ihnen Respekt entgegenbringen und ihr Wissen und ihre Erfahrungen ernst nehmen und nutzen, aber auch Engagement und Leis tung nach klaren Spielregeln einfordern, Konsequenz zeigen, kritisch präsent sind, dort entsteht Sicherheit und Perspektive. Wenn Achtung und Fairness als Leitwerte in einer Firma real gelebt werden, entsteht echte Verbundenheit. Wenn Mitarbeiter die Möglichkeit haben, das Unternehmen mit entwickeln und gestalten zu können, erleben sie Selbstwirksamkeit, das zweite menschliche Basisbedürfnis.

Wenn Zusammenhalt gefördert wird, werden soziale Grundbedürfnisse erfüllt. All dies erzeugt Loyalität und echte ‚Mitarbeiterbindung‘, die tragfähiger ist als ‚gutes Geld bei bescheidenem Klima‘. In einer Firma verankert zu sein, eine Zukunftsperspektive zu haben, in einem guten, kollegialen Netzwerk, am richtigen Platz zu sein und dazu zu gehören, all das macht eine Firma zu einem echten Heimat-Ort.

Der Verlust einer solchen Heimat zeigt eindrucksvoll auf, wie hoch der Stellenwert der eigenen Firma für die Lebensbalance ist – für Mitarbeiter und Chefs gleichermaßen. Bewusstes ‚Beheimaten‘ gewinnt weiter an Bedeutung – auch in der heutigen Zeit. Es ist eine der Leitaufgaben guter Führung.