©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Im Holzmindener Internat Solling wurden Teile eines ,Tatort‘ gedreht, der die üblichen Vorurteile bedient. Doch gemeinsam mit dem Pädagogium Bad Sachsa zeigen die beiden Internate  Südniedersachsens, dass der Alltag dort ein ganz anderer ist und wie sowohl die Schüler als auch die Region von ihnen profitieren.

Tatort: Internat Solling 

Ende März lief der Tatort ,Tyrannenmord‘, gedreht unter anderem im Internat Solling. Es geht um einen internationalen Diplomatensohn, der aus einem Internat verschwindet. Das Internat  selbst wird nicht namentlich  erwähnt, und das ist vielleicht auch nicht das Schlechteste. „Wir wurden als Location für den Dreh angefragt, weil wir ein wunderbares Gelände haben“, sagt Helga  Volger, Schulleiterin des Internats Solling, das gleichzeitig staatlich anerkanntes Gymnasium ist. Gebäude und Areal wurden schon 1909 als Schule und Internat für das Leben und  Lernen unter einem Dach konzipiert. „Der Dreh war ein echtes Highlight – es haben auch relativ viele Mitarbeitende sowie Schülerinnen und Schüler von uns als Statisten mitgewirkt“, erzählt Volger. „Und wir waren uns durchaus bewusst, dass wieder die alten Vorurteile bedient werden.“

Das hartnäckige Klischee, das Internaten in Deutschland anhaftet, stellt sich so dar: Es ist ein Ort für mehr oder weniger dumme oder leistungsschwache Schüler aus reichem Elternhaus, die an  anderen Schulen nicht klarkommen oder mit denen die Eltern Schwierigkeiten haben und die deswegen ins Internat abgeschoben werden. Ganz anders als in Großbritannien, wo es als Auszeichnung gilt, auf ein Internat zu dürfen, schwingt in Deutschland immer noch ein Strafaspekt mit. Auch die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule haben Spuren hinterlassen.

Der ,Tatort‘ passt hier voll ins Bild, und es scheint eine normale Medienerfahrung zu sein, die an Internaten gemacht wird. „Auch wir sind bereits einmal als Drehort angefragt worden“,  berichtet Torsten Schwark, Schul- und Internatsleiter des Pädagogiums Bad Sachsa, das unter seinem Dach ebenfalls ein staatlich anerkanntes Gymnasium mit einem Internat vereint. „Wir  haben uns aber zunächst bei anderen Internaten umgehört, was für Erfahrungen sie gemacht haben – und sie haben uns allesamt abgeraten.“ Es komme vor, dass das Fernsehteam etwa die  Schüler mit einem Kasten Bier in einen Park setzt, um sie dort zu interviewen. „Man sieht sein Internat damit gemütlich im Klischee: Die Schüler kapseln sich ab, konsumieren Alkohol, keiner  hat was im Griff“, so Schwark. Deswegen nahm das Pädagogium auch Abstand vom Dreh. „Ich würde mir insgesamt wirklich mehr Berichterstattung wünschen, die realistisch ist“, sagt  Schulleiterin Volger. „Natürlich sind die hohen Kosten der Knackpunkt – das können sich nur wenige leisten, und das kann man nicht wegdiskutieren.“ Aber es gäbe auch verschiedene Stipendiensysteme. „Und von den Kosten abgesehen, sind viele Internate hervorragende Schulen.“

Die ewige Klassenfahrt

Die Gründe, warum Schüler auf ein Internat gehen, sind ausgesprochen vielfältig. Ganz vorne stehen Kinder, deren Eltern selbst auf einem Internat waren und die ihrer Kindern dieselben  Erfahrungen gönnen wollen. Dann sind da die Eltern, die beruflich alle paar Jahre den Ort wechseln und das ihren Kindern nicht zumuten möchten. Die klassischen Fälle von Halb- oder  Vollwaisen gibt es ebenfalls. Aber natürlich es gibt auch sie: die schwierigeren Fälle. Sei es, dass die Geschwisterkonstellation ungünstig ist, weil etwa ein Kind behindert ist oder Zwillinge einen  dauerhaften Konkurrenzkampf austragen. Oder Kinder, die im öffentlichen Schulsystem nicht klarkommen, weil sie mehr Struktur brauchen. Aufgrund der sehr guten  Betreuungsrelation – hier sprechen die Internate gern von Familiarität – kann auf die Schüler anders eingegangen und auf Probleme schnell reagiert werden. In Holzminden stehen den rund  200 Internatsschülern und rund 50 externen Schülern um die 50 Lehrkräfte gegenüber. Zudem gibt es auch noch die Spezialförderung an Sport-, Musik- und Hochbegabteninternaten.

„Wir hatten vor 20 Jahren einmal einen Internatsschüler aus Taiwan“, erzählt Torsten Schwark. Dieser sollte eigentlich nach Schloss Salem gehen. „Nach einem halben Jahr ist er jedoch wieder  zu uns zurückgekommen, weil es, wie er berichtete, dort wirklich klischeehaft zuging – etwa, Zigaretten mit einem 100-Mark-Schein anzuzünden. Das gibt es offensichtlich schon, wenn Geld keine Rolle spielt.“ Aber eigentlich ist das Internatsleben bodenständiger und durch anderes gekennzeichnet, vor allem durch den großen Zusammenhalt der Schüler untereinander, auch  über die Jahrgangsgrenzen hinweg. „Ein Schüler hat einmal gesagt: Internat ist wie Klassenfahrt. Man steht morgens zusammen auf, macht tagsüber etwas zusammen, und abends geht man  gleichzeitig ins Bett.“

Diese enge Verbundenheit, nicht nur der Schüler untereinander, sondern auch zur Schule, merkt man in Bad Sachsa jedes Jahr zu Pfingsten, wenn der Alumniverein K. V. Absolvia – mit über  700 Mitgliedern einer der größten in Europa – zum Alumnitreffen lädt. Dann brummt die Stadt vor Gästen. In Holzminden dasselbe: jedes Jahr im Oktober, wenn das Altschülertreffen  stattfindet.  „Dann ist es sehr, sehr schwierig, in Holzminden noch ein Hotelzimmer zu bekommen“, sagt Anna Schütz, die am Internat Solling neben dem Bereich Fundraising
auch das Alumni-Netzwerk betreut.

Die schönste Zeit im Leben

Es war die Schönste Zeit meines Lebens – dieser Satz stellt die Quintessenz des Internatserlebens sehr vieler Altschüler dar und begegnet einem immer wieder, gesprochen und gelebt in Form  von Stiftungen: Das Pädagogium etwa erhielt von einem ehemaligen Schüler, der dort auch seine spätere Frau kennengelernt hatte, nach dessen Tod eine so große Schenkung, dass davon nun  Stipendien für den Internatsbesuch ausgelobt werden können. Die Entwicklung von Internaten hat ihre Aufs und Abs, von den hohen Schülerzahlen in den 1960er- und 1970er-Jahren, in  denen die Schüler in Sechs-Personen-Zimmern untergebracht waren, ist man dieser Tage weit entfernt, Einer- und Zweierzimmer sind heute die Norm. In den vergangenen Jahren waren die  Schülerzahlen zudem stabil, und auch die Zukunftsperspektiven werden als sehr gut eingeschätzt. Die monatlichen Kosten für einen Internatsplatz sind sehr unterschiedlich – sie beginnen bei   300 bis 500 Euro für staatliche oder kirchliche Internate, bewegen sich mit 1.500 bis 3.000 Euro bei Privatschulen im Normalbereich, können aber auch darüber liegen. Doch das Selektionsprinzip nach Wohlstand greift nur bedingt – es gibt zahlreiche Stipendienmodelle, die etwa für sehr begabte Schüler vergeben werden. Doch beobachtet Schütz, die beim Internat  Solling auch den Stipendienbereich betreut, dass es vergleichsweise wenig Bewerber darauf gibt.

Mit 200 Schülern hat das Internat Solling eine mittlere Größe, das Pädagogium Bad Sachsa mit 40 Internatsschülern gehört zu den kleineren. Bemerkenswert ist auch die Nachfrage aus dem  Ausland. In Holzminden liegt der Schüleranteil aus dem Ausland bei rund 17 Prozent, viele davon kommen aufgrund von Mundpropaganda aus Südamerika. Das Pädagogium dürfte in Sachen  internationale Schülerschaft zu den Spitzenreitern gehören – zwischen 50 und 60 Prozent der Schüler kommen aus dem Ausland, die meisten davon aus China, Taiwan, Korea, Russland und  Norwegen. Nach China gibt es inzwischen sogar eine enge institutionalisierte Verbindung.

Und was bringt das der Region? Ganz wesentlich sind die Internate natürlich Schulen und damit Arbeitgeber und Millionen-Euro-Wirtschaftsbetriebe. Holzminden wird zwar von den  Leuchttürmen Symrise und Stiebel Eltron geprägt, doch daneben ist das Internat Solling einer der größeren Arbeitgeber. Ebenso in Bad Sachsa. Für die kleine Stadt mit rund 7.500 Einwohnern ist das Pädagogium aber auch insofern noch ein Alleinstellungsmerkmal, als dass hier untypischerweise die gesamte Schullaufbahn bis zum Gymnasium besucht werden kann. Doch die Region  profitiert noch in anderer Hinsicht von den Internaten. Das Schlagwort heißt: Soft Power. „Viele der Absolventen haben es bis zu Führungspositionen in großen deutschen Unternehmen oder  DAX-Konzernen geschafft“, erzählt Daniel Quade, Bürgermeister von Bad Sachsa und selbst ehemaliger Pädagogium-Schüler. „Der Sohn von Dirk Rossmann war hier, der Autor von TKKG –  die Liste der renommierten Ehemaligen ist lang.“ Und jedes Jahr trifft man sich wieder in Bad Sachsa. Für die Schüler bringt das wertvolle Kontaktmöglichkeiten, die Stadt ist damit mehr als  nur ein kleiner Fleck auf der Landkarte. „In wichtigen Kreisen kennt man den Ort“, sagt Quade zufrieden. „Keine PR-Kampagne kann diese Form der Vernetzung schaffen.“ ƒ