Die Empathische

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Kristin Kotzerke, Chefärztin im Evangelischen Krankenhaus in Göttingen-Weende, ist Expertin auf dem Gebiet der Speziellen Schmerztherapie und erfüllt von Glaube und Humor.

„Durch die große Glastür rechts und dann auf der rechten Seite“ – erklärt der Pförtner den Weg zur Abteilung für Spezielle Schmerztherapie im Evangelischen Krankenhaus in Göttingen-Weende. Am Eingang wartet bereits Kristin Kotzerke. Sie ist die Chefärztin der Abteilung, die im Februar letzten Jahres auf Bestreben der Geschäftsführung, des Aufsichtsrats und anderer Abteilungen eröffnet wurde. Gleich zur Begrüßung sagt sie, sie sei neugierig, wie sich das Interview gestalten wird. „Eigentlich mag ich das nicht so, wenn ich in der Öffentlichkeit stehe. Aber mir ist es wichtig, dass das Bewusstsein in Göttingen geschärft wird, dass wir hier in Weende eine stationäre Schmerztherapie für chronische Schmerzen haben“, sagt sie, während sie sich entspannt in ihrem Stuhl zurücklehnt.

Die 58-Jährige zog vor gut einem Jahr von Hannover-Burgwedel nach Göttingen, um diese Abteilung aufzubauen. Sie bringt eine Menge Erfahrung mit: „Ich habe 20 Jahre in der Schmerztherapie gearbeitet – zuletzt als leitende Oberärztin“, erzählt sie. Und selbst, wenn es in der Medizin häufig so ist, dass man nach dem Stu- dium eher zufällig in ein Fachgebiet rutscht, so scheint Kotzerke doch an der richtigen Stelle angekommen zu sein. Sie wirkt entspannt, gelassen und ist freundlich aufmerksam. Eine Ärztin, wie man sie sich als Schmerzpatient nicht besser wünschen kann. „Wobei, es gibt Momente, in denen muss ich auch mal streng mit den Patienten werden, damit ein Umdenken in Gang gebracht werden kann“, sagt sie und bemerkt schmunzelnd, dass es meist auch funktioniere.

Es ist eine große Aufgabe, täglich mit Patienten zu arbeiten, die in den meisten Fällen einen langen Leidensweg hinter sich haben. Die Ursachen für chronische Schmerzen, also Schmerzen, die einen Menschen länger als drei bis sechs Monate dauerhaft beeinträchtigen, sind vielfältig und reichen teilweise bis in die Kindheit zurück. Manche Patienten haben extrem schwerwiegende Traumata. „Wir haben Patienten mit Lebensgeschichten …, da hätte jeder chronische Schmerzen, wenn er das durchleben müsste“, sagt die Chefärztin mitfühlend. Und diese Patien- ten haben meist zusätzlich einen Therapie-Marathon hinter sich.

Die Abteilung im Weender Krankenhaus setzt auf eine Schmerztherapie, die im Wesentlichen auf drei Säulen beruht: „Unsere Patienten sind in der Regel zweieinhalb Wochen auf der Station. In dieser Zeit bieten wir vieles an, was als Hilfe zur Selbsthilfe mit nach Hause genommen werden kann“, erklärt Kotzerke. Die ersten zwei Säulen, das seien vor allen die Physiotherapien und Psychotherapien, die auf die innere und äußere Haltung abzie- len. Dazu holt sie ein sehr eingängiges und fast selbsterklärendes Bild des Karikaturisten Peter Gaymann hervor, der durch seine allzu menschlichen Hühner. berühmt wurde Das Bild zeigt ein Huhn, das in einem Kochtopf mit kochendem Wasser sitzt, aber jederzeit rauskönnte. Das Huhn sagt: ‚Irgendwie bin ich mit der Gesamtsituation unzufrieden.‘

Was Kotzerke damit zum Ausdruck bringen möchte, ist die oft über Jahre aufgebaute Opferhaltung, dass man leider nichts ändern könne. Und genau hier setzen Thera- pien an, wenn sie an der inneren Haltung arbeiten. Die dritte Säule ist schließlich die medikamentöse Einstellung, um lang- fristig wieder die Lebensqualität verbes- sern zu können. „Es gibt keine eingebildeten Schmerzen“, sagt Kotzerke auf die Frage, ob es bei der Behandlung einen Unterschied mache, ob die Schmerzen real sind oder nicht. Schmerz sei immer real, ob an eine offensichtliche Ursache gekoppelt oder nicht – allein der Glaube an etwas sei entscheidend.

Es kommt nicht oft vor, dass Mediziner offen über ihren Glauben reden. Wissenschaft und Religion lassen sich für viele nicht bedingungslos vereinbaren. Nicht so bei Kristin Kotzerke. „Ich bete auch für meine Patienten“, sagt die gläubige Christin wie selbstverständlich. Im Studium fand sie den Weg zum Glauben, nachdem sie sich in ihrer Jugend viel für Philosophien interessiert hatte, aber feststellen musste, dass jede Philosophie irgendwann an Grenzen stößt. „Das Christentum ist anders. Da steht die Person im Mittelpunkt. Jesus Christus. Das glaubt man oder man glaubt es nicht.“ Vielleicht ist es genau das, was ihre Ruhe und Gelassenheit begründet: „Der Glaube trägt mich. Man denke an die Apostelgeschichten: Die Jünger wandeln in Zeichen und Wundern. Das gilt damals wie heute.“

Sie hat den Schritt, nach Göttingen zu kommen nicht bereut, auch wenn ihr ab und an noch die Vernetzung zu den niedergelassenen Ärzten fehlen. In Burgwedel war das anders. Wenn man 30 Jahre an einem Ort lebt, der mit Eingemeindungen gerade mal 20.000 Einwohner zählt, und dort 20 Jahre lang gearbeitet hat, „dann kennt man natürlich alle und jeden. Das wird sich in Göttingen noch entwickeln müssen.“ Dennoch, in ihre neuen Aufgaben, ob Personalverantwortung oder Administratives, ist sie schnell hineingewachsen, genauso wie in das betriebswirtschaftliche Denken. „Derzeit hole ich Angebote für ein Biofeedback-Gerät ein, das bei uns demnächst zum Einsatz kommen wird“, erzählt sie stolz und berichtet von willkommenen Unterstützern in der Region: So initiierte beispielsweise Rainer Hald von der Sparkasse Göttingen – unabhängig von seinem Vorstandsvorsitz – eine persönliche Spendenaktion, wodurch nun die Erweiterung der Schmerztherapie angeboten werden kann: Ein Biofeedback-Gerät überträgt durch Elektroden unter anderem muskuläre Spannung auf einen Bildschirm – bei Entspannung bewegt sich beispielsweise ein Bild, bei Anspannung bleibt es stehen. So wird der körperliche Vorgang übersetzt, und die Patienten erlangen über einen längeren Zeitraum eine andere Körperwahrnehmung, wodurch sie auch im Alltag achtsamer mit sich selbst umzugehen lernen.

Den Tag beendet die Chefärztin gern mit einer Visite auf der Station. Wenn sie nach Stunden im Büro zu ihren Patienten geht und mit ihnen ins Gespräch kommt, dann gehe es ihr zum Feierabend wieder gut. Und ihre Patienten danken es ihr: In ihrem Büro hängen zwei Bilder von Zeichentrickfiguren an der Wand, die eine Patientin für sie gemalt hat. Sie wusste wohl nicht nur, dass Humor heilsam ist, sondern auch, dass ihre Ärztin auf Snoopy, Charlie Brown und Asterix steht.

 

Was bedeutet eigentlich …multimodale Schmerztherapie?

Bei dieser Therapiemethode wird berücksichtigt, dass chronischen Schmerzen ein vielschichtiges Krankheitsbild zugrunde liegt und sie deshalb auch eine vielseitige Therapie erfordern. Das bedeutet, dass neben der symptomatischen Behandlung auch die psychischen und sozialen Aspekte der Erkrankung mit einbezogen und behandelt werden. In der Praxis sieht das so aus: Medizinisch werden körperlich übende, verhaltenstherapeutische und medikamentöse Therapien aufeinander abgestimmt, beispielsweise bei chronischen Wirbelsäulenerkrankungen, chronischen Kopf- und Gesichtsschmerzen, Migräne …

Kontakt

Evangelisches Krankenhaus Göttingen-Weende Abteilung für Spezielle Schmerztherapie
An der Lutter 24
37075 Göttingen
Tel. 0551 50341477
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