Die Durchsetzungsstarke

© Alciro Thedoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Die Chefin des Göttinger Finanzamtes, Gudrun Wolter, steht nicht gern im Mittelpunkt und arbeitet lieber hinter ihrem Schreibtisch.

Den Bericht über den Besuch am Schreibtisch von Gudrun Wolter (63), Leitende Regierungsdirektorin und Vorsteherin des Finanzamts Göttingen, mit Angaben zum Steueraufkommen und den bearbeiteten Steuerfällen zu beginnen, wäre falsch.

Zwar nehmen Zahlen in ihrem Alltag einen nicht gerade kleinen Teil ihrer Zeit in Anspruch, wirklich wichtig sind Wolter allerdings die Menschen, mit denen sie zu tun hat: ihre Mitarbeiter und die Steuer zahlenden Bürger.

Seit ihrem Amtsantritt als Vorsteherin des Finanzamtes Göttingen im Jahr 1998 hat Gudrun Wolter deshalb für beide, Mitarbeiter und Bürger, Reformen vorangetrieben. „Von Anfang an ist Überzeugungsarbeit leisten mein Job“, sagt sie lachend an ihrem großen, hellen Schreibtisch sitzend.

Sie hat für ihre Mitarbeiter Teamarbeit eingeführt, ihnen mehr Verantwortung übertragen und führt sie mit Zielen. Vor dem Hintergrund der Balanced-Scorecard und des übergeordneten Ziels „Bürgerfreundlichkeit“ hat die durchsetzungsstarke studierte Juristin eine Infothek für die Steuerzahler eingerichtet und achtet auf kurze Wartezeiten.

„Rund 90 Prozent der Rückmeldungen durch die Bürger sind positiv. Sie schätzen unsere Bemühungen“, freut sich Wolter sichtlich. Dass ihre Reformen Wirkung entfalten, zeigt sich auch an einer anderen Stelle: Bei der Arbeitnehmerveranlagung ist das Finanzamt Göttingen mit 30 Tagen das zweitschnellste in Niedersachsen. Im Landesdurchschnitt warten die Steuerzahler mehr als 39 Tage auf ihren Bescheid vom Finanzamt.

Noch mehr Gewicht bekommt diese Leistung mit einem Blick auf die Zahl ihrer Mitarbeiter. Waren es bei ihrem Amtsantritt noch 348, müssen heute 281 immer mehr Steuerfälle unter Zeitdruck erarbeiten. „Hier sind Massenarbeiten zu erledigen, der Durchlauf ist schnell“, erklärt Wolter.

Dass auch sie ihren Beitrag dazu leistet, zeigt ein Blick auf ihren L-förmigen Tisch. Die bunten Mappen mit steuerlichen Vorgängen stapeln sich, auf einem kleinen Beistelltisch mit Rollen direkt daneben liegen auf zwei Etagen unzählige weitere. Außer mit einem gelben Briefbeschwerer in Micky-Maus-Form kann die übrige Ausstattung des Arbeitsplatzes der Finanzamtschefin nicht überraschen.

Eine Farbe dominiert: Flachbildschirm, Tastatur, Maus, Drucker, die Körbe für Posteingang und -ausgang sind grau. Neben einer Schreibtischunterlage finden sich Stifte, das Telefon, zwei Bücher zur Steuergesetzgebung und als Farbtupfer ein Strauß Rosen.

Insgesamt hat Gudrun Wolter erstaunlich viele Pflanzen in ihrem Büro. Vor dem Tisch stehen zwei Stühle für Besucher, an einem kleinen Konferenztisch sechs weitere. Ein Detail im Büro von Gudrun Wolter erstaunt dann doch: die mobile Klimaanlage, die an heißen Sommertagen wie heute für ein konstantes Brummen sorgt.

Alle Räumlichkeiten seien eher spartanisch ausgerüstet, so Wolter. „Unser Finanzminister geht mit gutem Beispiel voran“, ergänzt sie lapidar. „Er hält das Geld zusammen.“ Das scheint bei dem sinkenden Steueraufkommen auch angezeigt.

Auf die Frage, ob in der aktuellen wirtschaftlichen Lage Steuersenkungen eine Option für sie seien, bezieht sie klar Stellung: „Wenn alle ihre Steuern zahlen würden und nicht so viel Geld im Ausland verschwinden würde, wären Entlastungen sicher möglich.“

Erst jetzt, gegen Ende des Gesprächs, lässt Wolter durchblicken, dass sie nicht gerne im Mittelpunkt des Interesses steht. „Eigentlich halte ich mich absichtlich im Hintergrund, absolviere kaum externe Termine. Ich konzentriere mich lieber auf meine Arbeit. Wir haben hier viel zu tun“, sagt sie mit einer Hand an der obersten Mappe auf ihrem Tisch. Die Ergebnisse geben ihr Recht.