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Text von: redaktion

Die Hochschulen wollen den Studienstandort Göttingen gemeinsam vermarkten. faktor sprach mit den Pressesprechern der Universität Göttingen und der Privaten Fachhochschule (PFH), Marietta Fuhrmann-Koch und Dirk Artmann, über die Ziele.

Warum sollte ein junger Mensch zum Studieren nach Göttingen kommen?

Marietta Fuhrmann-Koch (Foto rechts): Die Stadt Göttingen hat viel zu bieten: Sie ist jung, überschaubar und liebenswert. Die Georg- August-Universität zieht vor alle mit ihrer großen Fächervielfalt und der Nähe zur exzellenten Forschung national und international junge Menschen nach Göttingen. Wir haben mehr als 120 Studienprogramme – in den Geisteswissenschaften sind wir mit fast 1 000 Kombinationsmöglichkeiten bundesweit einmalig aufgestellt.

Dirk Artmann: Der Hochschulstandort Göttingen ist eine internationale Marke – so sind wir im Ausland oft bekannter als national. Wir haben mit der Georgia Augusta, der PFH, der HAWK und der DRK-Hochschule Exzellenzen, die in speziellen Bereichen Marktführer sind. Zudem ist Göttingen ein charmanter Studienort, der eine Internationalität ausstrahlt, die man überall in der Stadt spürt. Die gemeinsame Vermarktung des Studienortes wird seit knapp einem Jahr intensiv vorangetrieben. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Fuhrmann-Koch: Zunächst einmal: Es freut mich, dass die Initiative viele überrascht. Soviel Kooperationsbereitschaft hat man uns offenbar nicht zugetraut. Die enge Zusammenarbeit von Hochschulen, Göttinger Forschungseinrichtungen und Stadt Göttingen hat aber Tradition. Vor kurzem konnten wir das zehnjährige Jubiläum des „Arbeitskreis Wissenschaft, Hochschulen, Stadt“ feiern, der auf Initiative von Hermann Schierwater [1988-2000 Oberstadtdirektor von Göttingen, die Redaktion] ins Leben gerufen wurde. Auf dieser Basis arbeiten wir an einem gemeinsamen Konzept zur Vermarktung des Studienstandortes Göttingen.

Artmann: Es ist der Verdienst von Frau Leuner-Haverich [Leiterin des Arbeitskreises, d.Red.], dass sie den Dialog mit Hilfe der Hochschulen immer wieder vorangetrieben hat. Dass wir nun alle so an einem Tisch sitzen, ist die erste große Innovation. Jetzt geht es um die Frage, welche Macht wir gemeinsam entwickeln können. Der Markt für Studienangebote wird immer komplexer und immer diversifizierter – wir sind gut beraten, zusammenzuarbeiten.

Was wollen Sie mit dieser Initiative erreichen?

Artmann: Die Frage ist: Was können wir voneinander lernen? Meiner Meinung nach geht es darum, Qualität und Vielfalt zu kombinieren. Wir wollen erfolgreich sein für unsere eigenen Hochschulen, aber auch für die Stadt und die Wirtschaft der Region – für den Standort insgesamt. Die Entwicklung in Göttingen ist immer eng an die Hochschulen gekoppelt. Dabei ist die Georgia Augusta das Schiff ganz vorn mit der meisten Schubkraft, und dann kommen wir kleineren. Wir suchen gerade nach den Feldern, wo ein gemeinsamer Auftritt kraftvoller sein kann – das kann auf Messen, im Internet und bei Mediakampagnen sein. Zusammen haben wir hier mehr Potenzial als jeder allein. So könnten wir bei einem gemeinsamen Messeauftritt Potenzial und Vielfalt demonstrieren und Kosten sparen.

Fuhrmann-Koch: Jeder Partner hat sein eigenes, klares Profil als Hochschule mit den jeweils eigenen Zielgruppen. An der Universität werden die Studierenden berufsfähig und forschungsnah ausgebildet und an den Fachhochschulen eher berufsfertig. Aber bei aller Unterschiedlichkeit wollen wir gemeinsam den Hochschulstandort präsentieren und die Standortvorteile besser vermarkten. Entscheidend ist am Ende, dass wir hochmotivierte Studierende anziehen und erfolgreich ausbilden. Die jungen Menschen müssen sich überlegen, wo sie mit ihren Interessen und Zukunftsperspektiven am besten aufgehoben sind. Und wenn das Göttingen ist, dann haben alle Beteiligten etwas davon.Frau Fuhrmann-Koch, Sie sprachen gerade vom Profil. Wie sieht das zukünftige Profil der Georg-August-Universität aus?

Fuhrmann-Koch: Im verschärften Wettbewerb differenzieren sich die Hochschulen stärker auseinander. Für eine Forschungsuniversität wie Göttingen bedeutet das auf die Studierenden bezogen, dass wir neben der Quantität insbesondere auf Qualität setzen. Schon jetzt ermöglicht der Gesetzgeber, dass Universitäten ihre Studierenden auswählen können, und für Göttingen müssen wir die besten und besonders motivierten jungen Menschen gewinnen. Die Uni Göttingen gehört zu den Hochschulen, die sich um den Titel Exzellenzuni bewerben dürfen, der nicht nur Ruhm, sondern auch Geld bringt. Wird Göttingen ausgewählt?

Fuhrmann-Koch: Die Uni Göttingen spielt ganz vorne mit – das zeigt unser Vorstoß in die Endrunde von acht Universitäten, denen unabhängige Gutachter aus aller Welt zutrauen, dass sie das Potenzial für eine international wettbewerbsfähige Spitzenuniversität haben. Das erste Ziel ist damit erreicht. Nun wird mit Hochdruck daran gearbeitet, dass im Herbst die Göttinger Universität zu denjenigen zählt, die für fünf Jahre mit 21 Millionen Euro jährlich gefördert werden. Die Universität setzt dabei auf die enge Verflechtung mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen vor Ort, und diesen Weg wird sie weiter gehen, unabhängig vom Ausgang des Exzellenzwettbewerbs. Ein ebenfalls eingeschlagener Weg ist die Internationalisierung der Hochschulen.

Was für Chancen und Risiken erwarten Sie vom internationalen Wettbewerb?

Fuhrmann-Koch: Die Internationalisierung 0bringt große Chancen für Göttingen. Die Universität hat im Ausland einen hervorragenden Ruf: Ein Ziel ist es, den Anteil der ausländischen Studierenden von derzeit rund 13 Prozent deutlich zu erhöhen. Dabei geht es vor allem um den wissenschaftlichen Nachwuchs, den wir für die Master- und PHD-Programme gewinnen wollen. Die Göttinger Studierenden wiederum haben in einem starken Netzwerk die Möglichkeit, überall auf der Welt ein Auslandssemester oder einen längeren Studienaufenthalt zu absolvieren.

Artmann (Foto oben): Das Werben um Studieninteressierte hat gerade erst begonnen. Das Gut Bildung ist eins der Top-Exportprodukt aus Deutschland. Aber zum Beispiel die USA, England und die Niederlande, die schon immer international aufgestellt waren, sind da viel weiter als wir in Deutschland. Durch die Umstellung auf Bachelor und Master kommt jetzt auch hierzulande neuer Schwung in die Sache. Für die PFH ist jetzt zehn Jahre nach der Gründung Internationalität das große Thema. Ich kann mir exzellente Masterklassen mit ausländischen Studenten vorstellen. Wir können uns auch gut vorstellen, das Erfolgskonzept der PFH ins Ausland zu exportieren. Es gibt zahlreiche Anfragen aus Asien. Insgesamt bietet die Internationalisierung viele Chancen: Studierende können zukünftig den Bachelor in Amsterdam oder London machen und den Master in Göttingen oder umgekehrt.

Frau Fuhrmann-Koch, was kann so eine Traditionsuniversität wie die Georgia Augusta von einer kleinen Einrichtung wie der PFH lernen?

Fuhrmann-Koch: Bei einer großen Universität mit fast 24 000 Studierenden ist die Betreuung und Beratung der Studierenden ein wichtiges Dauerthema. Die Göttinger Universität ist gerade vom Karriere-Magazin des Handelsblatts für ihre Serviceorientierung als unternehmerische Hochschule ausgezeichnet worden. Unter den großen Universitäten zählen wir sicher zu Recht zu den Besten, aber es gibt doch enge Grenzen bei der individuellen Betreuung. Mit etwa 14 Millionen Euro Studienbeiträgen jährlich werden wir zukünftig sicher einen großen Schritt nach vorne tun – dabei kann die Universität insbesondere in der Betreuung jedoch viel von den Kleineren wie der PFH lernen.

„Wir wollen Göttingen als Top-Standort zur Erfolgsmarke entwickeln.“

In Göttingen wird häufig die fehlende Vernetzung zwischen Hochschulen, Verwaltung und Wirtschaft beklagt. Wie wollen Sie die Zusammenarbeit dieser unterschiedlichen Institutionen verbessern?

Fuhrmann-Koch: Es besteht großes Interesse, die Stadt, die regionale Wirtschaft und den Handel einzubinden. Das sind Partner, die sich ihrerseits bereits auf vielfältige Weise für die Belange der Universität engagieren. Das verschafft einen Standortvorteil, den wir auch an die Studierenden weitergeben können. Ein Beispiel sind Praktika vor Ort, aber auch in Auslandsniederlassungen von Unternehmen. Die Universität Göttingen hält engen Kontakt zu den Unternehmen in der Region, die ja nicht selten wie Sartorius, Mahr und Linos aus der Universität heraus gegründet wurden.

Artmann: Wir wollen die Unternehmen mit professionellen Konzepten adäquat aktivieren. Kooperatives Verhalten wird doch in der Wirtschaft längst vorgelebt. Durch unsere Zusammenarbeit wollen wir das Signal geben: Wir kennen unsere Stärken und Schwächen und wollen den Hochschulstandort Göttingen als Top-Standort zur nationalen und internationalen Erfolgsmarke entwickeln.

Wo erwarten Sie den Studienstandort Göttingen in zehn Jahren?

Artmann: Wir hatten dann Erfolg, wenn wir in zehn Jahren die Stellung des Studienortes Göttingen gehalten oder – noch besser – ausgebaut haben. Für die PFH erwarten wir ein überdurchschnittliches Wachstum.

Fuhrmann-Koch: Gemeinsam müssen wir die Markenqualität für das Studium in Göttingen ausgebaut und den Standort weiterentwickelt haben; Flair und Freizeitwert von Stadt und Umgebung sind dabei ein nicht zu unterschätzender faktor. Für die Universität erhoffe ich mir daher, dass wir noch attraktiver werden für sehr gute und motivierte Studierende aus aller Welt. Dabei ist der erwartete Andrang an die Universitäten durch die demografische Entwicklung und die doppelten Abiturjahrgänge eine große Herausforderung. Jeder einzelne Studierende muss im Blickpunkt stehen, damit die Ehemaligen der Universität und dem Wissenschaftsstandort Göttingen ein Leben lang als Alumni verbunden bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zu den Personen

Der Marketingexperte Dirk Artmann gründete 1992 die Göttinger Kommunikationsagentur unic marketing und ist seit 2002

Mitgesellschafter der Privaten Fachhoschule Göttingen (PFH). Artmann ist zudem Pressesprecher der PFH und verantwortlich für

Marketing und Vertrieb.

Marietta Fuhrmann-Koch leitet seit 2001 die Abteilung Presse, Kommunikation und Marketing der Universität Göttingen. Davor war sie Korrespondentin der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und Pressesprecherin der Universität Osnabrück.