Die Ballverrückte

©Peter Heller
Text von: Marisa Müller

Frauen-Fußball-WM in Kanada - mit dabei ist Pauline Bremer. faktor hat sie vor der großen Reise in Potsdam besucht und mit ihr über Fußball und die Zukunft gesprochen.

Verletzungspech verfolgte Pauline Bremer schon seit Wochen. Zuletzt gefährdete eine hartnäckige Schulterverletzung ihre Teilnahme am bislang wohl wichtigsten Sportereignis ihrer jungen Profikarriere. Dabei hat sich die 19-Jährige kein geringeres Ziel gesteckt als den Weltmeistertitel in Kanada – gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen. Kämpfen. Bangen. Siegen.

Einige Wochen zuvor – im Physiotherapieraum ihres bisherigen Vereins 1. FFC Turbine Potsdam – lässt sich Bremer noch ihre linke Schulter mobilisieren. Die muss schnell heilen, aber ‚Pauli‘, wie sie von ihren Freunden genannt wird, ist sportlich optimistisch. Und überhaupt ist dieser Tag im Mai ein perfekter Tag: 15 Punkte im Sportabitur – was könnte es Schöneres geben? Bremer ist bester Stimmung, aber nicht nur aus diesem Grund. Am Tag zuvor kam die Nominierung für den Kader von Bundestrainerin Silvia Neid.

Seit drei Jahren wohnt sie nun in Potsdam. Bereits mit 16 Jahren ausgezogen aus dem Elternhaus und damit der Verzicht auf so manche Annehmlichkeit – alles für den Fußball, denn der war ihre erste große Liebe.

„Das war es, was sie immer wollte! Fußballspielen, jeden Tag, jede Minute – darum dann auch das Sportinternat“, erklärt Mutter Mareike Bremer.

Der Bewegungsdrang sei so groß gewesen, dass Pauline sich selbst trainiert habe, wenn das offizielle Training in Göttingen wieder einmal nicht stattfinden konnte. „Völlig ballverrückt“, sagt auch ihr Vater, der Göttinger Weinhändler Philipp Bremer, über das Engagement seiner Tochter.

Im Internatszimmer: Viel Platz ist nicht, das tut Bremers guter Laune aber keinen Abbruch.

Aber das hat sich auf ganzer Linie gelohnt: Ihr Debüt für Deutschland gab Bremer mit der U-15-Nationalmannschaft bereits 2010, zahlreiche Einsätze folgten. Mit dem Vertrag beim Bundesligisten Turbine Potsdam im Jahr 2012 erfüllte sich ihr Traum von der Bundesliga, und im vergangenen Jahr holte sie mit der U-20-Mannschaft bereits ihren ersten Weltmeistertitel.

„Das werde ich nie vergessen. Genau wie 2012 den Sieg mit der U-17, als wir Europameister geworden sind“, sagt Pauline Bremer.

So jung von zu Hause weggegangen zu sein, bereut sie nicht. „Das war kein Problem. Viel Abwechslung im Internat und beim Sport, da blieb keine Zeit für Heimweh, und am Anfang war ich doch noch recht häufig zu Hause zu Besuch“, schildert die Göttingerin ihre ersten Wochen in der Landeshauptstadt Brandenburgs.

Am Uferrand der Havel lässt sie Beine und Seele baumeln. Ein harscher Ton weht vom Fluss herüber. Eine kleine Gruppe von Ruderern trainiert in der prallen Mittagshitze, der Trainer gibt energisch Anweisungen durch ein Megafon, während er selbst im Motorboot nebenher fährt. „Ein rauer Ton, aber das motiviert mitunter“, bemerkt Bremer.

In den vergangenen Jahren hat sie nahezu jeden Tag trainiert, ungefähr drei Stunden täglich, an den Wochenenden Spiele. Dazu gehört Disziplin.

„Ob im Sport oder anderswo, Disziplin braucht es immer, wenn man etwas erreichen will“, sagt sie.

Und Ziele zu erreichen, war der Göttingerin schon von Kindesbeinen an wichtig.

Ihre Filmhelden ‚Die Wilden Kerle‘ entfachten Bremers Begeisterung im Alter von neun Jahren. Fußball, Gemeinschaft, Zusammenhalt, Abenteuer – all das wollte sie auch, genau wie ,Die Wilden Kerle‘. „Sommermensch camp: eine Woche und Pauline alleine mit knapp 30 Jungs. Danach war alles klar: Fußball im Verein“, erinnert sich Vater Bremer an längst vergangene Zeiten.

Auf dem nahegelegenen Gelände des alten Luftschiffhafens in Potsdam trainieren heute die Besten der Besten. Um in der Eliteschule des Sports Friedrich Ludwig Jahn aufgenommen zu werden, ist echtes Talent gefragt. Kernkompetenz ist der Mädchenfußball und – aufgrund der idealen Lage – viele Wassersportarten sowie jede Menge weitere olympische Disziplinen. Mit dem Abi ist für Bremer nun aber Schluss mit dem Internatsleben. Dort lebte sie auf ziemlich beengten 14 Quadratmetern, die sie sich mit Zimmergenossin Isabella Marchl teilte. Die beiden kennen sich bestens und wissen so ziemlich alles voneinander. Eine echte Symbiose. „Pauli verliert immer ihre Sachen“, verrät die Fünfkämpferin. „Ja, und Bella weiß immer, wo ich suchen muss“, ergänzt Bremer. Wie es werden soll, wenn die zwei sich in wenigen Tagen trennen müssen? Schrecklich, da sind sich beide einig – und tatsächlich liegt ein Hauch von echtem Abschiedsschmerz schon in der Luft.

Kunststücke auf den Rasen von Turbine Potsdam

Pauline Bremer unterwegs mit faktor-Redakteurin Marisa Müller

Aber wenigstens ist nun klar, wohin der Wind weht. Versicherte Bremer noch vor wenigen Wochen, ihr Vertrag in Potsdam bestehe noch für das ganze nächste Jahr und ein Fernstudium in Wirtschaftspsychologie stehe vielleicht auf dem Plan, kam dann doch plötzlich alles ganz anders. „Ein fantastisches Angebot“, kommentiert Bremers ehemaliger Fußballtrainer in Göttingen, Jürgen Turke, das Angebot von Olympique Lyon. Und tatsächlich – damit hatte niemand gerechnet. Einen Tag vor dem Abflug zur Weltmeisterschaft nach Kanada unterschrieb Bremer den Vertrag mit dem französischen Top-Team zum 1. Juli.

„Schon als Pauline noch ein kleines Mädchen war, haben wir geahnt, dass aus ihr mal eine ganz Große werden wird“, sagt Turke, der seit rund 20 Jahren junge Sportler betreut und die Abteilung Frauen- und Mädchenfußball bei der SVG Göttingen leitet.

Der 60-Jährige erinnert sich an jede Menge Ehrgeiz, Talent und einen Riesenspaß am Fußball. Auch daran, dass Bremer schon damals den Wunsch äußerte, irgendwann in der Bundesliga mitmischen zu wollen. Schon mit zwölf fuhr Pauline Bremer zu überregionalen Turnieren, bestach beim Ballzauber, trainierte unermüdlich und reiste zweimal mit ihrer SVG zum Dana-Cup nach Dänemark. „Wenn der Sieg einmal ausblieb, gab es bittere Tränen“, so Turke. Die Bilderbuchkarriere seines ehemaligen Schützlings verfolgt er seither mit großem Interesse. „In jeder Altersklasse hat Pauline mit ihrer Mannschaft Erfolge gefeiert“, sagt der Trainer erfreut. Er rechnet damit, dass Bremer in Zukunft zu den Stammspielerinnen der deutschen Nationalelf gehören wird, und auch für Frankreich ist er zuversichtlich. „Sie wird durch Leistung bestechen.“

30 Grad. Die Luft flirrt. Pauline Bremer spaziert durch den grünen Park von Sanssouci. Der Kies knirscht unter den Sohlen. Während die Fontäne des Brunnens sie in feine Gischt hüllt, träumt die junge Spitzensportlerin von der Zukunft:

„Einige Jahre könnte ich sicherlich auch nur vom Fußballspielen leben, auf Dauer vorsorgen für die Zeit nach der aktiven Karriere kann man im Frauenfußball aber in der Regel eher nicht“, erklärt sie.

Bremer lacht unbeschwert auf, blinzelt in die Sonne und streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn. An die ferne Zukunft möchte sie jetzt eigentlich noch nicht denken. Dafür läuft gerade alles viel zu gut. Sie hat eine Vorstellung, wie es sein könnte. Mit dazu gehört allerdings auch ein richtiger Beruf.

So oder so ähnlich geht es den meisten Profis im Frauenfußball. Eine zusätzliche finanzielle Absicherung ist üblich – im Gegensatz zu den männlichen Kollegen. Noch immer hat Männerfußball – vor allem in Europa – einen völlig anderen Stellenwert als der der Damen. Bis zum Jahr 1970 verbot der Deutsche Fußball Bund (DFB) Frauenfußball sogar. Viele Vorurteile beherrschen noch immer das Feld. Abfällige Bemerkungen über die Qualität des Spiels sind an der Tagesordnung: Frauenfußball, die schlechte Version des echten Ballsports. Keine packenden Zweikämpfe, alles Lesben, keine Dynamik, irgendwie echt lahm – das sind wahre Stammtischparolen und etwas, womit die weiblichen Profis umgehen müssen. „Frauenfußball ist viel taktischer als Männerfußball“, sagt Bremer. Mehr möchte sie zu dem Thema nicht beitragen. Sie weiß um die Leistung ihres Teams und die Anstrengungen, die damit verbunden sind. Rechtfertigungen seien da ihrer Meinung nach fehl am Platz.

Trotz der Ungleichheiten im Spitzensport – Anfang des Jahres hat sich auch Bremer einen professionellen Berater zugelegt. „Die sind inzwischen auch aus dem Frauenfußball nicht mehr wegzudenken“, erklärt sie. Im vergangenen Jahr waren in Deutschland rund 500 Sportberater und Vermittler tätig, die meisten von ihnen im Bereich Fußball. Provisionen betragen bis zu 15 Prozent des Jahresgehalts eines Spielers. Neben der Vermittlung der Sportler kümmern sie sich auch um Themen wie Steuerberater, Werbedeals und Wohnungssuche. Bremer selbst betrachtet es als klaren Vorteil – Aufgaben, um die sie sich nicht mehr kümmern muss.

Wieder auf dem Gelände des alten Luftschiffhafens. Inzwischen ist später Nachmittag. Überall trainieren die Athleten der Sportschule. Auf der Laufbahn zieht Freundin Bella unermüdlich ihre Runden. Jüngere Fußballerinnen sind mit taktischen Angriffsübungen beschäftigt, unter den lautstarken Anweisungen ihrer Trainer. Liegestütze. Pfostensprinten. Spannstoßtechniken. Alle sind beschäftigt. „So alt war ich auch ungefähr, als ich herkam“, sagt Pauline und deutet auf den Platz am Ufer.

„Dass ich innerhalb kürzester Zeit für die erste Mannschaft von Turbine spielen würde, war super, aber auch überraschend“, fügt sie hinzu.

Dabei stand Bremers Karriere schon immer unter einem guten Stern. Doch das zuzugeben oder gar von sich aus anzusprechen, widerspricht der bescheidenen Art der ausgeglichenen Sportlerin.

Ein Wesenszug, der durchaus hilfreich in ihrem Job ist: Immer wieder fremde Leute, da ist Flexibilität gefragt. Teamkollegen, Fans, Presse, Begegnungen im Alltag – dabei sei das Pensum noch in Ordnung, findet Bremer. „Die Männer verdienen zwar viel mehr Geld, dafür haben sie aber auch wesentlich weniger Freiheiten“, erzählt sie und denkt dabei pragmatisch. Unabhängig handeln und nicht immer jemanden um Erlaubnis bitten müssen, das sei ihr wichtig. Wie sich das äußert trotz ihres streng vorgegebenen Alltags?

„Meine Onlineaktivitäten sind meine Sache, und in den Skiurlaub dürfte ich auch fahren – trotz Verletzungsrisiko… Das ist meine Freiheit“, erklärt die junge Sportlerin.

Wolken ziehen auf. Über den Trainingsplätzen verfinstert sich langsam der Himmel, es grollt und wird immer windiger. Bremer steuert den Platz an, auf dem ihre Turbine- Kolleginnen schon fleißig trainieren. Für sie heißt es noch schonen, damit die Schulterverletzung verheilt, dabei juckt es buchstäblich in ihren Füßen.

„Ohne Fußball – das könnte ich nicht. Das ist mein Leben“, sagt sie fast philosophisch und wählt den Weg, der direkt über den Kunstrasenplatz führt.

Gekonnt kickt sie einen herumliegenden Ball in Richtung der Spielerinnen. „Da kann ich einfach nicht dran vorbeigehen“, sagt sie verschmitzt.

Zum Thema Kunstrasen sei inzwischen alles gesagt, findet die leidenschaftliche Sportlerin. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hatten 40 Spielerinnen, darunter auch Stars wie die Weltfußballerinnen Abby Wambach und Nadine Angerer, gegen den Einsatz auf Kunstrasen in Kanada geklagt – ebenso Pauline Bremer. „Mir war nicht klar, dass das solche Wellen schlagen würde“, sagt sie ganz unheldenhaft. Für sie ging es immer nur um die Solidarität mit den anderen Spielerinnen. „Und um die Chance etwas zu verändern. Nicht versucht ist gleich verloren“, sagt die ambitionierte Göttingerin.

Die Potsdamer Mücken fliegen tief. Leichtathleten flüchten von den Trainingsplätzen. Erste Blitze zieren den Horizont. Bremer hält die Nase in die Luft und schnuppert: „Riecht gut“, sagt sie mit einem Leuchten in den Augen. Und dann mit Nachdruck: „Jetzt muss ich aber erstmal eine Stunde laufen.“ Erste dicke Regentropfen fallen und Windböen peitschen die Havel auf. Bremer gibt sich unbeeindruckt. Freudig scharrt sie mit den Füßen. „Grüßt mir Göttingen“, ruft sie im Gehen. Dann dreht sie sich um und läuft am Ufer Richtung Süden.

Name: Pauline Marie Bremer
Geburtstag/-ort: 10. April 1996, Ossenfeld
Größe: 172 cm
Vereine: SVG Göttingen 07, 1. FFC Turbine Potsdam, Olympique Lyon
Erfolge: U-17-Europameisterin 2012, Torschützenkönigin U-19-EM 2013, DFB-Hallenpokalsiegerin 2013 u. 2014, Französischer Meister 2016, Französischer Pokalsieger 2016, Champions League Sieger 2016