„Die Alten wachsen nach“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Tobias Wolff, Geschäftsführer der Händel-Festspiele, spricht über Publikumsschichten, Finanzen und das aktuelle Programm.

faktor: Herr Wolff, 2013 ist der Orient das große Thema der Händel-Festspiele. Das klingt im ersten Moment ungewöhnlich, wie kam es dazu?

Wolff: Viele Werke Händels, wie zum Beispiel das Oratorium ,Joseph und seine Brüder‘, spielen dort. Auch bei den Opern sind Sarazenen oder Prinzessinnen aus dem Orient dabei. Zudem haben wir uns vorgenommen, bis 2020 alle Opern aufzuführen, die in Göttingen bisher noch nicht gezeigt wurden. Und dazu gehört eben auch ,Sireo, Re di Persia‘ – eine Geschichte, die am persischen Hof spielt.

Nicht zuletzt gibt uns das Thema die Gelegenheit, das Programm für neue Publikumsschichten zu öffnen.

Damit meinen Sie sicher die jüngeren Jahrgänge. Wie kann man sie für Händel begeistern?

Wir müssen uns auf die Bedürfnisse all unserer Zuschauer einlassen und sie da abholen, wo sie sind. Für die Jugendlichen haben wir im vergangenen Jahr zum Beispiel die Jugend-Oper ,Young Amadigi‘ angeboten. Sobald sich die jungen Leute aktiv mit Händel auseinandersetzen, sind sie begeistert. Leider sind sie aufgrund ihrer Lebenssituation finanziell häufig nicht in der Lage, sich Konzertkarten zu kaufen.

Und wie sieht es mit der ganz jungen Generation, den Kindern, aus?

In diesem Jahr bieten wir wieder ein Kinderkonzert und zum ersten Mal eine 60-minütige Familienfassung der Oper an. Diese wird vom Kika-Star Juri Tetzlaff moderiert, sodass Kinder und Händel-Einsteiger alles verstehen können. Nach dem großen Erfolg im Vorjahr bieten wir auch wieder einen Familientag an. Die Angebote haben sich in früheren Programmen immer etwas ,versteckt‘. Jetzt bündeln wir am 11. Mai Workshops und viele weitere Aktionen.

In Hardegsen wird es einen Liederabend für Erwachsene mit Kinderbetreuung geben, daneben sind weitere Angebote von Schüler-Bigband bis Kinderzirkus geplant. So können die Eltern ganz entspannt die Veranstaltung genießen.

Neben dieser Zielgruppe werden die Konzerte aber in der Regel von der älteren Generation besucht. Ist der hohe Altersdurchschnitt ein Problem?

Sicher ist unser Publikum im Schnitt eher 50 als 20 Jahre alt. Aber da bin ich eigentlich ganz entspannt. Für mich ist es völlig selbstverständlich, dass Menschen zwischen 30 und 50, wenn sie im Job durchstarten, Häuser bauen und Familien gründen, wenig Zeit für Konzerte haben. Wichtiger ist, Kinder und Jugendliche mit Händel in Kontakt zu bringen.

Damit haben sie die erste Hürde früh überwunden und werden auch später wieder in Konzerte kommen. Außerdem gehe ich nach dem Motto: Auch die Alten wachsen nach. Es ist doch ganz großartig, dass unsere Senioren heutzutage bis ins hohe Alter Konzerte besuchen können!

Welches Budget haben Sie zur Verfügung?

Insgesamt stehen rund 1,5 Millionen Euro bereit. Darin sind öffentliche Förderungen in Höhe von 388.000 Euro enthalten, 138.000 davon von der Stadt Göttingen. Der Rest setzt sich aus Mitteln der Händel- Gesellschaft, Eintrittsgeldern, Spenden und Sponsoring zusammen. Der Anteil dieser Drittmittel ist im Vergleich zu anderen Kulturinstitutionen ungewöhnlich hoch.

Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

Namhafte Künstler planen circa drei Jahre im Voraus. Stiftungsmittel, Spenden und Sponsoring werden jedoch meist über ein Jahr bewilligt. Da muss ich als Geschäftsführer ein Gespür entwickeln, wie die Situation bei den Förderern ist. Insgesamt ist die Lage bei diesen aber sehr stabil auf hohem Niveau. Das zeigt, wie sehr die Festspiele hier in Göttingen gewollt und verwurzelt sind.

Zuschauer, Wirtschaft und Politik haben erkannt, wie wichtig Kultur ist. Andere Standorte, zum Beispiel in Süddeutschland, sind trotzdem zum Teil noch deutlich besser ausgestattet.

Sie haben auch in anderen Bundesländern gearbeitet. Wie ist die Kulturförderung in Niedersachsen einzuschätzen?

In Thüringen und Sachsen wird die Fördermittelvergabe meist zentral über das Ministerium gesteuert. In Niedersachsen spielen Landschaftsverbände und Institutionen wie die NDR-Musikförderung eine große Rolle bei der Verteilung öffentlicher Gelder.

Das erhöht natürlich den administrativen Aufwand für die Kulturschaffenden, weil mehr Anträge zu stellen sind. Andererseits kennen die Verbände das Kulturleben vor Ort viel besser als ein zentrales Organ in der Landeshauptstadt – davon profitieren besonders kleinere Kulturinitiativen. Allerdings liegt der Anteil der Kulturausgaben in Niedersachsen insgesamt nur bei 58 Euro pro Einwohner bzw. 1,4 Prozent des Gesamthaushaltes.

Damit ist unser Bundesland mit Schleswig- Holstein zusammen im Deutschlandvergleich das Schlusslicht. In Hamburg sind es 192 Euro pro Einwohner bzw. 3,4 Prozent, der Bundesdurchschnitt liegt bei knapp 90 Euro bzw. 2 Prozent.

Wie schaffen Sie es dennoch, sich gegen die finanziell bessergestellte Konkurrenz zu behaupten?

1920 gegründet, sind die Händel-Festspiele das älteste Barockmusikfestival der Welt mit vielen treuen Fans auf dem ganzen Globus. Natürlich müssen wir immer wieder mit Qualität und Begeisterung punkten: Mit dem charmanten Deutschen Theater haben wir dafür eine ideale Spielstätte.

Unser FestspielOrchester Göttingen (FOG) ist im Bereich Musiktheater eines der besten Barockorchester weltweit. Wir können für jede Oper die Sänger passgenau zusammenstellen und versuchen dabei, vielversprechende Nachwuchstalente aufzuspüren. Unser Künstlerischer Leiter Laurence Cummings ist ein absolut charismatischer Dirigent und gerade auf dem Absprung zu einer Weltkarriere.

Und zu guter Letzt bietet Göttingen eine unvergleichliche Atmosphäre. Die Stadt trägt uns und lebt mit uns.