Die Akkus laden

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

Wohl niemand wird behaupten, dass ihm Schlafen nicht guttut. Dennoch haftet dem erholsamen Grundbedürfnis in der westlichen Hemisphäre ein Stigma der Schwäche an.

Man denke nur an die zahllosen Zoten über dösende Beamte, oder man stelle sich vor, der Chef ertappt seine Mitarbeiter regelmäßig mit dem Kopf auf der Schreibtischunterlage. Ein in der Verfassung festgeschriebenes Recht – wie in mehreren asiatischen Staaten üblich – auf einen Mittagsschlaf oder auch eine Siesta, die zur Mittagszeit das Wirtschaftsleben eines Landes lahmlegt, sind in Deutschland unvorstellbar. Sebastian Mauritz, Göttinger Autor, Redner und Trainer für Resilienz und Kommunikation, fordert aber genau dies.

Herr Mauritz, was macht unsere Gesellschaft eigentlich falsch?

Wir achten nicht mehr auf die Signale unseres Körpers. Wenn Babys müde sind, schlafen sie. Es ist ihnen egal, wo sie sind. Sie wissen einfach, sie müssen ,abschalten‘. Sicherlich sind wir keine Babys, aber so konsequent wie viele Erwachsene unterdrückt kaum jemand die natürlichen Bedürfnisse.

Unser Instinkt sagt uns also, wie es geht?

Ja, aber wir trainieren uns dies systematisch ab. Als Erwachsene missachten wir unsere Körperfeedbacks, so auch das Verlangen nach Schlaf. Wir hören einfach nicht mehr auf unsere natürlichen Gefühle und darauf, dass unser System nicht für nur eine Schlafphase geschaffen ist. Andere Kulturen gehen mit diesen Notwendigkeiten ganz anders um.

Welche Nachteile bringt es, seine Körpersignale zu ignorieren?

Wir unterbieten uns teilweise mit der Schlafdauer: „Ich brauche nur vier Stunden Schlaf, um fit zu sein!“ Das ist zum einen biologisch gar nicht möglich und zum anderen ein rührend-dümmliches Verhalten. Mit wenig Nachtschlaf bauen wir systematisch ein Defizit auf. Denn der Mensch braucht – je nach Typ – ungefähr zwischen sechs und neun Stunden Schlaf. Studien haben ergeben, dass ausgeschlafene Menschen bis zu 40 Prozent leistungsfähiger und insgesamt zufriedener sowie gesünder sind. Das zeigt, wie viel Potenzial wir sinnlos vergeuden.

Wie groß ist das Bewusstsein in den Führungsetagen?

Schlaf hat ein Marketingproblem: Wir dürfen nur auf unsere Leistung stolz sein, nicht aber auf unsere Pausen. In den meisten Führungsetagen ist es leider schwierig, daran zu rütteln. Wir steuern lieber auf Erschöpfung, Ineffizienz und vielleicht auch einen Burn-out zu. Doch immer mehr Unternehmen erkennen die Chance, durch relativ einfache Maßnahmen die Mitarbeitermotivation zu steigern. Nebeneffekte wie höhere Leistungsfähigkeit und niedrigerer Krankenstand bekräftigen diesen Mut zu neuen Wegen. Beschreiben Sie bitte diese „relativ einfachen Maßnahmen“! Wir haben das Konzept des BusinessNap entwickelt. Mithilfe einer Audiodatei wird der Mensch hierbei in eine etwa 20-minütige Tiefenentspannung geführt, aus der er erholt erwacht.

Was ist der Unterschied zum Mittagsschlaf?

Der Mittagsschlaf ist an sich gut, fällt aber bei vielen Leuten zu lang aus. Ab circa 35 bis 40 Minuten beginnt der Körper komplett runterzufahren – man wacht dann müder auf als vorher. Die maximal 20-minütige Phase ist vom Gefühl eher ein kurzer Kraftschlaf – ein gezieltes Laden der eigenen Akkus.

Wie oft sollte man BusinessNap praktizieren?

Spätestens dann, wenn der eigene Akku leer ist, sollte man ihn aufladen. Unser Biorhythmus verlangt gegen Mittag und am späten Nachmittag/frühen Abend nach Regeneration. Bemerkt man dies, sollte man sich Erholung gönnen.

Welche Hilfsmittel sind dafür erforderlich?

Es reichen eine einfache Liege oder ein bequemer Stuhl und ein Kopfhörer, den man ans Smartphone anschließen kann, um die Audiodatei abzuspielen. Das kann also auch direkt im Büro stattfinden.

Lässt sich so auch ein über längere Zeit aufgebautes Schlafdefizit abbauen?

Ja, zum Beispiel auch durch mehrere Einheiten direkt hintereinander. An einem erholsamen Nachtschlaf kommt man aber auf Dauer nicht vorbei.

Gibt es Nebenwirkungen?

Nein. Man fühlt sich einfach erholter, aufmerksamer, und das Selbstbewusstsein wächst.

Wie schaffen Sie es, Ihr Konzept populärer zu machen?

Es muss einfach zugänglich sein und niederschwellig umgesetzt werden können. Das heißt, es kann in einem Unternehmen nur funktionieren, wenn es die Chefetage vorlebt und es in jedem Büro akzeptiert wird. Alle müssen verstehen, dass effektives Arbeiten ohne Regeneration nicht möglich ist, man kann ja nicht nur einatmen, sondern muss auch mal ausatmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Powernap-Modul ‚BusinessNap® – Akkus laden‘ von Sebastian Mauritz steht zum kostenlosen Download (Code: faktor2015) bereit unter www.Resilienz.wiki/Powernap