Der Westharz erwacht

© Stefan Liebig
Text von: Stefan Liebig

Erfolgsprojekte locken mit Attraktionen und sorgen für eine Trendwende im Tourismus.

Urlauber, die Spaß und Komfort suchen und die schönsten Tage des Jahres mit Wellness in attraktiver Umgebung verbringen wollen, machten in den letzten Jahren häufig einen Bogen um den Westharz. Der Komfort fehlte, die Region war nicht mit der Zeit gegangen. Die lange Zeit von der Zonenrandförderung verwöhnten Anbieter von Ferienunterkünften hatten keinen Grund, sich neue touristische Attraktionen zu überlegen.

Schließlich erlebte die Region nach der Grenzöffnung dank der Gäste aus den neuen Bundesländern einen Tourismusboom wie nie zuvor. Eine trügerische Zufriedenheit machte sich breit, die Investitionen und neue Ideen überflüssig erscheinen ließ. Ein fataler Fehler, denn es stellte sich auch hier bald heraus, dass Stillstand Rückschritt bedeutet.

Immer weniger Touristen interessierten sich für bodenständige, traditionelle und hausgemachte Urlaubsangebote. „Alle dachten: ‚Es geht immer so weiter.‘ Doch irgendwann drehte sich der Wind. Der Reiz des Harzes ließ in Anbetracht der unmodernen Unterkünfte mit 60er-Jahre-Möbeln nach“, erinnert sich Dirk Nüsse. Der heutige Betriebsleiter der Wurmberg-Seilbahn stieg 2004 in das Unternehmen ein und war sich bewusst, dass etwas passieren musste. Der Braunlager kann sich gut an die goldenen 1960er- und 70er-Jahre erinnern. Der Blick von der drei Kilometer langen Seilbahn in die damalige DDR lockte die Besuchermassen an. Vor den Münzferngläsern auf der Bergspitze bildeten sich lange Schlangen.

Ein Geschäft, das durch die Wende weggebrochen ist. Auch der Boom durch die neuen Gäste aus dem Osten verebbte einige Zeit später. Die Besucherzahlen gingen stetig zurück. Junge Harzer verließen die Region, die wenig Perspektiven bot. Eine Fahrt durch viele Harzdörfer offenbart die Probleme: Die ehemaligen gastronomischen Betriebe stehen leer, Privathäuser sind verlassen. Ein guter Plan war gefragt. Gemeinsam mit potenziellen Investoren entwickelte Nüsse ein Ganzjahreskonzept für die Belebung des Wurmberges, den mit 971 Metern höchsten Berg Niedersachsens und dem zweithöchsten des Harzes. Am Hang unterhalb der historischen Skisprungschanze entstand ein modernes Skigebiet. Schneelanzen sorgen für die Beschneiung der modernen Abfahrt, zu der auch ein neuer Schlepplift gehört.

Nach mehreren langen Wintern eröffnete das neue Gebiet im letzten Herbst. Niemand konnte vorhersehen, dass einer der mildesten Winter der letzten Jahrzehnte folgen sollte. Dennoch gelang es dank des technischen Schnees – im Volksmund Kunstschnee genannt – an 40 Wintertagen das Skifahren zu ermöglichen. Die guten Besucherzahlen bestätigen die Erfolgsaussichten des zehn Millionen Euro schweren Großprojektes. Während der neunjährigern Planungsphase lief allerdings keineswegs alles problemlos. Umweltschützer machten immer wieder mobil. Die Rodung des Baumbestandes und Abzweigung von Flusswasser zur Erzeugung des technischen Schnees waren zwei der Hauptkritikpunkte.

Für den Harzer Dirk Nüsse durchaus wichtige Diskussionen. Er bedauert jedoch die Unsachlichkeit, mit der diese seines Erachtens geführt wurde. „Wir haben überwiegend Wirtschaftswald gerodet und gleichzeitig viel Geld in hochwertige Ausgleichsflächen, zum Beispiel im Goslarer Grund, investiert. Für uns ist der Umweltaspekt ein wichtiger Gesichtspunkt“, erklärt Nüsse. Er sieht den Wurmberg als prädestiniert für Wintersport, denn er biete als niederschlagsstärkste Region, die neben der Zugspitze die niedrigsten Durchschnittstemperaturen aufweise, optimale Bedingungen für den Wintersport. Ebenso wichtig ist ihm aber auch die touristische Belebung im Sommer. So ist das Wasserreservoir für die Beschneiungsanlage gleichzeitig ein überraschend schöner Bergsee. Bald wird man hier Tretboot fahren und sich in der Wassererlebniswelt oder auf dem Spielplatz vergnügen können. Harztouristen können sich ,Monsterroller‘ – überdimensionierte, stollenbereifter Tretroller – ausleihen und die Piste hinunter rasen, die Mountainbikestrecken abradeln oder den Wurmberg erwandern. Mit dem neuen Angebot lockte Nüsses Team bereits die Bundesligafußballer von Hannover 96 und Eintracht Braunschweig an.

Dieses vielseitige Angebot funktioniert natürlich nur erfolgreich, wenn auch der gastronomische Rahmen stimmt. Die in die Jahre gekommene Wurmberg-Baude brauchte demzufolge einen gründlichen Neuanstrich. Mit Frank Kunze, Ulli Schwedhelm und Karl Diedrich fanden sich drei Gastronomieexperten, die ihr neues Konzept umsetzten. Zuerst änderten sie den Namen in ‚Wurmberg-Alm‘. „Wir wollten uns von dem Namen und dem damit verbundenen Ruf trennen. Gerade dem jüngeren Publikum ist der Begriff Baude kaum geläufig“, erklärt Kunze, der früher eine Diskothek in Nordhausen leitete. Wie gut das neue Konzept mit attraktiver Speisekarte in angenehmer Atmosphäre ankommt, erkennt auch Seilbahnbetreiber Nüsse: „Die Gäs te bleiben seit der Eröffnung der Wurmberg- Alm deutlich länger auf dem Berg.“ Ein besseres Zeichen für den Aufbruch in bessere Zeiten kann es kaum geben.

Mit der im benachbarten Torfhaus gelegenen Bavaria Alm existiert seit 2006 ein weiteres modernes gastronomisches Highlight im Harz. Die abwechslungsreiche Auswahl an vorwiegend bayerischen Gerichten zu internationaler Musik zieht selbst außerhalb der Ferien und bei nicht besonders gutem Wetter die Gäste an. Sicher profitiert sie vom benachbarten Nationalpark- Besucherzentrum Torfhaus und seit letztem Jahr auch vom Torfhaus Harzresort. Beide Projekte locken Tausende von Besuchern ins einst so beschauliche Harzdorf. Harzresort-Geschäftsführer Jörg Steinhäuser zieht eine erfreulich positive Bilanz seines im Juli 2013 eröffneten Tourismusangebotes. „Unsere Gästezahl liegt über den Erwartungen. Die Besucher erkennen, dass man nicht näher am Naturpark Harz dran sein kann“, sagt der Hotelleriefachmann, der ein Betriebswirtschaftsstudium an der Hotelfachschule absolviert hat. Die 21 Häuser – Ferienhäuser und das Hotel mit 26 Zimmern – bieten 188 Betten in modernem Ambiente. 14 Millionen Euro wurden investiert. Insbesondere junge Familien und Biker schätzen die Atmosphäre. Bei aller Freude über den eigenen Erfolg weiß Steinhäuser aber auch um die Bedeutung anderer Investitionen wie etwa am Wurmberg, wenn er sagt: „Die Reisenden sind mobil. Wir brauchen ein vielseitiges Angebot. Wir müssen hier alle an einem Strang ziehen – egal ob Westharz oder Ostharz.“

Steinhäuser stimmt Eva-Christin Ronkainen vom Harzer Tourismusverband in Goslar zu, wenn sie sagt, dass eine Investition weitere nach sich ziehe. „Gäste merken, wenn in einer Region etwas passiert. Das lässt sich an den steigenden Zahlen bereits erkennen.“ Die Tourismusexpertin verweist mit dem ,Landal Salztal Paradies‘ auf ein weiteres Großprojekt im Harz. Besonders interessant ist dies, weil es nicht wie die bereits Vorgestellten in idealer Lage im Zentrum des Harzes sondern in Randlage angesiedelt ist. Bad Sachsa zählt somit auch zu den profitierenden Orten, die dank eines Investors große Zuwachsraten bei ihren Touristenzahlen verzeichnen können. Der Park trägt dazu bei, dass auch internationale Gäste in die Region kommen. Den eigenen Angaben zufolge europaweit über zwei Millionen Gästen für alle Landal- Parks sind circa 85 Prozent aus Benelux- Ländern und zwölf Prozent aus Deutschland.

Insgesamt flossen Investitionen in Höhe von 15 Millionen Euro in die 109 Ferienwohnungen und ein neues Rezeptionsgebäude in Bad Sachsa. „Die Landal GreenParks stehen für Urlaub im grünen Bereich sowie ein aktives und jüngeres Publikum“, sagt Meltem Yildiz, Kommunikationsbeauftragte der Landal GreenParks. Das Unternehmen ist Teil der amerikanischen Holding- Gesellschaft Wyndham Worldwide, die auf die Bereiche Hotellerie und Ferienhäuser spezialisiert ist.

Eines haben alle vorgestellten Projekte gemeinsam: Sie bringen neues, verloren geglaubtes Leben in den Harz, indem sie Touristen anlocken. Und mindestens genauso wichtig erscheint, dass sie viel Geld investieren und somit Arbeitsplätze und Perspektiven für die Einheimischen schaffen. Vielversprechende erste Schritte, den eingeschlafenen Riesen wieder munter zu machen.