Der Vorturner

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Florian Grewe

Der Hanseat Ralf O.H. Kähler ist seit einem Vierteljahrhundert Bankvorstand – ein Porträt über Konstanz in einer schnelllebigen Zeit.

Wer Ralf O.H. Kähler einmal bei einem Neujahrsempfang der Volksbank Göttingen erlebt hat, fragt sich unweigerlich, ob der 59-Jährige mit dem charakteristisch norddeutschen Stimmschlag wirklich so eloquent, ehrlich, humorvoll und schlagfertig ist, wie er auftritt. Von einem Bankvorstand erwartet man landläufig – vor allem in unseren Tagen – wohl eher ein gewisses Maß an Skrupellosigkeit und Ellenbogeneinsatz als Ausdruck einer „Ich-zuerst“-Mentalität. Vor allem, wenn man wie er seit 25 Jahren Bankvorstand ist. Nicht so bei Ralf Otto Hermann Kähler.

Der gebürtige Bremerhavener macht andere Ideale zur Grundlage seines Handelns. Ideale, die der Diplom-Betriebswirt selbst gern als hanseatische Kaufmannstugenden beschreibt: Offenheit, Geradlinigkeit, Solidität, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit. Ideale, die vielleicht der eine oder andere in den letzten Jahren angesichts verlockender Gewinnmargen als naiv belächelte.

Der heutige Vorstandsvorsitzende lernt diese Tugenden früh in der elterlichen Getränkefirma, in der er schon als junger Bursche mit anfasst und seine Freude für den Kaufmannsberuf entdeckt. So strebt der Nachfahre von hanseatischen Kaufleuten und Kapitänen ein betriebswirtschaftliches Studium an. Und davon, dass eine vorherige Berufsausbildung eine gute Grundlage für ein BWL-Studium ist, braucht ihn sein Vater nicht lange zu überzeugen.

Das Ergebnis: Der Kaufmannssohn beginnt eine Banklehre bei der Sparkasse Bremerhaven und entdeckt schnell, „dass das der ideale Beruf für mich ist“. Ein Glücksfall für Kähler und aus heutiger Sicht auch ganz sicher ein Glücksfall für Göttingen, denn „das Schiff Volksbank Göttingen“ befindet sich auf „rauer See“, als der damalige stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Menge den Banker nach Göttingen holt, der sich in neun Jahren Vorstandstätigkeit bei der Volksbank Bitburg bewährt hat.

„Hauptaufgabe und Herausforderung war, die bestehenden Kreditrisiken der Volksbank Göttingen möglichst schnell abzubauen und die Ertragssituation der Genossenschaftsbank nachhaltig zu verbessern“, erinnert sich der ehemalige Verbandsprüfer. Mit Blick auf die 16-jährige Vorstandsarbeit bei der Volksbank Göttingen ist ihm dies bravourös gelungen. Liegt das Betriebsergebnis 1992 noch bei fünf Millionen Euro, wird es nun schon seit Jahren um sieben Millionen Euro gehalten. Das ist überdurchschnittlich – selbst im Vergleich zu anderen Instituten des genossenschaftlichen Finanzverbundes.

Das Eigenkapital – die Mitglieder wird es freuen – steigt seit 1992 um 275 Prozent auf rund 50 Millionen Euro und das Geschäftsvolumen um 71 Prozent auf 849 Millionen. Damit steht die Volksbank Göttingen heute als hochprofitables „privates Bankhaus im genossenschaftlichen Rechtskleid“ da. Geleitet von der Annahme, dass „nicht die Großen die Kleinen fressen, sondern die Schnellen die Langsamen“ handelt Kähler nach den Maximen: Ertrag vor Wachstum, Effizienzsteigerung und Qualität vor Quantität.

Mitarbeiter der Volksbank Göttingen reden da gerne schon von der „Ära Kähler“, doch der zweifache Familienvater nimmt sich – wen wird es wundern – zurück, wenn es um die eigene Leistung geht. „Wissen Sie, ein Vorstand bewegt alleine gar nichts, wenn er es nicht schafft, die Mitarbeiter zu begeistern und zum Mitmachen zu motivieren. Man muss zeigen, dass man ein Vorturner ist und kein Schwätzer“, stellt der Vorstandsvorsitzende fest und hat dem genossenschaftlichen Bankhaus ein ganz neues Selbstbewusstsein gegeben.

Das fängt an beim „architektonischen“ Auftritt der Zentrale am Geismartor mit der offenen, lichtdurchfluteten Kundenhalle und überträgt sich auch auf die Mitarbeiter, die Ende der Achtziger mitunter noch etwas bieder und bürokratisch wirkten. Konsequent bauen Kähler und sein Team die Volksbank Göttingen zur Marke aus und profitieren zur Zeit der weltweiten Finanzkrise vom Prinzip der Regionalität und der genossenschaftlichen Idee. Denn das Bankhaus hängt nicht an wankelmütigen und gesichtslosen Shareholdern und Quartalsberichten, die nachhaltiges Planen immens erschweren.

„Wir erreichen in ordentlichen Jahren eine Eigenkapitalrentabilität nach Steuern von 6,5 bis 7,5 Prozent – das ist anständig. Und wenn sie dann ihre Risiken im Griff haben und machen das 16 Jahre, dann können sie wunderbar ihr Eigenkapital aufstocken, in unserem Fall fast verdreifachen und einen vollen Geldbeutel für Notzeiten anlegen. Wenn ich jetzt aber Vorstand einer Investmentbank wäre, die vom Shareholder gepeitscht wird, und ich käme mit diesen Micky-Maus-Renditen, würde spätestens nach den ersten fünf Jahren mein Vertrag nicht verlängert“, bringt Kähler den Unterschied zwischen klassischem Banking mit Augenmaß und einem Vabanquespiel auf den Punkt.

Oberstes Unternehmensziel der Volksbank Göttingen ist die Förderung ihrer Mitglieder. Man kennt sich und kann sich in die Augen schauen. Ein Aspekt, der für Kähler ganz wichtig ist, aus dem Vertrauen entsteht. Vertrauen, das die Volksbank Göttingen an die Region zurückgibt, indem sie sich verlässlich und nachhaltig im sozialen, kulturellen und sportlichen Bereich engagiert. Ganz aktuell unterstützt die Volksbank zum Beispiel zusammen mit der Stiftung Niedersächsischer Volks- und Raiffeisenbanken das Musical „Evita“ am Deutschen Theater.

Auf die Frage, welches denn eigentlich die wichtigste Voraussetzung in seinem Job sei, hat Kähler folgende Antwort: „Man muss Menschen mögen!“ Und dieser Satz ist eigentlich am besten geeignet, um den sympathischen Banker zu verstehen. Um zu erkennen, dass seine Eloquenz, seine Ehrlichkeit, sein Humor eben nicht nur aufgesetzte Mittel zum Zweck sind, sondern auf Werten beruhen, die der Bankvorstand mit einer beeindruckenden Intensität lebt. Da verwundert es nicht, dass auch seine Kinder beruflich in seine Fußstapfen getreten sind.