Der Visionär

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Text von: redaktion

International renommierter Verleger Steidl plant Kunstquartier KUQUA mit Günter-Grass-Haus im Göttinger Nikolaiviertel.

Herr Steidl ist ein Buchfreak im besten Sinne des Wortes“, sagt sein langjähriger Freund Karl Lagerfeld über den passionierten Göttinger Buchverleger Gerhard Steidl.

Aus der langjährigen Zusammenarbeit mit international namhaften Künstlern entstand Steidls Idee, die Kunstwerke seiner Kunden öffentlich zugänglich zu machen. „Künstler aus aller Welt kommen zu uns, dann können wir doch gleich Ausstellungen machen“, erklärt der 57-jährige Verleger. In Göttingen soll ein „Günter-Grass-Haus“ als Teil eines künftigen Kunstquartiers im Nikolaiviertel in der Altstadt entstehen. Gerhard Steidl plant das KUQUA Göttingen zusammen mit Oberbürgermeister Wolfgang Meyer. Beide diskutieren die Idee seit Sommer 2007. Steidls Konzept sieht vor, in zusammenhängenden Gebäuden Galerien zu schaffen, die genügend Platz auch für große internationale Kunstausstellungen bieten.

Alles begann mit der Leidenschaft für die Fotografie. Mit seiner ersten Kamera erstellte der damals 12-jährige Gerhard Steidl Fotoreportagen von Hochzeiten, die er im eigenen Labor fertigte, weil ihm die Druckqualität der Fotolabore nicht gefiel. Bereits 1968 im Alter von 18 Jahren gründete Steidl seinen Verlag in Göttingen, der bis heute konzernunabhängig und von seinem Gründer geleitet ist – eine Rarität in der Verlagslandschaft. Rund 300 Bücher werden dort derzeit jährlich produziert. Der Autodidakt Steidl begann einst mit dem Druck von Ausstellungspostern. Zu seinen Kunden zählten Joseph Beuys und Klaus Staeck. 1972 erschien das erste Steidl-Buch „Befragung zur Documenta“, dem bald politische Sachbücher folgten. In den achtziger Jahren kamen Literatur und ausgewählte Kunst- und Fotografiebände sowie ein Taschenbuchprogramm hinzu. Seit 1993 hält der Steidl Verlag die Weltrechte am Werk von Günter Grass. 1996 entschied sich Steidl für ein eigenes Fotobuchprogramm, das inzwischen größte Programm zeitgenössischer Fotografie.

Steidl verlegt Bücher international renommierter Künstler wie Karl Lagerfeld, Jim Dine, Ed Rusch, Roni Horn und Robert Frank. Die Künstler schätzen Steidls kompromisslose Qualitätsarbeit und die Möglichkeit, selbst die Qualität ihres Buches im Entstehungsprozess zu kontrollieren. Viele Künstler reisen dafür nach Göttingen, um in Steidlville – wie Steidl seine Firma nennt – das Buchprojekt im Dialog mit dem Verlagschef über das Konzept, die Gestaltung bis hin zur Wahl des Papiers und des Einbandes, für etwa eine Woche zu begleiten. Steidl betont, das einzige Verlagshaus der Welt zu sein, in dem alles vom Layout bis zum Druck technisch unter einem Dach erfolgt.

Göttingen werde sich mit dem „Kunstquartier“ einen festen Platz in der deutschen Kulturszene erwerben, erklärt Steidl. Ein mittelalterliches Gebäude in der Düsteren Straße 6 wolle er selbst noch in diesem Jahr zum „Grass-Haus“ ausbauen. „Mit etwas Glück kann Grass zum 81. Geburtstag darin mit uns anstoßen.“ Dort sollen ein Archiv mit allen weltweit erschienenen Büchern des Literaten, Künstlers und Literatur-Nobelpreisträgers sowie seine Grafiksammlung eingerichtet werden. Das „Grass-Haus“ wird für Besucher zugänglich sein und im Inneren eine begehbare Bücherskulptur enthalten. Mit der Realisierung des „Grass-Hauses“ wird die erste Stufe des KUQUA umgesetzt. Ein angrenzendes Grundstück für ein großes neues Galeriegebäude will der Verleger der Stadt zur Verfügung stellen. Nach einem Architektenwettbewerb solle dort ein dreigeschossiger Bau entstehen, der zusammen mit weiteren angrenzenden historischen Gebäuden insgesamt 1.400 Quadratmeter Ausstellungsfläche bietet. Im Innenhof zwischen Düsterer Straße und Nikolaistraße plant Steidl einen Skulpturengarten.

Der Steidl Verlag verfügt über gute Kontakte zu Museen, Galerien und Künstlern. Deshalb gäbe es gute Chancen, international erstklassige Kunst in Göttingen zu präsentieren. Gerhard Steidl selbst verfügt zudem über umfassende Sammlungen von Werken etwa von Joseph Beuys, Klaus Staeck oder Marcel Broodthaers, die ebenfalls gezeigt werden sollen.

„Das ist für Göttingen eine riesengroße Chance, ein Kulturangebot mit durchaus internationalen Ambitionen mitten im Herzen der Stadt anzusiedeln“, sagt Oberbürgermeister Wolfgang Meyer: „Wir sollten deshalb alles daran setzen, diese machbare Vision Wirklichkeit werden zu lassen.“ Meyer habe bereits alle Ratsmitglieder über den Stand des Projekts informiert, und die zuständigen Ausschüsse seien damit befasst. „Die Kommunalpolitik muss sich in den nächsten Monaten zur Idee des Kunstquartiers positionieren“, so Meyer. Es ginge um Investitions- und Betriebskosten. Es müsse jetzt ein Finanzierungskonzept und ein Modell für die Trägerschaft entwickelt werden. „Da wird sich die Stadt in einem Umfang beteiligen müssen, den ich noch nicht definieren kann. Darüber hinaus hoffen und setzen wir aber auch auf das Engagement weiterer privater Sponsoren.“

Das Architekturbüro Schwieger erarbeitete die Entwicklungsstudie für das Kunstquartier. „Stadtplanerisch geht es darum, eine gute Mischung zu erhalten von unter Denkmalschutz stehender Bausubstanz mit qualitätvollen neuen Gebäuden“, sagt Architekt Hansjochen Schwieger. Zudem sei es städtebaulich interessant, wenn sich auch im Süden der Innenstadt, in der Altstadt, ein neuer Kristallisationspunkt entwickeln kann, mit dem besonderen Schwerpunkt Arbeiten, Wohnen und Kultur.

„Die aufregendste Sache ist, was man noch nicht getan hat. Der aufregendste Tag ist der nächste Tag“, sagt Gerhard Steidl. Die Begeisterung und der Optimismus, mit denen er seine Buchprojekte angeht, sind auch bei seiner „machbaren Vision“ KUQUA spürbar. Für 2011 hat der „Kunstfreak“ Steidl bereits für drei Galerien und das „Günter-Grass-Haus“ die ersten Ausstellungen und das Programm einer Malschule für Kinder entworfen.

KUQUA – Projektplanung auf einen Blick:

Lage zwischen Nikolaistraße und Düstere Straße Fertigstellung Günter-Grass-Haus nach Sanierung des Hauses Düstere Straße 6 im November 2008

Internationaler Architektenwettbewerb mit Stararchitekten wie Sir Norman Foster für Neubau des Hauses Düstere Straße 7

Drei Galerien mit 1.400 Quadratmetern Fläche für Ausstellung internationaler zeitgenössischer Kunst

Skulpturengarten

Kindermalschule

Fertigstellung Gesamtprojekt bis 2011

Umsetzung in Public Private Partnership