©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

Im Gerichtssaal fühlt er sich zu Hause. Der Göttinger Anwalt Markus Thiele entdeckte vor über zehn Jahren eine weitere Leidenschaft: das Schreiben. Gerade erschien sein zweiter Roman: Echo des Schweigens. Der Harrison-Ford-Fan erzählt von dem Moment, als er erfuhr, dass Fords deutsche Synchronstimme das Hörbuch liest, und von der Hoffnung, seinen Stoff auf der großen Leinwand zu sehen.

Prolog Der aus Sierra-Leone stammende Oury Jalloh war kein Heiliger. Was jedoch am 7. Januar 2005 in einem deutschen Polizeirevier mit ihm geschah, erschütterte eine ganze Nation und füllt bis heute Unmengen an Gerichtsakten. Oury Jalloh starb in einer Gewahrsamszelle im Keller eines Dienstgebäudes der Polizei, nachdem er sich und seine Matratze, an Händen und Füßen gefesselt, angezündet haben soll. Die gerichtsmedizinische Untersuchung stellte 2017 nachweislich fest, dass Jalloh vor dem Feuer schwer misshandelt wurde. In einem ersten Gerichtsurteil am 8. Dezember 2008 wurde der verantwortliche Dienstgruppenleiter von dem Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge vom Landgericht Dessau-Roßlau freigesprochen, ebenso ein weiterer, wegen fahrlässiger Tötung angeklagter Polizeibeamter. Das Verfahren ging über Jahre durch mehrere Instanzen. Im Oktober 2017 wurde das Verfahren mangels Tatverdacht gegen Dritte und weil „eine weitere Aufklärung nicht zu erwarten ist“ von der Staatsanwaltschaft Halle eingestellt. Derzeit liegen die Akten beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

Vor einem der prächtigen Prager Kaffeehäuser sitzt, die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings sichtlich genießend, ein Mann mit einem Buch und einem schwarzen Moleskine. Er liest. Er schreibt. Und zwischendurch nippt er gedankenversunken an seinem Kaffee. Markus Thiele liebt dieses Flair der einst großen Kaffeehauskultur. Wann auch immer sich für den viel beschäftigten Anwalt die Möglichkeit eröffnet, eine Auszeit zu nehmen, zieht es ihn an diesen Sehnsuchtsort, der sein künstlerisches Ich – sein Autorendasein – beflügelt.

2020 begann für Markus Thiele anders als die vorherigen Jahre. Natürlich ist das Leben immer irgendwie in Bewegung, aber seit einem Monat klingelt bei Thiele das Telefon häufiger als gewohnt. „Mit diesem Medieninteresse habe ich nicht gerechnet“, sagt Thiele mit einem charmanten Lächeln, obwohl der Göttinger Fachanwalt für Arbeitsrecht bereits seit über zehn Jahren auch Autor von Novellen, Kurzgeschichten und Romanmanuskripten ist. Selbst der SPIEGEL habe angefragt. Aber faktor sei das erste Magazin, dem er ein Interview gebe, sagt er und ist gleich mittendrin im Erzählen, wie aus einem Juristen von heute auf morgen ein Autor wurde: 2007 während eines Familienurlaubs in der Provence entstand sein erster unveröffentlichter Roman eher aus der Not heraus, wie er freimütig gesteht. Die drei Romane, die er mitgenommen hatte, waren bereits nach der Hälfte des Urlaubs gelesen, also nahm er kurzentschlossen seinen Laptop. „Was ich damals geschrieben habe, bleibt jedoch für alle Zeiten unter Verschluss“, sagt der heute 48-Jährige mit einem Augenzwinkern. Die Faszination des Schreibens jedoch ließ ihn seit jenem Sommer nie wieder los. Und dies zahlte sich schnell aus: 2009 erhielt er den Wiener Werkstattpreis für eine Kurzgeschichte, 2013 den Publikumspreis des Göttinger Kulturpreises für die Novelle ‚Die Leuchtturmwärterin‘. Im selben Jahr wurde sein erstes Buch ‚13 Tage am Meer‘ bei einem kleinen Verlag veröffentlicht. Und nun, 2020, steht sein Roman ‚Echo des Schweigens‘ als Hard cover-Auflage und Spitzentitel des Verlages Beneveto in den Auslagen der Buchhandlungen.

Soweit zunächst die Erfolgsgeschichte des promovierten Rechtswissenschaftlers als Autor. Doch obwohl er schon seit seiner Jugend gern und viel las – vor allem Heinrich Böll und Siegfried Lenz begeistern ihn bis heute – war eine Schriftstellerlaufbahn nicht geplant. „Ich fragte mich immer: Wie kann man es schaffen, dass die Figuren so plastisch und lebendig sind? Es sind doch nur Buchstaben und Wörter aneinandergereiht“, sagt Thiele mit ruhiger und weicher Stimme. „Das wollte ich auch können.“

Der in Hildesheim geborene Thiele wuchs jedoch nicht in einem Literatenhaushalt auf, wo ihm die Klassiker der Weltliteratur vor die Füße fielen. Er und seine jüngere Schwester lebten in einem kleinen Dorf in einer typischen Arbeiterfamilie. Der Vater arbeitete bei VW, die Mutter kümmerte sich um die Kinder und verdiente nebenbei als Verkäuferin ein paar Mark dazu. Der kleine Markus war der Erste in der Familie, der aufs Gymnasium ging und studierte. Dass sein Leben einmal diesen Bogen schlagen würde, war weder für ihn noch für andere abzusehen. Obwohl das wahre Leben meist viel verrückter ist als jeder Roman. Er erinnere sich daran, sagt Thiele lachend, wie bei einer Lesung zu ‚13 Tage am Meer‘ sein alter Deutschlehrer Herbert Schneider im Publikum saß und danach zu ihm sagte: ,Ich wusste, dass aus dir noch mal was wird‘.

Dass ‚13 Tage am Meer‘ dabei jedoch erst der Anfang war, ahnte höchstwahrscheinlich auch sein Lehrer nicht. „Eine Literaturagentur zu finden, die einen unter Vertrag nimmt? Reine Glückssache“, sagt Thiele, der weiß, dass seine Agentin pro Jahr bis zu 1.500 Skripte zugeschickt bekommt. Maximal zehn davon gibt sie an Verlage weiter, von denen natürlich wiederum nur ein Bruchteil gedruckt wird. „Allein, als die besagte Agentin mir im Sommer 2018 mitteilte, dass sie mein Skript zu ‚Die Wahrheit der Dinge‘ annehmen würde, flogen bereits die ersten Sektkorken, und ich habe mich schon auf dem roten Sofa bei ‚3 nach 9‘ gesehen“, erzählt der Anwalt. „Als dann aber nur drei Tage später tatsächlich auch schon die Zusage von meinem jetzigen Verlag kam – da schauderte es mich dann schon ein bisschen“, gesteht er, auch wenn er heute gelassen zurückgelehnt auf dem Sofa sitzt und fast routiniert Rede und Antwort steht.

Wenn Thiele von ‚seiner Literatur‘ erzählt, vergisst er schon mal die Zeit – ein Privileg, das er sich als Anwalt nicht leisten kann. „Ich schreibe, weil es mir Spaß macht und weil es ein toller Ausgleich zu meinem ‚Broterwerb‘ ist“, so sein Resümee – und die Freude am Schreiben ist ihm sichtlich anzumerken, zum Beispiel, wenn er von der Entstehung seines Romans erzählt und davon, wie er bei langen Autofahrten den Plot weiterentwickelt oder wie er mit seiner Lebensgefährtin gemeinsam neue Romanfiguren ersinnt. „Die sitzen bei uns zu Hause oft mit am Tisch.“ Thiele lacht und findet das kein bisschen verrückt.

Und so verwundert es auch nicht, dass zu dem Zeitpunkt als ‚Die Wahrheit der Dinge‘ noch im Lektorat des Verlages liegt, bereits Thieles nächstes Romanfragment auf seinem Rechner liegt. Als er, mutig geworden, dem Verlag auch von seinem Exposé zu ‚Echo des Schweigens‘ erzählt, wollen sie es sogar als Erstes herausbringen. Nur ein halbes Jahr später, im Februar 2019, schreibt Thiele den letzten Satz seines 500-seitigen Manuskripts fertig und drückt in Outlook auf ‚Senden‘.

Inzwischen, es ist März 2020, steht das ‚Echo des Schweigens‘ in den Göttinger Buchhandlungen zum Kauf – ein tiefsinniger Titel, der die Frage aufwirft: Was bedeutet Echo, wenn ein Schweigen widerhallt? Und dann liest man die Geschichte um den 40-jährigen Anwalt Hannes Jansen, der einen Kriminaloberkommissar vor Gericht vertritt, dem vorgeworfen wird, für die Verbrennung eines Senegalesen in einer Gewahrsamszelle die Verantwortung zu tragen. Und man liest die Geschichte der jungen Gerichtsmedizinerin Sophie Tauber, die nach langen Untersuchungen endlich dessen Misshandlungen nachweisen kann. Zwei Menschen, deren Wege sich kreuzen und die, so kann man es sagen, sich auf den ersten Blick verlieben. Aber dies sind nicht die einzigen Lebenswege, die sich in dem Roman kreuzen.

Markus Thiele greift hier die Geschichte des Rechtsstreits um Oury Jalloh auf – siehe Prolog – und erzählt sie fiktiv weiter. Die Frage, wie viel Autobiografisches zudem aus dem eigenen Leben dabei sei, beantwortet der Rechtsanwalt offenherzig. „Es finden sich schon einige Parallelen zu meinem Leben. So wie die Szene, als Hannes Jansen Sophie Tauber in die Oper einlädt, ohne Karten für die Aufführung zu haben. Aber er weiß, dass er diese Frau unbedingt wiedersehen muss. Das hätte ich durchaus auch im realen Leben sein können“, sagt Thiele, der auch dem schwarzen Mantel seiner Lebensgefährtin Marion einen Platz in der Handlung einräumt. Die wahre Geschichte des Oury Jalloh wird hier hingegen ein Ende finden, das rechtlich nicht belegt ist. „Ich musste die Geschichte einfach schreiben, weil es für mich einer der größten Justizskandale in Deutschland überhaupt ist.“

Von Siegfried Lenz übernahm Thiele die Maxime für seinen Roman: „Schaut genau hin!“ Es sei wichtig, die Romanfiguren in einen Konflikt zu schicken, um dann zu sehen, wie sie sich entscheiden. Und auch die Frage, wie würde ich mich, wie würde jeder Einzelne sich entscheiden, wenn er in eine ähnliche Situation gerate. Er schreibe seinen Figuren manchmal hinterher, da die handelnden Personen wie Hannes Jansen oder Sophie Tauber ab einem gewissen Zeitpunkt des Erzählens ein Eigenleben entwickeln. „Und dann steht man vor der Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagt Thiele im ernsten Ton.

Nach diesem Statement begreift man, warum dieses Buch bereits vor dem Erscheinungsdatum von vielen Seiten viel Aufmerksamkeit und Zustimmung bekam. Und so schien das Buch selbst irgendwann ein Eigen leben zu entwickeln. Als einer der größten Harrison- Ford-Fans, wie sich Thiele outet, ließ er erneut die Sektkorken fliegen, als er erfuhr, dass dessen deutsche Synchronstimme, Wolfgang Pampel, ‚Echo des Schweigens‘ für eine Hörbuchproduktion lesen werde. Im Hintergrund wird zudem über Filmrechte verhandelt – im April fliegt Thiele nach Wien, um ein erstes Angebot eines Produzenten zu besprechen. Auch eine weltbekannte Produktionsfirma aus München und eine große Fernsehproduktionsfirma aus Holland haben bereits Interesse bekundet – derzeit werde geprüft. Es bleibt also nicht nur spannend, ob und wann ‚Echo des Schweigens‘ auf der Leinwand zu sehen sein wird, sondern auch, wie sich das Leben des Göttinger Anwalts und Autors in den kommenden Jahren entwickelt. „Ich wünsche mir ein bisschen mehr Zeit zum Schreiben, aber meinen Anwaltsberuf möchte ich nicht aufgeben“, sagt Thiele zum Abschluss. Wir werden sehen – und hören.

Nachwort von Markus Thiele:

„Meine Intention war es, eine Geschichte mit lebendigen Figuren zu erzählen, aber auch, einen Beitrag zu leisten, die Welt ein bisschen besser zu machen. Denn was mich wütend macht, was mir die Zornesröte ins Gesicht treibt, ist der zunehmende Rechtsruck in Deutschland, weltweit und durch alle Gesellschaftsschichten. Der Zulauf der AfD macht mich sprachlos. Deshalb braucht es dringend Gegenstimmen und Zivilcourage.“