Der „Übersehhändler“
Mit dem Göttinger Auktionshaus hat Stefan Sauerland sein Hobby zum Beruf gemacht. Der war und ist nicht immer einfach – dafür aber äußerst abwechslungsreich. Der faktor hat ihn besucht und dabei auch herausgefunden, was sein Auktionshaus mit den Anfängen von „Golden Toast“ zu tun hat.
»Was ist los? Denkt der Herr, der Wonderbra passt ihm nicht?«
Die Sonne brennt – auch im Göttinger Stadtteil Grone. Die unbeschatteten Stuhlreihen vor dem Auktionator sind fast leer. Nach und nach flüchten auch die Wenigen, die sich an die geplante Sitzordnung halten wollten, in die kühleren Schattenbereiche – sei es direkt vor das Auktionspodium, ans Ende des Vorplatzes oder ans Brückengeländer auf der anderen Straßenseite, wo hohe Bäume Schutz vor der Sonnenstrahlung bieten. Der Auktionator Stefan Sauerland muss ein paar Mal nachfragen, wer ein Gebot abgegeben hat – einige der Nummern auf den am weitesten entfernten Bieterkarten kann er aus der Distanz einfach nicht erkennen.
164 Artikel kommen an diesem Hochsommertag im Juli unter den Hammer. Eigentlich hätte die Versteigerung schon Wochen vorher – und damit vor den Sommerferien – stattfinden sollen. Vermutlich wären dann, wie sonst auch, mehr als die etwa 50 Interessenten erschienen. Doch kurz vor dem Auktionstermin kam noch eine große Marge Fahrräder hinzu. Die mussten also noch katalogisiert werden, bevor der Auktionskatalog ein paar Tage vor der Auktion online gehen konnte. Viel Arbeit für das kleine Team. Neben Sauerland gibt es noch einen festen Mitarbeiter sowie seinen 24-jährigen Sohn Tim, der auch eine Auktionatorenlizenz besitzt. Weitere Hilfe kommt von Familienmitgliedern und Freunden.
„Ich stehe nicht so gerne in der Öffentlichkeit“, sagt der 60-jährige Inhaber des Göttinger Auktionshauses zu Beginn des Interviews. Passt das denn zum Auftreten als Auktionator? „Ja, ich habe schon in der Schulzeit gerne Referate und Reden gehalten“, liefert er eine überzeugende Antwort. Und tatsächlich ist ihm auf der Bühne keinerlei Schüchternheit anzumerken: Ein Gebot folgt dem anderen in Sekundenschnelle. Stets hat er die Bieter im Blick und das aktuelle Höchstgebot parat; auch um einen kessen Spruch ist er selten verlegen.
Doch worum geht es eigentlich bei der Auktion? Das Spektrum ist unglaublich und reicht von künstlichen Wimpern über Spielautomaten bis hin zu zwei Autos – doch dazu später mehr. Die Objekte bekommt Sauerland meist von Staatsanwaltschaften und Behörden, die ihm beispielsweise von der Polizei beschlagnahmtes Diebesgut oder ausgeschlagene Erbmasse zur Verfügung stellen. Gerade bei Letzterem handelt es sich durchaus auch schon mal um „ziemlich ekliges, aber legales Zeug“, sagt Sauerland und nennt benutzte Unterwäsche oder verdorbene Lebensmittel. Über die Jahre hat er zu den Staatsanwaltschaften ein gutes Geschäftsverhältnis aufgebaut. Sie vertrauen ihm und seiner Expertise, sodass er dieses „eklige Zeug“ nach eigener Auswahl entsorgen kann. Belegen muss er die Verkäufe aber selbstverständlich, um schließlich auch seine Provision dafür zu bekommen. Aus dieser und dem den Käufern berechneten Aufgeld auf den Zuschlagspreis setzt sich seine Gewinnmarge zusammen.
Die für versteigerungswürdig erklärten Asservate, die es in den Katalog schaffen, gibt es dann ab einem Startpreis von einem Euro. Und so geht es los: Nach wenigen Sekunden wechselt das erste Los Kinderkleidung für einen Euro den Besitzer, Los drei – eine größere Menge Kinderkleidung – bringt eine Minute später bereits zwölf Euro ein. Insgesamt bleiben die Gebote und die entsprechenden Zuschläge lange überraschend niedrig, doch dann kommt eine ganze Reihe Edelmarken-Jacken unter den Hammer. Man hört „30 Euro wurden vorab geboten“ und „40 Euro zum Dritten für den Herrn da hinten“. Tatsächlich kann nämlich jeder Kaufwillige nicht nur den Online-Katalog vorab einsehen, sondern auch am Tag zuvor oder in den Stunden vor Auktionsbeginn einen Blick auf die Waren werfen. Da kann man sich dann überlegen, ob man das Konvolut aus Instantkaffee und Wodkaflasche oder das Kleid der Frau vom Weihnachtsmann mit nach Hause nehmen möchte. Das außergewöhnliche Kleidungsstück wurde übrigens für nur einen Euro zugeschlagen, was eventuell auch an den Wetterbedingungen lag. Unter der Losnummer 158 fand letztlich auch das ungewöhnliche Pärchen aus Instantkaffee und einer Flasche Wodka für fünf Euro einen neuen Besitzer.
Ein Herr tut sich bei den Bietergefechten besonders aktiv hervor. Der grauhaarige Best Ager erweckt den Eindruck, alle Lose ersteigern zu wollen. Ob Kinderkleidung, Computer, Fahrrad – seine Bieterkarte geht hoch. Doch was ist das? Tatsächlich präsentiert er dem Auktionator nicht immer dieselbe Bieterkarte. Es sieht aus, als hätte er drei Nummern zur Auswahl. Das wirft natürlich neugierige Fragen auf. „Ich ersteigere für drei unterschiedliche Unternehmen“, klärt er auf. Zum einen baue er gerade ein Secondhandparadies im thüringischen Greiz auf, wofür er nahezu alles, was er günstig bekommt, gebrauchen kann. Den Laptop hingegen ersteigert er für eine Pflegefachschule in Göttingen, wo sich auch die Sprachschule befindet, für die er sich Bieternummer drei reserviert hat. Als ein originalverpackter Wonderbra zum Aufruf kommt, bleibt aber sein Schild zunächst unten. Sauerland nimmt ihn auf die Schippe: „Was ist los? Denkt der Herr, der Wonderbra passt ihm nicht?“ Er lässt sich umstimmen und macht ein weiteres Schnäppchen.
Das gehört eben auch zum Handwerk eines guten Auktionators. Als nichtbietender Beobachter hinterlässt es durchaus Eindruck, wie Sauerland es immer wieder schafft, die mehr oder weniger spendablen Bieter zu weiteren Geboten zu motivieren. Es ist die gelebte Leidenschaft, die die Anwesenden schnell spüren und deren Ursache er nachvollziehbar erklären kann: „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht – was will ich mehr!?“
Doch ohne Gegenwind ging es nicht. Gleich zu Beginn seiner Unternehmung kämpfte er mit familiären Zweifeln an seinen Zielen. Der gelernte Fernmeldetechniker wuchs bei seinen Großeltern in Gleichen auf und zog sich das Unverständnis seiner Großmutter zu, als er nach erfolgreicher Ausbildung zum Fernmeldetechniker die vorgezeichnete Beamtenlaufbahn verschmähte, um seinen eigenen Weg zu gehen. Dieser Weg könnte allein einen Beitrag füllten, kann hier aber nur kurz angerissen werden: Nachdem er also die damals noch dem Bund unterstehende Deutsche Post hinter sich gelassen hatte, arbeitete der junge und neugierige Technikfan von 1986 bis 1992 bei einem etablieren Akustik- und HiFi-
Geschäft an der Göttinger Goethe-Allee. „Das machte riesigen Spaß, aber irgendwann verspürte ich das Bedürfnis, den nächsten Schritt zu machen“, sagte er und erklärt, dass er sein Fachabitur nutzen und studieren wollte. Gesagt, getan – er schrieb sich an der Fachhochschule Geesthacht für ein Umwelttechnikstudium ein. Aber natürlich suchte er sich keine profane Studibutze, sondern ergriff auch dabei eine Gelegenheit beim Schopfe: Er konnte im nahegelegenen Winsen an der Luhe günstig gleich zwei Hausboote erstehen: „In einem habe ich gewohnt, das andere habe ich vermietet.“ Die an sich ideale Situation brachte aber viel Fahrerei mit sich. Denn zum einen waren die Großeltern inzwischen pflegebedürftig, und zum anderen wohnte auch seine Freundin in Göttingen. Aber wieder spielte ihm das Schicksal in die Karten: Die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) eröffnete einen neuen Standort am Göttinger Faßberg. Dort bot sie seinen Studiengang an. „Ich wechselte daher nach Göttingen und vom vierten ins erste Semester zurück – natürlich ging es am neu gegründeten HAWK-Standort von vorne los“, blickt Sauerland etwas schmunzelnd auf diesen privat motivierten „Karrieresprung“ zurück.
Sein Wissensvorsprung verschaffte ihm dafür aber etwas mehr Freizeit, und – kommen wir aufs Thema „Hobby zum Beruf machen“ zurück – er konnte sich nun seiner Händlerleidenschaft intensiver widmen. Schon als Zwölfjähriger kaufte und verkaufte er, wenn auch noch in kleinem Rahmen, Waren und erste Antiquitäten. Seine kaufmännischen Kenntnisse entwickelte er etwas später bei ersten Schülerjobs im Supermarkt, wo er zunehmend Verantwortung übernehmen und in komplexere Vorgänge Einblick bekommen konnte. Da damals alles mit Fahrten Richtung Göttingen verbunden war, überreichte ihm sein Vater sein erstes Moped mit der Auflage, ihm den Kaufpreis in Raten zurückzuzahlen. „Ich arbeitete viel und in sehr unterschiedlichen Bereichen. Zum Beispiel arbeitete ich in den Sommerferien bei der Firma Refratechnik, die feuerfeste Steine herstellte. Das war noch heißer, als es sich anhört. Ich zahlte dadurch meine Yamaha RD80 fast komplett ab und konnte sogar noch mit Freunden Urlaub in Griechenland machen“, blickt Sauerland auf eine bewegte Zeit zurück.
Selbstverständlich ging er damals auch auf Floh- und Antikmärkte und zu allem, was mit dem Handel von Gebrauchtem zu tun hatte. „Ich recherchierte ununterbrochen in Auktionskatalogen und schaute, womit ich Geld verdienen kann. Ich war schon damals ein ‚Übersehhändler‘ – ich handelte mit dem, was andere übersehen“, fährt er fort.
Es wundert also nicht, dass Sauerland sein Studium zwar abschloss, aber doch in eine andere, nämlich in seine eigene Richtung, weiterging. „Es bot sich mir sogar die Möglichkeit, in den Umwelttechnikbereich einzusteigen. Ich wollte aber keinen Bürojob“, erklärt er den Übergang ins hauptberufliche Auktionsgeschäft. Nach all dem überrascht nicht mehr, dass er erneut eine Chance sah und zugriff: Nachdem ein Fehlgriff mit einer schimmelbelasteten Immobilie im letzten Moment umschifft wurde, erfuhr Sauerland von einer Industriebrache in Grone. Das führt zu einem überraschenden Fakt. Was sicherlich längst nicht alle Göttinger wissen: Im Schlagemühlenweg befindet sich tatsächlich der Ursprung von „Golden Toast“. Doch die Großbäckerei mit der Erfolgsmarke übernahm sich und wurde verkauft. Der neue Inhaber verlor aber schnell das Interesse an dem nicht ausreichend ausbaufähigen Standort, und so stand das 4000 Quadratmeter große Gelände lange leer und die Gebäude überwucherten und verrotteten.
Nach viel Misstrauen der ortsansässigen Geldinstitute fand Sauerland eine Mitarbeiterin in einer Kreditabteilung, die ihm vertraute (und mit der er bis heute freundschaftlichen Kontakt hält). „Sie glaubte an mein Auktionshauskonzept“, ist ihr Sauerland noch immer dankbar. Die große Erfahrung über mehrere Jahrzehnte und das damit verbundene Netzwerk neigten die Waagschale zu seinen Gunsten. Das Göttinger Auktionshaus konnte ab 2003 aufgebaut werden.
Mit viel Energie und Eigenleistung versetzte der angehende Auktionator das Anwesen in einen respektablen Wirtschaftsstandort mit Mietwohnungen und Gewerbeflächen. Ein Weg ohne Widerstände und Hindernisse fand Sauerland damit aber nicht, wie er schildert: „Eine Nachbarin, welche mit fast jedem Anrainer schon Zank hatte, sorgte immer wieder für Schwierigkeiten.“ Zähe Verhandlungen mit „absurden Kompromissen“ hätten zum Beispiel dazu geführt, dass er über 100 Quadratmeter seiner Halle mit einer Mauer abtrennen musste, weil die vor Jahrzehnten gebaute Halle zu nah an der Grundstücksgrenze steht. Zwei weitere Schläge folgten: Ein laut Gutachten im Sommer 2018 von einem Kurzschluss im Dachstuhl verursachter Brand zerstörte seine Lagerhalle nebst Tischlerei und Lackiererei. „Ein harter Schlag kurz vor der Abbezahlung unseres Kredites“, ist Sauerland der Schmerz noch anzusehen. Doch die Kreditgeberin blieb ihm treu. Jedoch konnte er seine Pläne, eine grüne Oase in Grone zu schaffen, mangels öffentlicher Unterstützung nicht umsetzen. Das nagt sehr an ihm. Zudem kam ihm – wie auch vielen anderen – die Corona-Pandemie ab dem Jahr 2020 in die Quere. „Glücklicherweise war aber der harte Kampf mit der Feuerversicherung kurz zuvor abgeschlossen“, bilanziert Sauerland die schwierige Situation positiv. Seither hat er die Online-Präsenzen seines Auktionshauses weiterentwickelt.
Doch zurück zum Auktionsgeschehen an diesem heißen Sommertag. Denn das Geschäft geht ja trotz aller Schwierigkeiten weiter. Der Spannungsbogen steigt stetig an: Es kommen noch Fahrräder, Markenuhren, funktionsfähige Laptops und Tablets sowie schließlich zwei Autos unter den Hammer. Die Bieter freuen sich über die oft erstaunlich günstigen Zuschläge, die sie erzielen können. So etwa ein Pärchen aus Nörten-Hardenberg, das zum ersten Mal dabei ist. Sie hatten eigentlich einen Flohmarkt gesucht, sind dann aber auf die Asservaten-Versteigerung gestoßen. „Wir haben das iPad bekommen, dass wir uns vorher ausgeguckt hatten“, freuen sich die beiden, die die „sympathische“ Atmosphäre schätzen. Schon zum zweiten Mal ist eine vor einem Jahr aus Hannover zugezogene Studentin dabei. Sie konnte für 46 Euro ein laut Sauerland angepriesenes „individuell gebogenes iPad“ ersteigern. Bei ihrer ersten Teilnahme im Vorjahr konnte sie ihren Fuhrpark mit günstigen Fahrrädern aufstocken. „Die kann man bei den vielen Diebstählen in Göttingen immer gebrauchen“, erklärt sie.
Sauerlands Fazit nach zweieinhalb geschäftstüchtigen Stunden mit ungezählten On- und Offlinegeboten fällt positiv aus: „Ich bin total zufrieden, dass trotz der Hitze und der Ferien so viele motivierte Bieter dabei waren. Die Autos haben für 220 beziehungsweise 55 Euro neue Besitzer gefunden – alle Höchstbietenden können sich über ihre Schnäppchen freuen.“
Weiter geht es dann mit der „Kunst- & Antiquitätenversteigerung“ am 5. Dezember. Es lohnt sich, vorab in den Auktionskatalog zu schauen, denn erfahrungsgemäß finden sich hier echte Schätze. Diese Versteigerung findet wieder in den Innenräumen des Auktionshauses statt, die übrigens mit den lebensgroßen Spiderman-, Astronauten- und King-Kong-Figuren, die Sauerland privat sammelt, durchaus sehenswert sind. Die gesamte Antiquitätenversteigerung kann auch online verfolgt werden. Gebote sind via Internet auch in Echtzeit möglich. ƒ
