Der Stadtherr

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Die letzten Tage im Amt. Einen davon verbrachte der Oberbürgermeister von Göttingen, Wolfgang Meyer, mit faktor und gewährte Einblicke in das, was seinen Nachfolger demnächst erwartet.

Morgens fährt Göttingens Oberbürgermeister in der Regel mit dem Stadtbus der Linie 2 Punkt 7:26 Uhr zur Arbeit. „Wenn ich nicht das Fahrrad nehme, nutze ich die öffentlichen Verkehrsmittel gerne“, betont ein gut aufgelegter Wolfgang Meyer um 8:30 Uhr am Mittwochmorgen – es ist einer seiner letzten im Amt, denn am 25. Mai wird ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Er ist schon eine Dreiviertelstunde an seinem Arbeitsplatz im zweiten Obergeschoss des Neuen Rathauses. Große Fensterflächen sorgen für viel Licht im weitläufigen Büro und geben den Blick auf die Stadt frei, den er auch von einem Stehpult aus genießen kann. An den Wänden hängen farbenfrohe Bilder, darunter eine Kollage mit Göttinger Sehenswürdigkeiten. Zwei kleine Gänseliesel-Skulpturen stehen auf der Fensterbank. Auf der Platte des Arbeitstisches liegen zahlreiche Aktenordner zur Ansicht, dennoch wirkt alles aufgeräumt.

Der Oberbürgermeister hat sich um diese Zeit schon am PC über die Termine und Aufgaben des anstehenden Tages informiert. Denn abgesehen vom immer gleichen Bus oder der bekannten Radstrecke zur Arbeit, haben seine Tage mit Routine kaum etwas zu tun. „Es gibt verhältnismäßig wenig feste, immer wiederkehrende Termine. Mein Kalender ist immer in Bewegung, genau wie ich“, erklärt er. „Die heute um 9 Uhr anstehende Vorbereitung der Dezernenten-Konferenz ist allerdings ein Regeltermin.“

Neben internen Abstimmungen mit Dezernenten, Fachbereichsleitern und anderen Mitarbeitern der Stadt sowie kommunalpolitischen Aufgaben nehmen vor allem Repräsentationstermine einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch. Bei unzähligen Anlässen im Jahr – nicht selten in den Abendstunden und an Wochenenden – ist Wolfgang Meyer anwesend, hält eine Rede oder wendet sich mit einem Grußwort an die Gäste. „Das ist eine atypisch hohe Anzahl für einen Bürgermeister, die vor allem auch durch die Universität und die wissenschaftlichen Einrichtungen in Göttingen bedingt ist“, erklärt Meyer und fügt lächelnd hinzu: „Die Kundschaft hier ist anspruchsvoll, erwartet wird ein werthaltiger Redebeitrag mit Qualität. Ohne die gute Unterstützung der drei ehrenamtlichen Bürgermeister Helmi Behbehani, Wilhelm Gerhardy und Ulrich Holefleisch könnte ich diese Vielzahl der repräsentativen Verpflichtungen nicht schaffen.“ Außerdem ist er Mitglied verschiedener Gremien und Vorsitzender zahlreicher Aufsichtsräte, u.a. bei der Städtischen Wohnungsbau GmbH, der Stadtwerke Göttingen AG oder der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung mbH.

Mittlerweile ist es kurz vor 9 Uhr, und Wolfgang Meyer wird von seinem persönlichen Referenten Hartmut Kaiser zum ersten Termin des Tages abgeholt. Über die Treppe geht es ein Stockwerk tiefer. Meyer übernimmt die Leitung des Termins mit den sieben Dezernenten, fragt Themen ab, lässt sich auf den neuesten Stand bringen. Alle Anwesenden haben einen Tablet-PC vor sich auf dem Tisch, bis auf den Oberbürgermeister: Er hält die Fäden auch mit einer herkömmlichen Wiedervorlagemappe fest in der Hand. Die Atmosphäre ist freundlich, es herrscht ein angenehmer, ruhiger Umgangston. Meyer ist entspannt und auch für einen guten Spruch zu haben – ziel- und lösungsorientiert gearbeitet wird dennoch. Bereits nach etwa 25 Minuten endet das Meeting. Nun stehen Telefonate und die Durchsicht einiger Akten an, die Mitarbeiter der Stadtverwaltung vorbereitet haben. „Ich treffe jeden Tag viele Entscheidungen, ich kann mich dabei auf die gute Zuarbeit voll verlassen“, unterstreicht er. Neben seinem persönlichen Referenten halten ihm noch zwei weitere Mitarbeiter in seinem Büro den Rücken frei, übernehmen die Korrespondenz und die Koordination seines Kalenders.

Als nächstes auf dem Plan steht eine Abstimmung mit Stadtbaurat Thomas Dienberg. Ab 10 Uhr dreht sich für eine halbe Stunde alles um geplante und bereits begonnene Bauprojekte der Stadt sowie um die Vorbereitung des 10:30-Uhr-Termins. „Nachher werden Investoren ihre Pläne für eine Immobilie hier bei uns in der Stadt vorstellen. Dafür wollen wir uns vorbereiten“, sagt der Oberbürgermeister, als er die Tür seines Büros für das vertrauliche Gespräch schließt.

Mit dem symbolischen Spatenstich für die geplante Passivhaus-Siedlung um 12 Uhr auf den Zietenterrassen repräsentiert Wolfgang Meyer – gemeinsam mit Dienberg – die Stadt Göttingen zum ersten Mal an diesem Tag außerhalb des Neuen Rathauses. Kaum angekommen, begrüßt er den Investor und Unternehmer Klaus Schneider, der das Bauvorhaben mit seiner Firma Cubus umsetzt, mit Handschlag. Der Oberbürgermeister geht offen auf die Gäste zu, ist schnell im Gespräch, hört zu, schaut sich interessiert um – in den Mittelpunkt drängt er sich nicht. Nachdem Schneider die Begrüßungsworte gesprochen hat, steht nun seine Rede auf dem Programm. Meyer liest wenig vom Blatt ab, blickt oft in die Runde – und man sieht ihm den Spaß an diesem Thema an. „Wir hatten immer etwas Besonderes vor mit der letzten freien Fläche auf den Terrassen. Mit diesem Leuchtturmprojekt haben wir ein einmaliges Bauvorhaben in Göttingen auf den Weg gebracht“, freut er sich mit einem strahlenden Lächeln. Über einen Zeitraum von fünf Jahren wird die Firma Cubus 40 Millionen Euro investieren und am Ende eines der drei größten Passivhaus-Bauvorhaben in Deutschland realisiert haben. Architekt Gregor Brune betont: „Die Stadt Göttingen hat vertraglich die Verpflichtung zum Bau von Passivhäusern auf dieser Fläche fixiert. Das ist aus meiner Sicht weitsichtig und innovativ.“ Im Anschluss an das obligatorische Foto beim Spatenstich nimmt sich Meyer noch etwas Zeit für einen kurzen Imbiss am Buffet und unterhält sich angeregt mit den Besuchern. Um 13:15 Uhr macht er sich auf den Rückweg ins Büro.

Bevor allerdings um 14 Uhr die Vorstandssitzung des Göttingen Tourismus e.V. zur Vorbereitung der Jahreshauptversammlung im Neuen Rathaus beginnt, findet Meyer noch kurz Zeit, auf seine Amtszeit zurückzublicken. Gefragt, was in den Jahren besonders in Erinnerung geblieben ist, sagt er schmunzelnd: „Ich habe 1991 meinen Dienst bei der Stadt Göttingen als Stadtrat und Rechtsdezernent angetreten, bin seit 2006 Oberbürgermeister. Da gäbe es viele Geschichten zu erzählen.“ Er wisse besonders zu schätzen, dass er in seinem Amt so viele verschiedene Menschen kennenlernen könne. Als persönliche Favoriten unter den vielen Terminen im Laufe eines Jahres pickt er die Verleihung des Göttinger Elchpreises und den Neujahrsempfang der Stadt heraus. „Die Verleihung des Elchpreises ist ein wunderbarer Anlass, wenn sich die Elchfamilie der bisherigen Preisträger trifft, ist das unheimlich spannend und unterhaltsam. Der offene Neujahrsempfang der Stadt ist vor allem ein toller Termin, weil alle Göttinger daran teilnehmen können. Ich kann dort mit einem breiten Querschnitt durch die Bevölkerung Göttingens in direkten Kontakt kommen, mit 500 Mal Händeschütteln und persönlicher Begrüßung.“ Auf eine Gemeinschaftsleistung in seiner Amtszeit, getragen von SPD, Grünen, CDU und FDP, ist Oberbürgermeister Meyer besonders stolz: Die Entschuldung der Stadt über den Zukunftsvertrag, über den Göttingen vom Land Niedersachsen die Finanzmittel erhalten hatte, um sich von den Kassenkrediten und den Zinsbelastungen zu befreien. „Das war und ist ein Kraftakt für alle, bedeutet Mehrbelastungen für die Bürger und Sparmaßnahmen. Wir haben 2013 einen Überschuss erwirtschaftet, rechnen auch im laufenden Jahr mit einem positiven Ergebnis. Und wir werden die Kassenkredite von gut 200 Millionen Euro Ende 2014 fast auf null reduziert haben. Das kann sich sehen lassen!“ Aber obwohl er bei der am 25. Mai anstehenden Oberbürgermeisterwahl nicht mehr kandidieren, sondern in diesem Jahr in Pension gehen wird, betont Meyer: „Amtsmüde bin ich keinesfalls. Und um eine vollständige Bilanz zu ziehen, ist es zu früh.“ Die Sitzung beginnt pünktlich. Meyer ist auch nach all den Terminen des Tages immer noch voll konzentriert. Er eröffnet die Sitzung und hört – seinem zufriedenen Gesichtsausdruck nach – erfreuliche Zahlen: Göttingen wird als Reiseziel immer beliebter und konnte im Jahr 2013 bei einem Plus von rund zwei Prozent über 370.000 Übernachtungen verzeichnen. Vor allem Besucher aus den USA, Dänemark, der Schweiz, Großbritannien, Frankreich und China machten Station in der Stadt an der Leine. Nach der Sitzung findet am späten Nachmittag noch die regelmäßige Zusammenkunft der SPDFraktion statt. „Ein wichtiger Pflichttermin mit den Kollegen“, so Meyer.

Der abwechslungsreiche Tag mit Wolfgang Meyer neigt sich dem Ende entgegen. „Typisch dran war, dass ich mich täglich mit einer großen Bandbreite von Themen beschäftige, Entscheidungen treffen und mich auf viele Menschen mit bestimmten Erwartungen an mich oder das Amt des Bürgermeisters einstellen muss“, sagt er. „Das war genau die Mischung aus internen Abstimmungen, Sitzungen und Repräsentationen, die ich so spannend finde und gerne mag.“ Völlig untypisch sei allerdings, dass kein Abendtermin anstünde, ergänzt er mit einem Lächeln. So kann er den Tag mit einer liebgewonnenen Routine beschließen: Er fährt mit dem Stadtbus der Linie 2 nach Hause.