Der Stadterneuerer

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Heidi Niemann

Eine Nachfolge hat viele Gesichter. Auch Gebäude können nach dem Motto “Aus Alt mach Neu“ einer ganz anderen Verwendung zukommen. Der Mündener Hotelier Bernd Demandt hat sich diesen Wandel zur Lebensaufgabe gemacht.

Nur wenige Städte haben eine so schmucke Altstadt wie Hann. Münden: Eine nahezu geschlossene mittelalterliche Bebauung mit mehr als 500 Fachwerkhäusern, viele von ihnen reich verziert, zum Teil noch aus der Gotik stammend. Doch ebenso wie viele andere Städte hat auch Hann. Münden ein Problem: Viele dieser städtebaulichen Schmuckstücke stehen seit Langem leer.

Der Mündener Hotelier Bernd Demandt mag diesem drohenden Verfall nicht tatenlos zusehen – und versucht mit ausgefallenen Ideen und Initiativen, alte Häuser zu neuem Leben zu erwecken. Sein bislang spektakulärstes Projekt ,9 mal 24‘ lockte freiwillige Helfer aus ganz Deutschland in die Dreiflüssestadt.

Es war die wohl ungewöhnlichste Baustelle Deutschlands: Neun Tage lang werkelten Anfang Oktober Dutzende von Freiwilligen, die nie vorher zusammengearbeitet hatten, rund um die Uhr in einem 400 Jahre alten Fachwerkhaus in der Mündener Speckstraße herum. Die meisten Helfer kamen aus der Region, einige waren von weit her angereist. Auch mehrere Zimmerleute und Tischler, die sich auf der Walz befanden, legten einen Arbeitsaufenthalt in Hann. Münden ein. Manche Teilnehmer hatten sich sogar für einige Tage aus ihrem eigenen Betrieb ausgeklinkt, um auf dieser Baustelle mitzuarbeiten.

Sie alle waren fasziniert von dem verrückten Projekt ,9 mal 24‘, das Bernd Demandt angestoßen hatte: in einer großen Gemeinschaftsaktion ein altes Haus, das seit neun Jahren leer steht, wieder instand zu setzen und zu einem Künstlerhaus umzugestalten. Die Mammutaktion war nicht nur eine Gebäudesanierung, sondern auch ein soziologisches Experiment.

Professionelle Handwerker arbeiteten Hand in Hand mit Menschen, die sonst nur am Schreibtisch sitzen, gestandene Baudirektoren schoben Schubkarren durch die Gegend, Rentner packten ebenso tatkräftig an wie die vielen Schüler. Auch wenn das Haus am Ende nicht fertig wurde – womit auch niemand gerechnet hatte –, war das Experiment ein Erfolg: Die wuselige Truppe hatte viel geschafft, alle Teilnehmer und Unterstützer waren begeistert, und die Stadt Hann. Münden hatte viel Aufmerksamkeit in den Medien gefunden.

Auch nach dem Ende des neuntägigen Projekts ist das bürgerschaftliche Engagement noch nicht verebbt: „Es kommen immer noch neue Leute dazu, die mithelfen wollen“, erzählt Demandt. „Ein harter Kern von Rentnern ist ständig auf der Baustelle, und am Wochenende kommen dann auch immer viele Selbständige hinzu.“

Am liebsten würde Demandt, der sich selbst als „Denkmalaktivist“ bezeichnet, ständig auf der Baustelle sein. Doch der 48-Jährige muss sich auch um sein Fahrradhotel und sein Café kümmern. Beide Gastronomiebetriebe befinden sich ebenfalls in alten Gebäuden, die er vor einigen Jahren saniert und damit vor dem Verfall gerettet hat. Alte Balken und Gemäuer ziehen ihn einfach unwiderstehlich an.

„Je kaputter ein Haus ist, desto größer ist die Herausforderung und der Reiz, es zu sanieren“, sagt er. Man könnte seine Leidenschaft für alte Häuser als Spleen abtun. Dem Stadterneuerer geht es bei seinen Projekten jedoch um viel mehr als nur um ein handwerkliches Sich-Austoben. Ihm geht es um das kulturelle Erbe, um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte und um Respekt vor dem Können und der Leistung der damaligen Handwerker.

„Da hat ein Haus 500 Jahre gestanden, und dann verfügt jemand, dass es abgerissen werden kann. In Nullkommanichts werden da mal eben 500 Jahre ausgelöscht – das ist doch einfach schade!“

Ursprünglich hat Berndt Demandt mal Industriepolsterer gelernt, anschließend eine Ausbildung zum Tischler gemacht. „Ich wollte immer etwas restaurieren“, sagt er. Doch dann entschied er sich, noch mal die Schulbank zu drücken. Er machte sein Abitur nach, studierte Ur- und Frühgeschichte an der Uni Göttingen und wollte eigentlich Archäologe werden. Irgendwann in den 1990-er Jahren erzählte ihm ein Kommilitone, dass es in Hann. Münden alte Häuser für eine Mark zu kaufen gebe. Demandt fuhr hin, ließ sich vom Denkmalpfleger die Altstadt zeigen und war elektrisiert.

Er kaufte ein Fachwerkhaus in der Burgstraße, das seit mehr als 20 Jahren leer stand, zwar nicht für eine Mark, sondern für 200.000Mark. Drei Jahre verbrachte er jede freie Minute damit, das Haus zu sanieren, dann konnten die ersten Mieter in die Wohnungen einziehen. Danach kaufte er ein fast 500 Jahre altes Haus in der Aegidienstraße. Auch dieses stand seit Jahren leer und war dementsprechend baufällig.

„Die Leute haben damals immer die Straßenseite gewechselt, weil dort schon die Ziegel vom Dach herunterfielen“, erzählt Demandt. Neun Monate brauchte er für die Sanierungsarbeiten, dann war aus der Bruchbude das Fahrradhotel ,Aegidienhof‘ geworden, das auf Anhieb großen Anklang fand. Vor allem in den Sommermonaten sind die 36 Betten des speziell auf die Bedürfnisse von Fahrradtouristen zugeschnittenen Hotels meistens komplett belegt.

Kaum hatte das Fahrradhotel seinen Betrieb aufgenommen, kümmerte sich Demandt um das nächste Sanierungsprojekt. Diesmal war es ein großes altes Kaufmannshaus in der Tanzwerderstraße, das er zum ,Gäste haus Tanzwerder‘ mit insgesamt fünf Ferienwohnungen umbaute.

2008 kaufte er für einen Euro ein weiteres Gebäude direkt gegenüber dem Fahrradhotel. Diesmal war es allerdings kein Wohnhaus, sondern ein Gotteshaus, die St.-Aegidienkirche.

Die ehemalige Garnisonskirche ist eine der beiden historischen Altstadtkirchen von Hann. Münden und ein fester Anlaufpunkt für Touristen: An der südlichen Kirchenwand befindet sich die Grabplatte von Doktor Eisenbart. Der berühmte Wanderarzt war 1727 auf der Durchreise in einem Gasthaus in Hann. Münden verstorben und in der Aegidienkirche begraben worden.

Weil sich im Laufe der Jahre der Bevölkerungsschwerpunkt in die anderen Stadtteile verlagert hatte, war die Kirche zuletzt kaum noch genutzt und im November 2006 schließlich entwidmet worden. „Keiner wollte dieses Gebäude haben“, meint Demandt. Die Stadt Hann. Münden als Eigentümerin hatte kein Geld für die Sanierung und Unterhaltung, die Kirchengemeinde wollte sich ebenfalls nicht damit belasten, auch ein Förderverein fand kein Konzept für eine Umnutzung der Kirche.

Während andere jahrelang darum stritten, wie sie sich der Verantwortung und der Unterhaltungskosten für das ungenutzte Gotteshaus entledigen könnten, dachte Demandt darüber nach, wie man dieses prägnante Bauwerk bewahren und neu beleben könnte. Er nahm einige wenige Umbaumaßnahmen vor, installierte eine Küche und Toilettenräume, ließ die hohen weißen Wände in einem warmen Terracotta-Ton streichen, hängte neue Lampen auf, verpasste den alten Kirchenbänken einen neuen Anstrich, arrangierte sie neu, stellte Tische dazu, und fertig war das ,Café Aegidius‘.

Inzwischen ist das Kirchen-Café, indem bis zu 150 Gäste Platz finden können, eine Touristenattraktion geworden. Regelmäßig kommen Reisegruppen und Architekturinteressierte aus ganz Deutschland vorbei, die sich einen Eindruck von dem Umnutzungskonzept verschaffen wollen. Die Besucher sind vor allem von der Raumwirkung fasziniert.

Dadurch, dass Demandt nicht nur das Original-Kirchenmobiliar, sondern auch die anderen kirchentypischen Elemente wie Sakristei, Empore und Altar belassen hat, ist es ihm gelungen, den sakralen Charakter zu bewahren und gleichzeitig eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Der Respekt vor der ursprünglichen Bestimmung des Gebäudes zeigt sich auch im Bewirtungskonzept: Caféleiterin Christiane Langlotz serviert den Gästen Frühstück sowie nachmittags Kaffee und Kuchen.

Wer will, kann auch ein Glas Sekt oder ein Bier bekommen; wer sich betrinken will, muss allerdings woanders hingehen. Auch die Mündener kommen regelmäßig in das einstige Gotteshaus. „Viele Besucher haben eine persönliche Beziehung zu dem Kirchengebäude, weil sie dort getauft oder getraut worden sind“, erzählt Demandt.

Manche knüpfen nun an diese Tradition an und feiern ihren runden Geburtstag oder ihre goldene Hochzeit in der Kirche. Auch zu traurigen Anlässen kommt man dort wieder zusammen. So hat zum Beispiel das Hospiz dort eine Trauerfeier für Verstorbene veranstaltet.

Bernd Demandt hat in der Zwischenzeit schon wieder zwei weitere Häuser gekauft, die er nach und nach sanieren will. Zunächst aber muss das Fachwerkhaus in der Speckstraße fertig werden. Trotz des großen Einsatzes der Helfer beim spektakulären ,9 mal 24‘-Sanierungsmarathon ist dort noch jede Menge zu tun. Anders als bei den anderen Haussanierungen ist Demandt hier nur ein Eigentümer von vielen. Das Haus gehört der Bürgergenossenschaft ,Mündener Altstadt‘.

Mittlerweile hat die Genossenschaft, die in diesem Frühjahr gegründet wurde, knapp 200 Mitglieder, die alle Anteilseigner und damit Mitbesitzer des Hauses in der Speckstraße sind. Auch viele andere Mündener Bürger und Geschäftsleute engagieren sich für das ungewöhnliche Sanierungsprojekt. So haben zahlreiche Firmen Baumaterial gespendet.

Gaststätten lieferten während der ,9 mal 24‘-Aktion Proviant für die Helfer, Bürger stellten Privatquartiere zur Verfügung, mehr als 50 Frauen sorgten für eine Rundum-Verpflegung.

Inzwischen gibt es auch einen gleichnamigen Förderverein ,Mündener Altstadt‘, der solche und andere Sanierungsprojekte unterstützen will. Ziel des ebenfalls in diesem Frühjahr gegründeten Vereins ist es, wieder mehr Leben in die Innenstadt zu bringen. Schließlich geht es bei der Stadterneuerung nicht nur um den Erhalt historischer Bausubstanz, sondern auch um die Stärkung des sozialen Zusammenhalts einer Stadt.

Auch Bernd Demandt ist davon überzeugt, dass die Zukunft Hann. Mündens wesentlich davon abhängt, ob die Altstadt ein attraktiver Ort zum Wohnen und Arbeiten bleibt oder ob sie zusehends leerer und baufälliger wird.