Der Spielemacher

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Stefan Mittwoch, Kaufmännischer Geschäftsführer, über die Kunst, die Gandersheimer Domfestspiele zu meistern.

Welch ein strahlender Sonnenschein am Montagnachmittag. „So ein Wetter wünschen wir uns auch für die Festspielzeit“, sagt Stefan Mittwoch, Geschäftsführer der Gandersheimer Domfestspiele, mit Blick gen Himmel.

Ich treffe ihn auf dem Marktplatz, um den das Rathaus, das Bürgerbüro mit den Räumen der Festspielverwaltung, die Bühne vor der Stiftskirche, die Werkstätten und Künstlergarderoben, ein Probenraum und mittlerweile das Cateringzelt der Festspielgastronomie Jungesblut gruppiert sind.

Das 11.000-Seelen-Städtchen scheint ganz auf die Festspiele fokussiert. Vier Monate inklusive Probenzeit bereichern ganz besondere Menschen das Stadtbild, die als Schauspieler, Sänger und Backstage-Arbeiter dort leben und arbeiten.

Drei Monate kommen zusätzlich Tausende von Festspielbesuchern zu den Aufführungen in die Kleinstadt zwischen Harz und Weser. Für Sponsoren und ihre Gäste gibt es spezielle Events.

Und alle wollen zufriedengestellt werden. Das ist, grob umrissen, das Aufgabengebiet des kaufmännischen Geschäftsführers Stefan Mittwoch.

Er ist gerade aus dem Kaisersaal gekommen, wo heute Abend die offizielle Begrüßung des Ensembles stattfindet. „Da habe ich sicherheitshalber die Platzierung der Prominenz überprüft“, verrät er. Schließlich seien es oft die Details, auf die es ankommt.

Alles soll perfekt sein für den Termin, bei dem Vertreter der Politik, Wirtschaft und Presse zugegen sind. Jeder soll sich wohlfühlen.

Trotzdem geht das Alltagsgeschäft weiter. Von einer vorbeischlendernden Reinigungskraft will er kurz wissen, ob der alte Aldi-Markt bereits geputzt ist und jetzt für die Tanzproben zur Verfügung steht.

Eigentlich wollten wir ihn vor der Begrüßung des Ensembles noch ein paar Stunden bei seiner Arbeit abseits des Schreibtischs begleiten. Doch die für den Nachmittag terminierte Übergabe einer Spende, die er entgegennehmen sollte, wurde auf einen anderen Tag verschoben.

„Einen planbaren Arbeitsalltag gibt es bei mir kaum“, sagt er kopfschüttelnd. „Täglich sind Flexibilität und Kreativität gefragt, da sich Termine verschieben oder Unvorhersehbares passiert“, erzählt der 43-Jährige, als wir an seinen Arbeitsplatz kommen, der sich im ersten Stock über dem Bürgerbüro befindet.

Dort bietet ein Fenster einen übersichtlichen Blick auf den Festspielplatz. Viel Raum hat er ansonsten nicht. In einer Ecke stehen Werbebanner und Musikinstrumente, „man muss eben alles irgendwie unterbringen“, sagt er.

Zwei Türen, eine zum Treppenhaus und eine zum Großraumbüro, sind nur geschlossen, weil er jetzt nicht gestört werden will. „Normalerweise haben die Mitarbeiter freien Zugang zu meinem Büro, da geht es teilweise schon recht turbulent zu“, sagt Mittwoch lächelnd.

Er ist nun mal der, bei dem viele Fäden zusammenlaufen – wie wir im Laufe des Gesprächs erfahren werden. Sein überladener Schreibtisch zeugt von der Vielschichtigkeit seiner Arbeit.

Darunter Unterschriftsmappen, Korrespondenz zu Förderanträgen, der Jahresabschluss 2012, Flyer und Notizen seiner Mitarbeiter, wer alles auf Rückruf wartet. Er zieht sein Sakko aus, hängt es über den Stuhl und setzt sich hin.

Es gäbe viel zu tun, aber jetzt hat die Presse Priorität, gilt es doch schließlich, die Domfestspiele weiter in den öffentlichen Fokus zu rücken.

Der Geschäftsführer lehnt sich entspannt zurück und widmet sich unserem Interview, obwohl offensichtlich tausend Kleinigkeiten auf ihre Erledigung warten.

Zehn Jahre ist Mittwoch schon dabei.

Nach dem Studium der Verwaltung und Rechtspflege von der Stadtverwaltung eingestellt, wurde er 2003 mit der operativen Durchführung der Festspiele betraut.

Sieben Jahre später erfolgte aus finanziellen Erwägungen („Die Stadt hatte immer weniger Geld“) die Gründung der Gandersheimer Domfestspiele gemeinnützige GmbH, bei der er nun seit 2011 als Nachfolger von Ulrich Klötzner die kaufmännische Geschäftsführung innehat.

Wenn also jemand um die Details des kulturellen Events weiß, dann er. Aber Routine, winkt er ab, habe sich in diesem Jahrzehnt nicht eingestellt.

„Ich habe noch nie erlebt, dass eine Saison wie die letzte abläuft“, erzählt er. Jedes Jahr gelte es auf ein Neues, Besucher, Förderer und Ensemble zu begeistern.

Gemeinsam mit einer langjährigen Mitarbeiterin – die, so bedauert er sehr, Mitte dieser Saison in den Ruhestand geht – und zwei neuen Kräften, die gerade eingearbeitet werden, ist er nicht nur für Finanzen, Organisation, Aufführungsrechte, Planung, Werbung, Verträge und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, sondern „wir kümmern uns zum Beispiel auch um ordentliches Toilettenpapier auf der öffentlichen Toilette am Platz“, sagt er und tippt sich an die Stirn, „an was man alles denken muss“.

Und so kommt der Geschäftsführer ins Erzählen: Vieles gilt es zu beachten, damit das Festival bei Besuchern und Sponsoren einen guten Eindruck hinterlässt.

Aber auch ‚hinter den Kulissen‘ muss so einiges organisiert sein: Passende Räume für Proben und Requisiten, Arbeitspläne, Sanitäts- und Absperrdienst, eine 3-Meter-Leiter mit Abknick, die Besorgung von Deko-Teilen für das Bühnenbild oder die Vermittlung eines Spezialisten, der das Dach des Requisitenzeltes auf der Nebenbühne passgenau zuschneidet und um einen Baum herum abdichten kann, der nun mal eben dort steht.

Er weiß immer, wen er fragen kann.

Seine persönlichen Kontakte sind wertvoll, Outlook und Adresskartei unverzichtbar. „Aber auch“, sagt er und greift dabei neben seinen Schreibtisch, „das örtliche Telefonbuch tut seine guten Dienste.“

Und hält es kurz lächelnd in die Höhe. In Bad Gandersheim kennt er fast jeden, und viele kennen ihn. „Fluch und Segen zugleich“, bekennt er. Denn sobald er auf dem Domplatz sei, ist er ansprechbar, eine öffentliche Person.

Er ist froh, dass seine Familie darauf Rücksicht nimmt, aber „es fehlt oft Struktur, Persönliches und Berufliches trennen zu können“.

Beim Rasenmähen könne er entspannen, seit neuestem fährt er auf Anraten seines Arztes auch Fahrrad. „Ich muss etwas mehr Bewegung in meinen Alltag einbauen“, sagt er mit Blick auf seine Figur.

„Schade nur, dass ich dabei nicht die Hände freihabe, um meine Gedanken aufzuschreiben.“ Die sich wohl wieder um die Festspiele drehen. Mittwoch lebt, was er arbeitet.

Tag für Tag, Jahr für Jahr.

„Viele Außenstehende denken, dass ich nur im Sommer richtig was zu tun habe, aber weit gefehlt“, erzählt der 43-Jährige.

Momentan, kurz vor den Aufführungen, ist er schon mit den Planungen für 2014 beschäftigt: Von der Terminfindung, die u.a. von Ferienzeit und sportlichen Groß ereignissen abhängt, über die Klärung der Aufführungsrechte bis hin zur finanziellen Planung.

Während der Spielzeit wird ihn nicht nur das Wetter vor täglich neue Herausforderungen stellen, sondern auch mögliche technische oder personelle Ausfälle, die geregelt werden müssen.

Abschließend, wenn die Bühne abgebaut ist, muss Platz für die Requisiten gefunden sein, GEMA und Personal wollen abgerechnet werden.

Und dann Zeit für Muße?

„Keineswegs“, sagt Mittwoch und zählt fast ohne Punkt und Komma auf, was dann alles zu tun ist: „Bis Oktober muss der Spielplan stehen. Anschließend heißt es, Schauspieler und Techniker müssen eingeplant und gebucht werden, Flyer gedruckt sein, weil der Vorverkauf beginnt.“

Bis Weihnachten werde dann die Werbetrommel gerührt und nochmals bis Ende Januar, wenn der Frühbucherrabatt endet. Bis Ende Februar sollte das Festspiel-Magazin fertig sein, „und dann beginnt die Saure-Gurken-Zeit bis Ostern, weil bis dahin Freilicht noch kein Thema ist“, erzählt Mittwoch.

Wobei er damit genau die Zeit meint, in der er Sonderaktionen fahren muss, um die Festspiele ,im Gespräch‘ zu halten.

Sprich, es ist die Zeit der Pressemitteilungen über beispielsweise die Verpflichtung namhafter Schauspieler oder einer speziellen Aktion. Sobald nach Ostern der Verkauf wieder anzieht, fängt es auch schon wieder mit dem Tribünenaufbau an, und die Proben beginnen.

Ein ewiger Kreislauf also.

Er atmet kurz durch. Apropos Proben. Mittwoch schaut aus dem Fenster. Die ersten Schauspieler sammeln sich am Festspielbrunnen auf dem Platz.

Die Proben werden heute rechtzeitig beendet, damit sich alle vor dem Empfang noch ein paar Minuten ausruhen können. Der anschließende Blick auf die Armbanduhr verrät ihm, dass auch wir noch ein wenig Zeit haben.

„Alles gut“, meint er, widmet sich wieder unserem Interview und greift das Thema Finanzen auf. „Das Besondere aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist, dass wir innerhalb von acht Wochen Spielzeit jeden Euro verdient haben müssen“, antwortet der Geschäftsführer, der jährlich mit einer Millionen Euro Einnahmen kalkuliert.

Momentan liege der Etat bei ca. 1,4 Millionen Euro – Geld, das u.a. aus diversen Fördertöpfen von Bund, Land und regionalen öffentlichen Trägern stammt.

Dabei sei es oft schwierig, mit den bürokratischen Antrags- und Abrechnungsverfahren umzugehen.

„Vor allem für die Bundesförderung ist es wichtig, mit innovativen Projekten und guten Zielvorgaben im Gespräch zu bleiben. Bei der Vielzahl an Förderungen, die beim Bund zusammenlaufen, besteht am ehesten die Gefahr, nur noch als Aktenzeichen wahrgenommen zu werden und vielleicht bei den nächsten Sparmaßnahmen im Bundeshaushalt dem Rotstift zum Opfer zu fallen“, sagt er.

Beim Land Niedersachsen sei die Überzeugungsarbeit einfacher, gilt das Festival in Bad Gandersheim immerhin als kultureller Leuchtturm der Metropolregion.

Aus seinen Unterlagen zieht er ein Formular hervor: „Amtsdeutsch muss man können. Da finde ich den Umgang mit Sponsoren einfacher. Mit denen kann man persönlicher sprechen.“

Der Förderverein der Gandersheimer Domfestspiele leistet zwar eine wichtige Unterstützung, aber der Beitrag regionaler Unternehmen ist unverzichtbar.

Mittwoch zollt seinem Vorgänger Respekt: „Ulrich Klötzner hat maßgeblich den Weg geebnet, dass wir uns nicht mehr als Bittsteller, sondern als Veranstalter eines einzigartigen Events verstehen. Wir haben mit den Gandersheimer Domfestspielen ein hochwertiges Kulturprodukt anzubieten und appellieren an die regionalen Arbeitgeber, sich im Rahmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zur Gestaltung eines lebendigen und attraktiven Lebensumfeldes am Erhalt und der Weiterentwicklung dieser Kultureinrichtung zu beteiligen.“

Persönliche Beziehungen sind Mittwoch dafür wichtig, und auch jetzt folgt eine Aufzählung, was alles dazugehört: Einladungen aussprechen und annehmen, Zeit für Gespräche haben. Und immer wieder neue Möglichkeiten finden, Sponsoren zu begeistern.

Besonders stolz ist er auf die gute Zusammenarbeit mit der Ev.-luth. Stiftskirchengemeinde in Bad Gandersheim, insbesondere mit Pfarrer Thomas Ehgart, die dieses Jahr wieder nach längerer Zeit eine Inszenierung im Kirchenraum ermöglicht.

„Gemeinsam bieten wir geschlossene Veranstaltungen vor einer Aufführung im Garten des Martin-Luther-Hauses an, von wo aus ein separater Eingang in den Zuschauerbereich führt. Das ist die Note Exklusivität, die gut ankommt“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Doch seiner Begeisterung folgt ein nachdenklicher Seufzer. „Es ist schon eine Kunst, in Bad Gandersheim attraktive Pakete für Geldgeber und Besucher zu schnüren“, gibt er zu.

Leerstände in der Innenstadt, starre Laden-Öffnungszeiten, wenig Gastronomie und nur ein Hotel am Ort – für Mittwoch eine Herausforderung: „Unsere Premiumkarten sind am schnellsten verkauft. Das sind Leute, die einiges für ein schickes Rahmenprogramm zahlen würden – aber sie finden hier zu wenig Möglichkeiten, ihr Geld loszuwerden.“

Sein Blick wandert zum Fenster. Es ist mittlerweile 18 Uhr, der Platz bevölkert sich. „Lassen Sie uns kurz rübergehen, wo Requisite und Maske untergebracht sind, bevor die Veranstaltung losgeht“, sagt er, steht auf und zieht sein Sakko über.

Und so schauen wir uns im Nebengebäude um, wo Kostüme bereithängen, und die Maskenbildnerin letzte Hand an ihre Entwürfe legt.

Bald wird reges Treiben in den Räumen herrschen.

So wie jetzt bereits im Freien, und wir gesellen uns zu den Schauspielern. Unter ihnen Rebecca Siemoneit-Barum, das bekannte Gesicht aus der ‚Lindenstraße‘. Die Einbeckerin erzählt uns, dass sie im letzten Jahr vom Musical ‚Chess‘ so begeistert war, „dass ich sofort auf die Bühne und mitmachen wollte“.

Also bewarb sich die Darstellerin und überzeugte beim Casting wohl nicht nur durch ihre Darstellungsund Sangeskunst, sondern auch „weil sie so unbändige Lust hatte, mitzumachen“, beschreibt es Intendant Christian Doll, der gerade zu uns gestoßen ist.

„Bei täglich zehn Stunden Proben motiviert eine solche Begeisterung natürlich“, fährt er fort und lächelt sie an. Jeder Schauspieler besetze hier zwei Rollen, es sei daher nicht immer einfach, die passenden Künstler zu finden.

„Aber es hat für die Mitwirkenden einen besonderen Reiz, in einer Kleinstadt zu spielen, mit unterschiedlichsten Akteuren und so wetterabhängig…“ Er sieht hinauf zum Himmel, der noch immer blau und wolkenlos ist.

Kulissenwechsel, Kaisersaal. 18.30 Uhr, die Prominenz trifft ein.

Stefan Mittwoch nimmt Platz am Rande der ersten Reihe. Er hat für diesen Empfang die Einladungen verschickt, den Raum säubern lassen, den Ablauf mit Rednern und beteiligten Darstellern abgestimmt, die Prominenz platziert und einige Redner mit aktuellen Informationen versorgt.

Zwar wird er selbst nicht auftreten, aber seine Anwesenheit ist Pflicht. Es ist die Stunde der Darsteller und des Intendanten, der mit der Auswahl der Stücke und des Ensembles dafür Sorge tragen muss, dass genügend Publikum nach Bad Gandersheim kommt.

Bürgermeister Heinz-Gerhard Ehmen, Fördervereins-Vorsitzender Hinrich Bönicke und Landrat Michael Wickmann – sie alle stellen mit ihren Worten die wahre Exklusivität der Gandersheimer Domfestspiele heraus: dass die Schauspieler vier Monate das Straßenbild bevölkern, dort leben und arbeiten, bei Familien zur Untermiete wohnen, im Café den Text lernen, auf der Grünfläche zwischen Bürgerbüro und Kartenzentrale in der Sonne sitzen, von der Maske im Nebenhaus über den Platz zur Bühne huschen …

… sie sind ‚zum Anfassen‘ nah, können Geschichten aus ihrer Heimat erzählen, ob aus anderen Teilen Deutschlands, aus Finnland oder Österreich – sie bringen exotisches Flair nach Bad Gandersheim.

Wo sonst kann man die Melange von ‚Künstler-‘ und ‚normaler Welt‘ so hautnah erleben?

Ja, die Festspiele können kommen.

Auf einer separaten Bühne im Freien stellen sich jetzt die einzelnen Darsteller – jeweils mit Gesang und Worten – der Bevölkerung vor, die sich dafür gesellig an Biertischgarnituren eingefunden hat. Es ist schon 20.30 Uhr, Mittwoch steht daneben, unterhält sich.

Feierabend? Ja, gleich. Ein bisschen genießen will er den lauen Abend noch. Privates Vergnügen oder berufliche Kontaktpflege? Wer weiß das schon so genau.