Der Spätzünder

© MATTHIAS KÖNIG
Text von: Yannick Lowin, redaktion

Mit 18 den Führerschein gemacht. Mit 24 nah dran, in die Bundesliga der Motorradpiloten aufzusteigen. Der Göttinger Christoph Pudlo hat eine Motorsportkarriere auf der Überholspur hingelegt.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Sommer-Ausgabe 2012.

Ein bisschen Wehmut sei schon dabei gewesen, als er beim ersten Saisonrennen der ,Deutschen Seriensport Meisterschaft‘ zum Zuschauen verdammt war, sagt Christoph Pudlo und schaut kurz auf die blaue Schiene, die seinem gebrochenen Handgelenk die nötige Stabilität zur Heilung verschaffen soll.

Er hatte sich viel vorgenommen für diese Saison – so wollte er seine guten Leistungen in der ,Deutschen Seriensport Meisterschaft‘ (DSM) bestätigen, weiter dazulernen und Sponsoren auf sich aufmerksam machen, um endlich den Aufstieg in die erste Liga des deutschen Motorradsports perfekt zu machen.

Doch ein Sturz bei der Vorbereitung im südfranzösischen Ledenon Anfang April warf die Saisonplanung des 24-Jährigen über den Haufen.

„In einer Rechtskurve hatte ich bei etwa 120 km/h einen klassischen Hinterradrutscher, der mich aus meinem Sitz in die Lüfte katapultierte“, beschreibt Pudlo den ärgerlichen Fauxpas, der mit einer unsanften Landung und einem zweifachen Bruch des rechten Handgelenks endete. Schuld waren zu kalte Reifen.

Erst mit 17 Jahren entdeckt

Dass Christoph Pudlo sich aber überhaupt Aussichten auf einen Start beim R6-Cup innerhalb der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) – der Bundesliga der Motorradfahrer – machen kann, ist bemerkenswert.

Denn erst als er sich mit 17 Jahren einen Motorroller gekauft hatte, entdeckte er seine Leidenschaft für motorisierte Zweiräder. Der ,große‘ Motorradführerschein war dann die logische Konsequenz.

Als ihn ein Freund schließlich mit auf eine Rennstrecke nahm, war Pudlo endgültig dem Rausch der Geschwindigkeit verfallen; die Rückkehr auf die Landstraße nicht mehr denkbar. Die Autos, die Leitplanken, all das war ihm zu gefährlich.

„Außerdem habe ich mich an das Tempo auf der Rennstrecke gewöhnt, und das ist nicht mit der Straßenverkehrsordnung zu vereinbaren“, ergänzt Pudlo augenzwinkernd.

Sein Talent hat sich schnell herauskristallisiert. Gleich im ersten Rennjahr 2009 ärgerte er Konkurrenten, die schon seit über zehn Jahren dabei waren und krönte seine Auftaktsaison mit einem Podestplatz in der DSM. Seitdem kennt der gebürtige Pole die großen deutschen Rennstrecken wie Hockenheim oder den Nürburgring aus dem Effeff.

Die Talentschmiede des deutschen Motorradsports

Doch die DSM soll für ihn nur eine Etappe gewesen sein: „Seitdem ich Rennen fahre, habe ich davon geträumt, einmal in der IDM zu fahren.“ Diesen Traum will er – nach Platz vier in der DSM-Gesamtwertung 2011 – dann im nächsten Jahr wahr werden lassen.

Die IDM ist so etwas wie die Talentschmiede des deutschen Motorradsports. Fahrer wie der deutsche Moto2-Champion Stefan Bradl schafften von hier aus den Sprung in die verschiedenen Weltmeisterschaftsklassen. Fast 30.000 Zuschauer kommen im Schnitt zu den acht Rennen in Deutschland, Österreich und den Niederlanden.

Am meisten reizt Christoph Pudlo jedoch etwas anderes: „Im R6-Cup fährt jeder mit dem gleichen Material, sodass nur das fahrerische Können darüber entscheidet, wer die schwarz-weiße Zielflagge zuerst sieht.“

Die finanzielle Hürde

Rein sportlich hat der junge Göttinger bereits alle Hürden genommen, um in der IDM starten zu dürfen. Doch neben dem fahrerischen Können muss man im Motorsport vor allem eins mitbringen: Geld.

So haben z.B. die gleichen Startvoraussetzungen im R6-Cup ihren Preis, den die Organisatoren auf genau 16.590 Euro beziffern. Dafür erhält jeder Rennfahrer das Cup-Paket. Es enthält, neben dem aktuellen Serien-Motorrad, u.a. ein sogenanntes Race-Kit, mit dem die Yamaha YZF R6 renntauglich gemacht wird.

Denn im Gegensatz zur normalen Straßenmaschine hat die Renn-Version weder Licht noch Spiegel, dafür aber eine Verkleidung.

Zwar arbeitet der Student der Wirtschaftswissenschaften nebenbei als ‚Instruktor‘ auf der Rennstrecke ‚Bilster Berg‘ bei Bad Driburg und schränkt sich so weit es geht ein, doch allein könnte er den Kostenberg niemals stemmen. Er ist deshalb auf Sponsoren angewiesen.

Neben seinen Eltern wird Pudlo von seiner Nachbarin Helga Kraft, der GUF Göttingen, der Fahrschule Dünnhoff und seit Kurzem auch von der Sparkasse Göttingen unterstützt.

Hier war man insbesondere vom souveränen Auftreten des Motorradpiloten angetan: „Ich habe selten einen jungen Sportler erlebt, der eine so professionelle Sponsorenmappe vorlegt und sich selbst so überzeugend verkaufen kann“, sagt Pressesprecher Frank Sickora.

Auch wenn das regionale Geldinstitut mit dem Motorsport Neuland betrete, würde man sich freuen, einen so talentierten Jungen aus Südniedersachsen fördern zu können.

Gestatten ‚Kampfschlumpf‘

Um sich aber seinen Traum erfüllen zu können, muss Pudlo weitere Unterstützer von sich überzeugen. Zugute kommt ihm dabei, dass er sich bereits einen Namen in der Szene gemacht hat.

Nicht nur dank seiner Leistungen, sondern auch durch geschickte Markenbildung. So hat er seinen Spitznamen ‚Kampfschlumpf‘ – den er wegen seines forschen Auftretens beim Debüt auf der Rennstrecke und seines blauen Motorrads bekommen hatte – weiter kultiviert. Davon zeugen ein blauer Leder overall und der passende Sturzhelm.

Was für eine immense Rolle das Budget für den sportlichen Alltag spielt, lässt sich auch an der Trainingsgestaltung ablesen. Jede Einheit muss weise abgewägt werden, wie Pudlo vorrechnet: „Ein Trainingswochenende auf der Rennstrecke kostet bei 6 mal 20 Minuten Fahrzeit 400 Euro, dazu kommt meist noch ein Satz Reifen à 300 Euro und die Anfahrt.“ Macht also fast 1.000 Euro.

Körper als Kapital

Logisch, dass er die Fahrübungen stark begrenzt und mehr auf körperliche Fitness setzt: „Mein Körper ist ständig gefordert – vor allem in Kurven. Da muss ich erst die Bremsenergie abfedern, die entsteht, wenn die Maschine von Topspeed 270 auf 60 heruntergedrosselt wird. Anschließend hänge ich komplett neben dem Motorrad, die Ellenbogen fast auf dem Asphalt.“

Wer hier ein Manko habe, baue von Runde zu Runde ab. Zusätzlich würden Kraft und Kondition helfen, die Konzentration aufrecht zu halten.

Diese ist auch bitter nötig, geht es doch um Sekundenbruchteile: „Wenn ich nur eine Zehntelsekunde zu spät bremse, sind das
zehn Meter Unterschied, was womöglich einen Ausflug ins Kiesbett bedeutet.“

Ähnlich sieht es bei den Kurvenfahrten aus, bei denen seine Reifen nur mit der Fläche einer Kreditkarte aufliegen und er sich mit dem Knie, wie ein Insekt mit seinem Fühler, an den Asphalt herantastet.

Die Zukunft

Wie lange Christoph Pudlo den Kampf um Sekunden, Meter und Plätze noch betreiben will, weiß er nicht. Derzeit zähle für ihn nur der Aufstieg in den R6-Cup.

Er ist aber Realist genug, um zu wissen, dass es mit einer internationalen Karriere schwierig wird: „Um mir hier etwas ausrechnen zu können, hätte ich mit zehn Jahren anfangen müssen und nicht erst mit 20.“