Der Pfeifenmacher

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Einfach nur Pfeife rauchen? Das war Mathias Dittmar, Geschäftsführer der Heinrich Dittmar GmbH & Co. KG in Osterode, von Anfang an zu wenig. Einmal infiziert mit dem ,Tabakpfeifen-Virus‘, entwickelte er recht bald eine Sammelleidenschaft für die besonders edlen Stücke der Pfeifenmacherkunst.

Aber auch damit nicht genug, denn die Königsdisziplin in Sachen Tabakpfeifen ist das Bauen der filigranen Stücke. „Das wollte ich unbedingt erlernen“, sagt Dittmar. Deshalb startete der heute 40-Jährige 2006 mit der Fertigung eigener Pfeifen. Das Wissen dazu eignete sich der Autodidakt per Literatur an. „Und ich habe viel ausprobiert.“ Einen ganzen Glasbehälter füllen die misslungenen Übungsobjekte.

Obwohl die meisten aus der Anfangszeit stammen, landen auch heute noch gelegentlich Exemplare in der Kiste. Denn Dittmar hat einen sehr hohen Anspruch an sich und die Qualität seiner Pfeifen. „Mein Ziel war immer, zu den besten Pfeifenmachern zu gehören“, erklärt Dittmar. Deshalb holte er sich unter anderem Tipps und Ratschläge von Wolfgang Becker aus Duisburg, einem der besten Pfeifenmacher Deutschlands.

„Einen richtigen Sprung nach vorne habe ich aber gemacht, als mich 2008 der Däne Tom Eltang zu sich eingeladen hat.“ Insgesamt dreimal weilte Dittmar in Kopenhagen und durfte dem ,Meister‘ bei der Arbeit über die Schulter schauen. Hier lernte Dittmar die Grundlagen und nahm viele Erfahrungswerte mit, die für das Fertigen sogenannter ,High Grade‘- Pfeifen nötig sind. „Der Vorteil war, dass ich bei Tom selbst mitarbeiten durfte.“

Eines konnte er dabei aber nicht in Erfahrung bringen: den Weg zum Herausarbeiten der wunderbaren Holzmaserungen durch das Beizen. Dieses Verfahren hüten Pfeifenmacher wie die Zauberer ihre Tricks. Denn der Beizvorgang ist die unverwechselbare Handschrift des Erbauers. Wieder wälzte Dittmar Literatur, tüftelte und probierte, bis auch er seinen Weg zu einer individuellen Optik Als Dittmar die ersten gelungenen Stücke in den Händen hielt, wagte er trotzdem noch nicht den Weg an den Markt. „Ich habe so lange gewartet, bis ich mir ganz sicher war, dass meine Pfeifen im obersten Segment mithalten können „, sagt Dittmar.

Erst nach diversen weiteren Übungsstunden bot er 2011 erstmals zwei seiner Exemplare über einen Internethändler an. Beide Pfeifen waren innerhalb von zwei Stunden verkauft und das für rund 1.000 US-Dollar pro Stück. „Das war die Bestätigung, dass ich in der Weltspitze angekommen war.“

Im Allgemeinen liegen ,High Grade‘-Pfeifen zwischen 600 und 4.000 US-Dollar. Gekauft werden die Einzelstücke von Pfeifenliebhabern aus aller Welt. So gingen Dittmars Stücke nach Dänemark, auf die Philippinen, in die USA oder nach China. Trotz des Erfolges ist und bleibt das Pfeifenmachen aber sein Hobby. „In erster Linie bin ich doch Geschäftsführer.“ Deshalb hat er bislang auch nur 18 Stücke verkauft. Denn eine Pfeife zu bauen, erfordert Ruhe und Zeit. Zwischen 12 und 20 Stunden benötigt Dittmar für ein Exemplar: „Das geht nicht nebenher, dazu muss ich mir Zeit nehmen.“ Weil dies für ihn in der dunklen Jahreszeit am besten funktioniert, verschwindet er zumeist in den Wintermonaten in der Werkstatt im Keller seines Hauses.

Wenn er sich einmal in die Arbeit vertieft hat, taucht er vollends in eine andere Welt ab: „Durch die volle Konzentration kann ich komplett abschalten und alles um mich herum vergessen – das ist absolute Entspannung.“ Doch bevor er zum eigentlichen Arbeiten kommt, braucht es eine Idee für das nächste Projekt. Dazu gibt es zwei Wege: „Entweder ich habe eine Form im Kopf und suche das passende Holzstück aus, oder die nächste Form ergibt sich aus einem der 100 bis 200 Holzblöcke in meinem Lager.“ Bei diesen sogenannten ,Holzkanteln‘ handelt es sich um Blöcke bester Güte aus Wurzelhölzern der Wälder Südeuropas. Ein einzelner Block hat aufgrund der filigranen Maserung einen Wert von rund 35 Euro.

Je mehr Maserung ohne Einschlüsse am Ende an einer Pfeife zu sehen ist, desto teurer werden die Stücke. Deshalb ist die Holzqualität eines der Merkmale einer ,High Grade‘-Pfeife. Dazu kommt die Handarbeit des Pfeifenmachers. Acht bis zehn Schleifgänge werden benötigt, um das Werkstück glatt zu machen. „Das geht bis zu einer Körnung von 800 – das ist so fein wie schlechtes Klopapier“, sagt Dittmar scherzend. Mit jedem Schleifgang tritt die Maserung besser hervor. Anschließend kommt das Beizen in zwei Durchgängen. „Zum Abschluss öle ich die Pfeife fünffach und poliere sie mit Carnaubawachs auf Hochglanz.“ Erst nach all diesen Arbeitsgängen hat die Pfeife ihre endgültige Optik erhalten. Dann fehlt nur noch das Mundstück.

Auch hier gibt es einen entscheidenden Unterschied zu Fabrikpfeifen. Während in der Regel Acryl verwendet wird, setzen die Erbauer von ,High Grade‘-Pfeifen auf Ebonit, wie Dittmar erklärt: „Das weiche Kautschuk ist angenehmer im Biss.“ Das prägendste Merkmal liegt allerdings im Inneren einer ,High Grade‘- Pfeife. Bei einer perfekt rauchenden Pfeife liegt der Zugwiderstand im optimalen Bereich. „Es darf nichts fiepen, das würde Verwirbelungen bedeuten, die den Luftstrom stören.“ Um dies zu vermeiden, muss die Bohrung vom Zugloch bis zum untersten Punkt der Tabakkammer, wo der Kanal mittig ankommen soll, exakt passen. „Wenn ich das vergeige, kann ich die Kantel wegschmeißen“, sagt Dittmar.

Dass er seinem Hobby mit viel Leidenschaft und vollem Eifer nachgeht, zeigt sich vor allem in diesen bitteren Momenten: „Dann fliegt das Holzstück schon mal quer durch die Werkstatt.“ Auf der anderen Seite ist es für ihn eines der schönsten Gefühle überhaupt, wenn alles gelingt, und er im finalen Schritt seinen Stempel auf die Pfeife aufbringt: „Das bringt mir echte Erfüllung – dann bin ich schon sehr glücklich und auch ein wenig stolz.“

Ganz zufrieden ist der Pfeifenmacher mit seinen Stücken allerdings nie. Er findet immer etwas, was er beim nächsten Mal besser machen möchte: „Wenn das nicht so wäre, wäre ich nicht mehr hungrig nach der besten Qualität, und dann müsste ich aufhören.“