Der Nutznießer

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Ein Tag ist für ihn da, um ausgekostet zu werden. Hartmut Stinus über sein facettenreiches Leben als Arzt, Hobbymusiker und -sportler.

Es ist 16 Uhr, ich bin mit Hartmut Stinus in der Göttinger Parkklinik am Hainberg verabredet − eine Stunde später als vereinbart, aber eine Notfall-Operation ist ihm dazwischengekommen.

In seinem grünen Arztkittel kommt er schnellen Schrittes auf mich zu, freundlich lächelnd begrüßt er mich − Stress ist ihm nach der ungeplanten Verzögerung nicht anzumerken.

Im Gegenteil: Kurze Zeit später in der Lounge lehnt er sich bequem im Sessel zurück und atmet genüsslich den Kaffeeduft ein, bevor er den ersten Schluck nimmt. Dabei strahlt er über das ganze Gesicht.

Ich bin neugierig, woher er nach einem langen OP-Tag diese positive Energie zieht. „Arzt sein bedeutet ja nicht nur Arbeit, ich liebe meinen Beruf. Aber ich liebe auch Musik und Sport, und so kann ich aus den reichhaltigen Facetten meines Tuns positive Kraft schöpfen“, verrät Stinus.

Was also für andere ein vollgestopfter Alltag ist, sieht er als „Batterien aufladen“ für das, was als nächstes kommt.

Nach der heutigen Arbeit will er mit seiner Familie zu Abend essen und sich anschließend noch mit Freunden zum Musik machen treffen. Das sei für ihn zum Beispiel ein prima Ausgleich, schwärmt der 50-Jährige, der selbst Gitarre spielt und singt.

Und er erzählt, wie viel Spaß es ihm macht, Lieder aus den sechziger Jahren neu zu arrangieren und rhythmisch zu verändern. „Da kann ich kreativ sein und etwas Neues schaffen, das ist total spannend.“ Dabei glänzen seine Augen. Doch genauso gern spielt er Originalhits der letzten 30 Jahre in einer Band, die ab und zu auch auf Reiterpartys auftritt.

Sich mit der Musik ausdrücken können, das ist für ihn Stressabbau pur.

Zeit dafür nimmt er sich gern beim Autofahren, wo er entweder CDs hört, zum Beispiel von Cat Stevens oder Queen, oder selbst Lieder singt, die er mag oder einüben möchte. Und was ist momentan sein Lieblingslied? „Sunny Afternoon von den Kinks. Ich mag den Beat und den tollen Bass“, verrät er und singt gleich eine Liedzeile vor.

Und wie findet er Ausgleich beim Sport? „Champagne snow“, sagt er lächelnd, und seine Gedanken scheinen weit weg. Doch dazu später mehr.

Geboren wird Hartmut Stinus 1959 in Achern im Schwarzwald. Sein Vater ist orthopädischer Schuhmacher und abends, wenn er nach Hause kommt, gehen sie oft noch gemeinsam Skilaufen. Die Liebe zum Sport ist geweckt – die Schule dagegen ist weniger sein Steckenpferd.

Mit dem Ergebnis, dass das Abitur nicht gut genug ist für das geplante Medizinstudium. Um die Wartezeit auf einen Studienplatz zu überbrücken, erlernt er zunächst den Beruf seines Vaters im Saarland und wird Orthopädieschuhtechniker.

„Die Lehrzeit war eine harte Zeit“, bekennt Hartmut Stinus heute. Weit weg von zu Hause, und die Hände müssen die diffizile Feinarbeit erst mühsam erlernen. Er liest in dieser Zeit viele Philosophiebücher und setzt sich mit den unterschiedlichen Weltanschauungen auseinander, um sich schlussendlich für „Carpe diem“ zu entscheiden.

„Denn wenn man bewusst lebt, fällt einem vieles leichter“, begründet er die Wahl.

Seitdem ist das Motto von Epicur seine Triebfeder. Stinus schließt seine Lehre 1980 als Landessieger des Saarlandes ab und bekommt „punktgenau“ im Anschluss einen Studienplatz für Humanmedizin in Göttingen − die Stadt, in der sein Vater einst eine Meisterschule für orthopädische Schuhtechnik hatte.

Er wird so herzlich hier aufgenommen, dass es für ihn bereits nach zwei Wochen klar ist, dass er bleibt. Der junge Mann findet die Stadt nicht zu groß und nicht zu klein, und die Harzer Berge erinnern ihn an seine Heimat. Schließlich, so gibt er zu, sei die Studienzeit nach der geregelten Lehrzeit „der Hammer“ gewesen:

„Wenn ich der Meinung war, lange genug gelernt zu haben, konnte ich einfach machen, was ich wollte.“ Und er wollte viel. Reiten zum Beispiel. Hartmut Stinus reitet „intensiv“, auch Turniere, reduziert es aus gesundheitlichen Gründen jedoch auf „Hobby“-Reiten und läuft seitdem „intensiv“ Ski und spielt Golf.

Noch während des Studiums begeistert ihn Wolfgang Schultz, heutiger Direktor der Abteilung Orthopädie der Universitätsmedizin Göttingen, für Sportmedizin, und Stinus bekommt Kontakt zur Deutschen Behinderten-Ski-Nationalmannschaft.

Für ihn ein Glücksfall, denn just 1994 − zu den Paralympics in Lillehammer − wird er zum Mannschaftsarzt gewählt und kann bei diesem großen Sportereignis dabei sein.

Seitdem begleitet „Doc“, wie er genannt wird, die Sportler. Er trainiert manchmal mit, und wenn die Zeit es zulässt, fährt er alleine über die Pisten.

Im März dieses Jahres, im kanadischen Vancouver zum Weltcupfinale, nutzt er seine freie Zeit in den frühen Morgenstunden. „Da stand ich in dieser unendlichen Weite im unberührten pudertrockenen Pulverschnee, der in der Sonne glitzerte − ,Champagne snow‘ − es war einfach perfekt.“

Es sind diese schönen Momente, die er bewusst genießt und die ihn anspornen.

Auch zu seiner Arbeit als Direktor der Parkklinik. Darauf angesprochen grinst Stinus und gesteht, dass es eigentlich nur ein dahingesagter flapsiger Satz war, als er behauptete, die Klinik kaufen zu wollen.

Doch die Sparkasse hat ihn beim Wort genommen. Und jetzt ist er mehr als zufrieden darüber und freut sich über den Erfolg.

Was er in seinem Leben sonst noch erreichen will?

Göttingen zum zertifizierten Leistungszentrum für die Paralympics zu errichten. „Man muss hier Großes auf die Beine stellen“, erklärt Hartmut Stinus. Die olympischen Kontakte seien geknüpft und die Kompetenzen vor Ort hervorragend. Doch es liege an anderer Stelle, die Idee voranzutreiben.

Bleibt abschließend zu hoffen, dass seine positive Energie überspringt. Ich jedenfalls summe nach dem Abschied ein Liedchen und freue mich auch auf den weiteren Tag.

Hartmut Stinus wurde am 11.April 1959 in Achern bei Baden geboren. Nach einer Ausbildung zum Orthopädieschuhtechniker in Völklingen studierte er Humanmedizin in Göttingen und promovierte 1988. Es folgte eine Weiterbildung in der Chirurgie/Unfallchirurgie in Achern und eine Ausbildung zum Orthopäden in Göttingen. Stinus ist Partner der Orthopädischen Gemeinschaftspraxis in Northeim und seit 2008 Belegarzt und Ärztlicher Direktor der Parkklinik am Hainberg. Daneben ist er als Mannschaftsarzt der Deutschen Behinderten-Ski-Nationalmannschaft tätig und Vorstandsmitglied des Sportärztebundes Niedersachsen.