Der Nerd mit Musik im Blut
Als „Youman“ lebt der Göttinger IT-Consultant Andreas Friedrichs seinen Musiker-Traum. Jetzt hat er mit seinen Songs bei der Streaming-Plattform Spotify eine magische Schallmauer durchbrochen.
» Ich habe dem, was ich gerne tun möchte, zu wenig Zeit eingeräumt.«
Andreas Friedrichs ist ein Mann der zwei Welten. Hauptberuflich IT-Consultant, im Zweitleben Musiker – und Letzteres schon seit früher Kindheit. Unter dem Künstlernamen „Youman“ gelingt ihm gerade das, wovon viele Musiker träumen: In gerade einmal fünf Monaten hat er es geschafft, die Millionen-Stream-Grenze bei Spotify zu knacken und sich damit unter die oberen zwei Prozent aller Künstler auf dieser Plattform zu katapultieren. Zehntausende hören inzwischen regelmäßig seine Musik.
Dahinter steckt kein Zufall, auch nicht unbedingt Glück. Eher ist es kühle Berechnung: Friedrichs weiß durch seine Skills im Hauptjob, wie Algorithmen funktionieren, was Daten mit Daten machen – und wie man Erfolg zu einem bestimmten Teil durchaus vorherberechnen kann. Wobei: Kühle Berechnung wird dem Musiker und Menschen Andreas Friedrichs eigentlich nicht gerecht. Er macht das, was er macht, mit großem Enthusiasmus, viel Herzblut und jeder Menge kreativer Schaffenskraft. Wer mit ihm über seine Musik spricht, wird das sofort unterschreiben.
Dass er jetzt in diversen Ländern immer wieder Genre-Charts stürmt und auch international für Furore sorgt, kommt nicht von ungefähr. Im Gegenteil: Hinter den glänzenden Zahlen bei Spotify verbirgt sich eine vielschichtige Biografie, die auch durch Krisen, heftige Crashs und letztlich sehr viel Disziplin geprägt ist.
Vom Akkordeon zum Melodic House
Seine musikalische Ader entdeckt Friedrichs früh: Mit vier Jahren hält er erstmals ein Akkordeon in den Händen, spielt „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“. Sein Vater, ebenfalls technikaffin, zeichnet diesen Moment auf Tonband auf. „Ich habe diese Aufnahme sogar noch“, erzählt er. Inzwischen habe er sie digitalisiert.
Weitere Instrumente folgen: Blockflöte, Posaune, dann irgendwann eine Heimorgel. Schon in dieser frühen Schaffensphase zeigt sich sein Talent fürs intuitive Spiel: „Ich höre was und ich spiel’s dann“, beschreibt er seine autodidaktische Herangehensweise.
Aufgewachsen in Göttingen, bleibt Friedrichs seiner Heimatstadt bis heute treu. Sein Großvater hatte auf dem Hagenberg ein Haus gebaut, das auch für den Enkelsohn zu einem Lebensmittelpunkt wird. Und musikalisch? Nach Kinderliedern und Kirchenmusik entdeckt er irgendwann die elektronische Musik für sich. Er hört Kraftwerk und Jean-Michel Jarre, probiert sich mit Synthesizern und später – Anfang der 80er – mit den ersten Computern selbst in diesem Genre aus.
Schon bald tritt Friedrichs als Alleinunterhalter auf Familienfeiern und Hochzeiten auf; die Gage wird komplett in neue Musikinstrumente investiert. „Ich habe da ganz gutes Geld verdient“, erinnert er sich heute.
Zwei Leidenschaften prägen fortan sein Leben: Musik und Informatik. Für sein Abitur am Otto-Hahn-Gymnasium belegt er einen Physik-Leistungskurs, später studiert er Informatik in Braunschweig und geht auch für eine Weile nach Hamburg. „Bis zum Studium waren IT und Musik noch auf Augenhöhe“, so beschreibt es Friedrichs heute. Dass er der Informatik dann zunächst den Vorrang gibt, ist wohl so etwas wie eine Entscheidung der Vernunft, beeinflusst auch vom elterlichen Rat. Er beginnt bei einer Softwarefirma, arbeitet später beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
1999 macht er sich schließlich selbstständig und gründet ein kleines IT-Unternehmen, das ganz bewusst überschaubar bleibt. „Ich habe nie die Motivation gehabt, wirklich groß zu werden“, erklärt Friedrichs. Wichtiger als Wachstum ist ihm damals der direkte Draht zu den Kunden. Man könnte vielleicht auch sagen: Er will nicht den Überblick verlieren.
Genau das passiert ihm dann aber doch: Private Krisen, Pech beim Hauskauf, eine Trennung, hohe Schulden, immer mehr Arbeit, kaum noch Zeit für andere Dinge: Der Teufelskreis findet sein dramatisches Ende in einer beruflichen Insolvenz und einem privaten Burn-out. „Ich bin betrieblich gescheitert, aber aus der privaten Situation heraus“, blickt er heute offen zurück.
Friedrichs zieht die Notbremse, wagt einen kompletten Neustart. Hilfe findet er nicht zuletzt in Büchern und Podcasts (wie „Fall forward“ von faktor-Herausgeber Marco Böhme) – etwa in Geschichten anderer Gescheiterter wie Felix Maria Arnet („Brutal gescheitert“), die ihm Mut machen, wieder aufzustehen. Er zieht daraus Lehren, die ihn bis heute prägen – und die seinen heutigen Erfolg vielleicht erst möglich gemacht haben: „Was mir passiert ist, ist eigentlich kein Beinbruch. In Deutschland wirkt das allerdings immer sehr viel schlimmer als in vielen anderen Ländern. In den USA bist du zum Beispiel dann einfach jemand mit Erfahrung, der eine Krise gemeistert hat.“ Ihm wird klar: Das Mindset ist entscheidend.
Der kleinste leistbare Verzicht
Vor allem die frühen Jahre als IT-Unternehmer bringen für Friedrichs aber noch einen weiteren wichtigen Erkenntnisgewinn mit sich: „Ich habe dem, was ich gerne tun möchte, zu wenig Zeit eingeräumt“, stellt er eines Tages fest. Erst nach dem Wandel hin zum Einzelkämpfer, mit ortsunabhängigem Homeoffice, kann Friedrichs der Musik einen festen Platz in seinem Alltag geben. Er orientiert sich dafür auch am System des „kleinsten leistbaren Verzichts“: Gezielt und diszipliniert reserviert er Zeitfenster, zwingt sich zum Zeitmanagement und baut Routinen auf, in denen Musik wieder deutlich mehr Priorität bekommt.
So bringt er heute monatlich neue Songs unter dem Namen „Youman“ auf Spotify heraus, und das mit großem Erfolg und stetig wachsender Zielgruppe. Die grobe Stilrichtung: Melodic House, tanzbar und doch entspannt. Seine IT-Kompetenz hilft ihm dabei: Friedrichs versteht Mechanismen hinter Streaming-Plattformen vermutlich besser als viele andere. Er nutzt Datenanalysen und KI-Tools, um Trends zu erkennen und schnell darauf zu reagieren. Friedrichs gibt Spotify und seinen Hörern also genau das, was sie von ihm wollen – zweifellos ein cleverer Ansatz.
Denn: Die moderne Streamingwelt hat ihre eigene Regeln, die anders funktionieren als die Plattenindustrie in den 70er- oder 80er-Jahren. Dank seiner analytischen Akribie versteht Friedrichs, wie Spotify-Abläufe funktionieren, wie wichtig es ist, Playlisten gezielt zu bedienen und wie die Digitalisierung die gesamte Musikindustrie verändert. „Man verbiegt sich ein Stück weit. Der Algorithmus identifiziert die Zielgruppe. Wenn ich die nicht zu 100 Prozent treffe, dann schmiere ich ab“, räumt er ganz offen ein. Kreativ sein kann er dabei natürlich trotzdem noch.
Und auch wenn Wachstum nicht immer planbar und die Vergütung für Streams relativ gering ist – vierstellige Einnahmen sind erst bei Hunderttausenden Streams pro Monat möglich –, so würde er den Schritt doch immer wieder gehen: „Ich kann auch nur jeden ermutigen, der gut Musik machen kann und eine zusätzliche Altersvorsorge sucht, sich in diesem Bereich etwas aufzubauen.“ Netzwerke seien dafür durchaus hilfreich.
Eine zentrale Rolle in seiner Karriere spielen bis heute Kontakte. Über ein Filmprojekt in Kassel trifft Friedrichs Musikgrößen wie den legendären Klaus Doldinger oder Produzent Peter Ries. Doldinger wird für Friedrichs sogar zu einer Art Mentor. „Er hat immer gesagt: Mach dein Ding! Bis Mitte 80 ist der immer noch getourt“, erzählt Friedrichs mit Bewunderung in der Stimme. Weitere prägende Weggefährten sind Andreas Biermann, ein langjähriger Freund und kritischer Produktionspartner aus Göttingen, oder auch die Band Orange Blue („She’s got that light“), mit der er 2020 einen Song in der legendären „Großen Freiheit 36“ in Hamburg live aufführt. Er spielt bei diesem Gig Akkordeon – wie schon damals, mit vier Jahren.
An Erlebnisse wie dieses Konzert erinnert sich Friedrichs heute mit leuchtenden Augen: „Abgesehen von meiner eigenen Hochzeit und der Geburt meiner Kinder habe ich nie solche Glücksgefühle gehabt“, betont er.
Und was kommt noch?
Die Zukunft plant Andreas Friedrichs ebenso detailverliebt wie strukturiert: Weiterhin kommt jeden Monat ein neuer Song, dazu bald ein „Best of“-Album auf Vinyl (!) und irgendwann auch ein Buch über seinen eigenen Weg. Im Ruhestand will er sich nicht mehr mit IT beschäftigen müssen – sondern nur noch mit Musik und kreativen Ideen. Die Voraussetzungen sind hierfür heute wohl besser denn je. ƒ
