Der mobile Hotelier

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: Claudia Klaft

Olaf Feuerstein, Inhaber des Hotels Freizeit In, testet die Praxis tauglichkeit einer Unterkunft auf vier Rädern.

„Ach – der ist aber klein! Ich dachte, ich sollte ein Wohnmobil testen.“ Olaf Feuerstein wirkt fast ein wenig enttäuscht, als er den ‚evan‘ – ein neues, extrem kompaktes und multifunktionales Reisemobil der Marke Dethleffs – gezeigt bekommt, den er nun Probe fahren soll. Der Geschäftsführer des Göttinger Vier-Sterne- Hotels Freizeit In ist größere Dimensionen gewöhnt. Nicht, weil er komfortable Ansprüche hat, sondern weil im jährlichen Campingurlaub auch seine Ehefrau und die vier Kinder (13, 8, 7 und 4 ½ Jahre) mit an Bord sind. Es gebe nichts Besseres für den Familienzusammenhalt als die mobile Variante des Urlaubs, versichert er beim Einsteigen: „Da entsteht ein tolles ‚Wir-Gefühl‘.“ Seine Kinder lieben die „Abenteuerurlaube“, in denen auf den Fernseher verzichtet wird – was bei Schlechtwetterperioden eine Herausforderung sei: „Um die Regentage zu überstehen, sollte man schon genügend Gesellschaftsspiele dabei haben.“

Und schon klappt er die Einbauschränke auf und inspiziert fachmännisch das Interieur: Kühlschrank, Spüle, Zweiplattenherd, Tisch mit vier Plätzen, Hub-Betten über der Fahrerkabine und dem Aufenthaltsbereich – alles da, alles prima. Dann öffnet er noch die Toilettentür. Er stutzt. „Oh“, kommentiert der Hotelier die Campingtoilette und ein handbreites Waschbecken auf engstem Raum, der mit einigen Handgriffen umgebaut auch eine Dusche bietet. „Na ja, ist immerhin vorhanden.“ Gut, der 5,65-Meter kurze ‚evan‘ ist ja auch als neues Fahrzeugkonzept konstruiert, das – so der Prospekt – „das Beste aus allen Lebenswelten“ vereint: im Stadtverkehr wendig, für Großeinkäufe geeignet und als mobiles Büro, mit dem man auch mal spontan einen Kurztrip nach Feierabend starten kann.

Heute fällt dieser allerdings in die Mittagspause von Olaf Feuerstein. Anzug und Schlips hat er im Büro gelassen und schwingt sich nun in seiner Freizeitbekleidung hinter das Steuer. Das Wetter ist herrlich, die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel, es kann losgehen. „Das ist ja eine 6-Gang-Schaltung“, stellt der 50-Jährige überrascht fest. „Die letzten Jahre bin ich nur Automatik gefahren. Na ja, wir werden sehen.“ Ich blicke leicht skeptisch zu ihm rüber und stelle mich auf ruckelndes Anfahren ein. Langsam lässt er die Kupplung kommen und fährt auf die Straße. Kein Ruckeln. Feuerstein grinst. „Keine Sorge, ich habe einen LKW-Führerschein. Zwar noch aus Bundeswehr-Zeiten, als ich dort Feldkoch war, aber gelernt habe ich auf einem alten MAN aus den vierziger Jahren, bei dem man noch Zwischengas geben musste – Kuppeln und Gas geben gehen einem da in Fleisch und Blut über.“ Beruhigt lehne ich mich zurück.

Wir verlassen Göttingen. Unser Ziel: über die Landstraße nach Hemeln. Plötzlich leichte Unsicherheit, wo wir nun abbiegen müssen. Wir haben weder Navi noch Straßenkarte zur Hand, doch Feuerstein folgt zielsicher seinem Instinkt. Dabei fällt ihm auf: „Für einen Atlas ist das schräge Armaturenbrett ungeeignet.“ Und er erzählt, warum er ungern auf die Printvariante verzichtet: „Wir fahren immer mit zwei Autos in den Urlaub. Meine Frau nimmt unsere Familienkutsche, einen VW Sharan, und ich das große Wohnmobil. Versuchen Sie mal, mit unterschiedlichen Navis ans Ziel zu kommen. Ein Abenteuer, das uns schon manche Diskussion im fremden Stadtverkehr beschert hat! Und bevor wir wieder mal den Verkehr lahmlegen, haben wir uns darauf geeinigt: Wer voran fährt, hat recht.“ Er lacht. Seiner Meinung nach ist die Straßenkarte die perfekte Ergänzung zum kleinen Navi-Display.

Bei geöffnetem Fenster lässt er sich den Fahrtwind um die Nase wehen – weil er keine Klimaanlagen mag – und genießt den Rundumblick auf die Frühlingslandschaft. Aber dann drosselt er das Tempo – eine Tunneldurchfahrt. „Beim Wohnmobilfahren sollte man die Ruhe bewahren und lieber wohlüberlegt agieren. Wie bei diesem Tunnel: Die Maximalhöhe ist zwar angegeben, gilt aber durch die seitlichen Bögen nicht für die ganze Breite der Durchfahrt. Also erst rechnen, ob das eckige Auto auch wirklich durchpasst“, sagt der routinierte Fahrer. Dächer habe er noch nicht ruiniert, eine Beule am Heck gibt er jedoch zu.

Jetzt kommt der Teil der Strecke, der mir viel über meinen Fahrer verraten wird: die Serpentinen nach Hemeln. Nimmt er die Kurven mit Schwung oder doch mit Bedacht? Beruflich jedenfalls ist er eher der Typ, der Gas gibt: Denn neben dem Freizeit In mit knapp 300 Beschäftigten leitet er als Inhaber auch die Restaurants Bullerjahn und Planea basic in Göttingen. Doch die Frage nach seiner Risikobereitschaft hinterm Steuer kann er dann doch nur verbal beantworten, denn ein Trecker mit Höchstgeschwindigkeit 25 km/h gibt das Tempo vor. Unüberholbar für den ‚evan‘. „Ich fahre schon sportlich, nur mit Kindern an Bord fahre ich vorsichtiger“, erzählt er mit Blick auf die Straße und sicherem Halten der Fahrspur. Über die anschließende Dorfstraße in Hemeln wird es etwas holprig, die hartgepolsterten Sitze federn die Unebenheiten kaum ab.

Wir sind an der Fähre angekommen. Die Weser reflektiert die Sonnenstrahlen, es ist frühlingshaft warm, Vögel zwitschern, gemächlich schlendern Spaziergänger am Fluss entlang. Fehlt eigentlich nur ein Mittagsimbiss. Gut, an den Herd stellt sich Olaf Feuerstein heute nicht – wie er es im Familienurlaub sonst häufig tut. Aber an einen Picknickkorb hat der Gastgeber von Berufs wegen schon gedacht. „Herrlich! Wie gut es uns geht“, sagt er und beißt in ein belegtes Brötchen. Erst schauen wir der gemächlichen Fähre beim Übersetzen zu, dann gleiten wir selbst einmal über das Wasser. An eine solche Auszeit könnte man sich gewöhnen, doch in der Ferne ruft die Arbeit.

Auf dem Weg zurück zieht Feuerstein sein Resümee: „Der ‚evan‘ fährt sich handzahm wie ein PKW, macht einen zuverlässigen Eindruck, die Ausstattung ist robust und pflegeleicht, das Hub-Bett mit Panoramadach hat fast etwas Romantisches.“ Obwohl für sechs Personen ausgelegt, hält Feuerstein ihn eher für zwei Personen ideal. Mit einem Schmunzeln im Gesicht fügt er hinzu: „Naja, die Mini-Nasszelle mit Duschvorhang vor der Toilette wäre bei mehr als einer Person schon gewöhnungsbedürftig. Doch für ‚mal zwischendurch‘ ist es vollkommend ausreichend.“ ‚Mal zwischendurch‘ war auch unser kleiner Ausflug. Ein Vorgeschmack auf richtigen Urlaub. Den wird Olaf Feuerstein in diesem Sommer mit seiner Familie in Italien verbringen – im geräumigen Wohnmobil und vorsichtshalber mit jeder Menge Gesellschaftsspiele.