Der Mann hinter dem Woltemade-Deal
Danny Bachmann arbeitet anders als die großen Spielerberater-Agenturen.
Der frühere Northeimer und Alumnus der Uni Göttingen steht plötzlich
im Zentrum eines Millionen-Transfers.
»Um sein Profil zu schärfen und herauszufinden, worin man gut ist, muss man einfach ins Machen kommen.«
Der Auftritt beginnt durch die Drehtür. Mit zwei Minuten Verspätung, für die er vorab und beim Händeschütteln noch mal um Verzeihung bittet, kommt Danny Bachmann im Parkhotel Bremen an. Trainingsjacke, Turnschuhe, die Brille wird er später punktuell absetzen. Bachmann bestellt Tee, die Kekse des Hauses schmecken lecker, er versinkt souverän im etwas zu großen Sessel. So sieht also jemand aus, der seinen Traum lebt.
Bachmann winkt direkt ab. Er mag kein großes Gewese um seine Person. Ihn zum Interview zu bewegen, war herausfordernd. „Mache ich eigentlich nicht“, sagt der 48-Jährige, von dem im Internet lediglich zwei, drei unscharfe Fotos existieren. Von ihm, dem großen Strippenzieher, dem großen Zampano. Bachmann würde diese Bezeichnungen strikt ablehnen, auch weil sie inhaltlich sein Profil weit verfehlen.
Groß ist bei ihm anderes. Das Arbeitsethos, die Empathie, der bekannteste Klient. 1,98 Meter, um genau zu sein: Nick Woltemade, Fußballnationalspieler und Hoffnungsträger bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko, wird von Bachmann beraten. Der Wechsel des 24-Jährigen vom VfB Stuttgart zu Newcastle United machte auch seinen doppelt so alten Agenten auf einen Schlag bekannt. Damals musste Bachmann ein-, zweimal medial auftreten. Als alles erledigt war, zog er sich wieder zurück.
Nur unter einer Bedingung stimmte er dem Termin mit dem faktor zu: Es solle hierbei nicht um ihn als Person gehen. Aber nach Südniedersachsen habe er schließlich eine positive Beziehung; wenn er damit einigen jungen Menschen aus seiner alten Heimat auf ihrem Weg helfen könne, dann gern. Denn einen wie ihn hätte der Geschäftsführer der Spielerberatungsagentur Headtrick früher selbst gebrauchen können.
Bachmann, aufgewachsen in Northeim, wollte Fußballprofi werden und wurde Sozialversicherungsfachangestellter bei der DAK. Eine schwere Verletzung mit Anfang zwanzig bremste ihn aus. Bis dahin hatte er bei Göttingen 05 in der Regionalliga gespielt, in der letzten richtigen Hochphase des Vereins. Mit 26 – und dieser Ritt durch die Biografie muss zur Kontextualisierung bei aller Bescheidenheit gestattet sein – schrieb sich Bachmann an der Georg-August-Universität ein. Dort studierte er Sport und Betriebswirtschaftslehre im Magister, Schwerpunkt Sportmanagement, machte parallel seine Trainer-A-Lizenz. Die Anstellung bei der Krankenkasse hatte er inzwischen gegen Studentenjobs eingetauscht.
Die erste „richtige“ Arbeit im Fußball ist dann die des sportlichen Leiters bei Eintracht Northeim; vorab hilft Bachmann dabei, den JFC Roswitha-Stadt mit aufzubauen. Bei einem Trainerlehrgang lernt er Ex-Bundesligaprofi und -coach André Breitenreiter (unter anderem Hannover 96, FC Schalke 04) kennen, der seinerzeit jemanden suchte, der Toptalente herausfiltert und in Kontakt mit Beratungsagenturen tritt. Am 1. Januar 2014 wird schließlich selbst ein Spielerberater aus Bachmann, der sich selbstständig macht und es bis heute ist.
Also doch: Traumberuf gefunden, Traum leben. Ganz einfach, oder? Bachmann, der sehr viel reden kann, dabei aber nie ins Belanglose weggleitet, überlegt kurz. „Es war ein Stück weit Naivität von mir. Wenn ich da rational herangegangen wäre … Also, ich tue mich jedenfalls schwer damit, den Leuten diesen Beruf uneingeschränkt zu empfehlen.“
Die Branche sei unheimlich aggressiv. Große Agenturen kommen mit viel Power, teilen sich die Filetstücke untereinander auf. Dazu kann man Spieler nicht vertraglich binden, man könnte nahezu jederzeit aus dem Vertrag mit dem Berater aussteigen. Es gibt überhaupt keine Sicherheit. „Ich habe unfassbares Glück, dass ich immer Jungs hatte und habe, die sehr loyal waren beziehungsweise sind, die ein Wertesystem haben“, sagt Bachmann. Wenn man den Spieler kenne, kenne man meist auch den Berater – und umgekehrt. Was zugleich einiges über Bachmann aussagt.
Der beschreibt vor allem die ersten fünf, sechs Jahre als sehr hart. Die Macht der großen Agenturen bestehe vor allem in ihrer Manpower, der Beherrschung der lukrativen Märkte, der Einflussnahme auf Vereine. „Inhaltlich sehe ich keine Vorteile“, sagt Bachmann. Und beweist es: Nicht nur unterstützt er Woltemade dabei, beim VfB Stuttgart zum Topstürmer zu reifen. Er fädelt auch den Transfer nach Newcastle mit seinem Team ohne Hilfe von außen ein. Rund 75 Millionen Euro plus Zusatzzahlungen sollen laut einschlägiger Portale von England nach Schwaben geflossen sein. Das Gehalt Woltemades liege entsprechenden Berichten nach angeblich bei gut acht Millionen Euro pro Saison. Als Berater erhielt auch Bachmann eine beachtliche Summe.
Natürlich geht es im Job auch darum, gut zu verdienen – und das zu verdienen, was man sich verdient hat. Bachmann, der mittlerweile in der Nähe von Bremen lebt, geht es um mehr. „Ich habe mich gefreut, dass am Ende doch Fleiß, Ausdauer und Leistung zählen. Es ist ein Irrglaube, dass nur die großen Agenturen große Verträge machen. Ich hoffe, unser Weg hat kleineren Agenturen Mut gemacht.“
Er selbst blieb sich danach treu. Es sei ja nicht das Geld der primäre Antrieb, sondern das Berufsbild, das ihn regelrecht gepackt habe: „Mit jungen Leuten zu arbeiten, sie zu begleiten, zu entwickeln und zu unterstützen, in ihrem Job und in der Kommunikation zu stärken, gemeinsam maximal erfolgreich zu sein.“ Mit Woltemade ist er genauso oft im Austausch wie mit den rund 25 weiteren Spielern, die Headtrick vertrauen. Der eine braucht ein wenig mehr Zuwendung, dem anderen reichen ein, zwei Besuche im Jahr.
Nach wie vor ist er von Freitag bis Sonntag fast immer unterwegs, unter der Woche durchforstet Bachmann Videos oder schaut Live-Spiele in sogenannten englischen Wochen. Zwei Scouts unterstützen ihn. Seine „Jungs“ spielen in ganz Deutschland, Dänemark – oder eben in Newcastle. „Durch die regelmäßige Begleitung kann ich sie in Vertragsgesprächen bestmöglich vertreten. Ich muss den Spieler als Fußballer und Mensch kennen“, sagt Bachmann. In den Stadien und Sportplätzen unterhält er sich zudem mit den Verantwortlichen der Vereine. Er beobachtet seine Akteure in den Spielen, auch um ein Gespür dafür zu bekommen, welche seiner Klienten vielleicht ins Profil eines Vereins passen könnten. Es geht ums Netzwerk und die Marktkenntnis.
Wichtig dabei: „Immer transparent und ehrlich mit dem Spieler umgehen. Wenn du anfängst, ihnen etwas zu erzählen, weil du Angst hast, du könntest sie verlieren, dann ist das der falsche Weg.“ Was dem allgemeinen Fan nicht gefallen wird: Es geht binnen einer begrenzten Karrierezeit immer auch um Geld. Bachmann würde trotzdem grundsätzlich stets zur sportlich klügsten Entscheidung raten, daraus ergebe sich das Monetäre oftmals langfristig viel besser. „Auch wenn es immer Ausnahmen gibt, glaube ich, wenn man die sportlich beste Entscheidung trifft, folgt der wirtschaftliche Erfolg automatisch.“
Apropos Geld: Nach dem Woltemade-Deal habe er sich mal etwas gegönnt, erzählt Bachmann. Ein neues Dienstauto, das mit gut 80.000 Kilometern pro Jahr ohnehin so etwas wie sein fahrendes Büro ist. Darüber musste er lange nachdenken. Er wollte ja nicht das Klischee des abgehobenen Beraters bedienen, der plötzlich die Protzkarre fährt. Aber verdient ist verdient. Der Blick über den Hotelparkplatz später wird zugleich verraten: Der neue Wagen ist zwar komfortabel und edel, würde in einem halbwegs gehobenen Stadtteil aber niemandem gesondert ins Auge stechen.
Für Bachmann ist die Anschaffung auch mit einer gewissen Symbolik verbunden, wie weit seine Reise schon fortgeschritten ist – im Wortsinn. In den Anfangsjahren tingelte er mit dem Wochenendticket in Regionalzügen durchs Land, übernachtete in Jugendherbergen. „Ich wurde manchmal belächelt, wenn ich mit meinem kleinen Koffer auf dem Sportplatz stand“, erinnert sich der Familienvater. Ganz so lustig sei es allerdings nicht, täglich Existenzdruck zu verspüren.
Zehn Jahre lang habe er eine wirtschaftliche Perspektive von maximal zwei Jahren gehabt, beschreibt Bachmann. Wenn Vereine, Fans und Medien behaupten, Spieleragenten würden zu viel verdienen, sei das differenziert zu sehen. Die übliche Marge, die Clubs für die Vermittlung zahlen, beträgt ungefähr zehn Prozent des Bruttojahresgrundgehalts des Profis. Durchschnittlich verdient ein Drittligaspieler um die 8000 Euro brutto im Monat, in der 2. Bundesliga sind es gut 15.000 Euro. Es ist kein Leistungskurs Mathematik notwendig, um die Rechnung zu verstehen: Man braucht schon ein paar Spieler in der Betreuung, um sich finanziell behaupten zu können.
„Wo Beratung und Begleitung extrem wichtig sind, ist vor allem in der dritten und vierten Liga. Damit verdienst du bloß nichts. Aus unternehmerischer Sicht müsste ich sagen, dass ich unterhalb der zweiten Liga nichts mache.“ Die Wahrheit sieht so aus, dass Bachmann nach dem Interview in Bremen in die 11.000-Einwohner-Gemeinde Drochtersen fährt, um dort zwei seiner Klienten in der Regionalliga zu beobachten. „Ich bin total gern auf dem Niveau unterwegs, zudem erdet es einen“, sagt er.
Es sei eben eine Mischkalkulation in seiner Agentur: „Die Jungs, die erfolgreich sind, geben uns die Möglichkeit, diejenigen zu betreuen, die noch nicht auf diesem Niveau sind. Die Loyalität“, ein Lieblingswort Bachmanns, „betrifft eben beide Seiten.“ Aber nochmal: Sicherheiten gibt es nicht. Man sollte sich den Schritt zur eigenen beruflichen Existenz also gut überlegen.
Die Zeit der an der Universität Göttingen habe ihn gelehrt, selbstständig zu arbeiten, sich zu organisieren, seine Teamfähigkeit in der Interaktion mit Kommilitonen zu verbessern. Auch fachlich half das Studium, sich im Management auf einen theoretisch maximal guten Stand zu bringen. Studenten empfiehlt Bachmann, dem nachzueifern, womit man sich gern beschäftigt, und „weniger der Frage nachzugehen, wie realistisch es ist, dass der Markt diesen Job hat“.
Der wichtigste Ratschlag des gebürtigen Schwaben ist jedoch der, in die Umsetzung zu kommen, „ins Machen“, wie er sagt. „Um sein Profil zu schärfen und herauszufinden, worin man gut ist, muss man einfach ins Machen kommen“, so Bachmann. Mit einer kleinen Einschränkung: „Ein bisschen mehr Rationalität als ich sie hatte tut sicher gut.“ Die Drehtür kann einen auch ganz schnell wieder vor die Tür befördern. ƒ
Foto: Privat
