©Marc-Steffen Unger
Text von: Anja Danisewitsch

Ulrich Herfurth gibt sich nicht damit zufrieden, in bestehende Projekte zu investieren. Wenn er ein Defizit erkennt, dann handelt der Rechtsanwalt aus Göttingen. business4school ist solch ein Projekt. Als Initiator und Gründungsmitglied entwickelte Herfurth ein Format, das Schülern den lebendigen Zugang zur Wirtschaft ermöglicht.

Ein Wirtschaftskurs für Schüler – freiwillig und in den Abendstunden … Wie hört sich das an?“, fragt Ulrich Herfurth. „Sicher nicht so, als würden die jungen Leute uns die Türen einrennen.“ Und doch handelt es sich bei dieser Idee um ein Erfolgsmodell. Es sei eben eine Frage des Blickwinkels, erklärt der Rechtsanwalt aus Göttingen. „Wirtschaft kann spannend sein.“

Es ist Montag, recht früh am Morgen. Eine unübliche Zeit für ein Interview. Als Treffpunkt wurde ein kleines Café in unmittelbarer Bahnhofsnähe vereinbart, damit Ulrich Herfurth nach dem Termin so schnell wie möglich in den Zug nach Hannover springen kann. Seine Zeit ist kostbar, und doch sitzt er hier entspannt und nimmt bei dem angeregten Gespräch noch einen zweiten Kaffee. Er ist seit über dreißig Jahren Wirtschaftsanwalt mit eigener Kanzlei in der Landeshauptstadt und Wohnsitz in Göttingen. Ein Pendler, der viel unterwegs ist und sich scheinbar überall, wo er sich aufhält, für die Stärkung der Wirtschaft einsetzt – lange als Landeschef von ,Die Familienunternehmer‘ und insbesondere in Südniedersachsen. Auch als Herfurth 2014 das Präsidentenamt des Lions Club Göttingen übernahm, war dieses mit der Bereitschaft für eigenes Engagement verbunden. Das war gleichzeitig der Anfang für sein jüngstes, erfolgreiches Projekt: business4school. „Ich verstehe nicht viel von Sozialarbeit“, sagt er mit einem verschmitzt jugendlichen Lächeln. „Ich wollte nur etwas auf die Beine stellen, wovon ich etwas verstehe.“

Er ist kein Mann der langjährigen Planungsphasen und unzähligen Debatten, bis ein Projekt wieder totgeredet ist. „In meiner Kanzlei begleiten wir sonst oft Unternehmenskäufe. Wir sind also trainiert, hocheffizient zu sein“, sagt Herfurth. Kurz nachdem die erste Idee für eine Art Business-­Modell für Schüler in seinem Kopf Gestalt annahm, befand er sich auch schon mitten in der Umsetzung und ging der zentralen Frage nach: Gibt es denn überhaupt ein Defizit an unseren Schulen, wenn es um das Thema Wirtschaft geht? – Das Ergebnis war eindeutig: Es fanden sich zwar vereinzelt punktuelle Ansätze, die den Schülern einen kleinen Einblick in die Welt der Wirtschaft geben sollten, die später auf sie wartet. Jedoch wurde kein übergreifendes Bild vermittelt, es gab kein strukturiertes Programm. Die wesentlichen Dinge fehlten vollends, wie: Worauf muss ich im Arbeitsvertrag achten? Welche Versicherungen brauche ich später? Wie funktionieren eigentlich Unternehmen? Wozu braucht der Staat Geld, und was macht eine Volkswirtschaft aus? Und schließlich: Wie verändern Globalisierung und Digitalisierung unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft? „Dem wollte ich Abhilfe schaffen“, erklärt Herfurth.

Und so setzte er vor drei Jahren gemeinsam mit Lehrern und seinem Lions Club mit business4school eine Projektidee um, die den Lernwilligen der Oberstufen in Göttingen und dessen Umland außerhalb des täglichen Schulalltags ein Bildungsprogramm bietet, das Spaß macht und gleichzeitig wirtschaftliche Zusammenhänge erkennbar werden lässt. Wirtschaftswissen und -­praxis nehmen hier aufeinander Bezug. Seitdem finden in vier Semestern einmal im Monat zweistündige Seminare in der PFH Private Hochschule Göttingen statt. Bisher umfassen die Semester des ,BusinessCollege‘ vier Themenkomplexe: Wirtschaftswissen als Verbraucher, Wirtschaft im Unternehmen, Wirtschaft in Staat und Gesellschaft sowie Wirtschaft global. 25 Fachthemen werden abgebildet. Das ist eine Menge, wenn man bedenkt, dass jedes Thema aus einen Fachvortrag und einen Praxisvortrag besteht. Und jeder Dozent – ob Wirtschaftsprofessor oder Unternehmer – sich ehrenamtlich engagiert.

„Für die Schüler ist es vor allem interessant, mit Persönlichkeiten aus der Wirtschaft oder mit Professoren in Kontakt zu sein. Das ist eine große Chance für sie, neue Interessen zu entdecken“, sagt Herfurth. Zusätzlich bietet business4school auch einzelne Projekte an, bei denen die Teilnehmer beispielsweise einen Blackout simulieren. So spielten die Schüler im vergangenen Jahr beispielsweise in Kooperation mit der Polizeidirektion Göttingen folgendes Szenario durch: Was würde passieren, wenn eine Woche lang der Strom ausfiele? Auf diese Weise durchlebten sie hautnah, was Energie und funktionierende Infrastruktur bedeuten.

Und Herfurth möchte noch viel erreichen und verändern. Denn die Einstellung, dass Wirtschaft und Schule sich gut ergänzen können und am Ende alle von entstehenden Synergien profitieren, bahnt sich in den letzten Jahren immer stärker ihren Weg. Ob in den Klassenräumen oder in den Unternehmen. Ein Beispiel für die steigende Aufmerksamkeit ist die jährliche Verleihung des SchuleWirtschaft-­Preises ,Das hat Potenzial‘, der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird. 2017 gehörte business4School zu den Preisträgern. Die Auszeichnung nahm Herfurth gemeinsam mit Lehrern und Schülern in Berlin in Empfang. Er legt großen Wert darauf, nicht als alleiniger Initiator im Rampenlicht zu stehen. Es seien vielmehr die zahlreichen Kooperationen, die das alles erst möglich gemacht haben. „Ich habe von der Gründung an Verbände, Organisationen und Unternehmen mit eingebunden und so auch unglaublich viel ideelle Unterstützung erfahren“, erzählt Herfurth. Als Mitgründer und Stiftungsratsmitglied der Südniedersachsenstiftung nutzte er auch diese Plattform, um Schulen, Unternehmer, die IHK und viele andere zu versammeln und effektiv an der Umsetzung von business4school zu arbeiten. „Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, wer alles bei diesem Projekt mit an Bord ist. Ich finde das großartig. Wir sind ein Bildungsunternehmen ohne eigene finanzielle Mittel.“

Innerhalb weniger Monate stand das Curriculum für das erste Semester fest. Inzwischen, drei Jahre später, ist der erste Zyklus mit vier Semestern bereits beendet und der zweite hat begonnen. „Ich sehe es durchaus als einen Erfolg, dass wir es geschafft haben, in eine zweite Runde zu gehen und sogar permanent wachsen“, sagt Herfurth und gibt damit seinem Stolz Ausdruck.

Herfurth sitzt im Sessel, trinkt seinen dritten Cafe Americano und strahlt Ruhe und Zuversicht aus. Kein Wunder, dass ihm die Menschen vertrauen und ihn bei diesem Projekt gern unterstützen möchten. Er hat bereits über 30 Anwaltsjahre abgeleistet und könnte sich ruhigen Gewissens zurücklehnen. Doch weit gefehlt. Auch wenn er nicht viel über sich persönlich reden möchte, seine Leidenschaft für business4school sagt einiges über ihn aus. Er ist in seinem Denken jung geblieben, interessiert sich für die Entwicklungen der digitalen Welt und dafür, wie die neuen Generationen damit umgehen. Was möchte die nächste Generation verändern? Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Wirtschaft aus? Und was können wir, die ‚Alten‘, von den Heranwachsenden lernen? Es geht dem erfahrenen Mann immer um gegenseitigen Austausch. Jeder Mensch hat etwas zu geben. Dafür nimmt er sich Zeit. Das möchte er wissen. Deshalb hat er so große Freude daran, weiterhin auch selbst immer noch Kurse zu geben – seine Spezialbereiche: Unternehmen, internationale Märkte und Digitalisierung. Darüber, sich aus diesem Projekt zurückzuziehen, hat er bisher nicht wirklich nachgedacht. „Mir machen die Seminare mit den jungen Menschen natürlich viel Freude“, sagt Herfurth. „Allerdings bin ich im Jahr bei ungefähr 30 College-­Abenden dabei. Ich arbeite nun daran, an jedem Standort einen Projektleiter zu haben.“

Denn inzwischen hat sich das Konzept business4school an drei Standorten etabliert. Bereits ein Jahr nach der Gründung in Göttingen signalisierte Braunschweig Interesse an dem Format, und in diesem Jahr folgte Hannover in Kooperation mit der Leibniz Universität. Dort gab jeweils die Landesschulverwaltung eine Empfehlung an die Schulen heraus, was für Herfurth fast einem Ritterschlag gleichkam. Eine weitere Ehrung dafür, dass die vielen Beteiligten ein wertvolles Programm für die Bildung umgesetzt haben. „Auch andere Bundesländer haben durch Publikationen von unserem business4school erfahren und bereits Interesse bekundet“, erzählt Herfurth glücklich, fügt jedoch gleich an: „Ich kann das aber natürlich nicht mehr alles selbst organisieren.“

Ein wenig ruhiger wird es für ihn vielleicht in den nächsten Jahren werden. In der Kanzlei arbeitet er an einer langsamen Verlagerung von operativen zu mehr strategischen Aufgaben. „An geistigen Stillstand ist aber nicht zu denken“, fügt er mit Nachdruck hinzu. Doch das war auch nicht zu vermuten. Der zweifache Familienvater wird auch in Zukunft von juristischen Themen umgeben sein. Sein Sohn arbeitet seit einem Jahr ebenfalls als Anwalt in einer internationalen Kanzlei in München. Seine Tochter ist dort als Referendarin tätig. Und auch seine Ehefrau ist Anwältin.

Noch ist ein wenig Zeit, bis der Zug vom Gleis rollt – und so verrät Herfurth noch ein paar Pläne für die Zukunft von business4school: Eine feste Stelle für die ganze Organisation und Verwaltung wäre gut, denn derzeit managt alles das Backoffice seiner Kanzlei und kommt damit langsam an seine Grenzen. Einen Ausbau der Kurse wünscht er sich – noch mehr IT und Digitalisierung, vielleicht Tutorials und Webinare für die Interessierten, die nicht in Ballungszentren leben. Und einen Blog kann er sich gut vorstellen. Und vieles mehr.

Man merkt ihm im Gespräch immer wieder deutlich an, wie sehr es – trotz aller Bescheidenheit – eben doch irgendwie ,sein‘ Projekt ist, wie sehr es ihm am Herzen liegt. Sein Bestreben sei es einfach in den Seminaren einen persönlichen Bezug rüberzubringen. „Es ist nicht mein Ziel zu belehren“, sagt er. „Wenn die jungen Menschen Wirtschaft hinterher anders wahrnehmen und sich vielleicht sogar bewusst für ein Studium entscheiden, dann freut mich das ungemein. Und wenn Schüler feststellen, in der Wirtschaft sind nicht alle Idioten, dann haben wir doch viel erreicht.“ Herfurth lacht, trinkt seine Tasse aus, verabschiedet sich und eilt zum Zug. Er wäre gern noch länger geblieben. Doch der nächste Termin in Hannover wartet. That’s business.