Der Lässigkeitsmanager

© Hotel Casa Blanca
Text von: Sebastian König

Sebastian Pfläging pendelt beruflich zwischen der Gelassenheit Brasiliens und dem organisierten Deutschland.

„Brasilien und Deutschland sollten heiraten, sie würden sich ausgezeichnet ergänzen“, sagt Sebastian Pfläging. Er sammelt regelmäßig Erfahrungen in beiden Kulturen. Der gebürtige ‚Kasseläner‘ hat seit 1997 verschiedene Positionen in der Hotelbranche durchlaufen. 2007 führte ihn sein Weg nach Göttingen, 2010 ließ er sich mit seiner Frau und seiner Tochter in Dransfeld nieder. Hier ist auch der Sitz seines Unternehmen revperts, mit dem er seit gut einem Jahr sowohl Hotels in Deutschland als auch in Brasilien zum Thema Ertragsoptimierung berät. Momentan betreut er in Brasilien das Hotel Casa Blanca. Dieses befindet sich am östlichsten Zipfel Brasiliens in Paulista, einem Vorort von Recife, der Hauptstadt des Bundestaates Pernambuco. Hier, in einer der ärmsten Regionen des riesigen Landes, lebt und arbeitet der Hotelberater circa zwei Wochen pro Monat.

„Landschaftlich und vom Lebensgefühl her ist es schon wie im Paradies“, sagt Pfläging und ergänzt: „In Sachen Arbeit und Mentalität war Brasilien für mich aber ein echter Kulturschock.“ Denn hier zählen ganz andere Werte als in Deutschland. Besonders wichtig ist den Menschen im Nordosten Brasiliens der Erhalt des inneren Gleichgewichts. Stress wird möglichst vermieden – hier und da auch im Job. „In Deutschland ist es nahezu undenkbar, eine Stunde oder mehr zu einem Meeting zu spät zu kommen.“ In Brasilien erlebt Pfläging dies eher regelmäßig. Damit umgehen zu können, sei für ihn als straff organisiertem Mitteleuropäer nicht leicht gewesen. „Irgendwann habe ich mich aber damit arrangiert, und ich habe gelernt, die Lässigkeit der Menschen zu managen.“ Mehr als die Lebensart zu managen, sei ohnehin nicht drin. Dazu sei sie zu tief verwurzelt. Mit dem ‚Jeitinho‘ (gesprochen: Djähtinjo) existiert in Brasilien sogar ein Name dafür. Dieser beschreibt die Fähigkeit der Menschen, mit dem Alltag, Hürden und Vorschriften fertig zu werden, ohne dabei die ungebremste Lebensfreude und das innere Gleichgewicht zu verlieren. Und Hürden gäbe es hier im brasilianischen Nordosten viele, wie Pfläging berichtet: Regelmäßige Stromausfälle, stark schwankende Preise und fehlende Kanalisation seien nur einige Beispiele. „Es passiert immer etwas Unvorhergesehenes, damit muss man sich wie die Brasilianer selbst einfach abfinden.“

Obwohl vieles unorganisiert erscheint, hat Pfläging eine ungewöhnlich hohe Bürokratie festgestellt. Auf normalem Wege eine Hotellizenz zu bekommen, kann zum Beispiel auf Grund diverser Kontrollen und Überprüfungen mehrere Monate dauern. Aber im Sinne des Jeitinho existiert auch ein einfacherer Weg. „Mit Geld lässt sich nahezu jedes Verfahren beschleunigen oder abkürzen“, sagt Pfläging. Damit spielt er auf eines der größten Probleme Brasiliens an – die Korruption. Dazu sei die Schere zwischen Arm und Reich im Allgemeinen sehr groß. „Wer mehr Geld hat, kann sich eine bessere Bildung in Privatschulen oder eine bessere medizinische Versorgung in privaten Krankenhäusern leisten.“ Die ärmere Bevölkerung hat sehr geringe Chancen, sich selbst aus der Armut zu befreien. Einige zwingt diese Chancenlosigkeit bis in die Kriminalität. Im strukturschwachen Nordosten ist die Kriminalitätsrate besonders hoch. „In bestimmten Vierteln hält abends an einer roten Ampel niemand mehr an.“ Aufgrund dieser Umstände weiß Pfläging das angenehme Gefühl der Sicherheit in Deutschland jetzt noch mehr zu schätzen.

Außerdem vermisst er das duale Ausbildungssystem aus Deutschland. „In Brasilien geht meist nur eins, Schule oder praktische Ausbildung, so fangen wir bei neuen Mitarbeitern häufig bei null an.“ Generell hat er seine Mitarbeiter, die hier im Nordosten häufig aus sozial schwächeren Schichten stammen, als freundliche, aber auch etwas lässige Arbeitnehmer kennengelernt. „Ich habe oft das Gefühl, dass sich die Menschen fast nur um das Hier und Jetzt kümmern, während die Deutschen eher im Gestern und Morgen leben.“ So hat er es bereits mehrfach erlebt, dass Mitarbeiter ihre feste Stellung kündigen und anschließend ihren Arbeitgeber verklagen, wenn sie gerade in diesem Moment eine höhere Geldsumme benötigen. „Sie wollen dann eine Abfindung erstreiten, was in den meisten Fällen auch funktioniert.“ Denn Arbeitnehmer erfahren laut dem Berater in Brasilien einen besonderen Schutz. „Wenn irgendetwas nicht passt, wird der Arbeitgeber verklagt, und in circa 95 Prozent der Fälle bekommt der Mitarbeiter Recht.“ Diese hohe Erfolgsquote führt dazu, dass viele Anwälte Arbeitnehmer sogar kostenlos vertreten.

Auf der anderen Seite sei es für den Arbeitgeber möglich, die Mitarbeiter gegen die Zahlung einer Abfindung von drei Monatsgehältern jederzeit zu kündigen. In dem durch Pfläging beratenen Hotel werden bei den Personalkosten circa 50 Prozent zusätzlich für Verfahrenskosten, Strafen und Abfindungen eingeplant. Aber auch dieser Zuschlag ändere nichts daran, dass die Lohnkosten besonders im Nordosten Brasiliens insgesamt auf einem sehr niedrigen Niveau liegen. Dies sei ein Aspekt, warum die Region rein wirtschaftlich interessant sei. Und die Wirtschaft hier befindet sich ganz klar im Aufwind. Das gelte insbesondere für den Hotelmarkt. „Neue Industriegebiete und der steigende Inlandstourismus lassen überall neue Hotels entstehen“, berichtet Pfläging. Das Potenzial ist in diesem Bereich riesig. Zum Vergleich: In Göttingen existieren bei circa 120.000 Einwohnern circa 20 Hotels. In Paulista, einer 300.000 Einwohnerstadt in Brasilien, sind gerade einmal drei Hotels vorhanden. „Aber die Zahl steigt stetig“, sagt Pfläging.

Einen weiteren Schub, nicht nur für die Hotelbranche, soll die Fußball-WM 2014 bringen. Wobei die Ausrichtung des größten Fußballturniers vor allem bei der ärmeren Bevölkerung auf herbe Kritik stößt. Pfläging kann die Proteste nachvollziehen. „Da werden High-Tech-Arenen für zig Millionen gebaut, klimatisierte Busstation errichtet, und direkt nebenan leben die Menschen in Armut – das passt nicht zusammen.“ Wenn das Turnier erstmal gestartet ist, ist er sich aber sicher, dass die fußballverrückten Brasilianer die WM gebührend feiern werden. Denn tanzen und ausgelassen feiern ist mit ihrer Mentalität eng verbunden. „Die Menschen hier sind aufgeschlossen, warm und herzlich – da könnten sich die Deutschen ein großes Stück abschneiden.“

Und Pfläging hat Weiteres entdeckt, an dem sich Deutschland ein Beispiel nehmen könnte. So seien die Südamerikaner extrem kinderfreundlich. In Brasilien verfügen viele Restaurants zum Beispiel über einen Kinderspielplatz, den in Deutschland nur die Fast- Food-Ketten bieten. „Wenn ‚Horden‘ spielender Kinder durch die Restaurants ziehen, sorgt das in Deutschland für Ärger, bei den Südamerikanern löst es Freude aus.“ Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei durch Kindergärten mit Öffnungszeiten von 8 bis 22 Uhr deutlich besser. Zu guter Letzt verweist Pfläging auf die Geschäfte in Brasilien, die an sieben Tagen in der Woche geöffnet haben. „Das Einkaufen am Sonntag vermisse ich in Deutschland wirklich.“

Auf der anderen Seite hat er festgestellt, dass die Brasilianer auch Gefallen an der strukturierten Lebensweise der Mitteleuropäer finden. „Aber es muss sich im Rahmen halten“, sagt er mit einem Lachen. Obwohl Pfläging sehr gern in Brasilien arbeitet, freut er sich, regelmäßig in das organisierteDeutschland zurückzukehren. „Ich brauche das, um mich selbst wieder zu ‚erden‘, ansonsten würde ich sehr schnell die lässige Lebensart der Brasilianer annehmen.“ Denn man könne sich dem Jeitinho nicht entziehen. Er ist allgegenwärtig und in allen Lebensbereichen anzutreffen. „Und wenn ich ehrlich bin, ein bisschen Jeitinho schadet niemandem.“ Durch das Pendeln zwischen den Kulturen gelingt es ihm, die positiven Eigenschaften beider Länder zumindest in sich selbst zu vereinen. Auf diese Weise kommt es doch, wenn auch nur im ganz persönlichen Rahmen, zu einer kleinen ‚Hochzeit‘ zwischen Deutschland und Brasilien.