Der Kümmerer

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

faktor begleitete den Geschäftsführer der Dr. Sander Gruppe an einem ganz normalen Arbeitstag.

So viele Kekse – ein Riesenteller voller Leckereien steht auf dem Tisch, Cappuccino dampft in der Tasse. Es zeigt im Kleinen, worauf es Oswald Sander ankommt: sich wohlzufühlen.

Der Geschäftsführer der Dr. Sander Gruppe hat in Bad Grund viele Einrichtungen gegründet, in denen es Menschen gut geht.

Zum Unternehmen gehören Gesundheits-, Senioren-, Therapie- und Förderzentrum, das Kur- und Sporthotel ‚Alter Römer‘, Landhaus Wildemann sowie diverse Wohngruppen – offene und geschlossene – für seelisch Behinderte bzw. psychisch Kranke wie Suchtkranke.

Und das ist auch das erste, was er erzählen möchte: die Geschichte, wie er das Imperium seit 1992 aufgebaut hat.

Wie alles begann

Alles fing mit seiner Flucht kurz vor der Wende 1989 aus Siebenbürgen/ Rumänien an. „Wir hatten vorne und hinten nichts, als wir im Durchgangslager Nürnberg ankamen“, beginnt der heute 56-Jährige.

Und als nach dem Mauerfall dort der Wohnraum eng wird, zieht er mit seiner Frau und seiner damals vierjährigen Tochter nach Traunstein weiter.

Zügig kommt er zu dem Punkt, dass er nach drei Monaten einen Job als Technischer Angestellter bei den Gummiwerken in Bockenem bekommt. „Mit meinem abgeschlossenen Chemiestudium und guten Deutschkenntnissen war das kein Problem“, sagt er beiläufig.

Als nach drei Jahren gesundheitliche Probleme auftreten und er den Rat bekommt, sich von Chemikalien fernzuhalten, muss er sich neu orientieren. Doch der Zufall hilft.

Von seinem Nachbarn inspiriert, der Seniorenheime baut, macht er die „beste Investition meines Lebens“ und absolviert eine Heimleiterausbildung. Sein Plan, sich damit eine neue berufliche Existenz aufzubauen, geht auf.

Grundsteinlegung

Sander pachtet zwei Heime, die nach nur sechs Monaten so erfolgreich laufen, dass er einen Kredit zum Bau eigener Häuser bekommt. In Folge gründet er 1994 sein erstes Unternehmen: die Alten- und Pflegeheime Sander GmbH.

Damit ist der Grundstein in Bad Grund gelegt. Er schafft Plätze nicht nur für alte, sondern auch für seelisch behinderte Menschen.

Auf die Frage, warum er gerade diesen Weg wählte, antwortet er nach kurzem Nachdenken: „Die soziale Ader habe ich von meiner Mutter geerbt.“

Und außerdem, argumentiert er weiter, entspreche die Fürsorge in gewissem Maße seiner technischen Denkweise: „Die Menschen brauchen einen geordneten Tagesablauf, der ihnen psychischen Halt gibt. Eine Struktur, die sich nicht nur auf ergotherapeutische Maßnahmen beschränkt, sondern durchaus auch sinnvolles Arbeiten ohne Druck beinhaltet.“

Zu planen und zu strukturieren entspricht Sanders Naturell.

Dass sein Wirken nicht ohne Widerstand und Vorurteile seitens der Bevölkerung abläuft, trifft ihn zwar, hält ihn aber nicht auf, denn er ist überzeugt von dem, was er tut.

Seine Heime bringen positive Synergieeffekte für die Bevölkerung und auch für Bad Grund. „Das eine geht nicht ohne das andere“, sagt er im festen Ton.

Das soziale Potenzial ermöglicht den Auf- und Ausbau der örtlichen Infrastruktur, wie z.B. das Gesundheitszentrum mit temperiertem Solewasser, das Hotel ‚Alter Römer‘ und die Veranstaltungshalle ‚Atrium‘.

Sander hat die insolventen Einrichtungen übernommen und sie saniert. „Probleme angehen und sie lösen ist ein Steckenpferd von mir. So habe ich mich auch gefragt, warum es überhaupt zur Insolvenz kam“, sagt er.

Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als er aufklärt: „Zum Beispiel war allein der Energieverbrauch vom Kurzentrum viel zu hoch.“

Also investiert er in eine Hackschnitzelanlage zu einer Zeit, als diese Energiegewinnung noch kritisch beäugt wird. Nun aber profitieren die Bürger und Touristen der Region von Fitness-, Freizeit- und Gesundheitsangeboten.

Und seinen Heimbewohnern garantiert dies neben einer guten physiotherapeutischen Betreuung auch sinnvolle Beschäftigung, denn sie sind im Produktionsprozess für die Hackschnitzel eingebunden und pflegen den Kurgarten.

„Diese Arbeiten geben ihnen positive Bestätigung, dass sie selbst etwas schaffen können, in ihrem Tempo und ohne Druck.“

Eine Herzensangelegenheit

Sander wird immer lebhafter in seiner Erzählung. Sein sachlicher Ton wird emotionaler, und die Geschichten sprudeln nur so aus ihm heraus: Wie er sich für den Erhalt des Kurort-Status eingesetzt hat und den Heilstollen als Argument dafür etabliert hat.

Mit Stolz verweist er darauf, dass dieser ein absolutes Alleinstellungsmerkmal im norddeutschen Raum ist mit höchster Prädikatisierung. Jetzt wartet er auf die Zulassung des Heilbad-Status von Bad Grund, der Antrag liegt dem Wirtschaftsministerium bereits vor.

Als das Handy zwischendurch klingelt, schaut er verärgert auf das Display, steht auf und bringt es zu seiner Sekretärin ins Vorzimmer. Nichts soll beim Pressetermin stören, er bleibt bei der Sache, bei seiner Herzensangelegenheit. Was er alles erreicht hat und noch erreichen will.

Ob er denn eine Vision gehabt habe, als er in Bad Grund anfing? „Ach“, sagt er und seufzt. „Von der Geschwindigkeit, wie sich das alles innerhalb von wenigen Jahren entwickelt hat, bin ich selber überrascht“, gibt er offen zu. Er wolle einfach, dass alles gut läuft.

„Ich habe es immer mit Herz gemacht, aber auch mit Tempo.“ Sein Arbeitsalltag ist durchstrukturiert, der Terminplan will eingehalten werden. Ruckartig steht er auf und eilt ins Vorzimmer, nimmt sein Handy wieder in Empfang, spricht kurz mit seiner Sekretärin und geht zügig zum Auto.

Auf zum ersten Termin

Zum Glück sind es nur kurze Wege in Bad Grund – er muss mit einem Polizeibeamten einige seiner Häuser besuchen, um das Sicherheitskonzept zu überprüfen.

Dieser wartet im Haus ,Am Rohland‘, in dem seelisch Behinderte stationär untergebracht sind.

Im Eingangsbereich sitzt ein Bewohner mit trauriger Miene auf dem Sofa. „Was hast du denn?“, will Sander wissen und nimmt sich Zeit für ein kurzes Gespräch, während der Polizist wartet.

Eine weitere Bewohnerin begrüßt er mit Handschlag, redet kurz mit ihr. Auch sie kennt er gut, weiß um ihre Geschichte – so wie er sie von vielen kennt, die er während der nächsten Stunden trifft.

Nun aber zur Besprechung, die in einem kleinen Büro stattfindet. Eine knappe aber herzliche Begrüßung der Anwesenden, er schenkt Kaffee ein, die Kekse stehen schon auf dem Tisch. Dann holt er seine Schreibmappe aus der Aktentasche, während der Polizist lächelnd sagt: „Wir können es kurz halten, Sie haben ja Ihre Hausaufgaben gemacht.“

Sander grinst und erwidert: „Ja, dann ist doch gut.“

Er entschuldigt seine kranke Tochter, die mittlerweile als Assistentin der Geschäftsleitung diese Aufgaben übernimmt und eigentlich dabei sein sollte. Dann entspinnt sich ein Gespräch über die Wünsche der Heimbewohner, die ein spezielles Getränk bekommen möchten.

„Auch ich lerne immer weiter dazu“, sagt er kopfschüttelnd und lacht. Es geht nur um eine Kleinigkeit, die er erfüllen kann.

Nun aber auf zur Ortsbegehung. Er packt seine handgeschriebenen Notizen wieder ein, und während der Polizist mit der Heimleiterin Claudia Rusteberg das Haus inspiziert, brechen auch wir auf – zu einer privaten Führung mit Oswald Sander.

Handgeschnitzte Halloween-Figuren zieren die Flure, Stuckverzierungen die Wände. „Das haben die Bewohner alles selbst gemacht“, erklärt er. Etwas kreativ mit den eigenen Händen gestalten, das gebe Bestätigung.

Stolz präsentiert er auch den Fitnessbereich, in dem die Bewohner individuell trainiert werden – das sei nicht selbstverständlich, aber durch die Verzahnung von Gesundheitszentrum und seinen Häusern zum Glück möglich.

Weiter geht’s zum Bastelraum. „Du, wie soll ich das hier malen“, wird Sander von einer Frau gefragt, die für ein Tiergesicht nicht weiß, welche Farbe sie nehmen soll. Er schaut drüber und antwortet: „Die Nase muss schwarz werden.“ Dann nimmt er Holzsterne in die Hand, „die sind ordentlich gesägt“, lobt er die beiden Männer, die sie gefertigt haben.

Zweimal im Jahr werden die Arbeiten auf einem Basar verkauft, und die Erlöse fließen wieder in den Kauf von Materialien.

Ein mulmiges Gefühl

Beim Hinausgehen schleicht sich ein mulmiges Gefühl ein, weil man sich als freier Mensch bewegen kann. Sander beruhigt: „Die Menschen sind hier, weil sie in der normalen Welt nicht zurechtkommen. Und sobald es die Entwicklung zulässt, können sie in betreuten Wohngruppen das selbständige Leben und Arbeiten erproben und sich so langsam wieder in die Gesellschaft integrieren – in ihrem Tempo.“

Sander geht zurück zum Auto und fährt zu einer solchen Wohngruppe, wo er vom Polizisten schon erwartet wird.

Das alte Haus ist von den Bewohnern in Eigenregie innen schon renoviert, im nächsten Frühjahr wird die Außenfassade verputzt. Hier geht nur der Polizist kurz durchs Haus, während Sander mit der Betreuerin spricht, ob alles in Ordnung sei.

Ein Bewohner kommt mit einer neuen Matratze unterm Arm, ein freundliches Hallo und persönliche Worte.

Es ist Sanders verbindliche und wertschätzende Art, die beeindruckt. Für ihn sind es nicht Menschen zweiter Klasse, sondern er sorgt sich um ihre Belange, gibt ihnen das Gefühl, dass er sie versteht, sich um sie kümmert, und sie freuen sich über seine Anteilnahme.

Trotz seiner Chefposition gibt es keine hierarchischen Hürden, die davon abhalten, ihm von ihrem Alltag zu erzählen.

„Ich hab mein Zimmer nicht gut aufgeräumt“, sagt der Bewohner schmunzelnd auf die Frage, ob wir es sehen dürften, und entschwindet in den oberen Stock. Hier entscheidet jeder selbst, wie viel er zulässt.

Weiter geht es mit dem Polizisten zum Hotel ‚Alten Römer‘, das barrierefrei ausgebaut ist. Und während in den oberen Etagen, die man wegen fehlender Balkone nicht vermieten könne, auch wieder seelisch Behinderte wohnen, die tagsüber einer geregelten Arbeit nachgehen, fühlen sich in den unteren Stockwerken Touristen bestens aufgehoben.

Im separaten Eingang für die Betreuten befindet sich auch die Arztpraxis des Ortes. „Dank unserer Einrichtungen ist der Arzt nicht weggezogen“, erzählt Sander. Ein ausgeklügeltes System, das vielen Menschen Vorteile bringt.

Das neueste Projekt

Schnell will er noch sein neuestes Projekt zeigen und macht einen Abstecher zum alten Preussag-Gelände, wo die ‚Kaue‘ wieder aufgebaut wird. In der Mitte des alten Gebäudes, in dem sich vor 20 Jahren zum letzten Mal die Bergarbeiter duschen und umziehen konnten, erstrahlt eine hellgestrichene Halle, und große Lampen spenden angenehmes Licht.

„Hier entstehen Arbeitsplätze für die Heimbewohner. Sie werden hier Paletten zusammenbauen, um Kaminholz der Firma Reimann darauf zu stapeln. Egal ob sie eine oder zwanzig Paletten pro Tag schaffen – ihr eigenes Tempo ist Maßstab.“

Noch seien Ausbauarbeiten zu leisten, aber es gehe zügig voran. Wieder zurück am Seniorenheim präsentiert er noch stolz den nach Feng-Shui-Prinzip angelegten Garten, in dem eine Frauenstatue aus Bronze platziert ist, die auf das Haus blickt.

„Sie ist meiner Großmutter nachempfunden“, sagt er, und während er auf die zarten Konturen hinweist, wird sein Ton ganz weich. „Sie passt auf, dass alles gut geht.“

Sein strukturierter Tagesablauf lässt kein weiteres Verweilen zu, und er eilt zum nächsten Termin. Ein Projekt jagt das nächste im Leben von Oswald Sander. Doch eines steht fest: Mit seinem Wirken in Bad Grund ist dem ehemaligen Leistungssportler im Speerwerfen der große Wurf geglückt.

Zur Person

Dr. Oswald Sander, geboren 1956 in Rumänien, ist Geschäftsführer der Dr. Sander Gruppe, die mehrere Unternehmen in sich vereint: Haus am Rohland GmbH mit 140 Heimplätzen, Sander Immobilienverwaltung GmbH & Co.KG, zu dem die Seniorenzentrum Sander GmbH mit 80 Heimplätzen gehört, Gesundheitszentrum Bad Grund GmbH, Förderzentrum Bad Grund GmbH sowie die GbR Sander-Wagner mit u.a. dem Kur- und Sporthotel ‚Alter Römer‘. www.sander-badgrund.de