Der Konstante

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Text von: redaktion

Mit Arnd Peiffer könnte man sich stundenlang unterhalten. Das liegt nicht nur an seiner netten und höflichen Art, sondern auch daran, dass seine Sätze zwar überlegt und gewählt dahergekommen, aber der junge Harzer immer dafür gut ist, ,Einen raus zu hauen‘.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Winter-Ausgabe 2011.

Dann lässt er sein Schwiegermutter-Lächeln kurz aufblitzen, das genauso ehrlich wirkt wie seine Antworten.

Er erzählt, wie er mit neun Jahren direkt zum Biathlon gekommen sei, keinen Umweg übers Langlaufen oder gar das Schießen genommen habe. Das Landesleistungszentrum war im heimischen Clausthal-Zellerfeld ja auch gleich um die Ecke. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, einmal Leistungssportler oder gar Profi zu werden, absolvierte Peiffer die ersten zwanglosen Trainingseinheiten bei seinem späteren Mentor Frank Spengler. Erst zweimal die Woche, dann drei, vier Mal, und irgendwann schlug er jeden Tag beim Training auf.

Noch heute schwärmt er von der Faszination jenes Sports, der ihn nicht mehr losgelassen habe: „Beim Biathlon werden zwei ganz unterschiedliche Sportarten zusammengeführt, die eigentlich gar nicht zusammenpassen.“ Zunächst das Laufen, wo Ausdauer und Muskelkraft gefragt seien. Man renne durch den Wald, mit hohem Puls und müsse dann auf einmal zum Schießen – eine Präzisionssportart, bei der ganz andere Dinge gefragt seien wie Fokussierung und Konzentration.

„Es reizt mich einfach, diese beiden Sachen unter einen Hut zu bringen.“ Doch Arnd Peiffer wäre nicht dabei geblieben, wenn der Spaß zu kurz gekommen wäre – beziehungsweise der Erfolg: „Es ist doch so: Wenn man etwas anfängt und man merkt, dass man besser wird, dann macht es Spaß. Die wenigsten Leute haben Hobbys, in denen sie nicht gut sind.“ Und der junge Skijäger war gut. So wurde er unter anderem Deutscher Schülermeister in der Altersklasse 15.

Für seinen Erfolg musste Peiffer aber auch Entbehrungen hinnehmen. Gerade in der Schulzeit wurde der Sport manchmal zur echten Belastung. Im Gegensatz zu vielen anderen Top-Athleten besuchte er eine normale Schule und kein Sportgymnasium. Da kam es schon mal vor, dass er bis nach 16 Uhr Schule hatte, anschließend zum Training ging und nach dem Abendbrot noch Hausaufgaben zu machen hatte.

Doch Peiffer hat aus dieser Zeit eine wichtige Erkenntnis mitgenommen: „Für die guten Dinge im Leben musst Du Dich hin und wieder einfach quälen. Allein mit Spaß kommt man nicht sonderlich weit, da es immer einen Punkt gibt, an dem man sich überwinden muss, um weiterzukommen.“

Diesem Credo unterwarf er sich vor allem in einer Zeit, in der er sich nicht sicher war, wie es mit ihm und dem Biathlon
weitergehen sollte. Etwa zwei Jahre vor dem Abitur lief es nicht mehr so rund für den Mann, der von sich sagt, dass es ihm Freude bereite, konstant zu sein. Schlechte Ergebnisse und der Verlust des Bundeskaderstatus waren das Resultat.

„Wie viele andere mit 17, 18 Jahren war ich einfach nicht hundertprozentig auf den Sport konzentriert“, analysiert Arnd Peiffer in der Rückschau selbstkritisch. Dann kamen Zweifel an sich selbst: „Man weiß nicht so recht, was gibt der Körper her, bin ich vielleicht nicht talentiert genug oder habe ich das Training nicht optimal umsetzen können?“

In dieser Phase sei wieder einmal sein Trainer und enger Vertrauter, Frank Spengler, ein wichtiger Ratgeber und Unterstützer gewesen. Er stellte zudem den Draht zum Kreissportbund Goslar her, wo Peiffer ein Freiwilliges Soziales Jahr leistete und wo ihm alle Freiheiten für Training und Wettkampf gewährt wurden. Mit dieser Unterstützung im Rücken widmete der Abiturient seine ganze Konzentration dem Biathlon.

Auf den damals 19-Jährigen wirkte das wie eine Befreiung: „Als die Entscheidung gefallen und das ganze Hin und Her, Hadern und Überlegen vorbei war, hat mir das einen riesigen Schub gegeben. Ich habe mir gesagt, ich probiere es, versuche das Beste aus mir rauszuholen, und wenn es nicht reicht, reicht es eben nicht. Das wäre für mich keine Niederlage gewesen“, erklärt Peiffer. Plötzlich fielen ihm die vielen Trainingskilometer wieder leichter.

Der gebürtige Wolfenbütteler fand zurück in seine Erfolgsspur und erzielte starke Ergebnisse bei den Junioren. Langsam gingen ihm aber gleichwertige Trainingspartner im Harz aus, sodass sich Peiffer auf Anraten von ,Speng‘ – wie er seinen Coach nennt – für einen Wechsel ins thüringische Wintersportmekka Oberhof entschied, wo er seitdem unter den Augen von Olympiasieger Mark Kirchner trainiert. Der Wechsel in die neue Trainingsgruppe zahlte sich schnell aus. So konnte der Harzer in seinem ersten Herren-Jahr im IBU-Cup, dem Unterbau des Weltcups, erneut mit starken Resultaten auf sich aufmerksam machen.

Kurz vor Weihnachten 2008 kam dann der unerwartete Anruf des damaligen Bundestrainers, Frank Ullrich: Weltcup-Einsatz im Sprint von Oberhof, an der neuen Trainingsstätte, vor 16.000 frenetischen Wintersportfans im Stadion und fünf Millionen an den Bildschirmen. Und als wäre das nicht genug gewesen, musste Peiffer plötzlich schon zwei Tage früher in der Staffel ran.

Doch trotz der „krassen Umstellung“ von IBU auf Weltcup behielt der Newcomer die Nerven, überzeugte erst mit der viertbesten Laufzeit in der Staffel und dann mit einem 7. Platz im Sprint, wodurch er auf Anhieb sein WM-Ticket löste. „Das erste Weltcupwochenende hat mir noch mal unglaublich viel Sicherheit gegeben“, sagt Peiffer und fügt hinzu: „Ich habe den
höchsten Druck verspürt, dem ich jemals ausgesetzt war und gemerkt, ich komme gut damit zurecht. Meine Schlussfolgerung
daraus: Ich funktioniere unter Druck.“

Seitdem ist der von den Medien als ,Mr. Zuverlässig‘ getaufte Held eine feste Größe im Weltcup-Team. Dank seiner konstanten Leistungen war auch die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver nicht überraschend. Unvorsehbarer war dagegen das schlechte Wetter mit viel Neuschnee, das Peiffer einen Strich durch seine Ambitionen machte.

In seiner Paradedisziplin, dem Sprint, aber vor allem in der Staffel hatte sich der Olympia-Neuling Chancen ausgerechnet. Seine ersten Spiele fasst er daher unter dem Begriff „Schade“ zusammen, kann dem ganzen aber auch etwas Positives abgewinnen: „Schlechte Erfahrungen sind meist die besten oder zumindest die wichtigsten. Und außerdem muss man als Biathlet einfach eine gewisse Frustrationstoleranz haben, da im Zweifel mehr Rennen in die Hose gehen, als gelingen“, sagt Peiffer schmunzelnd. Um die schlechten Ergebnisse verkraften zu können, reiche es eigentlich, wenn man ab und zu ein Highlight habe.

So wie in der vergangenen Saison, als sich Arnd Peiffer die WM-Goldmedaille im Sprint sichern konnte und am nächsten Tag in der Verfolgung Vierter wurde. Letzteres war aber wieder so ein Rennen, das der „Frustrationstoleranz“ alles abverlangte, da der deutsche Nachwuchsstar – in Führung liegend – den allerletzten Schuss daneben setzte, eine Strafrunde absolvieren musste und im Ziel Gold um 5,8 Sekunden und Bronze um 0,6 Sekunden verpasste.

„Andererseits muss man sich dann auch mal wieder etwas einfangen. Denn am Tag vorher bin ja ich Weltmeister geworden,
und auch ein vierter Platz ist angesichts der Leistungsdichte bei den Männern hervorragend“, ordnet das Biathlon-Ass seine
Resultate gewohnt realistisch ein.

Angst, dass er auf Grund seiner tollen Leistungen einmal abheben könnte, muss man daher nicht haben. Dafür sorgt zudem sein Umfeld, das – wie sollte es anders sein – ,konstant‘ geblieben ist. Der familiäre Rückhalt ist für den ausgebildeten Polizeimeister, der während der Wettkampfpause oft am Wochenende bei seinen Eltern in Clausthal vorbeischaut, enorm wichtig: „Es ist einfach schön zu wissen, dass man zu Hause mal keine Leistung bringen muss und trotzdem gemocht wird“, sagt der 24-Jährige feixend und ergänzt: „Daheim kann ich immer wieder Kraft ziehen.“