Der Kommunikator

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Frank Bertram

Rainer Koch ist kommunikativ, aber gerne auch verschwiegen – typisch für einen gelernten Bankkaufmann und ‚Meister vom Stuhl‘. Ein Tag im Leben eines umtriebigen Einbeckers.

Früh aufzustehen? Das ist für Rainer Koch kein Problem – selbst wenn er lächelnd einräumt, gerne auch mal länger zu schlafen. Der Tag startet morgens um 8 Uhr mit dem Unternehmerfrühstück, das die Wirtschaftsförderung des Landkreises Northeim und die IHK Göttingen erstmals in Einbeck organisiert haben. Sein Müsli hat der 59-Jährige schon zu Hause gegessen.

Im PS-Speicher, in dem sich an diesem frühen Vormittag mehr als 100 Unternehmer treffen, gönnt sich Rainer Koch noch ein wenig Rührei zum Kaffee. Im Vordergrund steht für den Geschäftsmann das Gespräch mit den anderen Teilnehmern der Veranstaltung, die zuvor seit mittlerweile mehr als vier Jahren regelmäßig in Northeim und mit großem Erfolg stattgefunden hat. Die Uhrzeit nennt Rainer Koch als einen entscheidenden faktor, warum das Unternehmerfrühstück so gut frequentiert wird. „Da liegt der Arbeitstag noch vor einem, eine spätere Uhrzeit würde den Vormittag für andere Termine blockieren“, sagt Koch.

Dass der Vorstandsvorsitzende der Einbecker Sparkasse beim Frühstück am selben runden Tisch sitzt, ist Zufall, weil die Plätze auslost werden. Doch Rainer Koch nutzt natürlich die Gelegenheit, sich mit Stefan Beumer kurz auszutauschen. Als Mitglied des Verwaltungsrates der Sparkasse hat der gelernte Bankkaufmann in einem seiner Ehrenämter mit dem Geldinstitut zu tun. Da gibt es mit dem Vorstand immer etwas zu besprechen. Und als der Stifter des PS-Speichers, Karl- Heinz Rehkopf, überraschend die Selbständigen, Freiberufler und Geschäftsführer zum ersten Frühstück in der von ihm initiierten Erlebnisausstellung über die individuelle Mobilität im Einbecker Kornhaus begrüßt, hat Rainer Koch anschließend noch die Gelegenheit, mit dem 78-Jährigen persönlich ein paar Minuten unter vier Augen zu sprechen.

Der Hintergrund ist auch hier wieder ein Ehrenamt: Koch ist Gründungsmitglied der Förderfreunde des PS-Speichers. Ziel ist, einmal 500 Mitglieder zu gewinnen, die die im vergangenen Sommer eröffnete Oldtimer-Schau unterstützen. Davon ist der Förderverein zwar noch entfernt, aber Koch und Rehkopf sind guten Mutes, das Ziel zu erreichen. Ihr Netzwerk wie das der anderen Gründungsmitglieder – beispielsweise Carl Graf von Hardenberg, Otto- Bock-Chef Hans Georg Näder oder auch SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzender Thomas Oppermann – ist ausgeworfen. Im Vorstand der Förderfreunde bekleidet Koch als langjähriger Banker ein naheliegendes Amt: Er ist Schatzmeister. Seit 2011 ist Rainer Koch in Einbeck politisch aktiv, sitzt für die Wählergemeinschaft ‚Gemeinsam für Einbeck‘ als Fraktionsvorsitzender im Stadtrat. „Es ging dort nicht mehr um die Sache“, sagt er über seine Motivation, damals die neue Gruppierung mit zu gründen. Die politische Verkrustung zu lösen, das habe man geschafft, findet Koch, ein entspannter Dialog zwischen den Fraktionen sei mittlerweile entstanden. Einen Vorschlag ablehnen, nur weil er von einer anderen Fraktion stammt? „Alle Gewählten haben die Aufgabe, für Einbeck zu arbeiten“, sagt der Unternehmer, „Das verstehe ich unter Kommunalpolitik.“

Andere würden bei den verschiedenen Ehrenämtern und Unternehmungen rasch den Überblick verlieren, Rainer Koch jedenfalls wirkt nicht gestresst. „In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt er zur Erklärung. Das ist sein Motto. Hinzu kommt freilich auch eine gute Koordination, reibungslos, geräuscharm im Hintergrund. Und viel Kommunikation.

In seinem Büro bei der Part AG ist zum Beispiel der Freitag heilig. An diesem Wochentag nehmen die Chefs und Mitarbeiter keine Außentermine an, konzentrieren sich auf den Austausch untereinander über die verschiedenen laufenden und geplanten Projekte. Doch bevor der Weg nach Bad Gandersheim ins Büro der Part AG führt, steht für Rainer Koch an diesem Vormittag noch ein Termin in der Einbecker Senfmühle mitten in der Stadt im Kalender.

Das Unternehmen hat er vor fünf Jahren gemeinsam mit Siegfried Kappey und Bodo Rengshausen-Fischbach gegründet. Anfangs wollten die drei Herren im besten Alter eine Idee vertiefen, die ihnen im Gespräch bei einer gemeinsamen Essenseinladung gekommen war. Sie hatten vor, ,jeden Sonnabend zum Würzen geeigneten, guten Senf‘ herzustellen – als Hobby. Eine Schnapsidee, unkten viele. Doch wenn drei gestandene Geschäftsmänner eine Idee haben, entsteht eben nicht nur ein Zeitvertreib, sondern schnell mal ein neues Unternehmen – das an eine alte Tradition in Einbeck von 1923 angeknüpft hat und heute mehrere Tausend Gläser steinvermahlenen Senf im Jahr herstellt: ,Das Schärfste am Norden‘, wie ihr Slogan bescheiden heißt. Die Senfmühle floriert inzwischen so gut, dass das Unternehmen die Produktionsräume in der ehemaligen Fleischerei erworben hat und diese derzeit modernisiert; außerdem entstehen neue Büros und Besucherräume für Führungen. Mit seinem Partner Siegfried Kappey, der die Geschäfte der Senfmühle führt, bespricht Rainer Koch den aktuellen Stand der Umbauarbeiten. Die Handwerker sind im Plan. Es geht voran.

Aus der Einbecker Altstadt fährt Rainer Koch mit seinem Auto in den Norden der Bierstadt. Es ist Donnerstag. Dieser Tag ist abends stets reserviert für die Freimaurerei, erzählt er auf dem Weg. Koch ist ‚Meister vom Stuhl‘ der Loge ‚Georg zu den drei Säulen‘, die es seit mehr als 200 Jahren in Einbeck gibt und in der einst auch Morphium-Entdecker Friedrich Wilhelm Sertürner Mitglied war. In der ‚Bauhütte‘, wie die Freimaurer ihre Räume nennen, schaut Koch vorbei, ob alles für das abendliche Treffen vorbereitet ist. Und er ist zufrieden: Der Hammer, eines der Insignien der Logen-Meister neben dem Winkel, liegt im Clubzimmer bereit.

Regelmäßig treffen sich zurzeit 37 Brüder aus den verschiedensten Berufen im Geiste freimaurerischer Ideale zur gemeinsamen ,Arbeit am rauen Stein‘, also an sich selbst. Als Einbecker Commerzbank-Filialleiter war Koch 1987 zum Neujahrsempfang eingeladen worden, an dem auch Nicht-Freimaurer teilnehmen dürfen. Anschließend interessierte er sich für den Bruderbund, der sich aus den mittelalterlichen Dombauhütten entwickelt hat. Doch Freimaurer laden keine neuen Mitglieder ein, Koch musste selbst anklopfen. Das tat er. Die Loge ist für Rainer Koch kein Hobby. „Das ist eine Lebenshaltung“, sagt er. Das, was heute selbstverständlich ist, nämlich frei zu denken und miteinander zu sprechen, war vor 200 Jahren von Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher Stellung nur in der Loge möglich. Geheim möchte Koch die Freimaurerei nicht nennen, er spricht von Diskretion.

Mitte dieses Jahres wird der Einbecker den Hammer niederlegen, dann war er fünf Jahre ‚Meister vom Stuhl‘, die Nachfolge ist geregelt. Diskret. Koch selbst bleibt der Freimaurerei erhalten, er wird Distriktmeister für 31 Logen in Niedersachsen und Sachsen- Anhalt.

Nächste Station des Tages ist das Büro in Bad Gandersheim, in dem Rainer Koch dann auch für einige Stunden zu tun hat. Auf Mittagspausen verzichtet er weitgehend, nimmt sich von zu Hause das Essen für den Arbeitstag mit. „So bin ich flexibel und kann auch etwas essen, wenn ich unterwegs bin“, sagt der er.

Rund 50.000 Kilometer legt Koch jährlich mit dem Auto zurück, ist als Vorstand der Part AG bei Ortsterminen mit Kommunen und Investoren zwischen Frankfurt/Main und Hamburg unterwegs. Früher sei es locker die doppelte Distanz gewesen, berichtet Koch. Inzwischen ist die Mitarbeiterzahl im Unternehmen gestiegen, viele Aufgaben kann er heute delegieren: „Führung heißt für mich, anderen zu helfen, erfolgreich zu sein.“

Der passionierte Hobbykoch achtet beim Essen darauf, wenig Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Brötchen oder Brot sind da meist tabu, selbst wenn er abends spät nach Hause kommt, isst Rainer Koch kein Wurstbrot, sondern lieber gedünsteten Fisch. Leichte Kost, die nicht zu schwer im Magen liegt.

Im Büro an der Hildesheimer Straße in der Kurstadt lässt sich Koch erstmal im Sekretariat von Daniela Keller auf den aktuellen Stand bringen, liest ein paar E-Mails. Die Part AG entwickelt hauptsächlich großflächigen Einzelhandel, findet für ihre Kunden wie beispielsweise Rewe oder Aldi geeignete Grundstücke in der Innenstadt wie auf der Grünen Wiese, begleitet das Planungs- und Baurecht, führt die Gespräche mit den Kommunen. Das 1986 gegründete Unternehmen hat Koch kennengelernt, als er es noch bei der Commerzbank betreute. Doch nach Jahren in der Bank war er mit Anfang 40 an dem Punkt, an dem er für neue Aufgaben nicht jedes Mal mit der Familie umziehen wollte.

Und so wagte Koch mit allen Chancen und Risiken den Schritt in die Selbständigkeit, zog nach Einbeck, stieg bei der Part AG ein – tat das, „was ich anderen bisher gepredigt hatte“, wie er sagt. Bereits in der Bank kümmerte sich Koch um die Finanzierung von Gewerbeimmobilien. Unverändert ist bis heute der Montag für Rainer Koch der Hannover-Tag. Dann ist er dort im Lions-Club aktiv, führt Gespräche im Wirtschaftskreis der Landeshauptstadt. „Die Part AG lebt von einem funktionierenden Netzwerk, auch über die Region hinaus“, sagt er. Durch dieses werden Geschäfte angebahnt. Schnell ist Rainer Koch nach ein paar Minuten am Schreibtisch wieder im Gespräch mit Mitarbeitern. Sein Geschäftspartner Gisbert Vogt und er führen transparente elektronische Kalender, jeder der 20 Mitarbeiter kann erkennen, wann die Chefs im Hause und ansprechbar sind.

Die einzelnen Büros im Gebäude sind eigentlich ein „Großraumbüro mit Wänden“, wie Koch sagt, an vielen Stellen gibt es Besprechungsinseln, Stehtische, Sitzecken. „Kommunikation und Austausch untereinander sind wichtig“, sagt Koch. Die Part AG bewegt mit ihren Projekten zweistellige Millionenbeträge pro Jahr, die ohne Risiko- oder Beteiligungskapital in die Vorhaben fließen. „Wir finanzieren es auf die klassische Weise, so wie wir es für vernünftig halten“, sagt der Geschäftsführer. Er ist derjenige, der sich im Dialog mit den Banken um die Finanzierung kümmert, der mit Investoren über die Vermarktung spricht, wenn die Part AG die Grundstücke und Gebäude nicht im eigenen Portfolio behält. „Mein Job ist es, die Planung in Geld umzusetzen“, beschreibt Koch seine Aufgabe. Ende des Jahres, so ist es vorgesehen, wird Rainer Koch seine Aktien an der Part AG an die Familie seines Partners verkaufen und mit dann 60 Jahren aus dem Unternehmen aussteigen. Die beiden Söhne von Gisbert Vogt sind bereits im Unternehmen tätig – auch hier ist die Nachfolge geregelt.

Rainer Koch will sich dann aber noch nicht zur Ruhe setzen. Der Einbecker plant, sich stärker in der Senfmühle zu engagieren, schon heute hält er 80 Prozent der Gesellschaftsanteile der GmbH. Vor allem aber möchte er sich intensiv um ein Projekt kümmern, das er bereits seit einiger Zeit vorbereitet – ein wenig im Hintergrund, im abgeschiedenen Solling.

Dort bei Sievershausen hat Koch den ‚Eichenhof‘ gegründet, mit eigener Scheune und Trecker, fast vier Hektar Land umfasst das Gelände. Gegenüber von einem Grundstück, das schon Jahrzehnte der Familie gehört, hat Koch noch einmal neu gebaut, ein Fachwerkhaus mit Hofstelle. Gemeinsam mit Ehefrau Dagmar möchte der Naturfreund hier hobbymäßig eine Obstbau-Wirtschaft betreiben. Dort gibt es Streuobstwiesen, Beerengärten und eventuell in Zukunft auch einen kleinen Hofladen für die aus den Früchten entstehenden Produkte.

Auch der Imkerei möchte sich Rainer Koch ab 2016 widmen. Bei allem will der 59-Jährige seinem Grundsatz treu bleiben, der für ihn schon immer Maxime war: Ein Hobby soll nicht nur Geld kosten, es muss sich selbst tragen. So will er es auch in Zukunft halten, den Bankkaufmann in sich kann er nicht leugnen: „Zu jedem Hobby gehört ein Kassenbuch.“