„Der Kapitän“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Auf Tauchstation mit Gerhard Steidl

Freitag, 15 Uhr: Steidl Verlag“, steht in meinem Kalender. Dank eines früheren Termins ahne ich jedoch, dass dies wahrscheinlich nur ein Richtwert für den Zeitpunkt unseres Gespräches sein wird.

Und so ist es dann auch: Die Tür zum Design-Studio öffnet sich. Grafiker, Layouter und Künstler sitzen vor den großen Monitoren, die sich fast berühren. Sie arbeiten fiebrig an ihren Entwürfen.

Der Mann im legendären, wehenden weißen Kittel flitzt an uns vorbei. Er kommt aus seinem angrenzenden türlosen Büro: Im Slalom durch unzählige, meterhohe Papier- und Bücherberge, die teils am Tisch, teils am Fußboden ihren Ursprung haben. Manche sehen aus, als wüchsen sie bereits seit Jahren der Decke entgegen – ein Wunder der Statik.

Aus dem Augenwinkel muss er den Fotografen und mich allerdings gesehen haben, denn er macht auf dem Absatz kehrt und entgegnet uns knapp: „Warten Sie bitte, ich muss noch kurz etwas mit meinen Mitarbeitern klären.“

Zeit für uns, die Omnipräsenz von Gerhard Steidl zu erleben. Er bespricht sich mit seinem Team, hetzt von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz, gibt kurz aber präzise bilinguale Anweisungen – mal deutsch, mal englisch. Ein internationaler Hauch weht durch die Luft.

Hinter uns höre ich Französisch. Zwei junge Männer unterhalten sich über ihr aktuelles Projekt. Ihr Gespräch scheint ehrfürchtig zu stocken, als sie die Stimmung im Raum fühlen. Zugleich umschwirren uns Anweisungen zu Schriftgrößen und Bildformaten scheinbar ziellos. Doch sie kommen offensichtlich stets bei ihrem Adressaten vor einem der vielen Bildschirme auf der anderen Seite des schlauchförmigen Raumes an.

In einem Bienenstock könnte kaum mehr Betriebsamkeit herrschen.

15.15 Uhr:

„Zeig den Beiden doch schon mal das Verlagshaus“, murmelt der Verleger Claudia Glenewinkel, der Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, zu. Wir folgen ihr und verlieren in den beiden auf jeder Etage verbundenen Gebäuden mit zwei dunklen Treppenhäusern schnell die Orientierung.

In den unteren verwinkelten Etagen treffen wir kaum jemanden an. Die meisten Arbeitsplätze in den aufgeräumten Scannerräumen und Archiven sind verwaist – Freitagnachmittag. Nur im Erdgeschoss, wo sich die Druckerei befindet, laufen Angestellte mit Farbdosen und Werkzeugen herum. Hier wird im Schichtbetrieb permanent gedruckt.

Farbgeruch steigt in die Nase. Kompressoren und die Rollgeräusche der Druckmaschine übertösen unsere Stimmen. Paletten mit unterschiedlichen Papiersorten türmen sich neben den Druckmaschinen.

„Kein Andruck startet hier ohne Steidl und den jeweiligen Künstler“, erfahren wir von Glenewinkel und ahnen schon, warum sich der 62-jährige Steidl dabei selbst als Kapitän sieht.

15.45 Uhr:

Zurück im Bienenstock, treffen wir einen sichtlich zufriedenen Chef an. Alle Anweisungen haben offenbar ihr Ziel gefunden.

Erneut werden wir durchs Treppenhaus geleitet. Eine Tür führt uns in die kleine, edelstählerne Küche. Und endlich können wir am eilig für uns freigeräumten Tisch in der schlicht gehaltenen Kantine mit Ausblick auf die Innenhöfe des Nikolaiviertels das Interview starten.

„Ich bin schon immer selbstbewusst auf Leute zugegangen. An Lagerfeld beispielsweise habe ich keine Forderungen gestellt, sondern ihm einfach gesagt, dass ich seine Fotos gut drucken werde“, beschreibt der Verlagschef seine Vorgehensweise.

Mit vielen Prominenten, wie den Literaturnobelpreisträgern Günter Grass und Halldór Laxness oder renommierten Fotografen wie Robert Lebeck oder F.C. Gundlach und nicht zuletzt mit Karl Lagerfeld verbindet Gerhard Steidl daher eine intensive „Arbeitsfreundschaft“.

„Seine Art und Weise zu arbeiten, habe ich mir zum Vorbild genommen. So wie er jedes Kleidungsstück seiner Kollektionen perfektioniert, perfektioniere ich jedes meiner Bücher“, stellt er fest, und dem Zuhörer bleibt auch die ähnliche Sprechweise nicht verborgen. Schnell und zuweilen hektisch zieht er uns in seinen Bann.

Steidl strebt – wie das extrovertierte Vorbild – nach Perfektion.

Und das erste gemeinsame Projekt ,Off the record‘ – einer „durch einen regen Faxwechsel entstandenen Fotoroman“ mit Fotografien von Claudia Schiffer – überzeugte den Top-Designer. Inzwischen gründeten die beiden den LSD (Lagerfeld Steidl Druckerei)-Verlag. Gemeinsam geben sie besondere Bücher und literarische Raritäten heraus.

16.12 Uhr:

Steidl zieht sein klingelndes Telefon aus der Tasche, es folgen einige stenohafte Sätze und schon legt er wieder auf und lässt das Gerät im weißen Kittel verschwinden. Den Luxus, neben gut verkäuflichen auch Bücher für kleinere Zielgruppen zu verlegen, hat Steidl sich hart erarbeitet.

Dank der weltweiten Rechte am inzwischen in über 50 Sprachen erschienenen Gesamtwerk von Günter Grass und der durch Karl Lagerfeld vermittelten Zusammenarbeit mit dem Modehaus Chanel, für das der Verlag sämtliche Drucksachen erstellt, genießt Steidl ein besonderes Privileg: „Ich muss kein Buch verlegen, das ich nicht mag oder das mir keinen Spaß macht.“

So folgt er seiner Philosophie: „Kein Baum soll für ein hässliches Buch gefällt werden. Unsere gute Geschäftsgrundlage ist das Ergebnis jahrzehntelanger Anstrengungen und beständigen Lernens.“

Denn schon zu Schulzeiten gab es für ihn nichts Wichtigeres, als zu fotografieren und Plakate zu gestalten. Doch mit dem, was die Druckereien aus seinen Vorlagen machten, war er stets unzufrieden. So gründete er eine eigene Siebdruckwerkstatt und 1969 seinen Verlag, in dem zunächst Künstlerbücher, später dann auch Sachbücher und literarische Titel erschienen.

Unglaublich, aber sein Perfektionismus erlaubte ihm erst 1995 den Launch eines eigenen, von Beginn an international ausgelegten Fotobuchprogramms. Unzählige internationale Preise und Kunden auf der ganzen Welt belegen seitdem die ausnehmend hohe Qualität. Doch nicht nur auf sein Kerngeschäft beschränkt Steidl seine Kreativität.

Im vergangenen Jahr ging er mit ,Paper Passion‘ auf den Markt und verblüffte seine Kunden: Ein Parfum mit der Duftrichtung Buch! „Das ist so verrückt, dass es genial ist“, zitiert Steidl aus Presseberichten und beschreibt die elegant gestaltete Buchumhüllung, in der sich eine Flasche befindet mit einem „neuartigen, aber angenehm duftenden Unisex-Parfum, das eine olfaktorische, lang anhaltende Duftpyramide entwickelt und an Hölzer, Firnis und Leinöl erinnert.“

Nach echten Büchern wird es ab Sommer am Göttinger Nikolaikirchhof duften.

Dann nämlich plant Steidl die Eröffnung seines Verlagsarchives. In der teilweise auch öffentlich zugänglichen Bibliothek sollen sämtliche je bei Steidl erschienenen Werke ausgestellt und aufbewahrt werden. Das Archiv betrachtet der Buchliebhaber als ersten Baustein, einer Museumslandschaft, die das Nikolaiviertel künftig bereichern soll.

Als „Filetstück“ bezeichnet er das in der Düsteren Straße 6 entstehende ,Steidl Museum – Günter Grass Archiv‘. Es wird die gesamte Grafik von Grass, die in Verbindung zum literarischen Werk steht, das Pressearchiv, Manuskripte, Buchumschläge, Korrespondenzen und sämtliche Bücher des Nobelpreisträgers beherbergen.

Auf dem Nachbargrundstück soll außerdem ein Ausstellungsraum entstehen, in dem zeitgenössische Kunst und ein innovatives kulturelles Angebot mit internationalem Flair präsentiert wird.

Die Geschichte des denkmalgeschützten Gebäudes, in dem das ,Kunstquartier‘ seine Heimat findet, soll laut Steidl ebenfalls einen angemessenen Platz finden: „Die Verbindung von Kunst und Stadtgeschichte ist mir wichtig.“

Doch Steidl wäre nicht Steidl, wenn er über den Blick in die Vergangenheit das Gespür für die Gegenwart und die Zukunft verlieren würde.

„Der Trend Ebook fordert natürlich auch hier genaue Überlegungen, wie mit dem Thema umgegangen werden soll“, erklärt er. Eine Herzensangelegenheit scheint es ihm zwar nicht zu sein, doch ein Programmierteam arbeitet bereits daran, auch Ebooks zu einem „visuellen Erlebnis“ zu machen.

„So möchten wir unser Literaturprogramm generationsgerecht auch jungen Lesern zur Verfügung stellen. Bildbände sollen aber auch künftig nur in gedruckter Form erscheinen. Wie Gemälde im Museum, müssen sie alle Sinne ansprechen und so visuelle und haptische Erlebnisse ermöglichen“, setzt Steidl die Grenzen der modernen Technik ganz pragmatisch.

Diese Vielseitigkeit ist eines der Markenzeichen des kleinen, aber extrem erfolgreichen Verlags.

Wer sich durch die engen Räume und dunklen Treppenhäuser des Verlagshauses bewegt, versteht Gerhard Steidls Beschreibung, wie hier ein Buch zustande kommt. Er sagt: „Gemeinsam mit dem Künstler steigen wir in ein U-Boot, gehen auf Tauchfahrt und arbeiten abgeschottet vor uns hin. Tage später tauchen wir wieder auf, schnappen kurz Luft und freuen uns über das, was wir geschaffen haben.“

Damit dies gelingt, investiert Gerhard Steidl ein unglaubliches Pensum in sein Lebenswerk. Entgegen der ´normalen´ Arbeitswoche ist sein erster Werktag nämlich nicht der Montag.

„Sonntag ist der Anreisetag der Künstler und Autoren“, erklärt Steidl. „Um effektiv arbeiten zu können, werden dann direkt Ablaufpläne für die gemeinsame Zeit geschmiedet.“

Am Montag hält sich der Kapitän dann immer im Verlagshaus auf, um einen Wochenplan mit den Gästen und den Mitarbeitern zu erstellen. Ab Dienstag beginnt dann der Teil, der ihm gar nicht gefällt: Reisen. Daher ist Effektivität oberstes Gebot.

„Ich schaffe es an einem Tag nach London, Paris oder New York und bin abends wieder in Göttingen. Für Fernost ist das leider nicht möglich. Da brauche ich zwei Tage“, sagt der Reiseprofi. Die Zeitverschiebungen plant er selbstredend mit ein, um möglichst wenig Zeit zu verlieren.

An den Tagen, an denen er nicht reist, steht er um 4.30 Uhr „ohne Wecker“ auf und begibt sich ins noch ruhige Büro. Die Hektik beginnt, wenn er frühmorgens mit den asiatischen Geschäftspartnern telefoniert, vormittags mit Kollegen und Kunden in Europa, nachmittags und abends mit den USA.

Während alledem behält Steidl ständig die Produktion im Blick, plant und organisiert. Es scheint, als könne er an vielen Stellen gleichzeitig sein. Zum Abschluss des Tages entspannt er bei der Lektüre eines Gedichts und schöpft dann bis um 4.30 Uhr am nächsten Morgen neue Kraft.

Samstag hat Steidl übrigens seinen „faulen Tag“, an dem er ,nur‘ vormittags arbeitet. „Um 15 Uhr folgt dann mein Luxus, auf den ich mich die ganze Woche freue: mein Samstagnachmittagsschlaf“, erklärt Steidl schmunzelnd. „Hieran schließt sich dann meist ein Treffen mit Freunden an. Freundschaften zu pflegen ist bei diesem Zeitplan nicht einfach, aber es hilft, dass ich – wie man mir nachsagt – gut kochen kann.“

Die Frage, wie er sich nach so vielen Jahren im Geschäft fühlt, ist die erste, die eine lange Pause verursacht. Schließlich findet der Verleger folgende Worte, die für sich sprechen: „Ich bin stolz, dass ich die Arbeitsabläufe hier so effektiv und professionell gestalten kann. Kunden werden zuverlässig bedient. Dies ist der Grund, warum Weltkünstler zu uns in die Provinz kommen.“

17.15 Uhr:

Wie im Flug sind 90 Minuten Gespräch vorbei und der Termin endet, wie er begann: Der Kapitän flitzt durch die Räume und verschwindet gelegentlich hinter den meterhohen Papierbergen seines Büros. Nach einer Weile taucht er wieder auf und wendet sich an uns. „Danke, das hat Spaß gemacht“, sagt er freundlich zum Abschied. Noch während wir dies bestätigen, hat Steidl bereits wieder das Kommando in seinem U-Boot übernommen…