Der Horn-Profi

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Zeit – das ist für Felix Klieser ein knappes Gut. Der 23-Jährige zählt aktuell zu den besten und begehrtesten Nachwuchshornisten. Gerade erst wurde er als bester Nachwuchskünstler des Jahres mit einem Echo Klassik ausgezeichnet.

Klieser trägt jetzt Anzug und hat die Haare in Form gebracht. Da das Gebäude eher an eine Sporthalle erinnert, sagt der Hornist witzelnd: „Mal sehen, wonach es drinnen riecht.“ Tatsächlich lässt sich ein etwas muffiger Geruch im Foyer ausmachen. Die Halle selbst kann dagegen mit Bestuhlung, Bühne, Licht und Deko als Klassikbühne durchaus überzeugen. Das Parkett mit Spielfeldlinien sowie Basketballkörbe und Kletterseile sorgen für einen ganz eigenen Charakter.

Für Klieser so oder so kein Problem: „Auf die Halle kommt es nicht an, und ich kann ja nicht einfach sagen: ‚Nö, hier spiele ich nicht!‘“ Ein Profi weiß damit umzugehen. Und während des Spielens blendet Klieser die Umgebung ohnehin aus. Denn er spielt mit geschlossenen Augen. Im Bereich neben der Bühne, wo Klieser als Solist des Abends seine eigene Garderobe hat, begrüßt er den Dirigenten und die übrigen Musiker. Dabei tippelt er häufig von einem Fuß auf den anderen – vielleicht leichte Nervosität oder einfach Ungeduld. Es folgt ein Gespräch mit dem Dirigenten, dem Armenier Ruben Gazarian.

Klieser möchte die Reihenfolge der Stücke ändern. Das hat schlicht praktische Gründe: Er spielt an diesem Abend zwei Hornkonzerte. „Normalerweise reicht eins, um die ganze Power zu verbrauchen“, sagt er. Damit er auch beim zweiten Auftritt noch genügend ,Wumms‘ hat, wird das kürzere Stück von Mozart vor die Pause verlegt. Dann verschwindet der 23-Jährige in seiner Garderobe. Hier wärmt er sich und sein Alexander-F/B-Doppelhorn Modell 103 mit einigen Tonleitern auf. Auf der Bühne spielt sich derweil das Orchester ein.

Zehn Minuten vor Ende der Anspielprobe betritt Klieser die Bühne, auf der sein Instrument bereits auf ihn wartet. Er setzt sich, rückt sich das Horn zurecht und gibt sein Okay. Der Dirigent beginnt. Solist und Orchester spielen nur einige Takte an, bis Klieser zufrieden nickt. Klangmäßig scheint alles in Ordnung zu sein. Dann verschwinden alle Musiker von der Bühne. Während die Orchestermusiker noch die elegante Abendkleidung anziehen müssen, entspannt der Hornist noch ein wenig.

Auf Rituale verzichtet der junge Musiker bei seinen Vorbereitungen aus Prinzip: „Das Problem an Ritualen ist, dass man sich davon abhängig macht, und das wäre mir zu gefährlich.“ Mit etwas Verspätung beginnt das Konzert um 20.10 Uhr. Auf Kliesers Auftritt warten ca. 600 Besucher. Der ist allerdings noch gar nicht auf der Bühne, da er erst im zweiten Stück gefordert ist. Als das Orchester nach Leon Janáceks Suite für Streichorchester verstummt, ist es aber soweit. Der Gastsolist tritt ins Scheinwerferlicht – Applaus brandet auf. Mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen verbeugt sich Klieser und nimmt seinen Platz in der Mitte der Bühne ein. Als der Dirigent den Taktstock hebt, ist das Lächeln des 23-Jährigen schlagartig verschwunden. Hochkonzentriert wartet er auf seinen Einsatz. Erst kurz davor setzt er seine Lippen an das Mundstück und hebt den Fuß an die Ventile. Kraftvoll bläst er in sein Instrument, um ihm die richtigen Töne zu entlocken. Wie anstrengend dies für einen Hornspieler ist, lässt sich an Kliesers Gesicht ablesen. Ein Lächeln sucht man auch zwischen seinen Einsätzen vergebens. Später erklärt er: „Ich konzentriere mich, und das will ich auch dem Publikum rüberbringen.“ Seiner Meinung nach wirke es arrogant, wenn Künstler mit Dauerlächeln ihr Programm abspulen: „So nach dem Motto ‚Ich mach das hier mal eben‘ – das ist nicht mein Ding.“

An diesem Abend in Neuenstadt bringt er nicht nur die volle Konzentration auf die Bühne, sondern überzeugt das Publikum mit seinem gesamten Auftritt. Mehrmals holen die Zuhörer den 23-Jährigen per Applaus wieder auf die Bühne. Jetzt kehrt auch das Lächeln zurück, und Klieser sieht sichtlich zufrieden aus. Entlassen ist er aber erst nach einer Zugabe. Als die Orchestermusiker nach dem letzten Beifall eilig ihre Sachen packen und die Halle verlassen, ist der Abend für den Solisten um 22 Uhr noch nicht beendet.Überraschend gibt es noch einen Empfang, den Klieser natürlich auch besucht. Er weiß, was von ihm verlangt wird und hat die Einstellung, diese Erwartungen zu erfüllen. Wir verabschieden uns und verabreden uns für den nächsten Morgen zum Frühstück. „Aber um 7.30 Uhr“, sagt er. Eigentlich war 8.30 Uhr angepeilt, aber Klieser möchte sein Übungspensum verlängern und noch mindestens drei Stunden üben, bevor es am Sonntagmittag nach Stuttgart zum Radiointerview geht.

Tag zwei, Sonntag, 7.15 Uhr: Die neblige Innenstadt Heilbronns ist wie ausgestorben. Lediglich einige Angestellte der örtlichen Stadtwerke sind unterwegs – und wir natürlich. Wieder in der Hotellobby treffen wir trotz früher Stunde einen gut gelaunten Felix Klieser. „Das ist für mich eine ganz normale Zeit“, sagt er. Klar, der Tag will gut genutzt sein. Gemeinsam mit Manager Witte nehmen wir im leeren Speiseraum Platz. Dann beginnt das Interview.

Weil Klieser die meisten Fragen schon hundertfach gehört hat, muss er bei den Antworten kaum überlegen. „Ich sage im Grunde immer dasselbe, weil die Fragen auch dieselben sind.“ Das Gefühl, dabei nur vorgefertigte Antworten zu erhalten, entsteht aber nicht. Locker lässt Klieser immer wieder Anekdoten oder plastische Beispiele einfließen. Dennoch erscheinen die Aussagen professionell und routiniert. Nur kurz verlässt er während des Interviews seinen Profi-Pfad. Auf die Frage hin, worüber er sich ausgiebig ärgern kann, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: „Rote Ampeln und 30er-Zonen – da stehe ich zu!“ Sein persönliches Reizthema lenkt Klieser nur kurz ab, schnell findet er seine Konzentration wieder und erkundigt sich, wie viele Fragen noch auf der Liste stünden.

Die Zeit drängt, selbst um Viertel nach acht am Sonntagmorgen. Denn er möchte so lange wie möglich für die am Montag beginnenden CD-Aufnahmen üben. „Auch wenn ich nach fünf Minuten irgendwo rausgeschmissen werde, dann habe ich trotzdem fünf Minuten geübt“, sagt der Hornist. Das er irgendwo stört, komme schon mal vor, denn das Horn sei eben ein lautes Instrument. Heute kann das nicht passieren, denn er hat sich den Schlüssel für die Heilbronner ‚Harmonie‘ besorgen lassen. Zu Beginn seiner Karriere musste er das Üben erst lernen. „Da können die Lippen durchaus mal bluten, wenn man es übertreibt“, berichtet er. Auch ein Muskelkater im Gesicht sei keine Seltenheit, selbst mit der heutigen Erfahrung. In den drei Stunden in der ‚Harmonie‘ ist das aber nicht zu erwarten. Bei genügend Zeit bringt er es auf bis zu acht Übungsstunden an einem Tag.

„Ich muss hart arbeiten, um gut zu spielen!“ Für den talentiertesten Musiker halte er sich nicht. Konzerte lernt er wie alle anderen auswendig. Das sei relativ simpel: „So wie sich jeder den Weg zur Arbeit merkt, so merke ich mir den Weg durch die Noten.“ Damit er diesen Weg in Ruhe gehen kann, verabschieden wir uns gegen 9.30 Uhr. Das nächste Wiedersehen ist für 13.30 Uhr im Funkhaus des Südwestdeutschen Rundfunks in Stuttgart angesetzt. Hier hat der Hornist ein Interview mit Kerstin Gebel für die Sendereihe ,Zur Person‘ des Radiosenders SWR2. Klieser und Manager Witte treffen wegen eines Staus zwanzig Minuten zu spät ein. Die Verspätung nervt Klieser, dennoch ist er im Vorgespräch gewohnt freundlich. Als das Gespräch auf das Thema Auszeichnungen kommt und von Echo bis Musikpreis Usedom einiges aufgezählt wird, kann er sich diesen Kommentar nicht verkneifen: „Ich habe auch den Sonderpreis der Sparkasse Göttingen bei Jugend musiziert gewonnen, da war ich neun.“ Alle lachen, und die Botschaft ist angekommen: Preise spielen für den Künstler nur eine Nebenrolle: „Ich will Horn spielen, denn das ist es, was ich kann.“ Trotzdem fachsimpelt er anschließend mit der Moderatorin gekonnt zwischen Musikstücken über das Horn, die Musik im Allgemeinen und seinen Werdegang. Viele Fragen kommen mir bekannt vor, die Antworten allerdings nicht. Die Geschwindigkeit hält der Hornist wie üblich hoch. Denn auch hier ist Felix Klieser das, was ihn als Musiker und Person auszeichnet: ein absoluter Profi, der möglichst schnell wieder zurück an sein Horn möchte.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

Kommentar: Was ist schon normal?

Felix Klieser will nur als eines wahrgenommen werden: als Hornist. Und nicht als der Hornist, der ohne Arme spielt. Nachdem ich ihn live erleben durfte, kann ich diesen Wunsch nur zu gut nachvollziehen. Denn für seinen Beruf spielt der Umstand, ohne Arme geboren zu sein, schlichtweg keine Rolle. Hier kommt es auf musikalisches Gefühl sowie Kraft in Mund und Lunge an. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, sein Handicap im Text einfach auszuklammern. Denn es geht darum, den Musiker Felix Klieser vorzustellen. Das allein ist schon interessant genug. Auf der anderen Seite ist es natürlich beeindruckend, wenn ein junger Mensch ein volles Glas mit heißer Schokolade am oberen Rand sicher mit den Zehen packt und locker über den Tisch schweben lässt. Für ihn ist das normal. Für mich und sicher viele andere ist es außergewöhnlich. Und hier liegt auch die Krux. Denn in diesem Moment prallen zwei Definitionen von ‚normal‘ aufeinander. Meiner Meinung nach liegt Normalität immer im Auge des Betrachters und nicht in der Ansicht der Mehrheit. Bedeutet dies jetzt, dass wir nicht mehr beeindruckt schauen dürfen? Nein, natürlich dürfen wir! Damit müssen Menschen wie Felix Klieser leben, und sie tun dies auch. Auf der anderen Seite müssen zum Beispiel wir Armträger damit leben, in der einen oder anderen Situation für unser Verhalten einen offensiven Spruch zu kassieren. Denn jeder Mensch hat das Recht, seine Normalität deutlich zu machen. Es geht nicht um anpassen, sondern um akzeptieren und zwar auf beiden Seiten.

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