Der Hobbytaucher

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Text von: Sebastian König

Godehard Kopp, Altenpflegeheim-Geschäftsführer aus Bovenden, filmt das Leben unter Wasser und macht dabei weltweit einzigartige Aufnahmen.

Zugegeben, Nacktschnecken haben im ersten Moment wenig Faszinierendes an sich. Die Landexemplare mit ihren graubraunen Farben sind auch nicht besonders ansehnlich. „Auf dem Meeresboden sind es dagegen äußerst farbenfrohe und unglaublich faszinierende Tiere“, sagt Godehard Kopp. Der examinierte Krankenpfleger machte sich 1990 mit dem Betrieb eines Altenpflegeheims für psychisch erkrankte Personen in Bovenden selbständig. 2006 folgte ein zweites Heim als anerkannte Facheinrichtung für Demenzerkrankte.

Heute ist Kopp noch immer Geschäftsführer des Seniorenpflegezentrums in Bovenden und dazu begeisterter Hobbytaucher. Nachdem ihn seine beiden Söhne 1992 im Urlaub zu einem Kurs überredeten, hat ihn das ‚Tauchfieber‘ nicht mehr losgelassen: „Ich wusste sofort: Das ist meine Welt.“ Er genießt vor allem die wunderbare Ruhe unter Wasser. „Es ist so still, dass ich das Knabbern der Fische an den Korallen hören kann.“ Bei seinen Tauchgängen schaltet er total ab, manchmal schon fast zu viel, wie er sagt: „Manchmal bin ich so fasziniert, dass ich sogar die Kontrolle des Flaschendrucks vergesse.“

Als ihm ein befreundeter Besitzer einer Tauchbasis bei einem seiner ers ten Tauchgänge auf den Malediven eine Unterwasserkamera mitgibt, entdeckt er eine weitere Leidenschaft: Das Filmen der Meeresbewohner. „Das war sofort mein Ding“, sagt er. Zu Beginn filmt er, wie wohl die meisten Hobbytaucher, eher größere Tiere, wie zum Beispiel Haie. Recht bald entdeckt er aber, dass die Meere noch deutlich spannendere Bereiche zu bieten haben. „Heute filme ich fast nur noch Kleintiere im Makrobereich, die vor allem auf dem Meeresboden leben“, berichtet Kopp. Und wenn er Kleintiere sagt, dann meint er das wörtlich. Teilweise sind die Lebewesen gerade so groß wie ein Fingernagel oder sogar noch kleiner. Aber auch größere Tiere bis circa zehn Zentimeter zählen zu seinen bevorzugten Motiven. Im Fachjargon werden sie ‚Critter‘ genannt. „Das können winzige Fische, Seepferdchen, Garnelen, Tintenfische oder Nacktschnecken sein“, erklärt Kopp. Schaute er am Anfang noch aufgeregt und unkoordiniert nach allem, was sich bewegt, so hat er im Laufe der Jahre gelernt, genau und in Ruhe zu beobachten. „Manchmal ist es nur ein kleiner farbiger Punkt auf dem Sandboden, woraus sich später eine wunderbare Aufnahme ergibt.“

Bei den einstündigen Tauchgängen, die er bevorzugt vor der indonesischen Insel Sulawesi unternimmt, bewegt er sich selten in einem Radius von mehr als zehn Metern. „Oft verharre ich 15 Minuten oder länger an ein und demselben Fleck.“ Dann wartet er auf den richtigen Moment für die beste Aufnahme. Denn Kopp hat einen enorm hohen Anspruch an seine Filmaufnahmen. Schon bei seiner Ausrüstung setzt er deshalb auf hohe Qualität. So filmt er mit einer Kamera, die den momentan höchsten Videomensch standard ,4K‘ bietet. Dabei handelt es sich um eine viermal schärfere Auflösung als bei Full HD. „Nur so lassen sich gestochen scharfe Aufnahmen machen, die später auch im Großformat wirken.“ Denn genau darin liegt das Ziel des Hobbyfilmers. Er möchte die Kleinstlebewesen mit allen Details in möglichst großem Format zeigen. Damit dabei auch alle Farben voll zur Geltung kommen, braucht er unter Wasser Licht.

„Ab fünf Metern Tiefe verschwinden bereits Rottöne, und spätestens ab 30 Metern ist alles nur noch graublau.“ Deshalb leuchtet er die Objekte und die Umgebung mit zwei speziellen Unterwasserscheinwerfern aus. Eine komplette Ausrüstung mit Kamera, wasserdichtem Gehäuse, Optiken und Licht kostet zwischen 15.000 und 22.000 Euro. Alles zusammen wiegt 15 Kilo. „Allerdings nur über Wasser, denn beim Tauchen ist sie neutral“, ergänzt Kopp. Neben der Ausrüstung hat der Hobbytaucher auch selbst großen Einfluss auf die Qualität seiner Bilder. „Ich musste lernen, perfekt zu tarieren, was bei den Strömungen unter Wasser nicht so leicht ist“, sagt Kopp. In der Regel setzt er ein Stativ ein, um die größtmögliche Stabilität zu erreichen. Ist alles eingerichtet, ,lauert‘ er auf den richtigen Moment. Dabei darf er einigen Tieren nicht zu nahe kommen. „Aber man lernt recht schnell, wie die Fluchtentfernungen aussehen.“ Mindestens vier Sekunden benötigt er, damit eine Aufnahme noch geschnitten und verwendet werden kann. Damit dabei nichts den entscheidenden Moment stört, taucht er nur noch selten in der Gruppe, sondern leistet sich einen eigenen Tauchführer. Denn es genügt der Fotoblitz eines Mittauchers, ein Wackler oder eine kleine Unschärfe, und schon ist die Aufnahme für Kopp unbrauchbar.

„Ich bin ein Qualitätsfanatiker, deshalb muss jede Aufnahme perfekt sein, damit sie es in meine Videos schafft.“ Für ein fünfminütiges Video benötigt er zwischen sieben und acht Stunden Rohmaterial. Den Schnitt übernimmt er selbst, ebenso wie die Musikauswahl. Denn jedes seiner Werke unterlegt er mit einer passenden Melodie. Bilder und Takt müssen eine Einheit bilden. „Manchmal habe ich schon beim Filmen unter Wasser die passende Melodie für ein Video im Kopf, manchmal muss ich aber auch länger warten, bis ich was Passendes gefunden habe“, sagt Kopp. Die Gesamtkomposition müsse absolut stimmen. Bis ein Video fertig ist, können so schon einmal mehrere Wochen vergehen. Die Ergebnisse sind die Anstrengungen aber allemal wert. Kopp stellt einige seiner Videos im Internet auf der Plattform Vimeo kostenlos zur Verfügung.

„Ich will damit kein Geld verdienen, im Grunde mache ich das alles nur für mich“, sagt er. Inzwischen ist Kopp auch über die kleine Szene der Makrofilmer hinaus bekannt. Dies hängt vor allem mit einer ganz besonderen Filmaufnahme aus dem Jahr 2010 zusammen. Kopp ist der erste Mensch, dem Aufnahmen von einem ganz besonderen Tierpärchen geglückt sind. Mit dabei war ein Harlekin-Kieferfisch, der sich eigentlich in Höhlen oder deren 20-Zentimeter-Nahbereich aufhält. Dieses Exemplar hatte sich allerdings auf ,große Fahrt‘ begeben. „Der Fisch hatte die Färbung eines ‚Mimic Octopus‘ angenommen und bewegte sich zwischen den Tentakeln mit ihm durch das Wasser“, erklärt Kopp. Der Taucher wunderte sich über die ungewöhnliche Gemeinschaft, da der Octopus eigentlich zu den Fressfeinden des Kieferfisches zählt. „Der Tintenfisch konnte ihn aber offenbar nicht von seinen eigenen Tentakeln unterscheiden“, sagt Kopp. Da er keine Erklärung für das merkwürdige Paar finden konnte, stellte er die Aufnahmen ins Internet. Daraufhin meldeten sich Forscher von der California Academy of Sciences, Section of Ichthyology. „Sie sagten mir, dass es sich um ein erstmals beobachtetes ‚opportunistisches Mimikry‘ handelte.“

Mit solchen ,Schätzen‘ hat er bereits erfolgreich an einigen Filmpreisen teilgenommen. 2004 erreichte er den ersten Patz beim Internationalen Unterwasser- Videofilmpreis. Zuletzt gewann er 2009 den ‚Uhersky Brod Town Award‘ für den besten ausländischen Film beim internationalen Filmfestival in der Tschechischen Republik. Medien aus allen Teilen der Erde meldeten sich, um Aufnahmen von der Weltneuheit zu bekommen. Kopp stellte sie gern zur Verfügung, denn er möchte auch andere an seinen zum Teil einmaligen und faszinierenden Aufnahmen teilhaben lassen.

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