©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Claudia Klaft

Musik gehörte schon immer zu einer der Leidenschaften von Tobias Wolff. Doch als sein Bratschen-Lehrer Zweifel äußerte, ob er als Orchestermusiker glücklich werden würde, dachte er neu und machte seine Vielseitigkeit zum Beruf. Dank seiner frischen Ideen und seiner Lust an Begegnungen hat er die traditionsreichen Internationalen Händel-Festspiele Göttingen neu positioniert und vernetzt. faktor sprach mit dem Geschäftsführenden Intendanten über das 100-jährige Jubiläum der Festspiele, das Erbe und die Zukunft.

Herr Wolff, wie blicken Sie persönlich auf 100 Jahre Händel-Festspiele zurück?

Ich bin in erster Linie dankbar, dass das Städtische Museum die Geschichte aufgearbeitet und eine Ausstellung konzipiert hat. Das hat unsere Arbeit sehr entspannt, die wir in das Jubiläumsprogramm stecken. Und ich bin froh, die historischen L egenden nicht persönlich entzaubern zu müssen. Denn es stellte sich heraus, dass dem Gründer Oskar Hagen zwar große Verdienste zukommen, er jedoch nicht allein den Erfolg einheimsen kann. Näheres gibt die Ausstellung preis. Was sich jedoch bestätigt, ist die enge Verbindung zur Universität, die seither zur DNA der Händel- Festspiele gehört.

Zu den Förderern der Händel-Festspiele zählen auch die Stadt und der Landkreis Göttingen sowie der Bund. Was heißt das für Sie?

Seit 2003 finden auch regionale Veranstaltungen statt. Dank der gestiegenen Förderung durch den Landkreis konnten wir seit meinem Amtsantritt eine Vielzahl an weiteren Spielstätten erschließen, darunter viele pittoreske Kirchen, Scheunen und Schafställe. Als 2016 die Landkreisfusion mit Osterode beschlossen wurde, haben der Künstlerische Leiter Laurence Cummings und ich ,Hurra‘ geschrien, weil sie uns wieder neue Aufführungsmöglichkeiten geschenkt hat. Die feste Position im Bundeshaushalt 2018 empfanden wir als Ritterschlag, weil sie uns mit den ganz großen deutschen Kulturinstitutionen wie den Bayreuther Festspielen oder der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf Augenhöhe brachte. Natürlich gilt es immer wieder, die verschiedenen lokalen, regionalen und nationalen Interessen zusammenzuführen. Das ist eine stete Herausforderung.

Wie haben sich die Händel-Festspiele in Ihren Augen im Laufe der Zeit entwickelt?

Das Schöne in Göttingen ist, dass Intendanten und künstlerische Leiter eine Spielwiese bekommen, Formate auszuprobieren und eine eigene musikalische Note zu setzen. So hat Günther Weißenborn inter nationale Stars wie Marilyn Horne, Agnes Giebel, Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau oder Frans Brüggen nach Göttingen gebracht. John Eliot Gardiner legte auf größtmögliche Werktreue Wert und griff historische Instrumente aus Händels Zeit wieder auf. Das Göttinger Symphonie Orchester wurde von den English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir abgelöst. Nicholas McGegan stellte die Oper wieder in den Mittelpunkt und gründete 2006 das FestspielOrchester Göttingen. Beide verliehen dem Festival internationale Ausstrahlung und setzten in der historisch informierten Aufführungspraxis musikalische Maßstäbe. Laurence Cummings feiert mit seinem eigenen Stil ebenfalls große Erfolge und begeistert die Menschen. Gemeinsam haben wir auch den Bereich Musikvermittlung deutlich ausgebaut. Jetzt sind wir stolz, dass die Händel- Festspiele nach 100 Jahren gut aufgestellt sind.

… und das heißt für die Gegenwart?

Für das Jubiläumsjahr haben wir einen Etat von etwa drei Millionen Euro! Eine Höhe, die dank großzügiger zusätzlicher Unterstützung durch unsere Geldgeber und eher zurückhaltendere Ausgaben in den Jahren 2019 und 2021 möglich ist. Bei den Sponsoreneinnahmen hinken wir aktuell unserem Ziel noch etwas hinterher, aber es ist ja noch ein wenig Zeit. Industrie und vor allem der Mittelstand der Region unterstützen uns nach Kräften. Ihnen sei an dieser Stelle herzlich gedankt! Sie und alle anderen Gäste erwartet ein wahres Händel-Feuerwerk!

Was schätzen Sie, wie werden sich die Händel- Festspiele weiterentwickeln?

Der griechische Barockspezialist George Petrou wird wieder eine ganz neue Ära einläuten. Er hat zwar durch sein Studium in England eine starke britische Prägung, dennoch wird gescherzt, dies sei nun nach 42 Jahren der britischen Dirigentenprägung ein kleiner Händel- Brexit. Aber Spaß beiseite: Er ist ein Händel-Kenner, eine echte Bereicherung für die nächsten Jahre. Auch mein Nachfolger Jochen Schäfsmeier bringt jede Menge Expertise und Ideen mit. Das Publikum darf gespannt sein. Mein persönlicher Wunsch wäre eine weitere stetige Erhöhung der Zuwendungen. Damit könnten wir – zum Beispiel durch aufwendigeres Marketing mit Großflächenwerbung zumindest in Hannover und Kassel, in Bahnhöfen, auf Flughäfen – viele neue Besucher gewinnen und damit Göttingens Juwel noch heller leuchten lassen.

Und wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen, was sehen Sie dann?

Der Kunstbetrieb wird sich neben den ökonomischen auch den ökologischen und den rasanten technologischen Herausforderungen stellen müssen. Vielleicht ersetzt das 3D-Videomapping den Bühnenbau, oder man tauscht Bühnenbilder, statt sie für nur wenige Aufführungen zu nutzen. Vielleicht holt man sich Solisten mit ihrem teuren Instrument als perfektes Hologramm auf die Bühne, statt sie einfliegen zu lassen. Die Online-Medien ändern jetzt schon die Gewohnheiten. Überlegenswert wären Zuschauerbereiche für Web-Junkies, die ständig posten. Oder, oder, … Die Frage ist: Wie wollen wir die Oper und das Theater in zehn bis 20 Jahren erleben? Darum müssen wir uns jetzt schon Gedanken machen.

Herr Wolff, man kennt Sie als Intendanten voller Esprit. Verraten Sie uns noch, was Sie machen, wenn Sie nicht gerade in der Öffentlichkeit stehen?

Ich wandere gerne, spiele im Streich-Trio, gehe ins Theater oder Ballett, so viel zum Erwartbaren. Was die wenigsten wissen, ist, dass ich Serienjunkie bin, der jedem Cliffhanger verfällt, und meiner Nichte oder dem Patenkind Schlafanzüge oder Fastnachtskostüme nähe. Der Dracula-Mantel hat letztes Jahr einen ersten Preis gewonnen! Das beauftragte Mary-Poppins-Kostüm habe ich in diesem hektischen Jubiläumsjahr leider vor Fastnacht nicht mehr geschafft …

Vielen Dank für das Gespräch!