Der Händel-Kopf

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marco Böhme

Händel-Festspiel-Macher Benedikt Poensgen verlässt nach zwölf Jahren Göttingen und will in seinem neuen Job den Kulturstandort Hannover profilieren.

Er werde Göttingen verlassen. Eine neue Aufgabe warte auf ihn, und er wolle was Neues machen. Benedikt Poensgen verkündete seinen Weggang von den Göttinger Händel-Festspielen.

Ende November 2007 wurde er vom Konstanzer Gemeinderat zum Intendanten der Südwestdeutschen Philharmonie gewählt. Dann machte er jedoch einen spektakulären Rückzieher und entschied sich gegen einen Wechsel nach Konstanz und für den Verbleib in Göttingen.

Dieses Mal steht der Wechsel jedoch fest.

Nach zwölfjähriger Tätigkeit als Intendant der Göttinger Händel-Festspiele wird der 42-Jährige ab Sommer 2010 neuer Leiter des Kulturbüros in Hannover. An der neuen Aufgabe schätzt er, dass sie breiter sei als in Göttingen. In Hannover beschäftige er sich nicht nur mit Musik, sondern u.a. auch mit Theater, Literatur und Tanz. Dabei will er nicht nur Bestehendes verwalten, sondern sieht Gestaltungsmöglichkeiten und darf neue Projekte initiieren.

„Hannover hat Nachholbedarf, sich als Kulturstadt zu präsentieren“, sagt der promovierte Musikwissenschaftler. Am neuen Job findet er es spannend, künftig Teil einer größeren Einheit zu sein, bisher war er Chef eines kleinen Unternehmens mit fünf festen Mitarbeitern.

„Ich habe das damals aus guten Gründen nicht gemacht“, sagt er heute über den geplatzten Wechsel nach Konstanz vor gut drei Jahren. Die Infrastruktur sei schwach gewesen, und das Orchester wollte einen anderen Kandidaten. Schlechte Voraussetzungen also. Dazu kam, dass die Zusammenarbeit mit der Regisseurin Doris Dörrie fürs Jahr 2009 vor der Tür stand, die sehr viel Aufmerksamkeit bringen sollte. Poensgen hatte schon Zeit und Ideen in diese Produktion gesteckt. Die Entscheidung, in Göttingen zu bleiben, habe er nie bereut. Im Gegenteil: Durch die Entwicklungen in Konstanz fühlt er sich bestätigt. So wurde z.B. das geplante Konzerthaus inzwischen abgesagt.

Der Wechsel nach Hannover nun sei genau richtig.

„Ich hatte schon länger eine innere Unruhe, mich weiter entwickeln zu wollen“, erklärt er den Schritt, noch mal neu anzufangen. Mit dabei sind seine Frau und die beiden Kinder (15 und 17 Jahre alt). Ein Neuanfang für die ganze Familie.

Und ein Neuanfang für die Festspiele. Denn neben Poensgen wird auch der künstlerische Leiter Nicholas McGegan Göttingen nach den Festspielen im nächsten Jahr verlassen. Poensgen empfindet es für die Entwicklung der Festspiele gut, diesen Wechsel an der Spitze herbeigeführt zu haben. So sei ein echter Neustart möglich.

Neuer geschäftsführender Intendant des Festivals wird der Orchestermanager Hermann Baumann, und ab Juli 2011 übernimmt der britische Dirigent und Cembalist Laurence Cummings die künstlerische Leitung von McGegan.

Die Internationalen Händel- Festspiele in Göttingen sind das weltweit älteste Festival für Alte Musik. In diesem Jahr feierten die Händel-Festspiele Göttingen ihren 90. Geburtstag und damit 90 Jahre Händel- Renaissance, die mit der Wiederentdeckung der Opern Georg Friedrich Händels im Jahr 1920 von Göttingen aus ins Leben gerufen wurde.

Mit dem Weggang Poensgens verlieren die Festspiele ihren Kopf und ihr Gesicht. Der geschäftsführende Intendant prägte neben McGegan die Festspiele entscheidend. So ist er zurecht stolz auf die Erfolge in seiner Amtszeit. So wurden unter seiner Ägide die Festspiele in die Breite getragen – geografisch und vom Publikumsmix. Vorher war das Festival eher eine geschlossene Gesellschaft nur für eingefleischte Händel-Liebhaber.

Durch verschiedene Projekte wie das Public Viewing der Oper mit anschließendem Feuerwerk am Kiessee erschloss er den Festspielen ein größeres Publikum. Auch bei den Veranstaltungsorten gelang es ihm, das Festival breiter aufzustellen. Zahlreiche Standorte wie die Porzellanmanufaktur Fürstenberg, das Welfenschloss in Herzberg und die Herrenhäuser Gärten in Hannover kamen im Laufe der Jahre hinzu.

„Als ich anfing, waren die Festspiele in einem Dornröschenschlaf.“

Poensgen, der für sein Alter (Jahrgang 1967) noch sehr jugendlich wirkt, hat das Festival wach geküsst. In der Zwischenzeit sind die Aufmerksamkeit und die Akzeptanz deutlich gestiegen, stellt er zufrieden fest.

Die Ära Poensgen ist insgesamt sehr erfolgreich: In den zwölf Jahren wurde der Etat von 1,2 Millionen DM auf 1,4 Millionen Euro verdoppelt. Das Festival dauert nun zwölf statt fünf Tage, und die Zahl der Opernaufführungen hat sich von drei auf sechs verdoppelt. Das Rahmenprogramm wurde deutlich ausgebaut und das Festspielorchester erfolgreich etabliert. Insgesamt sei die Qualität in der Breite angehoben worden.

Und der Bogen zum jungen Publikum gespannt. Mit der Reihe „Händel 4 Kids“ legen die Festspiele einen Schwerpunkt auf die Musikvermittlung für Kinder und Jugendliche. Sie werden gezielt an Händels Werk herangeführt und dafür begeistert.

Poensgen hinterlässt also seinem Nachfolger ein gut bestelltes Feld, waren auch die Festspiele 2010 überaus erfolgreich. Mit mehr als 22.000 Besuchern, darunter zahlreiche Gäste aus dem Ausland, gab es einen Besucherrekord bei den insgesamt 96 Veranstaltungen in Göttingen und der Region

Ist der Blick auf seine Leistungen insgesamt positiv, hadert er mit einem Thema. „Am meisten Bauchschmerzen hat mir immer die Finanzierung gemacht“, erzählt er. Ihm sei es leider nicht gelungen, eine nachhaltige Förderstruktur mit einem Puffer für schlechte Jahre aufzubauen. Poensgen hofft, dass es seinem Nachfolger gelingen wird, das Festival zukünftig auf solidere Füße zu stellen.

Hoffnung machen ihm die 100.000 Euro, die die Festspiele in diesem Jahr erstmals aus Bundesmitteln erhalten haben. „Das ist eine schöne Bestätigung meiner Arbeit.“ Die Bundesmittel seien ein zusätzliches finanzielles Standbein. Insgesamt sei die öffentliche Förderung sehr wichtig, die bisher rund ein Drittel des Budgets abdeckte. Ein weiteres Drittel wird über die Eintrittskarten erlöst und das letzte Drittel über Sponsoren.

Bei den Sponsoren sieht Poensgen noch Potenzial und hat auch für die Zukunft noch Ideen für die Festspiele. So müsse sich die regionale Wirtschaft noch mehr einbringen. „Die Händel-Festspiele sind für die Region ein wichtiger Wirtschaftsund Standortfaktor“, findet er. Das betreffe nicht nur die großen Unternehmen, sondern gerade auch die kleinen.

Dieser Satz zeigt, dass Benedikt Poensgen seine Aufgabe nie als Pflichterfüllung angesehen hat. Er war mit Begeisterung dabei. Sollte er es sich mit dem Wechsel nach Hannover doch noch mal überlegen, wäre in Göttingen niemand traurig. Falls er wirklich geht, wünschen wir ihm weiterhin gutes Gelingen.