Der gute Heinrich, die rote Murmel und der ewige Kohl

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: redaktion

Wie Saatguthersteller, Biolandwirte und Hobbygärtner alte Gemüsesorten wiederentdecken.

Erdkastanie, Zuckerwurz oder Erdmandel – nie gehört? Dies sind alles Gemüsesorten, die exotisch klingen, früher jedoch durchaus bekannt waren. Einige von ihnen stehen mittlerweile auf der roten Liste der gefährdeten Nutzpflanzen. Laut den Vereinten Nationen sind in den vergangenen 100 Jahren rund zwei Drittel aller Kulturpflanzen verloren gegangen. Doch es gibt zunehmend mehr Liebhaber alter Sorten: Bücher erschienen über die historischen Gartengewächse; Hobbygärtner pflanzen sie, Köche ersinnen die Rezepte dazu. Auch im Umkreis von Göttingen, dem Eichsfeld und dem Weserbergland teilen einige Menschen die Leidenschaft für alte Gemüsesorten.

Wer sich auf die Spuren alter Nutzpflanzen begibt, kommt an einem Dorf im Eichsfeld nicht vorbei: Nur eine schmale Straße führt nach Schönhagen, den von grünen Bergen umschlossenen Ort mit seinen rund 150 Einwohnern. Seit elf Jahren können hier Neugierige einen Schaugarten mit ungewöhnlichen Gemüsesorten, Kräutern und Blumen besuchen. Der Verein Kuhmuhne Schönhagen, ein Zusammenschluss von Bio landwirten, unterhält ihn. Gleichzeitig ist der Garten ein lebendiger Sortenkatalog der Dachmarke für biologisches Saatgut: Dreschflegel. Deutschlandweit züchten 14 BioHöfe gemeinsam 650 verschiedene Sorten und vertreiben sie per Internet. Die Hälfte der Betriebe liegt zwischen Oberweser, Göttingen und dem Eichsfeld. Eine große Auswahl der Pflanzen können in Schönhagen besichtigt, berührt und ab und an auch probiert werden.

Der am Hang gelegene Garten gleicht einem großen Kreis: In der Mitte windet sich eine Kräuterspirale aus Natursteinen, um sie herum reihen sich kleine weidengezäunte Beete aneinander, durchzogen werden sie von einem Spinnennetz aus Rindenmulchwegen. Es ist das Reich von Gärtnerin Petra Hesse. „Ungefähr 300 verschiedene Arten wachsen hier“, erklärt die 50Jährige. Sie verspricht ihren Gästen eine Zeitreise durch die Geschichte der Pflanzen vom Beginn der Ackerbaukultur bis heute. Mit ihren Wanderschuhen bewegt sie sich rasch zwischen den Beeten, ihr olivgrüner langer Mantel schützt sie vor den Regenschauern.

Sie beginnt in der Steinzeit, als die Menschen den ‚Guten Heinrich‘ als Spinat aßen. Der kann auch heute im Kochtopf landen – wenn er nicht zu alt geerntet und dadurch bitter wird. Oder der ,ewige Kohl‘, der wie ein Busch wächst: „Aus ihm sind alle Kohlsorten entstanden“, erklärt Hesse. Die Köpfe seien erst später in den Klostergärten gezüchtet worden. Dann zeigt sie den Vorgänger der Buschbohne – die Ackerbohne. „Diese ist sehr robust und kann schon im Februar oder März gesät werden.“ Für viele nur Viehfutter, hat sich die Pflanze in Frankreich stets als Delikatesse behaupten können. „Das ist sie auch für mich.“ Von der Süßdolde, einer im Mittelalter beliebten Staude, zupft Hesse ein paar der Samen ab und reicht sie zum Probieren. Sie schmecken nach Anis und Lakritze.

Für einige Gewächse im Schaugarten hat die Gärtnerin eine lange Suche auf sich genommen. Brachen Pflanzenkenner einst in exotische Länder auf, startete sie vor der Haustür. Hesse wollte heimischen Sorten auf die Spur kommen, die von Privatgärtnern seit Jahrzehnten in der Region angebaut worden waren und sich an das raue Klima des Eichsfeldes angepasst hatten. Lange musste sie suchen, bis sie einen älteren Mann fand, der tatsächlich einen solchen Schatz in seinem Garten hütete, darunter Möhren und Kohlrabi. Er gab seine Sorten an sie weiter. In diesem Jahr wächst eine davon – ein Knoblauch – in zwei Reihen im Schaugarten.

Nicht weit vom Schaugarten entfernt lebt eine weitere Gärtnerin mit Leidenschaft für alte Sorten: Krista Bauer bezeichnet sich selbst als „gartenaffin“, was wohl untertrieben ist. Schon als die studierte Agraringenieurin in Göttingen lebte, pflegte sie neben Beruf und Familie zwei Gärten und schrieb ein Buch über Gemüseanbau. 2005 bekam ihr Lebensund Gartentraum eine neue Dimension: Sie kaufte den denkmalgeschützten Vierseithof Sickenberg bei Asbach im Eichsfeld. Die Gebäude renovierte Bauer aufwändig, gewann den Thüringer Denkmalschutzpreis und eröffnete eine Pension. Neben der Terrasse des Hof-Cafés entstand ein großer Bauerngarten, in dem alte und regionale Sorten wachsen: So kultiviert Bauer das ‚Kasseler Strünkchen‘, eine Salatpflanze, deren Stängel sich wie Spargel zubereiten lassen. „Viele Sorten sehen sehr hübsch aus“, sagt Bauer erfreut. Die Liste ihrer bunten Gewächse ist lang: von rosa Kartoffeln über blaue Stachelbeeren bis hin zu rotem Grünkohl. Die Ernte verwandelt Bauer in Kuchen und Gerichte für ihre Gäste.

Alte Sorten können übrigens durchaus auch Grundlage für neue Sorten sein: Der Göttinger Professor für Pflanzenzüchtung, Bernd Horneburg, züchtet aus ihnen robuste Tomaten für das Freiland. Die geläufigen Sorten haben fast immer Probleme mit Regen – dann breitet sich leicht ein Pilz, die Krautund Braunfäule, aus. Horneburg sucht daher alte Sorten, die besonders unempfindlich sind. Ebenso ergründet er, welche außerdem mit wenig Dünger und Wasser auskommen. Ein umfangreiches Forschungsprojekt dazu ist mittlerweile abgeschlossen: Horneburg arbeitete damals mit dem österreichischen Verein für Kulturpflanzen Arche Noah, Saatgutfirmen und Jungpflanzenbetrieben zusammen. Der Europäische Fonds für regionale Entwicklung beteiligte sich finanziell. 2011 gründete Horneburg aus diesem Projekt das kleine Göttinger ökologische Saatgut-Unternehmen Culinaris. Dieses führt nun die unempfindlichsten Sorten weiter. Im Angebot sind vor allem Tomaten wie die wilde Sorte ,Rote Murmel‘ oder bunte, zum Beispiel ,das Grüne Zebra‘. Dazu kommen Samen für Paprika, Chili, Grünkohl, Schnittgemüse und Blumen. Manche gehen an Dreschflegel und andere Saatgut-Händler, Jungpflanzenbetriebe oder Privatleute.

Der Betrieb befindet sich in einem alten Fachwerkhaus in Rosdorf, wo die Mitarbeiter die Samen trocknen, dreschen und verpacken. Für den Anbau unterhält Culinaris zwei landwirtschaftliche Flächen. Betriebsleiter Jakob Wenz hat Gartenbau an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf studiert, die Mitarbeiter Vera Jakobi und Max Rehberg kommen aus der ökologischen Landwirtschaft. Auf die Frage, warum die alten Sorten immer noch attraktiv seien, antwortet Wenz: „Wegen des Geschmacks.“ Viele sehnten sich nach dem zurück, was sie in der Kindheit kennengelernt hätten.

Im Schnitt brauche es sieben bis acht Jahre, bis eine neue Sorte ,samenfest‘ sei – also beständig, einheitlich und unterscheidbar von anderen, erklärt er. Wer Pflanzen züchtet, muss auf jeden Fall Geduld mitbringen: An diesem Tag regnet es in Strömen, und die Anbaufläche zwischen Diemarden und Klein Lengden verwandelt sich in Schlamm. Wenz kontrolliert trotzdem seine grünen und violetten Wintersalate und schwärmt von ihrem buttrigen Geschmack. Die besten hat er mit einem Plastikpfahl versehen, die sollen Elite-Saatgut hervorbringen. Wenige Meter weiter wachsen Pastinaken. Im vergangenen Herbst haben die Culinaris-Mitarbeiter die Pflanzen aus der Erde gezogen und diejenigen ausgewählt, die besonders weiß und gerade gewachsen waren. Im Anschluss haben sie jeweils eine Probe entnommen und gekostet. Pastinaken sollen süß-nussig schmecken und saftig sein. Die besten durften zurück in die Erde. Nun müssen die Pflanzen wachsen, blühen, Samen bilden und Saatgut liefern. Wenn sie die Wühlmäuse nicht zuvor verspeisen. Doch haben die alten Sorten auch eine Chance am Markt? Der Großhandel für Bio-Produkte Naturkost Elkershausen in Göttingen beliefert Kunden von den ostfriesischen Inseln bis nach Fulda oder Görlitz. Maja Eidmann-Bluhm leitet den Vertrieb und sieht vor allem bei Marktbeschickern und Naturkostläden mit großer Gemüsetheke Interesse an Spezialitäten. So seien alte Tomatensorten, Äpfel oder Wurzelgemüse gefragt. Eidmann-Blum stellt fest: „Der Wunsch nach Abwechslung ist bei den Verbrauchern da.“ Sie probierten gerne mal Neues, Gemüse, das ausgefallen aussehe, wie bunte Tomaten. Die alten Sorten brauchten besonders die Liebe der Privatgärtner, betont Saatgutzüchter Ludwig Watschong aus Arenborn. Er ist Gründungsmitglied von Dreschflegel.Ein Landwirt wolle ähnlich große, zur selben Zeit reife Gemüse ernten, die sich gut transportieren oder lagern lassen. „Die alten Sorten genügen dem oft nicht.“ Ihn ermutige vor allem der neue Trend zum Gärtnern in der Stadt, sei es im Topf auf dem Balkon oder in Gemeinschaftsgärten. „Es gibt wieder das Bedürfnis, sich etwas selber zu ziehen.“ Direkt vom Garten auf den Tisch habe manches alte Gemüse eine zweite Chance – so wie die empfindliche Gartenmelde, die bald nach der Ernte ihre Schönheit verliert.